Unsre Elbvögel einst und jetzt!

Von Prof. Dr. Bernhard Hoffmann

Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung, sondern die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen, zu welcher Zeit der ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens Fabricius, Annalen der Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals an und auf der Elbe bei Meißen vorkommenden Vögel aufgeführt werden. Die Schrift ist lateinisch geschrieben. Nachstehend gebe ich eine kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer Vögel, das alphabetisch geordnet ist:

Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht schwer zu erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre heutigen »Brandgänse«, sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben aber führt Fabricius noch manche Namen an, deren Deutung sehr große Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt: Facke, Münchle, Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz, Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler vorliegen; es muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke, Schnertz, Tittilgen usw. Doch soll auf all die Schwierigkeiten der Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen werden[2]. Dagegen dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise fesseln. Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind die nachstehend verzeichneten:

Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken! Nicht weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im sechzehnten Jahrhundert die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen Gänsearten, Reiher, Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der Elbstrom und seine Ufer noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen hatte. Sie boten Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle und Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse, das Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw. bzw. ihre Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit der Anwohner am Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke im Strombett und noch manche andre hier in Betracht kommende Änderung gebracht hat – sie hat auch im Vogelbestande Wandel geschaffen, leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht man von ganz vereinzelt auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil der oben genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie z. B. die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne, Gänse, Flußscharben und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind auf der Elbe in der Hauptsache nur Wintergäste, wie z. B. die Säger, Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von Stockenten. Nur ganz wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer Zahl während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben, Bachstelzen, Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der andern von Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise noch heute in und an den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von Moritzburg bis hinter nach Königswartha, Baselitz usw., darunter vor allem die verschiedenen Entenarten, die Taucher, die Bekassine, die Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn usw. Möchten ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle Zeit erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen, damit unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch vollständig verarmt!