Erziehung zum heimatlichen Menschen
Von Friedrich Sieber, Löbau
Naer Oostland willen wy ryden,
Naer Oostland willen wy mêe,
Al over die groene Heiden,
Frisch over die Heiden,
Daer isser een betere stêe.
Das war das Wanderlied der unbändigen Bauerngeschlechter, starkknochig und mutgeschwellt, die ihre niederländische Heimat verließen, Saale und Elbe, die alte Slawenlinie überschritten, um sich auf jungfräulichem Kolonialgrunde niederzulassen. Die Ferne lockte: Daer isser een betere stêe! Wie oft hat die gleißende Ferne Ahnengeschlechter betört! Germanen überschritten den Rhein, stürzten wie Alpenströme ins glühende Südland. Staufenkaiser träumten von Weltherrschaft unter den Palmen Siziliens. Ritter pilgerten in langen Zügen zu Weihestätten. Bauerngeschlechter aller Gaue erbrachen die Gründe des Ostens. Dann tauchte das Wunderland auf aus den westlichen Meeren. Sein alles verheißender Blick, Unermeßlichkeit und Reichtum der Gefilde schufen es zu dem Lande, in dem alle Träume ihre Verwirklichung finden konnten. Noch heute gleißt es für viele wie Zaubergold ... Und solange sich Berge wölben, Ebenen im Glanze sich dehnen, Meere und Stürme brausen, wird immer der Drang zur Ferne Menschen von der Scholle reißen, in fremde Räume wehen.
Diese Wander- und Abenteuerlust, die in der Heimat nimmer befriedigt wird, hat ein Gegenbild im Reiche des Geistes. Aber Geist ist leichter als Stoff, breit und leicht fließen seine Ströme von Land zu Land. Wie eine Senke für diese Geistesströme lag unser Vaterland im Erdenrund. Jahrhundertelang strömte aus fast allen Richtungen der Rose fremden Volkes Geist in die Gründe unsers Wesens. Herrisches Rom, farbfrohes und klingendes Italien, griechische Größe, gallische Glätte, englische Gefühlsseligkeit und Sinnenobjektivität, magisches Leuchten des Orients: Ströme, Bäche und glucksendes Rinnsal. Aber unsers Volkes Quellen am Grunde schwiegen nicht, sie schleuderten ihre Kraft. Wir lachen der Forscher, die in der Geschichte deutschen Wesens nur fremde Einflüsse erkennen, keinen Blick haben für die Fülle des Köstlichen, das uns, nur uns eigen ist. Aber diese Überschätzung des Fremdländischen ist von verheerenden Wirkungen gewesen in unserm Erziehungswesen. Der Deutsche des sechzehnten Jahrhunderts wurde auf unsern höheren Schulen zum Ciceronianer erzogen, der des siebzehnten Jahrhunderts zum homme du monde, zum galant homme, der des ausgehenden achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhunderts durch griechisches Menschentum zum Menschen schlechthin. Ein Glück nur, daß in der Auffassung all dieser fremden Werte mehr Eigenes lag als die Urheber vermuteten. Das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert brachten immer neue Wertgruppen, die forderten, Erziehungsziel zu werden, alle möglichen gegeneinander abgetönten Schularten wollten diese mannigfachen Werte in ihre Zöglinge hineinbilden.
Und inmitten dieses Wertechaos, in dem wir noch stehen, Erziehung zum heimatlichen Menschen? Klingt das nicht zu einfach, zu schlicht, andern hochtrabenden Bildungszielen gegenüber? Spukt es nicht noch in unserm Blute: Was nahe ist, »ist nicht weit her?« Sollten klassische Antiquitäten nicht wertvoller sein? Und dann: Wird sich die Geistesbewegung, die sich gegenwärtig der Heimat zuwendet und die durch den verlorenen Krieg lebenskräftig wurde, nicht in kurzer Zeit zu Tode gelaufen haben? Was dann, wenn alle noch erreichbaren Überlieferungen registriert, die gefährdeten Denkmale geschützt und gesichert sind? Weht in den Heimatzeitschriften nicht oft enge, stickige Luft, fast wie in Großmütterchens Stübchen? Glaubt man, durch die frömmelnde Liebe für das Allzukleine und frommes Augenaufschlagen beim Aussprechen des Wortes Heimat einen besonders wertvollen Menschen zu erziehen? Und was wird uns die Heimat sein, wenn wir die Ferne wieder haben?
Wir geben diesen Zweiflern in einem recht: Das Bild der Heimat als Ziel einer bewußten Erziehung harrt noch in wesentlichen Punkten der schöpferischen Ausformung. Es ist offenkundig, daß der Begriff der Heimat in vielen Köpfen und Herzen nur ein unsicher zerfließender Gefühlskomplex ist. Die Gefühle, die den Begriff umwuchern, bergen mehr Altersschwingungen als blutvolle Jugend, grenzen mitunter an Greisensentimentalität oder an gönnerhaftes amerikanisches Heimgedenken. Erziehung zu diesen unbedeutenden Rührseligkeiten ist nicht Erziehung zum heimatlichen Menschen. Wir weisen diese Einstellungen zurück als Rückstände einer satten Vorkriegszeit. Heute umlagern die Wälle gefallener Brüder den heiligen Boden. Ihre großen Gestalten fordern tiefstes Erfassen der dunklen Kräfte, die in brauner Erde drängen.
Die Heimat bringt dem Menschen zwei Urerlebnisse: die Urerlebnisse Landschaft und Mensch. Beide Erlebnisse fordern, wenn sie wirksam sein sollen, als Grundlage ein entwickeltes Ichbewußtsein. Diese innere Voraussetzung ist in ausgeprägter Form erst im jugendlichen Menschen vorhanden. Das Kind lebt vegetativ in ungelöster Einheit mit Dingen und Wesen. Damit ist nicht gesagt, daß Erziehung zum heimatlichen Menschen nicht bereits im Kindesalter einsetzen müßte. Sie kann in außerordentlicher Weise den Seelengrund für spätere Erlebnisse lockern. Wir meinen nur, daß die entscheidenden Erlebnisse Landschaft und Mensch, die ein Leben lang wirksam sein können, erst im Alter des Jugendlichen möglich sind.
Mit der Entwicklung zur Geschlechtsreife löst sich der junge Mensch allmählich aus seinem vegetativen Zustande. Sein Selbstbewußtsein erwacht. Er empfindet Dinge und Menschen bewußt als sich gegenüberstehend. Das Abrücken des Ich vom Ding löst starke innere Erregungen und Spannungen aus. Das Ich wird zum dunklen Born, aus dem Stimmungen und übersteigerte Gefühlszustände hervorbrechen. In dieser Erregtheit entdeckt der Jugendliche die Landschaft. Sie liegt wie eine wuchtige, vorweltliche Bilderschrift vor ihm, zahlreicher Deutungen und Umgestaltungen fähig. Gerade infolge dieser Vieldeutigkeit ist keine andre gehaltschwere Objektivität so geeignet, jugendliches Seelenleben aufzufangen, wie Landschaft. Unter den Kulturgebieten ist nur Musik von ähnlicher Wirkung. Geben wir darum dem Jugendlichen reichste Gelegenheit zum Landschaftserlebnis! Sein innerer Überschwang strömt über die Erdgebilde hin, tönt sie mit seinen Farben, haucht dem Starren Leben ein. Der jugendliche Mensch ist Schöpfer der Landschaft, darum vergewaltigt er sie auch. Sie muß jeder Stimmungsbewegung wie ein Schatten folgen. Aber trotz aller Jugendwillkür ist für Heimaterziehung ein Wesentliches erreicht: die Landschaft ist ein Lebewesen geworden, sie birgt Seele in sich. Nun steigen Berge und Wälder erlebnisbewimpelt auf, nun furchen sich Täler wie Seelengründe.
In der Weiterentwicklung der Seele sinken die übersteigerten Jugendspannungen meist in sich zusammen. Es waren künstlich hochgetriebene Affekte, hervorgerufen durch das erstmalige Erleben der Objektivität. Die Gegenstellung von Subjekt und Objekt wird zur Alltagsgewohnheit. Die subjektivierende, umgestaltende Kraft des Jugendlichen erlahmt. Aber die einmal von ihm beseelte Landschaft wird für ihn unvergänglichen Reiz behalten. Sorgen wir nun dafür, daß der junge Mensch nicht im harten Arbeitsrhythmus zermalmt, nicht in endlosen Straßenzügen vermauert wird, daß er vielmehr in enger Berührung mit der Erde bleibt, dann vermag sich in der Landschaft wundervolles Eigenleben zu entwickeln. Denn Landschaft ist nicht nur Schöpfung des Menschen, sie ist ein Eigenwesen. Drohende und lächelnde Gesichter bedecken die Erde. In steil aufragenden Gebärden und im anmutigen Hügeltanze wogt die Unerschöpfliche dahin. Und immer strahlt uns das Gesicht der Heimat. Aber wie wir in den Zügen eines Bekannten nur dann zu lesen verstehen, wenn wir uns in sein Wesen versenken, so ist es mit dem Bilde der Heimat. Nur im liebenden Verstehen wird sie sich uns offenbaren.
Heimat als kosmisches Gebilde ist allen kosmischen Einflüssen unterworfen. Sie lächelt, lockt und schreckt wie die unfaßbaren Kräfte, die uns umbrausen, wie die Welten, die über uns schwingen. Die Seele, die so wandelbare Gebärden erfassen will, muß spannkräftig sein, und wenn sie es nicht ist, muß sie Spannweite erwerben. Wir berühren hier die schöpferische Linie, an der Landschaft zur tiefen Bildungsmacht wird. Landschaft weckt noch schlummernde Seelenkräfte, lockt sie, Objektives zu umarmen und in der Umarmung zu gestalten. Landschafterfassung bedeutet darum auf subjektiver Seite Wesensausprägung. Nur an der innern Schwungweite des Einzelmenschen findet Landschafterfassung ihre Grenze. So kommt es, daß in Landschaften, die schon oft künstlerisch gestaltet wurden, immer neue Wesenszüge aufbrechen können, wenn sie in der Gegenpolarität ursprünglicher Menschen stehen. So kommt es aber auch, daß innerlich dürftige Menschen Landschaft nicht anders sehen als die Herde eine Weide. So kommt es, daß vor jedem neuen Menschengeschlecht Landschaft und Heimat keusch im Morgenlichte liegen wie am ersten Schöpfungstage. Wir wollen Heimat und uns gewinnen!
Ist aber dadurch, daß Seelenentwicklung an Landschaft gebunden wird, etwas Wesentliches und Notwendiges erreicht? Wir geben dadurch der Seele ihr Blut wieder: die Sinnlichkeit. Betrachten wir uns vorurteilslos den Seeleninhalt, den die sogenannte »Bildung« heute überwiegend übermittelt. Es sind oft leichtfertig nachgesprochene Buchurteile, buchstabenentsprungene Begriffsschatten ohne Erdverankerung. Und ein so von aller Sinnlichkeit losgelöstes Begriffssystem schwebt leicht wie Rauch in den Lüften, trägt nicht das Korrektiv der Anschauung in sich, kann sich darum zu den verschiedensten Gebilden zusammenziehen, und alle meinen, etwas Rechtes zu bedeuten. Mit geschickt zusammengesetzten Begriffen läßt sich alles beweisen und alles leugnen. Auf dieser Scheingrundlage des Begriffs ruht ein wesentlicher Teil des Geisteslebens der Gegenwart. Darum auch das verwirrende Bild, das sich uns darbietet. Erziehung durch Landschaft wird uns aus diesem Schattenreich erlösen. Unsre Sprache wird wieder dem Urborn der Sinnlichkeit entsteigen. Unsre Empfindungen und Vorstellungen werden von starken körperhaften Gefühlen begleitet sein. Denken und Phantasie wölben geformte Gebilde wie Bergketten. Unsre Seelen durchbraust der Atemschlag von Sturm, Regen und Sonne. Wir wachsen wieder aus der Erde. Die Mutter hat uns wieder, wir ruhen ihr im Schoß. Und mit uns wiegen sich Steine, Bäume und Tiere: Geschöpfe wie wir. Erziehung zum heimatlichen Menschen durch Landschaft bedeutet uns Wiedergewinnung der Erde.
Als zweites grundlegendes Erlebnis, das die Heimat übermittelt, nannten wir das Urerlebnis Mensch. Der Mensch stellt sich uns dar in einer geschichtlichen Reihe, die in die Tiefen der Vergangenheit führt, und in einer weitausgebreiteten Fläche, die in der Gegenwart liegt. Wie die räumliche, so öffnet sich auch die zeitliche Ferne erst im Alter des Jugendlichen. Wertvolle vorbereitende Übungen, Vergangenheit zu erschließen, können und müssen bereits im Kindheitsalter vorgenommen werden, aber wir betonen noch einmal, nachhaltende erziehliche Wirkungen sind erst in einem späteren Alter möglich. Die Heimat bildet den Ausgangspunkt für unsre Wandrung in die Vergangenheit. Aber die Altertümer, die in den Häusern verstreut liegen, die Denkmale, die ehrwürdig in Dorf und Stadt, in Wald, Feld und Heide aufragen, die lustigen und weinenden Überlieferungen, die echt und verzerrt in der Volkssprache strömen, sollen uns nicht zum blassen historischen Wissen werden. Unser Streben muß es sein, den Blutschlag zu erfühlen, der in ihnen pulst, die Seele fühlsam wieder zu gewinnen, aus der sie als geformter Inhalt heraustraten. Die Seelenform unsrer Ahnen muß von uns auf Grund der Äußerungen, die sie hinterließen, lebendig nachempfunden werden. Nur eine so eindringende und einfühlende Betrachtung der Denkmale kann in uns das Bewußtsein wecken, historisch verwurzelt zu sein. Unsre Seele erkennt sich als schöpferische Kraft wieder in denen, die vor uns waren. Gerade wir Menschen schnellebiger und hochdifferenzierter Zeiten, in denen die Bande der Familie, der Sippe, der Landsmannschaft, die Bande der primitiven Gemeinschaftsformen, gelockert sind, leben eintägig, historisch unbelastet dahin, weil alle unsre Energien vom gierigen Heute verschlungen werden. Historische Bindung aber stößt nicht nur Perspektiven in die Vergangenheit auf, sondern auch in die Zukunft. Wir fühlen uns eingeordnet in ungeheures und unaufhaltsames Geschehen. Dieses Empfinden gibt allem unsern Tun Weihe und Würde, es steigert unser Verantwortungsgefühl.
Doch wir werden uns nicht in knechtischer Ehrfurcht vor überlieferter Vergangenheit beugen. In uns lodern andre Lebensgluten wie in unsern Ahnen, unbändigere Stoffmassen wollen von uns gestaltend bezwungen werden. Darum wird bewußtes Einordnen in die Ahnenreihe nicht unser Selbst erlöschen, sondern zum höchsten Tun steigern. Erdgebunden durch unsre Erziehung in der Landschaft, blutgebunden in unvergänglicher Ahnenreihe, wenden wir uns zum Heute und zum Morgen. Da stehen die Menschen neben uns nicht mehr als Verkörperungen feindlicher Mächte, die uns durch Neid und Mißgunst schädigen, durch Stumpfheit zerreiben wollen, wehmütig erkennen wir sie als Splitter eines zerschlagenen Gemeinschaftsringes. Erziehung in der Heimat bringt uns das so lebensnotwendige Gemeinschaftserlebnis, das wir alle nur einen kurzen Augusttraum hindurch erleben durften. Der heimatliche Mensch wird, und sei es durch große persönliche Opfer, den Weg zum Herzen seiner Volksgenossen wiederfinden. Dann werden sich Hände spannen von Landschaft zu Landschaft, von Heimat zu Heimat, und die Glutenmassen können sich noch einmal ausformen zum schwingenden Gestirne Volk. Durch Erd- und Blutbindung der Heimat zur tiefen Volksgemeinschaft, das ist uns Erziehung zum heimatlichen Menschen.
Der Mensch, der im braunen Boden wurzelt und bewußt in das Schicksal eines Volkes verflochten ist, vermag ohne Schaden in räumliche und geistige Fernen einzudringen. Er ist der Feind alles ziellosen Flatterns und naschenden Herumschweifens, er ist in sich ruhende Einheit. Er trägt in sich einen Kraftpunkt, um den fremde Massen sich lagern, er wird, wenn er die Geistigkeit dazu besitzt, die höchsten Werte fremder Völker im langsamen Wachstum durchdringen wie ein sich dehnender Baum, Ring an Ring seinem Wesen ansetzend. Dann ist Geistigkeit kein schwerkraftloses Begriffssystem mehr, sondern durchbluteter Wuchs. Verantwortungsbewußt steht der heimatliche Mensch Volk und Erde gegenüber. In Ehrfurcht wird er den Leib des Volkes und der Erde pflegen, ein Hochbild seiner Heimat und seines Volkes liebend gestalten. Die Heimat ist dem heimatlichen Menschen Wurzel- und Wipfelpunkt aller Werte.