Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet

Von Paul Bernhardt

Mit Aufnahmen des Verfassers

Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den Aufzeichnungen meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten. Vor mir liegt der Großteich im Sonnenschein, befreit von der starren Eisdecke, die monatelang jegliches Leben bannte. Doch so ohne Kampf räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken in der Landschaft zeigen seine Spuren.

Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel bewegt ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne mit dunklen Wolken und treibt leichte Schneeschauer übers Land. Schon zweifle ich an der Ankunft des Kiebitzes, da entdecke ich ihn durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht der prächtige Vogel mit seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite und dem zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes Jahr am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern, die Brust etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe ruhig im dürren Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden Fluge; die lange Reise und das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch in den Gliedern. Nur um den Hunger zu stillen, trippelt er nach dem Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste nach Nahrung. Bald nimmt er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten Tagen sind auffällig viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die heimischen Brutpaare kehren zuerst zurück.

Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der Frühling hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der Tiergartenmauer blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat eine Gefährtin gefunden und behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen jeden Eindringling. Die Nordostecke am Großteich, von wo er alles überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für ihn ist jetzt Wonnemonat; sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken verlebt er die kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die Gunst seiner Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu den tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März 1921: Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere, weniger lebhaft gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im Prachtkleide. Mit vorgebeugter Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd kurz über dem Boden hin; plötzlich geht es mit schneidendem »knū’it« im 45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein Gaukeln und Stürzen in der Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf schüttelt. Im tollen Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den sonnigen Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich wieder neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel fortzusetzen. Mit gesenkter Brust, das frische Weiß der Schenkel zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen vor seiner Schönen aus, stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht eine Bewegung, als würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den ganzen Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt die Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten Schwanze zuckende Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der kühlen Erde anvertrauen. Wozu dieses närrische Spiel? Will er das Weibchen ermuntern, indem er durch diese Bewegungen auf den Nestbau hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem eigenartigen Treiben zuschauen und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das Weibchen zeigt sich sehr spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber.

Abb. 1 Gelege des Kiebitzes

Erst wenn die vier kreiselförmigen, olivengrünen Eier im unscheinbaren Neste liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle Tage kommen. Jetzt gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer irrezuführen und vom Neste fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche zu genau; bald habe ich durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen entdeckt, wie es dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum dreißig Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste entfernt bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter Richtung am Boden hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt wehklagend auf mich zu. Ich lasse mich nicht irreführen; und doch macht es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön in Kreuzform angeordnet, die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier unmittelbar vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen Großstadt den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon so hart bedrängten Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf, als ich eines Tages ein kleines Schlageisen im Neste fand. Ein »Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen Kiebitz zum Ausstopfen erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit des Vogels gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche Schönheiten unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd zu erzählen, wäre verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im dritten Jahre gelang es mir nach vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen unter Anwendung größter List und Geduld, das brütende Weibchen auf die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der Klugheit des Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen meinen Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des Kiebitzhahnes in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht habe und das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge ([Bild 2]) entgeht nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege. Im ganzen Gebiete brüteten in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig Paare. H. Mayhoff nimmt für 1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach wäre eine erfreuliche Zunahme festzustellen.

Abb. 2 Brütender Kiebitz

Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem die Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort das Nest, nachdem sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter, die sie nach Art einer Glucke führt. Wie oft habe ich dieses schöne Familienbild aus dem Versteck belauscht! Die kleinen Wollklümpchen huschen flink durch das Seggengras und finden bald selbständig den Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei und versuchen den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger staunt nicht schlecht, wenn sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt. Er verspürt ganz deutlich den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp, wupp«. Auch der Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich eine »Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm ist die Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs, der in der Dämmerung durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt, wird mit lautem Geschrei und fortwährendem Anfliegen vom dortigen Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser Aufmerksamkeit rein gar nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten Angriffe mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen den Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und drücken sich fest an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken entzogen sind. Selbst dem Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren Wollklümpchen aufzufinden (siehe [Bild 3]). Erst wenn sich der kleine Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße Halsfärbung gut sichtbar ([Bild 4]). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages guten Freunden vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter in der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an und schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach dem zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte Mutter empfing. Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre nichts geschehen.

Abb. 3 Junger Kiebitz in Schutzstellung

Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln das Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist. Wenige Beobachtungen aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im September stellen sich große Schwärme ein. Es sind Durchzügler aus Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein besonderer Genuß ist es, dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes, der oft bis zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen ([Bild 5]). Bei eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen Europa. Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November.

Abb. 4 Junger Kiebitz

Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der Kiebitzbestand im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe verminderte, und wenn wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen Vogels so nahe an den Toren der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb und wert ist, durch Aufklärung und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose Schießerei im Gebiet aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer bedrängten heimischen Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde sicher.

Abb. 5 Kiebitzflug über dem Großteich