Das Kamenzer Forstfest
Von Dr. phil. Gerhard Stephan
Wohl jedes Dorf und auch die meisten kleineren Städte haben ihre Schulfeste. Was diese Feiern vor vielen andern besonders in den jetzigen Zeiten auszeichnet, ist ihr ganz und gar unpolitischer Charakter: arm und reich, hoch und niedrig nehmen daran teil und freuen sich an dem Jubel der Kinder. Alle Gegensätze sind verschwunden und jeder fühlt sich als ein Teil des Ganzen. Wenn es doch im Staatsleben auch so wäre!
An Größe wohl, kaum aber an Bedeutung und innerem Werte dürfte eine Stadt oder ein Dorf durch das Kamenzer Forstfest übertroffen werden, das jährlich in der Zeit des Bartholomäustages (24. August) gefeiert wird. Fast eine ganze Woche, vom Montag, oder wenn man will, gar vom Sonntag an bis zum Freitag wird da unser Städtchen in Atem gehalten. Ich vermag es selbst nicht zu sagen, was es ist, das dieses Fest für einen Kamenzer so lieb macht, denn der Jahrmarktsrummel im nahen »Forst«, von dem diese Schulfeier seinen Namen hat, mit seinen Karussells, Luftschaukeln, Schieß-, Würstchen- und Würfelbuden ist ja überall anzutreffen und auch der Kinderauszug gehört eigentlich auch anderswo zur Veranstaltung, wenn auch vielleicht nicht in derartig reicher Ausstattung. Tatsache ist und bleibt jedenfalls, daß man einen Kamenzer nie tiefer beleidigen kann, als wenn man über »sein« Forstfest spottet oder überhaupt daran herummäkelt. Für ihn gibt es eben nur dieses Fest, es sind sozusagen seine Nationalfeiertage, die er da erlebt. Wer sich in der Fremde aufhält, sieht zu, daß er seine Ferien zur Forstzeit legen kann, und es gibt viele unsrer Landsleute, die jahre- und jahrzehntelang nicht in ihre Heimat gekommen sind, dann aber plötzlich zum Forstfest eintreffen[3].
Die Sage hat diese Kinderfeiertage umrankt. Zur Hussitenzeit, so erzählt man – die Geschichte ähnelt ganz der von Naumburg – lag ein feindlicher Fürst mit seinen Horden vor der Stadt und drohte, ungeduldig ob ihres langen Widerstandes und ergrimmt über den Tod vieler seiner Krieger, mit dem Schlimmsten. In der Stadt aber sah es übel aus, der Hunger mußte bald die Übergabe erzwingen. Man bot dem Tschechen Geld, daß er den Ort schone, doch der Böhme hatte sich verschworen, Kamenz auszuplündern und niederzubrennen. Da, in der höchsten Not, zog der Schulmeister mit den Kindern, jedes im weißen Sterbekleide, ins Lager hinaus vor das Zelt des feindlichen Führers und stimmte dort das Lied »Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ« an. Der wilde Slawe wurde von dem Gesang der unschuldigen Kinder so gerührt, daß er noch in der Nacht abzog und Kamenz unbehelligt ließ.
Der böse Historikus freilich hat an dieser schönen Erzählung nichts Wahres gelassen. Die Geschichte weiß vielmehr nur von Greueln dieser fanatischen Glaubensstreiter zu berichten. Im Jahre 1429 drangen sie durch das baufällige Schloß in die Stadt ein und brannten sie nieder. Und zwei Jahre später, als sie wiederkamen, mußte man ein schweres Lösegeld zahlen, um sie loszuwerden. – Man wird es dem Lokalpatriotismus des Kamenzers zugute rechnen, wenn er, sich derartiger unangenehmer Sachen ungern erinnernd, sie durch jene hübsche Sage zu verdecken sucht, aber freilich, diese Entschuldigung zählt bei dem Kritiker nicht.
Das Kamenzer Forstfest
Doch der Geschichtsforscher suchte nach einem anderen Grund und glaubte ihn in den alten Stadtannalen des trefflichen Caspar Haferkorn gefunden zu haben, der etwa folgendes berichtet: Im Jahre 1520 herrschte infolge langanhaltender Hitze eine große Dürre. Um Regen vom Himmel zu erflehen, zogen der Schulmeister, seine Kinder und über dreihundert Jungfrauen in weißen Kleidern, ein Wermutkränzlein auf dem Kopf und ein Paternoster in den Händen, barfuß nach den umliegenden Kapellen St. Just, St. Anna, St. Walpurgis, St. Jacob und St. Wolfgang. Gott erhörte ihr Gebet und sandte am nächsten Tag den langersehnten Regen. Der alte Oberlehrer Klix, ein besonders um die Familie Lessing verdienter Forscher, vermutete nun, daß diese Prozessionen, von denen diese eine wegen ihrer gewaltigen Wirkung in der Stadtchronik Aufnahme gefunden hat, die Ursache zum Forstfeste sei. Doch dieser Grund befriedigt ebensowenig – an einer Prozession pflegen auch Erwachsene teilzunehmen – wie der, daß der Ursprung des Forstfestes in den Gregoriusfesten des Mittelalters, Kinderfeiern, die am Gregoriustage abgehalten wurden, läge. Denn der Gregoriustag fällt in das Frühjahr – 12. März.
In der vorjährigen »Forstfestzeitung« – auch eine solche gibt es! – hat nun Georg Uhlig, der derzeitige Stadtarchivar, eine den Ursprung des Festes wohl richtigtreffende Deutung gegeben, wenn er es als Nachfolgerin der alten Schülerfeste der Lateinschulen erklärt. Ob es sich nun um den »Rutenzug« (virgatum), – das heißt die Schüler zogen aus und schnitten die Ruten, mit denen sie dann das Jahr über verprügelt wurden – oder eine Ursache anderer Art handelt, ist letzten Endes gleichgültig. – – – –
Forstfest! Die Kinder träumen das ganze Jahr davon. »Nach den Großen Ferien ham mer ’ne Woche Schule – da wird nischt gemacht – und dann – nu da is eben Forscht.« Und die guten Mütters haben Arbeit über Arbeit, daß ja das weiße Kleid, der weiße Anzug, die weißen Schuhe und Strümpfe, die Schärpen und was weiß ich, in Ordnung sind. Die Mädels gehen seit den Großen Ferien meist recht merkwürdig frisiert, ihre Haare sind alle ganz fest an den Kopf zu kleinen Röllchen (Schnecken nennt sie der Volksmund) zusammengedreht »von wegen der Locken«. Weißwarenhändler, Schuhmacher und alle verwandten Handarbeiter machen glänzende Geschäfte, und die Gärtner haben alle Hände voll zu tun, um die Kränze, Girlanden, Blumenkörbchen, Bögen herzustellen, Gere und Marschallstäbe zu umwinden. Manch einer geht freilich auch mit einem großen Korb zu dem nahen Busch und holt sich da sein Eichenlaub, und Gott sei Dank verträgt unser Kamenzer Wald diese kleine Schädigung, ebenso die Heide, die auch ihre roten Blüten zum Schmuck hergeben muß.
Sonntag. Im »Forst« entwickelt sich das eifrigste Jahrmarktsleben und der Städter eilt hinaus, um schon die Vorfreuden des nahenden Festes zu genießen. Auch der Landmann ist hergekommen, um für seine Lieben was zu erhaschen, er hat in der Woche meist keine Zeit für solche »Albernheiten«, aber Sonntags – ja das ist ganz was anderes,
Forstfest-Montag. Überall regen sich fleißige Hände, um die Straßen zu schmücken: Girlanden werden von einem Hause zum gegenüberliegenden gespannt, Kränze aufgehängt, Fahnen hochgezogen. Einige fremde Schulen mit ihren Lehrern pilgern durch die Straßen und begucken einstweilen die »Sehenswürdigkeiten«, wobei sie meist das Innere des Andreasbrunnens interessanter finden als den schmucken Renaissancebau darüber, der von Dr. Andreas Guntherius proconsul Camicianus meldet, daß er »patriae pietate impulsus« (also »aus Heimatliebe«!) den Brunnen auf seine Kosten habe 1570 erbauen lassen.
½12 Uhr. Eifriges Streben der festlich geputzten Kleinen mit ihren Kränzlein und Fähnchen zur Schule. Für gewöhnlich haben sie es nicht so eilig, aber heute! Die Alten suchen sich inzwischen einen Platz auf dem Schulhofe zu sichern, sie wollen das Forstfestlied hören, das sie einst als Kinder selbst gesungen haben. Die Turner mit ihrem schmucken Eichenzweig am Hut und die gestrenge »Polizei«, an der heute hocherhobenen Hauptes mancher Junge vorbeischreitet: »Achtung, jetzt komme ich, heute kannst du mir nichts tun,« ja, sie haben eifrig aufzupassen, damit hübsch Ordnung gehalten wird, und die Kinder ins Schulhaus hereinkommen.
12 Uhr. Die Musik setzt ein, die Schultore öffnen sich und hervor ergießt sich der Kinderschwarm. Es sind weit über tausend, die da herausmarschiert kommen. Voran einige ältere mit Kränzen, sie dienen zum festen Halt, denn hinter ihnen strömen die ganz kleinen, die dies Jahr das erstemal mitfeiern. Von den Jungens einige mit Kränzen um ihren Ersten, der die Klassenfahne trägt, die Mehrzahl mit Fähnchen, wobei die jüngsten beiden Jahrgänge die Stadtfarben rot-weiß tragen. Die nächsten die Landesfarben weiß-grün, die älteren die Reichsfarben, bis voriges Jahr schwarz-weiß-rot, heuer schwarz-rot-gold (neben mir stand ein Graubart, dem man ansieht, daß er in seinem Leben gearbeitet, der meinte, wie im Selbstgespräch: »Unser Schwarzweißrot war doch schöner! Das sind außerdem die jahrhundertealten (!!) Farben!« – Volksmeinung, wann wird sie von unsern »Volksvertretern« einmal respektiert werden?). Die ältesten Jungen trugen efeuumwundene Gere. Die Mädels bieten ein fast noch abwechslungsreicheres Bild: Blumenkörbchen wechseln mit Girlanden, ihnen folgen Bogen und Kränze. Die Realschule als Schluß zieht in ihren rotweißen Schulfarben heraus, Jungens, Mädels und wieder Jungens, ihrer schönen seidenen Fahne folgend. Nach mancherlei Verschlingungen hat sich alles im weiten Umkreis aufgestellt. Die Musik macht eine kleine Pause, dann setzt sie von neuem ein und heraus treten die Fahnengruppen mit den alten, einst von Jugendfreunden gestifteten Bannern.
Auch sie nehmen Aufstellung und nun ertönt das liebe Forstfestlied (es ist erst in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Ausnahme des ersten Verses entstanden (Melodie Gaudeamus igitur)):
Festlich schwebt ein Freudentag
Unserm Kreise nieder,
Jeder Stunde dumpfer Schlag
Hallt uns Wonne wieder.
Wer ein Herz im Busen trägt,
Wem es laut und feurig schlägt,
Singe Jubellieder.
Wiederkehrt die Forstfestlust
Mit den Blütenkränzen,
Freudig hebt sich jede Brust,
Aller Augen glänzen!
Kinderfreude, Elternglück!
Manchen sel’gen Augenblick
Bringen diese Tage!
Wer in unsern Reihen stand,
Denket gern der Stunden,
Da auch ihm der Liebe Hand
Kränze einst gewunden
In die Locken, an den Stab!
Welche Jugendwonne gab
Uns des Festes Zauber!
Mögen noch in später Zeit
Forstfestlieder tönen,
Die dem Vaterland geweiht,
Allem Guten, Schönen!
Für mein Kamenz schlägt mein Herz,
Sein gedenk ich allerwärts,
Haltet hoch die Fahnen!
Der alte Kamenzer Oberlehrer Klix war es, der dieses Gedicht einst verfertigt[4], es spricht so recht jedem Kamenzer aus dem Herzen und man sieht gar oft manches Auge tränengefüllt, wenn das Lied erklingt. Da denkt erst mancher an seine Kindheit zurück, die nun so weit und unwiederbringlich zurückliegt »da auch ihm der Liebe Hand Kränze einst gewunden«.
Was soll ich nun, nach dem eigentlichen Höhepunkt des Festes, noch erzählen? Der Schuldirektor spricht einige Worte, dann ertönt ein neues Lied, hierauf setzt sich der Zug durchs Klostertor nach dem Markt in Bewegung, singt hier, nach vollendetem Aufmarsch, abermals und rückt dann durch die Bautzner Straße bis zum Eulenberg, wo er sich auflöst. Alles eilt nach Hause, oft von der treusorgenden Mutter oder dem lieben Vater oder Bruder in Empfang genommen, die dann den schweren Kranz abnehmen, um ihn nach Hause zu tragen. Dort aber läßt es der »kleinen Welt« keine Ruhe, sie können kaum Kaffee trinken, dann gehts eiligst nach den Wiesen auf dem Forstfestplatz, wo die Kleineren spielen, die Größeren kegeln oder schießen. »Herr Manke, wir wollen mal das machen,« bittet so ein kleines Mädel und flüstert ihrem geduldigen Lehrer ihre Wünsche ins Ohr, »Herr Klugmann, kanns losgehen?« meint ein größerer Junge schon selbstbewußt, denn er brennt darauf, als erster den bunten Vogel da oben um einen Span zu erleichtern, und ist dann wenig erbaut, als, unter Freudegeheul der ganzen Meute, sein Schuß »in weitem stets geschweiftem Bogen hinauf bis in des Himmels Blau« fliegt. Die lieben Angehörigen stehen dabei, um ein bißchen zuzusehen, aber ihre »Herren« Kinder haben heute meist keine Zeit, denn da gilts bald mal einen großen Zwieback zu holen, der dieses Jahr an Stelle des »Würstchens mit Semmel« getreten war und auch nur deshalb, weil die Stadtväter in kluger Berechnung auf die gute Laune der Forstfestbesucher eine allgemeine Feststeuer in Höhe von fünf Meter eingeführt hatten, bald »muß« man auf der Riesenbahn, der Luftschaukel oder dem Karussell fahren oder »Modo homo« (!) dem lebenden Toten, von dem sein Herr in eindringlicher Sprache versichert, daß ganze Berge Geschirr vor ihm zerworfen werden könnten, ohne daß er aus seiner Suggestion erwache (»er hat gut reden, nur wird heute kein Geschirr zerschmissen,« meinte einer recht trocken), während das Fräulein an der Kasse ebenfalls in Hypnose fällt, aber jedesmal wieder erwacht, wenn einer sich zur Kasse »drängt«, einen Besuch abzustatten. Ja, ja, die guten Eltern werden eigentlich erst dann wieder gebraucht, wenn das nötige Kleingeld fehlt. – – –
Den folgenden Tag ziehen nur die oberen Klassen aus, hinaus in den Forst zum Schauturnen. Am Mittwoch ist »Lehrerschießen« – es soll meist recht »fröhlich« dabei zugehen, doch darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Und am Donnerstag wiederholt sich nur der Auszug vom Montag, ebenso das Spielen und Schießen.
Abends aber bei Dunkelwerden ist der »Einzug« der Kinder mit Musik und Buntfeuer. Die meisten Häuser, durch die sich der Zug bewegt, haben illuminiert und der Jubelruf der Kleinen mit ihrem »Vivat, vivat hoch!« will kein Ende nehmen. Bis zum Markt bewegt sich der Strom, dort findet das schöne Fest mit einer kurzen Rede des Direktors, dessen Schlußworte meist die typische Wendung haben: »Morgen früh um 8 Uhr auf Wiedersehn! Gute Nacht!« und dem schönen Leuthener Choral »Nun danket alle Gott« seinen offiziellen Schluß.
»Offiziell« sage ich, denn daran halten sich die Bogenschützen absolut nicht, denn dieses Völkchen zieht vielmehr am Freitag mit großem Tschingterassassa durch alle Straßen der Stadt, um, wie es »offiziell« heißt, die Würdenträger des vorigen Jahres, die Fahne und so weiter abzuholen, aber ich glaube, sie wollen auch die Stadt ein bißchen aus dem Schlafe wecken nach dem bekannten Unteroffiziers-Weckruf: »Aufstehen, ich muß auch aufstehen!« Nun, jedenfalls macht das viele Herumziehen auch durstig, und deshalb wird öfters mal Halt gemacht und eingekehrt, einmal beim »Schützenbruder« Büsche, dann im »Feuerhaus«, und so geht das erst noch eine Weile so fort. Jedenfalls ist es meist schon etwas spät–er, bis man sich zum regelrechten Ausmarsch aufmacht – natürlich in den Forst, wo auch wieder eifrig ge–so–en, i nu, geschossen wird.
Damit ist aber nun auch wirklich das Forstfest ganz zu Ende und die Schaubudenleutchen und Luftschaukelbesitzer müssen ihr Krämchen zumachen – bis zum nächsten Male.