Mein Wacholderhübel
von Paul Apitzsch, Ölsnitz i. V.
(Aus dem bei Franz Neupert, Plauen, im Herbst erscheinenden südvogtländischen Wanderbuche: »Wo auf hohen Tannenspitzen«)
Ein moderner österreichischer Schriftsteller, Arman Reis, stellt die Behauptung auf, daß »der Gegenwartsmensch in der Länderkunde der reine Gehirnathlet sei und daß er das Ungesehene und Unbegriffene kübelweis seinem Gedächtnisse einverleibe«. Und in der Kenntnis der Heimat, füge ich hinzu, krankt er an chronischer Überbescheidenheit, so daß er die Hydrographie und Topographie Afghanistans, die Zoologie und Mineralogie Belutschistans besser kennt als die pflanzlichen und tierischen Lebewesen des Straßengrabens, der an seinem Hause vorüberführt. Es wird höchste Zeit, daß eine starke und allem Anschein nach erfolgreiche und nachhaltige literarische und pädagogische Strömung heranbraust, um die Überschätzung fremder und die Unterschätzung heimischer Natur, Kultur und Kunst in gesunde Bahnen zu leiten. Mag das Auge sich weiden am Firnglanze des Hochgebirges. Es soll sich auch freuen können beim Anblicke der bescheidenen Waldkuppen des deutschen Mittelgebirges. Mag das Ohr sich berauschen am Branden der Adria. Es soll auch Gefallen finden am murmelnden Bächlein des Heimatwaldes. Mag der Mund preisen die stolzen steinernen Zeugen der vergangenen Kultur Italiens. Er soll auch Worte finden zum Ruhme der Schönheit heimischer Kunstwerke und Kulturwerte. Und sie ist so schön, die Heimatscholle. Nicht nur in ihren Glanzstücken und anerkannten Sehenswürdigkeiten. Auch in ihren abseits gelegenen und unbeachtet schlummernden Einzelheiten und Kleinigkeiten.
Vom Hohen Kreuz, südwestlich der Teppichstadt Ölsnitz, senkt sich die nach Bayern führende Staatsstraße hinunter zum Schwarzen Teich. Jenseits desselben steigt sie mählich zum Walde empor. Da, wo der Wald zur Linken aufhört, steige ich, die Straße hinter mir lassend, den schwach geneigten Abhang hinauf. Aus dem gebänderten cambrischen Tonschiefer erheben sich zwei Diabaskuppen, die auf der geologischen Generalstabskarte Sektion Bobenneukirchen–Gattendorf die Höhenbezeichnungen 535,4 und 534,2 tragen. Erstere nenne ich meinen Wacholderhübel, letztere meinen Quarzhübel. Ich pflege Punkte, die ich auf einsamen Wanderungen öfter besuche, zu benennen. Es brauchen dies nicht immer Namen zu sein, die, wie hier, ein charakteristisches Merkmal der betreffenden Erdstelle zum Ausdruck bringen. Sie sind mitunter entstanden in Anlehnung an kleine, völlig unbedeutende, rein persönliche Erlebnisse und Erinnerungen. Und so habe ich denn, außer den allgemein bekannten und von alters her festgelegten geographischen Ortsbezeichnungen, eine Sammlung eigner Benennungen, die keine Karte kündet, kein menschliches Wesen außer mir kennt.
Also Wacholderhübel. Eine einsame Heidekuppe. Kaum merklich gewölbt, tragen Höhe und Hang vereinzelte Kiefern und Birken. Einen geschlossenen Waldbestand zu ernähren, würde der kärgliche Boden wohl schwerlich imstande sein. Das überaus langsame Wachstum der wenigen Holzgewächse ist eine natürliche Folge des Steinreichtums, der dünnen Humuskruste und der Nahrungsarmut des Untergrundes. Kiefern und Birken wachsen mehr in die Breite als in die Höhe. Die ungeschützte Lage und der rauhe Nordwind haben ihnen gelehrt, bescheiden in ihrem Streben nach oben zu sein. In ihren Ansprüchen hingegen läßt die Birke die Bescheidenheit völlig missen. Sie saugt den an und für sich dürren Boden derart aus, daß eine junge Nadelholzanpflanzung, die von Birken durchsetzt ist, an Wassermangel leidet und schließlich schonungslos zu Grunde gehen muß. –
Abb. 1 Vogtländischer Wacholder in Obergettengrün bei Adorf Derselbe Baum, wie unter Abb. 2, aber von oben her gesehen, vom Häuschen des Schneidermeisters Müller aus. Das Tal ist das Zinnbachtal, der Zinnbach geht ins Tetterweinbachtal und dieses unterhalb Adorf in die Elster
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)
Die weiße Birke und die weiße Taube: Symbole der bedrängten und bescheidenen Unschuld. So schön beide Vergleiche klingen, so falsch sind sie; und ihre immer wiederkehrende Anwendung in Poesie und Prosa zeugt von wenig Naturbeobachtung. Es gibt kaum ein unverträglicheres, selbstsüchtigeres, liebloseres Geschöpf als das »unschuldige Täubchen«. Und im Unschuldskleide der keuschen Birke verbirgt sich der krasseste Egoismus eines rücksichtslosen Räubers und Mörders.
Wacholderhübel. Schwarzes Gestein steht an. Vor Jahren mögen hier Steine gebrochen worden sein. Genau auf dem Gipfel des Hügels ist so ein Bruchloch beständig mit Wasser gefüllt. Buntbauchige Kammolche beleben an sonnigen Vorfrühlingstagen den Tümpel. Eines der vielen Naturrätsel, wie diese typischen Wassertiere hier heraufgekommen sein mögen. Kätzchen von Salweiden treiben auf der unbewegten kleinen Wasserfläche. Keck wippt eine Bachstelze auf dem einzigen inselartig herausragenden Felsblock. Im Sommer wuchert weißer Hahnenfuß an den Rändern. Das dunkle Gestein ringsum ist mit zierlichen Becherflechten und dünnwebigen Flechtenflecken besät. Und rundherum hochstämmige Wacholderbüsche. Aus dem Gewirr von Heidekraut und Brombeergerank, aus dem Teppich von Preiselbeerlaub und Katzenpfötchengefilz recken zwei bis drei Meter hohe, ernste Wacholderbäumchen kerzengerade empor. Sie schauen weit hinaus ins Waldland.
Abb. 2 Vogtländischer Wacholder in Obergettengrün bei Adorf Es ist der größte, etwa 5 Meter hohe vogtl. Wacholder, der vor mehreren Jahren auf meinen Antrag hin unter Schutz genommen wurde. Das Häuschen dahinter ist das des Herrn Schneidermeisters Gottwald Müller, der gleichzeitig als nächster Nachbar der vom »Sächs. Heimatschutz« bestellte »Pfleger« ist
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)
Ich liebe ihn, den kraftvollen, wetterharten Wacholder. Nicht das Ruppige und Struppige, nicht das Stachelige und Widerspenstige, nicht das Düstere und Unheimliche seines Wesens ist es, was mir ihn wert macht, sondern seine Anspruchslosigkeit, seine eiserne Zähigkeit, sein stolzes Selbstbewußtsein im Vertrauen auf ureigene Kraft. Er verschmäht es, Schutz zu suchen unter dem tiefhängenden Kieferngeäst. Verächtlich schaut er auf das niedere Pflanzengewirr, das hilfeheischend dort unterkriecht. Nur vor den beiden gleich wetterfesten Genossen draußen am Feldrande, vor Schlehdorn und Wildrose, hat er Achtung. Und noch höher steht der Wacholder als beide. Denn Schlehdorn und Heckenrose wachsen in Gruppen und Sippen beieinander, nicht allein der lieben Geselligkeit willen, sondern um gemeinsam den Unbilden und Fährnissen entgegentreten zu können, während der Wacholder auch dieses Hilfsmittel von sich weist. Er ist das Sinnbild des starren, zähen, unbeugsamen Selbstbewußtseins; und auch das Symbol der hastlosen, besonnenen Entwicklung. Während jede andre Pflanze den Zeitraum vom Frühling bis zum beginnenden Winter benötigt, um die Früchte zur Reife zu bringen, braucht der Wacholder zwei Jahre dazu. Im ersten grünt, im zweiten bläut er sie. Ebenso bedächtig ist er im Wachstum. Die kaum fingerstarken Stämmchen guckten schon übers Heidekraut, als die jetzt manneshohen Fichten geboren wurden. Diese Wacholderbäumchen kommen mir immer vor wie die Liliputaner, jene kleinen Menschen mit den alten Gesichtern, die mit klugen Augen und feinspöttischer Überlegenheit den Dünkel der größeren Menschen belächeln.
Im Preiselbeergeäst des Waldbodens sind zahllose Spinnengewebe ausgespannt. Ich beuge mich nieder und betrachte so ein wagerecht gehängtes Fangnetz. Drinnen liegt ein dicker Tautropfen. Mit unheimlicher Schwere zieht die quecksilberne Kugel nach unten. Jeden Augenblick kann die Katastrophe eintreten. Klopfenden Herzens hockt der kleine Textilarbeiter am Rande und harrt des Zusammenbruchs seines kunstvollen Gewebes. Jetzt schießt ein Sonnenstrahl heran und läßt den gefangenen Tropfen in allen Regenbogenfarben erglühen. Aber das Spinnlein hat keinen Sinn für Romantik und schwärmt nicht für Rückert und Robert Schumann, deren Ritornell
– – – – stand im Tau,
Es waren Perlen grau.
Als Sonne sie beschienen,
Wurden sie zu Rubinen
es völlig kalt lassen würde; denn es ist ihm schließlich gleichgültig, ob der dicke Tautropfen als graue Perle oder als roter Rubin das Netz durchbricht.
Über den schmalen Heidepfad hastet ein prachtvoller Carabus. Der glänzende Leib dieses Goldlaufkäfers will mit seinem exotischen Gefunkel gar nicht in das Ewiggrau des deutschen Heidebodens passen. In seinem raschen Laufe bemerkt er nicht, wie sein Vetter, der stahlblaue Roßkäfer, sich um eine eiförmige Pille Hasenlosung bemüht, die auf dem Heidewege liegt. Die unästhetischen Menschen nennen ihn verächtlich »Mistkäfer« und vergessen ganz und gar, daß er, in Gemeinschaft mit Totengräber und Ameise, die Sanitätskolonne des Waldes verkörpert. Da steht doch der ungebildete Beduine der marokkanischen Wüste kulturell höher als der dünkelhafte Europäer. Der Sohn der Sahara zollt einem nahen Verwandten des Mistkäfers, dem pillendrehenden heiligen Skarabäus göttliche Verehrung. Trotz der hohen Verwandtschaft und ungeachtet des prächtigen Kleides erfreut sich der Mistkäfer keiner bedeutenden Hochachtung. Denn einmal umgibt er sich als Mitglied der Düngerabfuhrgesellschaft mit wunderbarem Parfüm, und zum andern wird die haarige Unterseite seines Leibes von kleinen, grauen Parasiten bewohnt. Also in jeder Beziehung ein sogenannter »netter Käfer«. –
Ein auffliegender Trauermantel hebt unsern Blick aus der schwülen Atmosphäre der Erdnähe in die unbegrenzte Höhe des Äthers. Das Auge ist geblendet und muß erst, nachdem es die winzige Kleinwelt des Waldbodens aus kürzester Entfernung beobachtete, auf das weite Gesichtsfeld eingestellt werden. Es ist eine wundersame Eigenschaft des menschlichen Auges, daß es befähigt ist, urplötzlich den Übergang vom Sehen in die Nähe zum Schauen in die Ferne und umgekehrt herzustellen. Die einzige Unvollkommenheit des Sehorgans, die Begrenztheit des Gesichtsfeldes, hat menschliche Denkkraft durch Erfindung der vergrößernden Linse zu mindern gesucht. Mikroskop und Teleskop geben die Möglichkeit, die Zwerggestalten der Nähe zu erforschen, die Riesengebilde der Ferne zu bewundern.
Ich starre ins Weite. Waldwelle hebt sich über Waldwelle. Waldkuppe reiht sich an Waldkuppe. Und da packt sie mich doch, die Sehnsucht nach der weiten Welt. Ich sträube mich vergebens. Ich bin nicht wert, ein Verkünder heimischer Schönheit zu sein. Hinter den Waldbergen gegen Süden schaue ich ferne Schneehäupter und sehe Pinien und Zypressen an blauen Seegestaden.
War die Betrachtung der nahen Umwelt zufriedenes Genießen, so löst der Blick in die Ferne qualvolles Sehnen aus. Glücklich der Mensch, der wunschlos in die Weite zu schauen vermag. Beneidenswert nennen ihn die einen – bedauernswert die andern. Sonnenfrohe, zufriedene Alltagskinder, der lichten, leichtblättrigen Birke vergleichbar. Schwerblütige Grübler und Träumer, Wacholdernaturen, tiefwurzelnd im Mutterland und doch behutsam tastend zur Höhe strebend. Eng beieinander wohnen so wesensfremde Menschen. Und so steht auch neben dem düstern Wacholderhübel mit seinem dunklen Gestein und seinen an Friedhofszypressen gemahnenden Wacholderpyramiden ein lichter, freundlicher Gesell: mein Quarzhübel. Blendendweißes Gestein steht an. Hier beginnt im Kambrium ein merkwürdiger Quarzzug, der sich in einer Breite von wenigen Metern und in einer Länge von 2,4 Kilometern in genau nordsüdlicher Richtung hinzieht. Der Quarzgang ist nicht leicht zu verfolgen, da dichte Walderde ihn deckt. Nur wo gerodet worden ist, liegen zu tausenden die hellen Kiesel wie bleichendes Gebein. –
Drunten im Tal hebt das Feierabendglöcklein an zu klingen. Über den Waldkämmen des Haselrainer Platzerberges und des Bobenneukirchner Pfaffenberges liegt mattgolden der Schimmer des scheidenden Tages.
Und drüben auf meinem Wacholderhübel schluchzt liebesselig eine Amsel ihr Abendlied.
Von meinen Besuchen bei den höchsten Herrschaften von Dresden[2]
Von Bernhard Hoffmann
Die freundlichen Leser und vielleicht mehr noch die Leserinnen dieser Zeilen werden von vornherein gespannt sein zu erfahren, wer die »höchsten Herrschaften« von Dresden sind und wo sie wohnen. Es sind nicht etwa die »höchsten Herrschaften« im alten Sinne, denn die gibt es auf Grund des allerhöchsten Volkswillens heute nicht mehr. Auch diejenigen, welche jetzt die höchsten Stellen bekleiden, sind nicht gemeint. Man könnte ferner an den Kreuztürmer und seine Familie denken, aber man ist da ebenfalls auf dem Holzwege. Vielmehr handelt es sich um ein Ehepaar, das von auswärts, und zwar wahrscheinlich von sehr weit her – möglicherweise gar aus dem Auslande – zugezogen ist und sich inmitten der Altstadt niedergelassen hat, ohne erst beim Wohnungsamt um Zuweisung der entsprechenden Räumlichkeiten nachzusuchen. Das soll ja auch sonst manchmal vorkommen. Aber das Unerhörteste dabei ist, daß sich das betreffende Ehepaar dem Wohnungsamt auf – oder besser über die Nase gesetzt hat, so daß es sich tagaus tagein in geradezu herausfordernder Weise den Herren des Wohnungsamtes vorstellt und »von oben herab« auf sie niederblickt. Dabei genießt das Paar die herrlichste, schönste Fernsicht; es ist dem Lärm, Staub und Ruß der Stadt entrückt, badet sich alltäglich im klarsten Sonnenschein oder im reinsten Regenwasser, und für alles das zahlt es weder Steuern noch Abgaben! Ja, das Ehepaar hat sich sogar bald nach seiner Ankunft eine Wochenstube eingerichtet, in der nach der üblichen Zeit – es ist kaum zu glauben – Fünflinge zur Welt gekommen sind. Doch da habe ich schon recht vertrauliche Dinge berührt. Deshalb ist es wohl an der Zeit, daß ich Namen und Wohnung der höchsten Herrschaften verrate. Es handelt sich um ein Ehepaar namens Turmfalk, welches in der Höhe des neunten Stockwerks vom Rathausturm – d. h. etwas über fünfzig Meter vom Erdboden entfernt – eine, wenn auch bescheidene Wohnung bezogen hat, wobei es dem Kreuztürmer tatsächlich noch um ein beträchtliches Stück »über« ist. Schon Anfang März stellte ich Turmfalkens Ankunft fest. Obgleich ich sonst höheren und höchsten Herrschaften gegenüber immer eine gewisse Zurückhaltung gewahrt habe, verlangte ich diesmal doch nach einer näheren Bekanntschaft, natürlich nicht eher, als bis ich annehmen konnte, daß das Paar hier seßhaft geworden war. Das dauerte allerdings ziemlich lange, so daß ich erst Anfang Mai einen Besuch wagte. Zunächst galt es, die Wohnung von Turmfalkens aufzufinden, da eine polizeiliche Meldung bisher nicht erfolgt war. Ich vermutete die Wohnung schließlich in einer, meinen Blicken leider nur äußerst wenig zugänglichen Vertiefung zwischen den Unterbauten eines mächtigen Säulenpaares an der Wetterseite des Turms. Und richtig! Als ich mich zwischen einer Brüstung und der Turmmauer etwas emporgearbeitet hatte und den Kopf ein wenig hinter die eine Säule zu schieben suchte, strich Frau Turmfalk, die ich sofort an dem Fehlen des Aschgrau in der Farbe ihres Kleides erkannte, höchst ungehalten ab. Ihrem Ärger gab sie durch verschiedene Scheltrufe unverhohlenen Ausdruck. Ich vernahm von h3 an stark hinaufgezogene wriiiiii und kurze, in der Höhenlage wechselnde kjig, kjig, oder kig usw. Im ganzen bewegten sich diese Rufe zwischen gis3 und e4. Wohl wagte Frau Turmfalk einmal, in ihr Heim zurückzukehren, aber eine geringe Bewegung meinerseits verscheuchte sie sofort wieder, so daß ich selbstverständlicherweise »nicht weiter stören« wollte und den Rückzug antrat. Nur über ihren Verbleib wollte ich vorher noch Gewißheit haben. Ich entdeckte sie schließlich mit dem Glase drüben auf dem Kreuzturm, hoch oben auf der stark gewölbten Steinkuppel, welche die metallne Turmspitze trägt. Hier saß sie nicht weit von ihrem Herrn Gemahl, den meine Aufdringlichkeit und die Erregung seiner Gattin völlig gleichgültig zu lassen schien. In seiner Nähe sah ich auf den Steinen zahllose weiße und grauweiße abwärts verlaufende Streifen; es waren die Kotüberreste des Turmfalkenpaares, das da drüben – naturalia non sunt turpia – seinen Abort angelegt hatte; er entbehrte sogar der Spüleinrichtung nicht, die allerdings nur bei Regengüssen in Tätigkeit trat. Der Abort war zwar von der eigentlichen Wohnung recht weit entfernt; aber einmal kommt das auch in den Behausungen der Menschen – besonders auf dem Lande – vor, und zweitens war diese Entfernung für Turmfalkens ja nur ein – Katzensprung!
Als ich am elften Mai meinen Besuch wiederholte, flog das Weibchen abermals sofort laut schreiend ab, diesmal weit über Friedrichstadt hinaus. Ich benutzte die Gelegenheit, die Wohnung von Turmfalkens soweit als möglich in Augenschein zu nehmen. Leider gelang mir das, da der Spalt zwischen Mauerwerk und Säule nur ungefähr elf Zentimeter breit war, sehr wenig. Doch konnte ich feststellen, daß die ganze Wohnung aus einem einzigen, langgestreckt-rechteckigen, vorn und oben offenen Raum zwischen den Sockeln des schon erwähnten Säulenpaares bestand; solch bescheidene Verhältnisse sind ja in Anbetracht der jetzigen allgemeinen Wohnungsnot leicht verständlich. Bei ihrer Rückkehr landete Frau Turmfalk an der bewußten Stelle des Kreuzturms in »seiner« Nähe. Sie hatte sich von draußen ein zweites Frühstück, wahrscheinlich eine Feldmaus, mitgebracht und verzehrte sie nun auf ihrem hohen Sitz, indem sie die Beute mit den Krallen festhielt und ab und zu ein Stück davon losriß. Der Raum zwischen den bewußten zwei Säulensockeln war demnach nur Wohn-, nicht aber auch Speisezimmer. Freilich allzustreng war die geschilderte Trennung nicht durchgeführt. In einer Ecke des »Wohnzimmers« bemerkte ich eine Anzahl vorwiegend grau gefärbter, länglich ovaler Gebilde von ungefähr zweieinhalb Zentimeter Länge und reichlich ein Zentimeter Breite, sogenannte »Gewölle«, die im Magen der Vögel aus unverdaulichen Teilen der aufgenommenen Nahrung gebildet und durch Speiseröhre und Schnabel wieder ausgespien worden waren. Bei näherer Untersuchung einiger Gewölle fand ich, daß sie zum größten Teil aus Mäusehaaren bestanden, deren Abstammung außerdem durch einen darin steckenden sehr kleinen Nagezahn erwiesen wurde. Doch ergab sich leider, daß auch sehr zarte und ein paar derbere Federchen, ja sogar unter anderem ein Unterschenkelknochen eines kleinen Singvogels in den Gewöllen enthalten waren, was meiner freundschaftlichen Gesinnung gegen Turmfalkens einen starken Stoß gab; sie »wilderten« gelegentlich, statt nur ihres Amtes als »Flurschützen« zu walten! Bald stellte sich eins von Turmfalkens in ihrem Heim wieder ein. Höchst vorsichtig schlich ich nochmals heran und hatte diesmal das Glück, den unteren Teil des Obergewandes in fast greifbarer Entfernung zu sehen, wobei ich bestätigt fand, daß ich auch diesmal Frau Turmfalk vor mir hatte. Alles andre blieb mir leider verborgen. Beim Fortgehen wollte mir deshalb keine volle Befriedigung kommen. Wenn zum Beispiel Frau Turmfalk schon die Wiege für ihre Kinder hergerichtet oder gar bereits für Zuwachs gesorgt hätte? Wie sollte ich das sicher feststellen? – Ich hätte ja wohl etwas weiter emporklettern können, um so einen tieferen Einblick in Turmfalkens Wohnung zu bekommen. Aber einmal war das bei der gewaltigen Höhe, in der die Wohnung lag, doch recht gefährlich, und dann hätte man meine Kletterei von unten aus bemerken und mich für einen, der Selbstmord begehen will, halten können, wozu ich aber nicht die geringste Lust verspürte, da das Leben jetzt so überaus schön ist, daß man nicht ohne weiteres von ihm Abschied nimmt. Es mußte demnach zu obigem Zweck eine ungefährlichere Methode ersonnen werden. Endlich war der Ausweg gefunden. Zu Hause wurde alles sorgfältig vorbereitet, und als ich am siebzehnten Mai zum dritten Male bei Turmfalkens antrat, schob ich einen, an einem schmalen Brettchen sicher befestigten Handspiegel, der um ein Scharnier drehbar und deshalb leicht verstellbar war, zwischen Mauerwerk und Säule hindurch und möglichst weit vor. Groß war jetzt meine Freude, denn Plan und Vorbereitungen erwiesen sich als vorzüglich. Ich erblickte sofort im Spiegel bei geeigneter Stellung desselben die Wiege fürs junge Volk und in ihr zunächst fünf verhältnismäßig große Eier!
Die Wiege bestand aus einem etwas lockeren, flachen Kranz von dünnen Zweigen und Ästchen, die mit der etwas erdigen Unterlage mehr oder weniger verschmolzen waren. Im Innern der Wiege fehlte aber ein wärmendes Federbett vollständig; hingegen bestand der flach muldenförmige Boden wiederum aus erdigen Teilen. Die Eier waren mehr rundlich, statt spitz eiförmig, ungefähr vier Zentimeter lang und drei Zentimeter breit. Sie zeigten eine hell rostbräunliche Färbung mit vielen dunklen Flecken, Schattierungen usw. Hochbeglückt von dem Gesehenen zog ich nach wenig Augenblicken den Spiegel zurück und verbarg mich etwas, um eine baldige Rückkehr von Frau Turmfalk zu ermöglichen. Andernfalls hätte der starke und verhältnismäßig kühle Wind die Eier leicht zu sehr erkalten und die Entwicklung des darin bereits vorhandenen Lebens unterbinden können. Zunächst freilich blieb Frau Turmfalk noch »drüben«, nicht weit von Herrn Turmfalk, der seine Kleidung mit dem Schnabel etwas in Ordnung brachte. Dabei sah ich, daß die schon erwähnten weißgrauen großen Flecken und Streifen auf der steinernen Wölbung in zwei Gruppen zerfielen. Es schien also dort ein Abort für Männer und einer für Frauen eingerichtet zu sein, was mir in den nächsten Augenblicken tatsächlich ad oculos demonstriert wurde. Bald danach kam Frau Turmfalk herüber. Während sie beim Abfliegen mit lautem kikikikikikekeke gescholten hatte, gab sie jetzt ihrer Befriedigung darüber, daß in ihrem Heim kein Einbruch oder Raub stattgefunden hatte, durch einzelne langgezogene und leisere kieg und kiej Ausdruck, so daß ich beruhigt in den Lärm und Strudel der Straßen zurückkehrte.
Da die Eier sicherlich erst nach dem 11. Mai gelegt worden waren und die Brutzeit der Turmfalken ungefähr vier Wochen dauert, war mit einer Veränderung der Lage vor dem 8. oder 9. Juni nicht zu rechnen. Nur auf Augenblicke weilte ich in der Zwischenzeit einmal auf dem Rathausturm, um nachzusehen, ob nicht irgendeine Störung bei Turmfalkens eingetreten war; ich fand aber alles in bester Ordnung. Sonach hätte ich vollauf zufrieden sein können; und doch bewegte mich schon wieder ein neuer Gedanke, ein neuer Wunsch! Wie herrlich wäre es, wenn ich trotz aller Schwierigkeiten von der Wochen- und Kinderstube Turmfalkens ein paar photographische Aufnahmen machen könnte!
Gedacht – getan! Am 8. Juni ging ich zum ersten Male mit meiner Kamera an die Arbeit. Beim Anschleichen konnte ich feststellen, daß Frau Turmfalk auf dem Neste stand und sich langsam im Kreise drehte, was jedenfalls eine Lagenveränderung der Eier zur Folge hatte. Nach Abflug der Alten verriet mir der Spiegel, daß sich sonst nichts besonderes ereignet hatte: Keines der Jungen war ausgeschlüpft. Trotzdem wollte ich schnell noch eine Aufnahme machen, aber mein Apparat war ein wenig zu groß., so daß ich ihn nicht durch die Spalte zwischen Säule und Mauer in eine geeignete Stellung bringen konnte. Ich tröstete mich mit der Hoffnung, daß es vielleicht noch ein paar Tage dauern würde, ehe die Jungen auskämen.
Als ich am 11. Juni höchst erwartungsvoll zu Turmfalkens aufstieg, gab es zunächst einen starken Schreck und meine alte, wohlbegründete Vorstellung von Turmfalkens Verhalten gegenüber ihrer befiederten Mitwelt erhielt einen neuen Stoß. Auf der inneren Ecke des Sockels der zweiten Säule stand Frau Turmfalk und zerfleischte einen kleinen Vogel. Nur ein paar Augenblicke zögerte ich – dann trat ich näher, die Alte verscheuchend. Und nun sah ich auf der erwähnten Ecke die Reste von drei Vögeln liegen! Es waren nur noch die hintersten Rumpfteile und die Beine übrig. Konturfedern fehlten vollständig, so daß an ein Erkennen der Arten aus der Ferne nicht zu denken war. Ich gestehe, daß mir in diesem Augenblicke wenig daran gelegen war; dagegen trieb mich ein aufkommender Gedanke dazu, nachzusehen, was während meiner Abwesenheit vermutlich im Neste geschehen war; und richtig: Es waren zwei Junge ausgekommen, das zweite wahrscheinlich erst kurz vor meinem Eintreffen, da noch die Eischale im Neste lag, die gewöhnlich kurz nach dem Auskriechen der Jungen von den Alten vorsichtshalber aus dem Nest entfernt wird. Die beiden Jungen verlangten heftig, wenn auch mit recht schwacher und heiserer Stimme nach Nahrung, und das bot mir zugleich die Erklärung für die unerhörten Mordtaten der Eltern! Sie wurzelten in der Fürsorge der Alten um die Jungen, deren Hunger zu stillen, oder kurz, deren Erhaltung auch bei den Vögeln ein so starker Naturtrieb ist, daß sie selbst vor dem Schlimmsten nicht zurückschrecken. Ich erwog ferner, daß die so überaus ungünstige kalte und nasse Witterung unter den sonst in Überzahl auftretenden Feldmäusen sehr stark aufgeräumt hatte, daß der oft fette und hohe Stand der Wiesen und Felder die wenigen Feldmäuse ebenso barg wie die Käfer usw., die gleichfalls gern von Turmfalkens verspeist werden. Ja, ich dachte auch daran, daß es gerade jetzt einem Bruchteil des deutschen Volkes ähnlich erging wie Turmfalkens, indem er lediglich aus drückender Not Diebstähle oder vielleicht noch Schlimmeres begeht, um das eigene Leben und das der Kinder zu retten! – Nachdem ich mich auf diese Weise selbst etwas beruhigt hatte, widmete ich meine Aufmerksamkeit den beiden neuen Ankömmlingen, natürlich mit Hilfe des Spiegels. Sie trugen zunächst nur ein schneeweißes Hemdchen, das aus sehr zarten Flaumfedern bestand, von denen die verhältnismäßig großen schwarzen Augen des einen Nestlings auffallend abstachen, während die des andern noch geschlossen waren. Hilflos lagen die Kleinen im Nest neben den übrigen drei Eiern, dazu tobte ein sehr kalter Sturmwind durch das offene »Kinderzimmer«, so daß ich die Rückkehr der fürsorglichen, schützenden und wärmenden Alten nicht länger verzögern wollte und eiligst wegging.
Zwei Tage später fiel mein erster Blick auf einen auf der bewußten Ecke liegenden, wiederum fast aufgezehrten Vogel; es war allem Anschein nach eine Lerche. Im Nest dagegen gewahrte ich einen dritten Nachkommen. Die zarten, fast tonlosen Stimmen klangen mir wie gjeg und gjej.
Am Sonnabend, dem 16. Juni, fand ich kein Beutetier vor, dafür aber lagen auf dem Boden von Turmfalkens Wohn- beziehungsweise Kinderzimmer zahlreiche Federn, von denen der Sturm mir einige zutrieb. Es waren die Schwanzfedern eines Grünfinken, der sicherlich kurz vorher von den Jungen verspeist worden war. Ihre Zahl war auf vier gestiegen, während das fünfte Ei noch keinerlei Veränderung zeigte.
Montag, den 18. Juni, traf ich zum ersten Male Herrn Turmfalk, der eine graublaue Kopfbedeckung trug, bei seinen Kindern an. Auf der mehrfach erwähnten Sockelecke, die entschieden die Rolle eines Anrichtetisches spielte, lag endlich einmal eine Maus, und zwar eine Waldwühlmaus. Es war ein schönes Stück mit braunrotem Pelz, aber ohne Kopf, der wie mit einem Messer abgeschnitten zu sein schien. Sonst war an dem Tiere nichts geschehen. Das Kleid der jungen Turmfalken war noch schön weiß, der Schnabel ganz hell, die Wachshaut gelb, die Augenlider heugrünlich. Der Hunger schien, dem andauernden Schreien nach, sehr groß zu sein. Es dauerte auch nicht lange, da kam der Alte, der kurz nach meiner Ankunft unter zahlreichen ki…-Rufen (a3–h3) abgestrichen war, zurück, und zwar mit den Resten eines Vogels. Ich hörte noch einige leise gjij und gjäj des Alten; von der Fütterung konnte ich leider nichts sehen. Einige Zeit danach saß das Elternpaar wieder drüben an der bekannten Stelle des Kreuzturms.
Bei meinem nächsten Besuch am 21. Juni traf ich Frau Turmfalk beim Füttern ihrer Jungen an, die schon lebhaft auf sie einstürmten, obgleich sie auf den Beinen noch sehr schwach waren. Vorsichtig gab die Mutter einem jeden die Bissen unter Kreuzung der Schnäbel in die weit aufgesperrten Rachen. Was verfüttert wurde, konnte ich aus meinem Versteck jedoch nicht erkennen. Nach der Fütterung deckte die Alte das junge Volk wieder mit ihrem wärmenden Körper zu, was bei der naßkalten Witterung sehr nötig war. Leider wurde die Alte nach einiger Zeit meiner ansichtig und strich ab, wobei sie jedoch nicht mehr so erregt war wie früher; erst vom Kreuzturm her drangen ein paar ki…-Reihen und wriiii-Rufe an mein Ohr. Auf dem »Anrichtetisch« lag wieder das letzte Überbleibsel eines kleinen Vogels. Dann trat natürlich der Spiegel in Tätigkeit, und da entdeckte ich sofort, daß außer dem Ei nur noch drei junge Turmfalken da waren! Wohin das vierte Junge gekommen war, blieb rätselhaft. Es gab wohl nur zwei Möglichkeiten: entweder war es krank gewesen beziehungsweise verendet und die Alten hatten es dann beseitigt, oder es war, vielleicht als das Jüngste und Schwächste, von den Dohlen, die sich gerade in jenen Tagen viel um den Rathausturm herumtrieben, geraubt worden. Die übrigen drei Kleinen hatten schon wieder Fortschritte gemacht; besonders das eine – wahrscheinlich älteste – sah schon andauernd sehr gespannt zu mir herauf: in dem kleinen Vogelköpfchen war das Bewußtsein beziehungsweise das Erkenntnisvermögen erwacht und der Geist begann seine Tätigkeit.
Am 25. Juni war wiederum der Vater am Nest. Es beteiligten sich also – wie es sich gehört – beide Eltern an der Aufzucht der Kinder. Von Beute war nichts zu sehen. Die immer grauer gewordenen Flaumfedern waren ebenso wie der ganze Körper stark gewachsen. Vom späteren Obergewand, den sogenannten Konturfedern, ragten nur die Schwanzfedern etwas hervor und zeigten bereits die breite schwarze Binde vor dem schmalen sehr hellen, aber nicht weißen Endsaum. Da das letzte Ei immer noch nicht ausgebrütet war und es außerhalb des Nestes lag, fischte ich es mittels eines an einem langen Stabe befestigten kleinen Pappkästchens, wie sie zum Aufbewahren von kleinen Filmrollen dienen, heraus. Es zeigte keine Spur der Bebrütung. Eiweiß und Dotter waren noch tadellos erhalten und völlig geruchlos; es war also ein sogenanntes Windei, das seinerzeit nicht befruchtet worden war. Die Länge betrug 4,0 Zentimeter, die Breite 3,2 Zentimeter.
Abb. 1 Junge Turmfalken im Alter von ungefähr zwei Wochen, schräg von oben aufgenommen
Interessant war das Verhalten der jungen Vögel, über die ich weglangen mußte. Sie suchten den Eindringling abzuwehren, indem sie die Schnäbel so weit wie möglich aufsperrten und fauchende Geräusche hören ließen. Ja, sie lehnten sich sogar stark rückwärts und arbeiteten mit hackenden Bewegungen des scharfen Schnabels und mit rasch sich folgendem blitzartigen Vorschnellen der krallenbewaffneten Beine gegen den vermeintlichen Feind. Ich gestehe, daß ich glücklich war, nicht mit der Hand in die Nähe der Jungen gekommen zu sein; sie hätte sicher ein paar tüchtige »Treffer« erhalten. Nachdem die kleine Gesellschaft sich etwas beruhigt hatte, wagte ich eine Aufnahme mittels einer mir freundlichst zur Verfügung gestellten »Icarette« (6×6). Es geschah auf gut Glück, da einmal eine sehr freihändige Augenblicksaufnahme nötig und dabei ein sicheres Einstellen in bezug auf Richtung und Entfernung kaum möglich war. Dazu hing der Himmel voll schwerer, dunkler Wolken. (Siehe Abb. 1.)
Von den späteren Besuchen, bei denen ich die Jungen in der Regel allein antraf, so daß ich nicht mehr in dem Maße störte wie früher, sei nur noch einiges erwähnt. Am 2. Juli hatte die Natur an dem Hauptkleide schon wieder weiter gearbeitet. Die Schwung-, Eckflügel- und Schulterfedern ragten schon stark aus dem Daunenkleide heraus, nur ihr unterer Teil steckte noch in der Scheide. Während ich den photographischen Apparat zur neuen Aufnahme vorbereitete, kam die Alte und fütterte. Mit der nötigen Zurückhaltung konnte ich wieder schön beobachten, ohne jedoch die Art der Nahrung selbst feststellen zu können. Die Jungen ließen dabei ihre Stimme reichlich hören, die früheren kjej und kjij waren zu kiiiiije geworden (mit etwas sirrender tonlicher Beigabe). Der Apparat erregte später die gespannteste Aufmerksamkeit der Jungen. Sie reckten erstaunt die Hälse und nahmen teilweise auch sofort die bereits erwähnte Verteidigungsstellung ein, doch hatten sie sich in dem Augenblick, in dem ich den Apparat in die richtige Stellung gebracht zu haben glaubte, schon wieder etwas beruhigt. (Leider ist die Aufnahme infolge des sehr trüben, regnerischen Wetters mißlungen.) Am 4. Juli erhielt mein Besuch eine sehr schmerzliche Einleitung. Als ich am Fuße des Turms kurze Zeit wartete, bemerkte ich in einer Ecke des Hofs einen toten jungen Turmfalken, der sicherlich abgestürzt war. Tatsächlich traf ich oben nur noch zwei Jungvögel an, welche je auf einer inneren erhöhten Ecke der Säulensockel saßen. Der dritte mochte wohl eine äußere Ecke erklommen haben und vielleicht beim Herabspringen über den Rand hinabgestolpert sein, waren doch die Jungen auf den Beinen noch sehr unsicher, und irgend etwas zum Anklammern war nicht vorhanden. Auf ihrem erhöhten Sitze konnte ich die zwei Jungvögel durch den gegenüberliegenden Spalt recht gut beobachten. Neue, in der Hauptsache rotbraune Federn waren zum Beispiel auf dem Oberrücken durchgekommen und auf der Unterseite verlief je ein ganz schmaler Federstreifen neben der Mittellinie und von den Seiten des Halses nach den Weichen. Kopf und Unterrücken, Bürzel, Oberschenkel und fast die ganze Unterseite waren ebenso wie die Flügelhäute noch von dichten und auffallend großen Flaumfedern bedeckt, die den Vögeln ein verhältnismäßig recht struppiges Aussehen gaben. Die so sehr starke Entwicklung des Daunenkleides dürfte mit der überaus kalten und nassen Witterung in Verbindung stehen, ist doch die diesjährige Junidurchschnittstemperatur um 4,21° hinter der des Vorjahres zurückgeblieben![3] Ein bescheidener Annäherungsversuch meinerseits ließ besonders den einen fauchenden Jungvogel die schon oben geschilderte Verteidigungsstellung einnehmen und dazu sehr energische wriiiii-, wriiiii-Rufe ausstoßen. Also auch die Stimme hatte Fortschritte gemacht!
Hiernach sammelte ich noch ein paar zum Teil ältere Gewölle, die sich durch ihre Größe als von den Eltern herrührend erwiesen. Sie enthielten neben Mäusehaaren wieder einige Knochenreste, darunter besonders einige Oberschnäbel (Os intermaxillare) von Kleinvögeln, sowie spärliche chitinöse Überbleibsel von einem Lauf- und einem Mistkäfer.
Am 9. Juli war das Oberkleid der beiden Jungen so weit fertig, daß das graue Hemd nur noch an einer Stelle – nämlich am Unterrücken – heraussah. Nicht ohne Mühe konnte ich ein paar Unterschiede in der Kleidung der Jungen feststellen. Bei dem einen war auf dem Schwanz ein bläulicherer Schein sichtbar als beim andern. Außerdem zeigten seine Wangen einen vom vorderen unteren Augenrand hinter dem Schnabelwinkel schräg nach unten und hinten verlaufenden schwarzen Streifen, der bei dem andern Jungvogel weniger hervortrat. Im übrigen trugen die beiden Geschwister die gleiche Kleidung, und zwar eine ganz ähnliche wie ihre Mutter, wobei daran erinnert sei, daß auch bei uns Menschen die kleinen Knaben oft mädchenhafte Kleider tragen. Sehr interessant war der Charakterunterschied der beiden Jungen. Während das eine sich mehr oder weniger gleichgültig, ja stumpf verhielt, war das andre sehr leicht erregbar; es setzte sich beim geringsten Anlaß zur Wehr und fauchte, als ob es schon ans Leben ginge. Eine photographische Aufnahme ließ es sich dagegen, obschon unter gespanntester Aufmerksamkeit, ruhig gefallen. (Siehe Abb. 2.)
Abb. 2 Die letzten zwei jungen Turmfalken im Alter von ungefähr vier Wochen
Weitere Beobachtungen verschob ich auf einen späteren Tag, da ich fürchtete, durch allzu starke Beunruhigung die Jungen zu einem zu zeitigen Abflug zu veranlassen, der einen tödlichen Absturz zur Folge haben könnte. Doch hatte ich die Rechnung ohne die beiden Jungen gemacht; denn als ich wiederkam, war das eine schon ausgeflogen und das andre schien auch nicht mehr lange daheim bleiben zu wollen. Ohne daß ich ihm zu nahe getreten wäre, begab es sich bald nach einer vorspringenden Ecke eines der Säulensockel, wohin ich ihm nicht einmal mittels des Spiegels folgen konnte.
So setzte es meinen Beobachtungen ein Ziel und es wäre eigentlich nichts weiter zu berichten, wenn der fast völlig erwachsene letzte Sproß von Turmfalkens mir nicht noch ein paar ansteigende dsiririririririri wie zum Abschied zugerufen hätte, als wolle er damit zugleich kundtun, daß er nunmehr die Sprache seiner Eltern völlig beherrsche und fähig sei, an ihrer Seite ins Leben hinauszutreten.
In der Tat hatte er bei meinem letzten Besuch den ersten Schritt in die weite Welt gewagt. Er saß drüben allein auf dem Kreuzturm an einer andern Stelle, als die Eltern für gewöhnlich einzunehmen pflegten. Diese waren wahrscheinlich mit dem andern Jungen auf die Jagd nach dem täglichen Fleisch weit über das Weichbild der Stadt hinausgeflogen, wohin unser Nesthäkchen noch nicht zu folgen wagte.
Mir blieb sonach nichts weiter übrig, als der verlassenen Wohnung von Turmfalkens einige Blicke zu widmen und ein paar herumliegende Gewölle der Jungen zu sammeln. Das erstere machte keine Freude: Der Boden und die Wände waren in einer fürchterlichen Weise beschmutzt. Ich fand keinen Vergleich; nur französische Kulturvertreter sollen stellenweise an der Ruhr in ähnlicher Weise »gehaust« haben! Regen, Wind und Schnee werden hoffentlich das ihrige tun, um Turmfalkens Wohnung bis zum nächsten Frühjahr wieder in den Stand zu setzen. Die Gewölle bestanden zu meiner Freude fast durchweg aus Haaren der Feldmaus, was wahrscheinlich mit der für die Jagd derselben günstiger gewordenen Witterung zusammenhing. Nur in dem einen fand sich ein Zwischenkiefer eines sehr kleinen Vogels. Mit diesem Befund stimmte überein, daß ich bei meinen letzten Besuchen bei Turmfalkens auf dem Anrichte- beziehungsweise Vorratstische nur je eine tote Feldmaus hatte liegen sehen.
Zum Schluß noch eine Bemerkung: Viel Glück und Freude haben ja Turmfalkens mit ihren Kindern nicht gehabt. Das eine wird totgeboren, das andre ist schwächlich und stirbt oder wird gar geraubt und das dritte stürzt tödlich verunglückend ab, so daß von fünf Kindern nur die kleinere Hälfte am Leben bleibt! Doch wollen wir uns trösten. Wie bei uns Menschen die Natur immer wieder ausgleichend wirkt, wenn nicht die verruchte menschliche Entsittlichung dazwischen tritt, so gibt es auch bei den Vögeln viele Fälle, wo die an sich zahlreiche Nachkommenschaft durch alle Unbilden und Fährnisse der ersten Zeit glücklich hindurchkommt, so daß trotz mancher störender Vorkommnisse die Erhaltung der Art dauernd gewährleistet bleibt. Möge unsre Turmfalkenfamilie alle Nöte des Winters glücklich überstehen, so daß sie wenigstens in einem Paare zu der alten Wohnstätte auf dem Dresdner Rathausturm zurückkehren kann; möchten aber auch die allgemeinen Witterungsverhältnisse des nächsten Jahres derart sein, daß Turmfalkens nicht nötig haben, ihren Speisezettel noch einmal in bedenklicher Weise abzuändern![4]