Vom Heimatgefühl

Von Hanns Martin Elster

Vor gar nicht langer Zeit fuhr ich auf einer pommerschen Kleinbahn, die mich bei ihrer Schmalspurigkeit und der Leichtigkeit der Miniaturwagen ordentlich durchschüttelte, so daß ich innerlich schimpfte. Ich merkte bald, daß der einzige Mitreisende in meinem Abteil das auch tat, ich hatte ihn schon von Anfang der Reise an beobachtet und darüber nachgegrübelt, was dieser Amerikaner, denn das war er nach der Art seiner Kleidung und seines Benehmens, wohl auf der Kleinbahn in diesem Winkel Hinterpommerns zu suchen hatte, ein »busineß« war doch in dieser Gegend nicht zu machen, zu einer Jagd schien er auch nicht zu reisen, denn er hatte weder die notwendigen Schießprügel unter seinem Gepäck, noch war er entsprechend gekleidet. Als uns der ratternde Wagen an einer Kurve fast gleichzeitig in die Arme schleuderte, war die Anknüpfung zu einem Gespräch gefunden, und der Amerikaner gestand mir bald, daß er seinem Heimatdorfe entgegenfahre, nach mehr als dreißigjähriger Abwesenheit und Arbeit im neuen Weltteil. Dort habe es ihm die ganzen letzten Jahre keine Ruhe mehr gelassen, er sei unbefriedigt an seiner Umgebung wie Tätigkeit geworden, unter seine nüchternsten Gedanken und Berechnungen hätten sich Erinnerungen aus seiner Jugend gemischt, und seine Phantasie hätte unaufhörlich Bilder längst bedeutungsloser Stätten in ihm wachgerufen. Er hätte nicht mehr bleiben können, die Sehnsucht nach dem Orte seiner Jugend, nach dem Dorfe, wo seine Eltern und Vorfahren gelebt hätten, sei so stark in ihm gewesen, nachdem er schon jahrelang geglaubt hätte, sie wäre tot, daß die Arbeit seiner letzten Jahre als Ziel nur immer seine Reise in die Heimat lohnend, befriedigend gemacht hätte. Und nun nähere er sich dem Heimatort, jetzt wache in ihm ein großes Glücksgefühl auf. Frieden und Ruhe breite sich in ihm aus, er sei jetzt zu Hause, in Sicherheit, er sei wieder da, wo er hingehöre …

Dieser Amerikaner – wir wissen es alle – steht nicht allein da, er ist typisch für alle Ausgewanderten, in die Ferne Verpflanzten, daß sie sich nach Hause sehnen, wenn das Alter naht; ebenso typisch, wie das Gefühl der Ferne, das die überfällt, die immer in der Heimat leben, und das diese fest mit dem Boden Verwachsenen hinaustreibt in eine neue, fremde Umgebung. Aber waren sie einige Wochen auf Reisen, so erwacht auch in ihnen das Heimweh, auch in ihnen der Widerwille an allem Fremden, Neuen, und das Altgewohnte, von jeher Besessene, erscheint schöner, reicher und auch wertvoller.

Und es ist auch das Wertvollste, was der Mensch hier auf Erden hat: die Heimat. Das ist ja wohl das Beklagenswerteste, was es gibt, heimatlos zu sein oder zu werden. Seit Urzeiten gilt die Verbannung aus der Heimat für eine der größten Strafen, die den Menschen treffen können. Das Heimatgefühl gehört zu denselben Regungen, wie die Sehnsucht nach Religion. Hier ist es das Jenseits, das uns ruft, dort die Erde, nicht als Materie, sondern als unser Erlebnis. Wir sind nicht zu trennen von dem Fleck, auf dem wir geboren und erzogen werden, und haben wir die ersten zwanzig Jahre an einem Orte verbracht, so werden wir die übrigen fünfzig Jahre unseres Daseins die Merkmale dieses Ortes nicht verlieren. Immer inniger kehren wir dorthin zurück, von wo wir einst auf das Meer des Lebens mit tausend Masten ausfuhren. Wir kehren zurück mit einem Wrack, aber dies Wrack ist stets fähig, noch das zu tragen, was wir uns selbständig erwarben, was wir erlebten.

Welche Sühne wußte Gott, um den Brudermörder zu strafen? Keine andere als diese: »Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.« Kain, der erste Heimatlose aber antwortete: »Zu groß ist meine Strafe, um sie zu ertragen.« Und wer ein Mensch ist, der erträgt auch diese Strafe nicht, es sind übermenschliche Kräfte, die zur Besiegung der Unruhe des Heimatlosen erforderlich sind, oder es sind Gefühlsbarbaren, die sich über solch eine Verbannung hinwegsetzen, wo sich aber noch ein menschliches Gefühl regt, und sei es das abschreckendste, sei es Gemeinheit, Bosheit, Tyrannei, das Heimatgefühl herrscht auch in solchen Seelen. Und das Heimatgefühl muß auch in jedem herrschen, denn es ist uns ein Instinkt geworden, allerdings nicht mehr jener materialistische Instinkt, der beim Tiere waltet, das nach dem Spruche: »Ubi bene, ibi patria« handelt, sondern jener seelische, geistige Trieb, den die Einheit der Umgebung und unseres körperlichen wie intellektuellen Daseins in uns wachruft. Es ist fast unmöglich, das Heimatgefühl begrifflich zu definieren, logisch, verstandesmäßig zu umgrenzen, festzulegen, es ist ebenso schweifend und machtvoll wie das Lebensgefühl in uns; wird doch dieses oft gestört, wenn das Heimweh an uns nagt. Wir haben auch nicht nötig, uns eine klare Vernunftvorstellung von dem Heimatgefühl zu machen, weil wir alle es in uns tragen, wir alle es kennen, weil es in uns lebt, ohne daß wir Macht hätten, es zu beherrschen. Wir können in der herrlichsten Landschaft bei dem schönsten Wetter unter den liebenswertesten und uns nächsten Menschen, bei vollkommenster Sorgenfreiheit sitzen, es wird uns doch plötzlich eigen zumute, wenn jemand fragt, wie es jetzt daheim ausschauen mag, oder wenn plötzlich eine Erinnerung an uns vorüberzieht, auch ohne daß sie laut wird. Oder wir können uns fremd unter fremden Menschen fühlen; spricht aber dann jemand von unserer Heimat, sogleich wird uns wohl und glücklich zumute, sogleich fühlen wir uns zuhause.

Das Heimatgefühl ist wie die poetische Seite des Lebensgefühls: alle die Worte wie daheim, zu Hause, heimatlich, heimselig, heimlich u. a. m. haben einen poetischen Schimmer an sich, der auf uns zurückstrahlt, unser Leben verschönt. Von Ovid bis Viktor Hugo, von Homer bis zu dem modernen Strindberg, alle wußten, was der leidet, der ferne der Heimat ist. Wer erinnert sich nicht der Klagen des Odysseus, wer nicht aller der Männer in der Bibel, die die Heimat zu schauen begehrten? Wer fragt sich nicht bei jeder Wiederkehr der Störche, der Schwalben, der Stare, weshalb sie die weite, beschwerliche und gefährliche Reise aus dem Süden wagen, wo sie es doch dort um so viel leichter, besser haben? Es ist immer wieder jener göttliche Drang, der dunkel ist, aber groß und schön, lebenskräftigend.

Nicht das ist das Wesentliche des Heimatgefühles, was wir empfinden, wenn wir einem Fremden unsere Heimat zeigen, sei sie auch noch so armselig und schlicht, sei sie auch noch so bar jeder äußeren Vorzüge, sondern eben jenes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Boden und jene tiefe Sehnsucht. Wie leer und schal erscheint uns das Leben, sind wir gezwungen, es in fremden Diensten, unter fremden Menschen, auf fremden Boden zu verbringen. Für unsere Heimat und in ihr sind wir mutig, stark und sicher, tun wir alles. Die eigentlichen Volkskriege, wie die Befreiungskriege, sind Kämpfe um das Heimatgefühl, man will nicht mehr Fremdling sein in seinem Vaterland. Am unlöslichsten ist der Bauer mit seiner Heimat verbunden: hat er auch einmal jene Sehnsucht nach der Ferne, sie wird schnell befriedigt sein, denn ihm geht nichts über seine Scholle.

Und mit Recht! Man kann nichts mehr beklagen, als daß die moderne Entwicklung mit ihren Idealen der Freizügigkeit und des Freihandels die Macht des Heimatgefühls brechen zu wollen scheint. Reißt dem Menschen die Heimat aus dem Leben, so dünkt es ihn nicht mehr begehrenswert! Bodenständigkeit ist nicht nur die Grundlage aller Kultur, sondern auch die aller Lebensmöglichkeit. Allein auf unserer Scholle, in unserer Heimat kommen wir zum Bewußtsein unserer selbst, unserer seelischen Kräfte, zur Erkenntnis des Göttlichen, das im Menschen ruht. Freilich ist damit nicht gesagt, daß man sich nie aus seiner Heimat entfernen solle. Das wäre eine falsche Schlußfolgerung, im Gegenteil, die Ferne, die Fremde lehrt uns erst die Heimat lieben, und man kann nur jedem jungen Manne wünschen, daß er sich den Wind ein paar Jahre lang draußen in der Welt um die Nase wehen lasse, das weitet den Blick, stärkt das Nationalgefühl, um so lieber verbringt er dann sein Leben in der Heimat.

Man kann sich aber auch freuen über unsere Zeit, denn sie hat den Wert des Heimatgefühls auch ganz erkannt, und nicht nur das, sondern sie handelt auch danach: Mächtiger denn je klingt das Wort Heimat in den deutschen Landen, unser Leben hat wieder nationalen Boden gefaßt, wir schweben nicht mehr in der Luft, materialistischen Idealen nachjagend, sondern wir sind wieder Wirklichkeit kennende Idealisten. Unsere Kunst steht nach wie vor unter dem Zeichen der Heimat, freilich muß die hohe höchste Kunst, wie sie sich im »Faust«, in Wagners Musikdramen, in Beethovens Werken offenbart, sich in einer gewissen Distanz über das rein Heimatliche erheben, damit ist sie aber nicht um irgendeinen Punkt weniger deutsche, denn wer anders als Deutsche hätten einen »Faust«, die »Neunte Sinfonie«, einen »Tristan und Isolde«, schaffen können? Hier sieht man, wie das Nationale als Nationales – denn das bleibt es und muß es bleiben – zum Internationalen wird, nicht zu jenem heimatlosen Kosmopolitismus, den manche einem Goethe anhängen wollen, sondern zu jener Herrschaft über die Welt durch die Kunst, wie wir sie auch im Shakespeare verehren. Und nur die Kunst kann international werden, die national ist, das sollte man nie vergessen, es liegt klar zutage. Aber nicht nur in der Kunst denken wir wieder national, auch unser politisches, konfessionelles, wirtschaftliches und wissenschaftliches Leben rückt mehr und mehr dem Gesichtspunkte zu, nicht, daß es dadurch seine Richtung tendenziös verschieben ließe, sondern es bleibt ehrlich auf der klar erkannten Bahn, dabei sich aber bewußt der Quelle, aus der die Kraft fließt, mit deren Hilfe wir die Bahn abschreiten, das ist das Heimatgefühl!