Erhaltet dem heimatlichen Landschaftsbilde die Alleen und die hervorragenden Bäume
Von A. Klengel, Meißen
»Dem teutschen Menschen müssen nirgends Bäume fehlen!« schrieb Ernst Moritz Arndt, der gründliche Kenner echten deutschen Wesens zu Anfang des vorigen Jahrhunderts. Und wahrlich, dieser urdeutsche Mann hat recht mit seinen schlichten Worten. Die deutsche Landschaft ist ohne das belebende Grün von Baum und Strauch, ohne den ernsten Waldhintergrund nicht denkbar und im Herzen des echten Deutschen, der sich die Gemütstiefe bewahrt hat im Strome der Zeit, klingt, einer ewig ungestillten Sehnsucht gleich, das Verlangen nach dem grünenden Baum und Strauch, die festverankert sind im Schoße der heiligen Mutter Erde, die Zeugnis geben von der urwüchsigen Naturkraft, die aus der Scholle quillt, den Baum zu beleben, mit frischem Grün und duftenden Blüten zu schmücken und ihn zu befruchten im bunten Wechsel des Jahres. –
Die alten Germanen, die Urbewohner deutschen Landes, wohnten in Wäldern. »Allenthalben starrt der Urwald« berichtet der Römer Tacitus, der zu Anfang unserer Zeitrechnung das Land beschrieb, das wir heute unsere Heimat nennen. Dies erklärt gar vieles im deutschen Wesen. Die Liebe zum Walde, die Liebe zum grünen Baum lebt fort im Herzen des Deutschen als ein teures, ein heiliges Vermächtnis aus den Urtagen deutschen Seins, aus jener fernen Zeit, da unsere Väter noch in den Wäldern lebten, sich geborgen fühlten unter der Krone des Baumes, die über ihnen rauschte, im Haine zu ihren Göttern beteten und Baum und Strauch mit Gottheiten beseelten.
Durch Jahrtausende hat der Deutsche Bäume und Sträucher um sich gehegt; er hat festgehalten an dem uralten Brauch, den ihm die Väter vererbten. Als Frevel, als fluchwürdiges Verbrechen galt das mutwillige Fällen eines Baumes.
Betrachten wir alte Bilder deutscher Landschaften und Siedlungen! Niemals werden wir Bäume und Sträucher darauf vergeblich suchen. Die Linde auf dem Dorfplatze ist geradezu ein Wahrzeichen des deutschen Landes geworden; unter ihr wurde nach altem Brauche Recht gesprochen, unter ihr sammelten sich die Glieder der Gemeinde zu ernsten Beratungen, unter ihr tummelte sich die Jugend und feierte ihre fröhlichen Feste mit Spiel und Tanz.
Die Landstraßen waren in alter Zeit ihrer ganzen Ausdehnung nach von Hecken, Feldgehölzen und auch Einzelbäumen umgeben. Man schonte und hegte die Baumbestände sorglich; boten sie doch den Wanderern und den Zugtieren, die einst mehr als heute die Landstraßen belebten, kühlenden Schatten in der Sonnenglut.
Im Laufe der Zeit wandelte sich das Bild! Die fortschreitende Urbarmachung des Landes, die Notwendigkeit, den Boden mehr auszunutzen, zwangen zum Fällen der Feldgehölze, die einst die Landstraße umsäumten. An ihre Stelle traten die regelmäßigen Straßenanpflanzungen, die Baumreihen oder Alleen. Sie sollten nach wie vor dem Wanderer und dem Zugtier Schatten spenden. Daneben dienten sie wohl auch zur Abschrankung des Weges gegen Dämme und Abhänge und in Gebirgslagen mit starkem Schneefall zur Kennzeichnung des Straßenzuges im verwehten und verschneiten Gelände. Es entstanden die prächtigen Ebereschenpflanzungen in unserm Erzgebirge, die zur Blütezeit Zimtdüfte ausatmen, im Herbst mit ihren korallenroten Beeren die Landschaft schmücken und den Vögeln Futter bieten. Die herrlichen Linden-, Ahorn- und Eschenalleen wurden angelegt, die viele unserer Städte an der Stelle alter Befestigungsanlagen malerisch umsäumen und der Landstraße auf weite Strecken das Geleite geben. Wer kennt nicht diese alten Bäume, in deren Kronen die Vögel singen und ihre Brut hegen, in deren Schatten der junge Weltbürger seine erste Fahrt unternimmt hinein in das Leben, und der in harter Lebensarbeit müde gewordene Greis in kurzem Spaziergange sich seines Lebensabends freut.
Die langen Reihen hoher Pyramidenpappeln wurden angepflanzt, die der Landschaft so stimmungsvolle Reize verleihen. Auf dem Sandboden des Flachlandes belebten die Birkenalleen mit ihren heiteren Farben die strengen Linien des einförmigen Bildes.
Größere Bedeutung gewannen die Baumpflanzungen an den Landstraßen, als man die Felder unter Hochkultur nahm, als jede Hecke und jedes Gehölz fallen mußte, als man die Fluren völlig in einförmige Kultursteppen verwandelte. Die Alleen waren die einzigen Unterbrechungen in dem kahl gewordenen Lande, der einzige Ruhepunkt des Auges, das müde geworden war vom Umherschweifen in der jeder Abwechslung entblößten Landschaft. Oft genug waren sie die einzige Naturschönheit des flachen Landes, das einzige was haften blieb in der Erinnerung, und das einzige, was die Landschaft wert machte, ein Ziel der Heimatliebe zu sein. –
Wer hat wohl daran gedacht, daß es je anders werden würde im deutschen Lande! Wer hätte geglaubt, daß die Bäume von unseren Straßen, die grünen Baumgürtel unserer Städte und Dörfer schnöder Geldgier und Gewinnsucht zum Opfer fallen würden. Und doch ist es so! In völliger Verkennung der geschichtlichen Entwickelung und der geschichtlich gewordenen Bedeutung des Straßenbaumes werden heute die Straßenalleen vielerorts zur Gewinnung von Nutzholz niedergeschlagen. Unsere Ahnen haben die Bäume als Schmuck der Heimat gepflanzt, und wir selbst haben sie bis in die jüngste Zeit noch geschont, gehegt und gepflegt bis sie als morsche Ruinen in sich zusammenfielen.
Gar plötzlich ist die Wandlung eingetreten. Deutsches Wesen ist zuschanden geworden, das zeigt sich auch hier. Der »furchtbare Baumtod« wandelt durchs Land und stürzt sich mit Grimm und Wut auf unsere herrlichen Baumalleen, die kostbaren Vermächtnisse aus alter Zeit. Wie einst im Mittelalter der »schwarze Tod«, Grauen verbreitend durch das aufgeschreckte Land zog, daß »die Menschen reihweis’« fielen, so ist jetzt der »große Baumwürger« in unsere Gaue gekommen und hat ein »Sterben der Bäume« gebracht, hat in kurzen Stunden zersplittert an den Wegrand geworfen, was Jahrhunderte zur Entwickelung und zum Aufbau gebraucht hat. Mit wuchtigen rohen Axthieben wird rücksichtslos das vernichtet, was das Herz unserer Väter und Großväter schon erfreute und was auch unser Stolz und unsere Freude war.
Ein Schrei der Entrüstung über diesen Frevel am heimatlichen Landschaftsbilde geht durch die deutschen Gaue und jeder Deutsche, in dessen Herzen noch ein Fünkchen Heimatliebe glimmt, noch eine Spur von Empfinden für unsere Naturschönheiten wohnt, muß mit einstimmen in das Wort, welches aus einer, ihrer Baumschönheiten beraubten niederdeutschen Stadt erklingt: »Herrgott bewahre uns vor solchen Stadtvätern, die, aus Unwissenheit oder absichtlich, die Schönheit ihrer Heimat morden und die Ideale ihrer Gemeindeglieder mit Füßen treten!«
Freilich, Ideale bringen kein Bargeld ein! Aber wir ehren uns selbst, wenn wir sie pflegen. Wir brauchen Ideale in unserer schweren Zeit, in der die Schönheit der Heimat fast das einzige ist, was uns noch nicht geraubt wurde.
Und ist der Gewinn wirklich so groß, den uns der gefällte Baum bringt? – Eine Handvoll schmieriger Papierfetzen ohne Wert und ohne Kaufkraft, Spreu im Wirbelsturm der wirtschaftlichen Bedrängnis. Sie sind schon längst verstreut in alle Winde, ehe die Wunde, welche die Trauer um die verlorene Heimatschönheit in das Herz des Heimatfreundes geschlagen hat, zu vernarben beginnt.
Zahlreiche alte herrliche Bäume sind schon vernichtet, viele prächtige Alleen sind der Gefühllosigkeit unserer Zeitgenossen zum Opfer gefallen; aber noch ist es Zeit, Einkehr zu halten in uns selbst und Umkehr auf dem betretenen Pfade der Vernichtung. Noch beginnen jetzt zur Frühlingszeit viele herrliche Baumriesen und ausgedehnte Alleen sich mit neuem Grün zu schmücken. Schont und schützt sie und tretet ein für ihre Erhaltung! Wehrt euch mit flammender Entrüstung dagegen, daß geldgierige Hände sich danach ausstrecken. Laßt euch die herrlichen, durch ehrwürdiges Alter geweihten und geheiligten Bäume nicht rauben, diese Zier- und Schmuckstücke der Heimat, die unersetzlich sind; haben sie doch viele Menschenalter gebraucht, ehe sie emporwuchsen zu der stattlichen Größe und wunderbaren Schönheit, in der sie jetzt vor uns stehen. Unsere Väter haben sie uns vererbt als ein heiliges Vermächtnis, wir sind verpflichtet, sie zu pflegen und zu schützen und weiter zu vererben auf Kinder und Kindeskinder. Wenn wir sie mit frevelnder Hand vernichten und der Gewinnsucht opfern, so gleichen wir dem gewissenlosen Manne, der ein kostbares Erbe verschleudert. Wie ihm seine Nachkommen fluchen, so werden einst unsere Enkel mit uns hadern, weil wir die Schönheit der Heimat zerstörten um Augenblickserfolge willen, weil wir ihnen das uralte Wundergut der Heimatliebe raubten.