Weihnachten im Landesmuseum für Sächsische Volkskunst
Von O. Seyffert
In der Weihnachtszeit hat unser Museum seine festlichen Tage. Die langen Reihen seiner Fenster leuchten abends hell in den Schnee hinein und wetteifern mit den Lichtern des nahen Zirkus. Dunkel, fast unheimlich, liegt der große Steinkasten, das Finanzministerium, ihm gegenüber. Und noch ein zweiter, ungewohnter Anblick wird der staunenden Nachbarschaft zuteil. Aus den Feueressen des Jägerhofes kringelt sich tagsüber blauer Rauch. Der wackere Heizer des Zirkus hat auch hier seines Amtes gewaltet und versorgt emsig und mit sicht- und fühlbarem Erfolge die zwei Gebäude, eine Bildungs- und eine Vergnügungsstätte.
Tausende pilgern in diesen Tagen zum Landesmuseum. Das lohnt sich aber auch.
Hier stehen überall geschmückte Weihnachtstannen, die aber eigentlich Fichtenbäume sind. Im Erzgebirge, in den Pfaffrodaer Waldungen, ist ihre Heimat. Ihr Christbaumschmuck ist durch öffentlichen Wettbewerb gewonnen. Volksschulen, die Akademie für Kunstgewerbe, Männer und Frauen haben daran teilgenommen. Wir wollen die Volkskunst nicht als antiquarischen Begriff ansehen. Sie soll, mehr als bisher, wieder in die Familien und überall hindringen und hier Glück schenken. Unser alter Grundsatz ist: Ein Menschenkind, daß sich seine Feste selber schafft, ist reich, und arm, ganz arm ist dasjenige, das sich alles kaufen muß. Wohl kann man sich Vergnügungen erkaufen, Feste aber, die den inneren Menschen angehen, muß man sich selbst gestalten. Weihnachten muß ein solcher Tag sein. Kein Volk auf der weiten Erde hat es so zu einem Feste aller Feste emporwachsen lassen, wie das deutsche, kein Volk empfindet es so heimatlich innerlich, wie das deutsche. Freilich, viele glauben, mit einem Gänse- oder Hasenbraten, mit »selbstgebackenen« Stollen ist eine würdige Feier gewährleistet. Wer Geld hat, kann ja nach uraltem Gebrauch auch des Magens gedenken. War doch bis in das Mittelalter es also zur Jahreswende üblich, begingen doch auch unsre Vorfahren, die alten Germanen, in dieser Zeit ihre reichlichen Gelage, die sie den Toten zu Ehren gaben.
Der lichterstrahlende Weihnachtsbaum ist der Mittelpunkt des Christfestes geworden.
Er ist aber noch nicht alt – in Deutschland finden wir urkundlich die ersten Nachrichten über ihn im siebzehnten Jahrhundert. Aber ist die Sitte deshalb etwa weniger schön, weil sie nicht urgermanisch ist, wie so viele denken? Kann nicht jeder Tag etwas Wundersames hervorbringen? Die Welt wäre ja entsetzlich arm, wenn dies nicht der Fall wäre.
Nun ein Wort über unsre Ausstellung.
Abb. 1 Selbstgefertigter Christbaumschmuck aus buntem Glanzpapier
Da gab es einen Baum, über und über mit rotglühendem Schmucke besäet, da hatten kleine Mädchen allerhand goldglitzernde Gebilde aus Papier gezaubert, da waren Glöckchen und Rosetten aus bunten Hobelspänen, die von einer Werkstatt erzählten. Dort leuchtete strahlend ein Transparent, aus dem die dunkelgrüne Fichte wuchs. Dort hatten fleißige Kinder viele kleine, grellfarbige Häuschen aus Glanzpapier verfertigt. Das war echte, rechte Freude, das sah überaus lustig aus! Und wenn nach dem Feste die Häuslein vom Baume genommen wurden, da konnte man mit ihnen eine große Märchenstadt erbauen und darinnen spazieren gehen und noch im Sommer von der schönen Weihnacht träumen. Aber noch buntere, noch reichere Fröhlichkeit strahlte der große Baum im Volkstrachtenraum aus. Den hatte ein Vater mit seinen artigen Kindern ersonnen. Hier war ein ganzes Bilderbuch lebendig geworden. Goldne Glocken, allerhand Getier, Kometen mit silbernem Schweif, Trompeten, Schaukelpferdchen, Monde und Sterne – ich kann die vielen Dinge wahrlich nicht aufzählen – hingen an den grünen Zweigen. An dieser Kinderherrlichkeit konnte ich mich nicht satt sehen, es gab immer neue Überraschungen. An einem andren Baume funkelten feierliche Sterne. Da dachte man, die seien alle vom Himmel gefallen und just auf den Weihnachtsbaum. Und in der Großschönauer Damastweberstube hatten sich weiße Schneeflocken und Eisgebilde ein Stelldichein gegeben. Sie waren wohl erst unentschlossen durch die Winternacht getaumelt und hatten sich dann auf dem Baum herniedergelassen. Wer aber genauer hinsah, entdeckte, daß es allerhand kunstreich zusammengelegte weiße Papiersterne waren.
Abb. 2 Selbstgefertigter Christbaumschmuck aus Papier und Hobelspänen
Und nun die Pfefferkuchen!
Auch sie waren besonders entworfen und mit süßem Zuckerguß versehen worden. Als Gegenbeispiel wirkten die mit aufgeklebten Bilderzierat versehenen. Ein Junge fragte: »Nicht wahr, beim Essen muß man das Papier wieder ausspucken?« Ein besseres Urteil können wir auch nicht abgeben. Kleine Krippen und allerhand Christbaumgebilde, von sinniger Hand gemeistert, zeigten reiche Gestaltungsfreudigkeit.
Wir bringen in unsern Bilderbeilagen einige Proben. Vielleicht geben sie Anlaß, daß zur nächsten Weihnacht fleißige Kinder sich regen werden und vielleicht schickt uns dann der oder jener kleine Freund einige Beispiele seiner Kunst. Es braucht wahrlich nicht etwas ganz Neues zu sein. Weihnachten ist keine Messe, wo man immer nach den »neuesten Schlagern« sucht.
Und zwischen den Bäumen erzählten Pyramiden von alten Sitten oder von unserm Erzgebirge, wo sie jetzt noch heimisch sind.
Eine besondere Freude ward nun den vielen Besuchern zuteil, wenn im Museum Weihnachts- und Volkslieder gesungen wurden, oder wenn Heimatdichter von dem Reichtume der sächsischen Mundarten Kunde gaben. Es ist unmöglich, hier aufzuzählen, wie viele liebe Helfer und Helferinnen uns erfreut haben. Ein jeder Tag brachte neue Gaben. Herzlichen Dank allen! Besonderen Dank Herrn Studienrat Richard Bürckner, dem Nimmermüden. Am liebsten war es aber doch wohl den Besuchern, wenn sie selber sangen. In einem Museum zu singen, ist ebenso ehrenvoll wie genußreich. Das Lied vom Tannenbaum machte stets den Anfang. Oben im ersten Stockwerk, unter der größten Tanne, die aber eigentlich eine Fichte war, bildete der Sang vom Vugelbeerbaam den Beschluß.
Ein jeder konnte, wenn sein Wunsch vom Museumsleiter gebilligt worden war, mitwirken. Etwas verschenken, etwas geben, ist ja Weihnachtsbrauch.
Lustig ist folgendes Erlebnis.
Ein junger Mann frug mich schüchtern, ob er nicht vielleicht auf einer im Museum ausgestellten Ziehharmonika einige Volksweisen spielen könnte? »Aber ja, mein Freund, jeder volkskundliche Beitrag ist hier willkommen.«
Fast hätte ich die Angelegenheit vergessen. Da hörte ich, in weiter Ferne, die Klänge der »Orgel des kleinen Mannes« – – wie etwa an Sommerabenden, wenn man durch reifende Felder wandert und ein leiser Wind die Töne vom nächsten Dorfe herüberträgt. In dem oberen Stockwerke des Museums drang aber besagtes Musizieren energischer an mein Ohr. Ich forschte nach dem Urheber. Er hatte sich ungeeigneterweise in die wendische Wöchnerinnenstube gesetzt und entlockte, als ich ankam, soeben vor dem mit Bändern behangenen Himmelbette seinem Instrument den Radetzkymarsch. Und ich weiß, Mutter und Kind wollten soeben schlafen. Auf mein Zureden übte er seine Fertigkeit dann in der Weberstube aus, und er erwarb sich dort meinen Dank und den vieler Zuhörer. Hier war er am Platze.
Aber auch kurze Christspiele – ein Gymnasium führte ein solches sogar mit Chorgesang und Orchester auf – wurden uns gegeben. Hier, ohne Bühne und allen Beleuchtungskünsten, wirkten sie wie Offenbarungen.
Eines Abends war es. Wir alle hatten eben mit Hingebung das Lied »O Tannenbaum« gesungen. Ich freute mich, daß die Anwesenden den Wortlaut der drei Strophen auswendig konnten. Da kam ein kleines Mädel zu mir. Ein Dreikäsehoch mit hellen Augen und steifem Zöpflein. »Wir möchten auch ein ganz kleines Christspiel aufführen. Wir sind unsrer fünfe. Fünf Minuten wirds dauern. Wo können wir uns denn umziehen?«
Die Mädchen trippelten mir nach, ich führte sie in mein Zimmer. Das Umkleiden dauerte reichlich lange, ich glaube, ein Othello hätte nicht mehr Zeit dazu gebraucht. Aber die Kinder hatten sich nicht wie er geschminkt, hatten keine Perücken aufgesetzt und sich kein flittriges Maskenzeug angezogen. Maria trug ein rotes Kopftüchlein, ein Dirndelkleidchen und eine schneeweiße Schürze – die Mutter hatte sie sorglich geplättet. – Der Joseph war ein ehrsamer Zimmermeister mit langen Hosen. Sein breiter Schlapphut bedeckte ein liebes Mädchengesicht.
Und die Englein.
Zweie hatten Hemdchen an, auf die goldne Sterne genäht waren. Das dritte trug ein helles Sommerkleid. Auf den blonden, herabfallenden Haaren blinkten Papierkronen.
Abb. 3 Selbstgefertigter Pfefferkuchen als Christbaumschmuck
Das Spiel, das vor dem Altar im Raume der Grabkreuze stattfand, begann. Joseph und Maria wiegten das Christkindlein, das eine Puppe mit gesunden, roten Backen war, in den Schlaf. Hell und rein klangen die Stimmen. Sie sangen nicht nur das Kind, sondern sich selbst in den Schlummer. Und da nahte auf den Zehenspitzen das erste Englein. Es brachte dem Heiland Brot, eine Bemme, stark mit Margarine gestrichen. Das zweite brachte dazu edlen Burgunderwein. Es hielt in seinem Patschhändchen einen Eierbecher aus blankem Messing. Das letzte Englein trug eine brennende Kerze, an der das heilige Kind in kalter Nacht sich wärmen sollte. Alle dreie sangen andächtig ihre Sprüche, sie glaubten wohl selber, daß sie Englein seien. Ich glaubte es.
Die Anwesenden waren gerührt ob der schlichten Gabe, die hier aus reinen Herzen geschenkt wurde. Und manche faßten den Entschluß, in kommender Weihnachtszeit ihre Kinder im eigenen Heim Ähnliches zu lehren, ihnen und sich zum Glück.
Und nun zuletzt will ich noch ein Märchen, das ich erlebt habe, erzählen.
Abends nach Schluß der Ausstellung ging ich oft nochmals durch die Museumsräume, um mich zu überzeugen, ob die Lichter verlöscht seien. Ich kam nach dem Raum, in dem der geschnitzte, buntbemalte kleine Altar, Maria mit dem Christkind darstellend, steht. Ein schwacher, letzter Lichtstrahl huschte noch über das wunderliebliche, süße Antlitz der Madonna. Da war es, als ob mir jemand leise etwas zurief. Ich blieb stehen. »Ich war es,« sagte die Maria, »ich will dir etwas sagen.«
»Du weißt, ich bin schon sehr, sehr alt.« »Ja, das ist wahr, du stammst etwa aus dem Jahre 1420.« »Du kannst recht haben – nein, was so ein Museumsdirektor nicht alles weiß! Zu der Zeit, als ich noch jung war, lebten auf Erden viel weniger Menschen, als heute, und sie waren ganz andrer Art. Ich finde mich oft nicht mehr zurecht.« »Da tröste dich, Maria, mir geht es manchmal auch so.« »Eines war in jenen Tagen wundersam schön, es gab noch einfache Menschen und noch nicht soviel Kunst. Aber die es gab, die war blühende lebendige Volkskunst.«
»Ich stand in einer kleinen Dorfkirche einige Jahrhunderte lang. Eines Tages wurde ich abgebaut. Nicht wahr, so sagt man doch heutzutage.« »Ja, doch jetzt wartet man nicht jahrhundertelang, wie anno dazumal.« »Dann kam ich auf den verstaubten Kirchenboden, wo viele, viele Spinnweben mich sorgsam einhüllten. Dort habe ich das Träumen gelernt. Seit zehn Jahren bin ich nun in deinem Museum. Die Spinnweben, die mir treu geblieben sind, werden hier von sorgender Hand entfernt. Viele Menschen gehen vorüber und werfen nur einen flüchtigen Blick auf mich. Andre betrachten mich lange, lange sinnend und einige haben mich sogar abkonterfeit. Da nahte die Weihnachtszeit und du hast mich mit deinen Schülerinnen gar köstlich mit Reisigranken und silbernen und goldenen Sternen geschmückt. Ich glaube, so festlich habe ich schon einmal vor vielen Jahrhunderten ausgesehen. Nun aber erlebte ich das Schönste, das Allerschönste in meinem Dasein. Jeden Tag kamen Männer, Frauen und Kinder. Die sangen liebe Weihnachtslieder und liebe Volkslieder. Du weißt, ich bin schon sehr alt. Ich stamme aus dem Jahre 1420. Aber das war das Allerschönste, auf das ich mich besinnen kann.« Das Altarbild schwieg, das Märchen war aus – –
Und wenn ich nicht gestorben bin, so lebe ich heute noch.