Ludwig Richters Weihnachtskunst
Von Walther Hoffmann
O Weihnacht! Weihnacht! Höchste Feier,
Wir fassen ihre Wonnen nicht,
Sie hüllt in ihre heil’gen Schleier
Das seligste Geheimnis dicht.
Diese Worte von Nikolaus Lenau finden auch in dieser trüben Zeit in unsern Herzen den stärksten Widerhall. Lenau war auch einer der deutschen Romantiker. Und die deutsche Romantik in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist es ja gewesen, die, wie allen unsern Sitten, Bräuchen und Liedern, so auch unserm Weihnachtsfest seine schönsten Geheimnisse abgelauscht und sich in seinen Zauber am tiefsten versenkt hat. Ihr entstammen unsere liebsten Weihnachtslieder, sowie die Sitte des Christbaums, von dem z. B. Schleiermacher in einer Schrift von 1806 noch nichts weiß. Zwar hatte auch das achtzehnte Jahrhundert schon sein Weihnachten. Ein Brief von Goethe aus Frankfurt, am Christtag früh 1772 geschrieben, bezeugt es. »Ich habe diese Zeit des Jahres gar lieb, die Lieder, die man singt, und die Kälte, die eingefallen ist, macht mich vollends vergnügt.« Des Türmers Lied: »Gelobet seyst du Jesu Christ« hat ihn ergriffen. Am Christabend ist er über den Markt gegangen und sah »die vielen Lichter und Spielsachen«. Aber wenn wir uns solch eine Weihnachtsstube des achtzehnten Jahrhunderts mit der steifen, aus Stöcken gezimmerten Lichterpyramide auf einem der alten Stiche des bekannten Berliner Kupferstechers Chodowiecki ansehen, und das nicht minder steife Gehaben der Menschen darauf, bis herab zu den Kindern, so mutet uns das alles doch recht wenig volkstümlich und kindertümlich an.
Abb. 1 Aus: Illustr. Zeitung für die Jugend. 1847
Die Romantik brachte uns eine Rückkehr zur Natur, auch zur menschlichen Natürlichkeit. Und sie schenkte uns einen Künstler, in dessen ganzer Erscheinung das natürliche Wesen so wahr und echt uns entgegentritt und zugleich wie von einem verklärenden Schimmer umflossen ist. Das ist Ludwig Richter. Und in seiner Weihnachtskunst tritt uns dies alles ganz besonders vor Augen.
Richters Weihnachtskunst ist, wie es jedes echte Kunstwerk sein muß, aus seinem Leben erwachsen. Seine Kindheit und das Leben im Elternhaus war nüchtern. Dort und in der Schule blieb das religiöse Bedürfnis unbefriedigt und ungenährt. Und es ist bezeichnend, daß er aus seiner Jugend, aus der er sonst in seinen herrlichen »Lebenserinnerungen« jeden anheimelnden Zug mit Liebe festgehalten hat, niemals etwas von Weihnachten erzählt, als nur das eine, daß er Weihnachten 1820 in Frankreich »mit den Gedanken viel daheim« war und am zweiten Feiertag an einen Ball denken mußte, den er vor Jahr und Tag mit seiner Braut Auguste besucht hatte.
Das große Erwachen kam über ihn erst in Rom, wo er durch die Güte des Dresdner Buchhändlers Christoph Arnold seit Herbst 1823 leben und sich weiter ausbilden durfte. Dort ist ihm das Weihnachten 1824 zu einem besonders tiefen Erlebnis geworden. Wehmütig sehnte er sich heimwärts inmitten der Herrlichkeiten Roms. »O hätte ich doch ein kleines Stündchen in Dresden sein können, um unerkannt durch die nächtlichen Gassen zu laufen und die erleuchteten Fenster zu sehen!« Es verlangte ihn, daheim »diese alten, schönen Feste recht innig zu begehen unter lieben Freunden oder an der Seite der Geliebten«. Da schwärmt er nun doch in seinem Tagebuche von den »schönen, süßen Zeiten«, von »unsern alten, heiligen, herrlichen Gebräuchen«, ohne die der Deutsche nicht leben könne, ohne kalt und endlich schlecht zu werden. Das ist es, was ihm unter dem Klang aller Glocken Roms zum Bewußtsein kam. Und es fielen ihm Schillers Worte ein:
Abb. 2 Aus: An der Krippe zu Bethlehem. 1852
Wortgehalten wird in jenen Räumen
Jedem schönen, gläubigen Gefühl!
Wer es glaubt, dem ist das Heil’ge nah!
Am Neujahrstag 1825 aber schrieb er in sein Tagebuch: »Mir ist um Mitternacht ein neu Gestirn aufgegangen, es leuchtet und wärmt zum Leben, und ich fange nun erst an zu leben, nämlich im Glauben und in der Wahrheit.« Diese Worte beziehen sich auf den Silvesterabend, den er wenige Stunden vorher mit seinen drei vertrautesten Freunden in dem Dachstübchen einer engen Gasse verbracht hatte. Unter dem Läuten aller Glocken der ewigen Stadt feierten sie das Neujahr mit dem Choral »Nun danket alle Gott«. Dieser Abend hatte die weihevolle Stimmung vom Weihnachtstag her noch verstärkt und vertieft, und Richter hat später wiederholt von jenen Tagen als den entscheidendsten seines Lebens gesprochen. »Die Weihnachts- und Neujahrszeit ist mir immer doppelt lieb und heilig, weil es die Zeit meiner zweiten Geburt zu einem wahrhaften und besseren Leben geworden ist.« Liegt über Richters Briefen auch sonst immer ein Hauch zarten, feinen Empfindens, so erhalten vollends die um die Jahreswende geschriebenen immer einen besonderen tiefen Klang.
Abb. 3 Aus: An der Krippe zu Bethlehem. 1852
Dies alles kann nicht übergangen werden, wenn wir uns nach Richters Weihnachtskunst umschauen. Denn hier zeigt sich das, was auch aus seinen Bildern spricht, daß er nicht nur die ästhetischen Werte, sondern auch die religiösen Kräfte dieses Festes aller Feste nachzuerleben wußte. Und aus diesem frommen Erleben, nicht nur aus der künstlerischen Begabung, erklärt sich der Reichtum, die Kraft und Lebendigkeit seiner Weihnachtsbilder. Der große Dichter Otto Ludwig, der damals auch in Dresden lebte, labte sich noch auf seinem letzten Krankenlager an Richters Bildern, fuhr mit knöchernem Finger darüber hin und sagte: »Das ist noch einer, der den Kindern ihren Weihnachtsbaum anzünden kann. Nach ihm wird’s keiner mehr so können.«
Abb. 4 Aus: Knecht Ruprecht. 1854
Ja, es müssen doch schöne Jahre gewesen sein, die stillen vierziger und fünfziger Jahre, die solche edlen Früchte deutscher Kunst und deutschen Gemütes zeitigten. Da verging kaum ein Weihnachten, zu dem nicht unser Dresdner Meister seinem Volk ein Werk von seiner Hand auf den Weihnachtstisch legte: 1840 die Geschichte des deutschen Volkes von Duller mit vierundvierzig Holzschnitten, 1841 den Landprediger von Wakefield, 1842 Musäus’ Volksmärchen mit sogar hunderteinundfünfzig Holzschnitten, 1844 die köstlichen Illustrationen zu den Studentenliedern, denen 1846 die Volkslieder folgten und so fort bis zu dem großen Bechstein von 1853 mit seinen hundertsiebzig meisterhaften Märchenbildern. Aber das sind nur die bekanntesten. Dazwischen laufen die alljährlich erscheinenden Volkskalender von Nieritz und die »Spinnstuben« des rheinischen Volksschriftstellers W. O. von Horn. Vor allem aber weihnachtlichen Charakter trugen die kleinen, heute fast vergessenen und verschollenen Kinderbücher des Dresdner Schriftstellers und Buchhändlers Löschke, der sich Traugott nannte: An der Krippe zu Bethlehem, Familienlieder und der in drei Jahren wiederkehrende Knecht Ruprecht. Das alles waren Gaben an das deutsche Volk, die sich trotz ihrer äußeren Schlichtheit mit allem messen dürfen, was nachmals »für den Büchertisch« zu Weihnachten geschaffen worden ist. Und es ist bemerkenswert, daß auch jetzt noch immer die Bücher und Mappen Ludwig Richters sich auf dem Bücher-Weihnachtsmarkt siegreich behaupten.
Abb. 5 Aus: Beschauliches und Erbauliches. 1855
Leider läßt sich meine Absicht nicht durchführen, Richters Weihnachtsbilder in größerer Zahl hier darzubieten. Man nehme mit den wenigen Proben vorlieb. Sein ältestes Weihnachtsbild finde ich in dem Büchlein »Bilder und Reime für Kinder«, das zuerst 1844 bei Justus Naumann in Dresden erschien. Da ist der Christmarkt dargestellt, eine Weihnachtsbude, um die sich die Kinder drängen, mit der stolzen Firma »Caspar Mops aus Chemnitz«. Die erste Darstellung aber des lieblichen Wunders von Bethlehem, der sich mit immer neuer Gestaltungslust unsres Meisters so viele anreihten, erschien 1847 ([Abb. 1]) in einer heute fast unauffindbaren Illustrierten Jugendzeitung (Leipzig, Brockhaus). Wie ist hier das hohe Thema, das die Kunst ganzer Jahrhunderte in allen Variationen gespielt und bis zum Höchsten gesteigert hatte, so ganz ins Schlicht-Menschliche übertragen! Am ersten werden wir dabei noch an Meister Dürer erinnert, dessen geniale, derbe, ausdrucksfähige Holzschnittkunst ja auch auf Richter wie eine Offenbarung wirkte. In Rom hatte er beim Freunde Veit zum ersten Male diese Blätter gesehen, und seinen Einzug in Meißen als junger Ehemann feierte er, der damals am allerwenigsten zu brechen und zu beißen hatte, mit dem Erwerb von Dürers Marienleben für zweiundzwanzig harte Taler. Gerade Richters Weihnachtskunst bestätigt es, daß diese für ihn bedeutende Summe »reiche Zinsen getragen« hat. Doch diese starke Anregung des deutschen Altmeisters hat ihn nicht zu schwächlicher Nachahmung verleitet. Richter blieb ein Eigener, so sehr, daß man ihn in seinen Holzschnitten sofort erkennt. Er ist weicher, kindlicher als Dürer, aber nicht weichlich, nicht sentimental wie die »Nazarener« jener Zeit, sondern immer gesund, natürlich, einfältig.
Abb. 6 Aus: Beschauliches und Erbauliches. 1855
Man soll gerade auch Richters frühe Arbeiten im kleineren Format nicht übersehen. Sie gehören zu seinen schönsten und ursprünglichsten. Zwei Perlen sind die [Abb. 2] und [3] aus dem Büchlein »An der Krippe zu Bethlehem« von 1852, der nächtliche, vom Öllämpchen erleuchtete Stall mit den Dudelsack blasenden Hirten und vor allem das ganz zarte Bild des schwebenden Kindleins in der Krippe unter dem Christbaum mit den singenden Engeln. Aus dem »Knecht Ruprecht« von 1854 ist dann die versonnene »Flucht nach Ägypten« durch den deutschen Wald, aus dessen Dunkel die heilige Familie heraustritt ([Abb. 4]).
Abb. 7 Aus: Gesammeltes. 1869
Mit den Jahren nimmt Richters Kunst einen größeren Stil an. So schuf er 1855 für die Mappe »Beschauliches und Erbauliches« den Weihnachtschoral vom alten Meißner Stadtturm ([Abb. 5]). Christmorgen ist es. Das erste Tageslicht dämmert unter den Sternen herauf. In den Häusern brennen die Lichter, denn man rüstet sich zum Gang in die Christmette. Im Turm aber schwingt die Weihnachtsglocke. Und nun schwingen die Klänge des Chorals über der eben erwachenden Stadt. Die Kinder sind so munter, wie sonst nie im ganzen Jahr in so früher Morgenstunde. Hell bescheinen die Kerzen und Windlaternen ihre pausbäckigen Gesichter. Ihr Gesang aber wird von dem schwarzen Kater auf dem Dach akkompagniert. Ja, es ist so vieles in diesem Bilde, was wir uns auch für unsre Weihnachtsfeier wieder herbeiwünschen möchten. Richter hat dieses Bild geschaffen mit wundem und wehem Herzen, als ihm sein liebes Weib durch einen Herzschlag plötzlich entrissen worden war. Er hat sich nicht verbittern lassen, er wußte nun noch viel besser, was Weihnachtsfreude ist: »Christenfreude«, wie er ein ganzes Buch aus demselben Jahr, ein rechtes Bekenntnisbuch seiner selbst und Trostbuch für das deutsche Haus, betitelte.
Abb. 8 Aus: Schillers Lied von der Glocke. 1857
Dieselbe Mappe enthält auch das Bild vom Dresdner Weihnachtsmarkt ([Abb. 6]) mit dem Schloßturm im Hintergrunde, wo das kümmerliche Dasein dieser kleinen Geschäftsleute mit ihren Pflaumenmännern durch goldenen Humor verklärt wird.
Uralte Volkssitte steigt vor uns auf in dem Bilde aus Richters Spätzeit, den heiligen drei Königen ([Abb. 7]), diesem alten Mummenschanz der Weihnachtszeit. Die volkstümliche Theatralik der drei Darsteller ist köstlich getroffen. Aber auch der ganze Friede der stillen heiligen Nacht umschwebt dieses Bild.
Ja, Friede! Das ist auch der Inhalt des letzten Bildes, das wir hier zeigen ([Abb. 8]), aus Schillers Glocke, obwohl es kein Weihnachtsbild ist. Friede auf Erden! Weihnachten bringt ihn uns, auch in einer friedlosen Zeit. Es ist die Aufgabe des deutschen Hauses, sich trotz allen Kämpfen draußen auch jetzt dem Geiste des Friedens von neuem zu öffnen, besonders in der Weihnachtszeit. Und Ludwig Richter ist der Mann, der mit seiner Weihnachtskunst auch uns den Weg zeigt, zur rechten Christfreude zu kommen und selber die rechte Weihnachtskunst zu lernen. Denn Weihnachten zu feiern ist auch eine Kunst, die gelernt und geübt sein will. Möchte darum gerade Ludwig Richter unser guter treuer Hausfreund bleiben und noch viel mehr werden, bei alt und jung, besonders in der Winters- und Weihnachtszeit[1].