Das Seifersdorfer Tal und der Garten zu Machern

Zwei Beispiele aus Sachsens Gartengeschichte
zur Zeit der Sentimentalität und Romantik

Von Dr.-Ing. Hugo Koch

Erklärung

  1. Tugendstein
  2. Tempel dem Andenken guter Menschen
  3. Aussichtspunkte
  4. Urne mit dem Schmetterling (Ahnung künftiger Bestimmung)
  5. Linde der Ruhe
  6. Sessel der Freundschaft
  7. Ruine der Vergänglichkeit
  8. Altar der Wahrheit
  9. Lorenzos Grab
  10. Betstuhl des Einsiedlers
  11. Lorenzos Hütte
  12. Pilz mit Strohdach
  13. Vergessenheit und Sorgen
  14. Musentempel
  15. Hermannseiche
  16. Lauras Denkmal
  17. Petrarca-Hütte
  18. Prinz Leopold von Braunschweig (Sarkophag)
  19. Denkmal der Herzogin Amalie von Weimar
  20. Schlußstein
  21. Obelisk
  22. Denkmal des Vaters der Gräfin
  23. Denkmal der »Altdeutschen Freundschaft«
  24. Tanzsaal
    Tempel der ländlichen Feste
    Tempel der ländlichen Freuden
    Waldwiese
    Die lachende Wiese
  25. Denkstein
  26. Gastfreundschaft
  27. Denkmal des jungen Grafen
  28. Denkstein für Naumann, Sänger des Tales
  29. Jägerhaus
  30. Wohltätigkeits-Tempel
  31. Pythagoras-Hütte
  32. Bergquell (Schöpfe schweigend)
  33. Schlucht
  34. Herder-Denkmal
  35. Denkmal des Premierministers von Brühl
  36. Denkmal der Pflegerin des Tales
  37. Aussichtspunkt (Sonnenuntergang)
  38. Aussichtspunkt
  39. Amor-Denkmal
  40. Dorestan-Denkmal
  41. Hütte der Hirtin der Alpen
  42. Bad
  43. Ach wie schön
  44. Jan-Büste

Abb. 1 Lageplan des Seifersdorfer Tales

Der landschaftliche Garten kam über den Kanal zu uns herüber – daher der Name: englischer Gartenstil. Schon früh empfand der Engländer den Zwang der Etikette, die der französische Garten entwickelt hatte. Der höfische Prunk, die ganze durch Ludwig XIV. zur Herrschaft gekommene Gesellschaftsform sagte ihm wenig zu. So kam es, daß der französische Garten schon früh Gegner fand. Bereits 1624, noch bevor der Gartenstil eines Lenôtre zur Entfaltung kam, begann Francis Bacon in seiner Schrift: »Essay on the gardens« die geschnittenen Hecken und Figuren, die Wasserkünste und Wasserarchitekturen des altfranzösischen Gartens zu verwerfen. Nach ihm trat Sir William Temple gegen den herrschenden Geschmack unmittelbar auf. Miltons »Verlorenes Paradies« wirkte aufklärend. Der Graf von Shaftesbury brachte dem Begriff der künstlerischen Wahrheit eine neue Vertiefung. Eine wirkliche Kritik des französischen Gartens vom Standpunkt der Naturliebe aus begann Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Pope, der Dichter, und Addison, der Philosoph, wirkten durch Schriften. Mit dem ihm zur Verfügung stehenden witzigen Spott überschüttet Pope zunächst die »Gartenschneider«. In einem Katalog eines Gärtners preist er an: »Adam und Eva in Taxus, Adam ein wenig beschädigt durch den Fall des Baumes der Erkenntnis im letzten großen Sturm; Eva und die Schlange, kraftvoll wachsend; St. Georg in Buchs, sein Arm noch kaum lang genug, doch wird er im nächsten April in der Verfassung sein, den Drachen zu töten; ein grüner Drache aus gleichem Material, einstweilen mit einem Schwanz aus kriechendem Efeu (NB. Diese beiden können nur zusammen verkauft werden). Verschiedene hervorragende Dichter in Lorbeer, etwas ausgeglichen, können für einen Heller losgeschlagen werden. Eine Sau von frischem Grün, die aber zu einem Stachelschwein aufgeschossen ist, da sie letzte Woche in regnerischem Wetter vergessen war u. a. m.«

Die Anregungen der Dichter und Philosophen setzte in die Tat um William Kent (gestorben 1748), Landschaftsmaler, Baumeister und Gartenkünstler zugleich. Er wollte im Garten die Natur natürlich, doch nicht als Naturausschnitt, sondern als verdichtetes Gesamtbild der englischen Landschaft wiedergeben mit dem Grundsatz: »Die Natur verabscheut die gerade Linie.« Die große Ausdehnung seiner Parkschöpfungen kam ihm dabei zustatten. Immerhin bedurfte er zur Verstärkung der Stimmungen seiner Naturbilder menschliche Werke, Tempel und Einsiedeleien. Die Tempel wurden zunächst dem Geisteszug der Zeit folgend in antiken Formen erbaut, die Einsiedeleien möglichst natürlich und primitiv. Seine Nachfolger kamen, da dem Garten ein rechtes Gesellschaftsprogramm fehlte, bald zur Handwerksmanier, bis der Architekt William Chambers dem Garten eine neue Richtung gab, indem er auf die Stimmungsszenerien des chinesischen Gartens hinwies. Er erzielte damit weniger in England als vielmehr im übrigen Europa – vor allem in Deutschland – eine überraschende Wirkung.

Man hatte bei uns – in Sonderheit auch in Sachsen – von jeher der chinesischen Kunst – vor allem dem Porzellan – eine große Vorliebe entgegengebracht. Die Kunst des chinesischen Gartens sah man in der Schaffung von vielen kleinen kontrastreichen Bildern, welche durch einen malerisch gedachten, an sich zwecklosen Bau ihre Bedeutung erhielten. Das hatte viel Verwandtes mit dem Garten, wie ihn die Rokokozeit entwickelt hatte, in welchem gleichfalls die Sucht nach dem Wechsel, das System der Gegensätze, das Entscheidende wurde, nur daß hier die zahlreichen Einzelbilder, welche man für das intime gesellschaftliche Leben bedurfte, stets nach architektonischen Grundsätzen aufgebaut und Wechsel- und Gegensatzwirkungen durch architektonische Formensprache erreicht wurden. Nunmehr sollte der Garten nicht mehr im Gegensatz zur freien Natur stehen oder eine den menschlichen Lebensbedürfnissen angepaßte Natur darstellen, sondern wahre Natur. Das verwischte die Bedürfnisforderungen früherer Tage und brachte als Ersatz die Neigung auf, den Gartenszenen Beziehung zu sentimentalen Gedanken, zu dichterischen Stimmungen zu geben. Damit kam man, ohne sich wohl recht Rechenschaft abzulegen, wiederum zu idealisierter Natur. Das Ideal freilich schwankte. Zu den chinesischen Einflüssen traten neue. Der Drang nach Naturerkenntnis war noch im Steigen begriffen. Der Begriff der romantischen Schönheit in der Natur begann sich zu klären. Macphersons wunderbarer Versuch, aus dem Volkstum heraus dichterisch neu zu schaffen und schließlich Rousseaus hinreißender Ausdruck weckten das Gefühl für das Wildromantische und Furchtbare, für das Erhabene in der Natur. Es war jedoch nicht möglich, die große Natur in dem verhältnismäßig kleinen Garten wiederzugeben, geschweige denn zu höherer Wirkung zu bringen, so wendete man sich mehr dem Äußerlichen zu und pflegte vor allem den empfindsamen Geist.

Die Sentimentalität, die Zwillingsschwester der Naturschwärmerei fand Eingang. Nun kam das Strohdach zu Ehren, das Bauernhaus – die Milchwirtschaft, die Einsiedelei als bescheiden gezimmerte Hütte im dunklen Grün der Bäume, die künstliche Ruine, zumeist in gotischen Formen, also in den Formen der alten verfallenen heimischen Bauweise, wohl aber auch in klassischem Stil. Der Kampf der Gotik mit dem Klassizismus, der Kampf germanischer und römischer Kunstauffassung, der die Folgezeit erfüllte, begann im Garten sich zuerst auszusprechen.

Deutschland hat, von England beeinflußt, eine ähnliche Entwicklung durchgemacht und Sachsen, das jederzeit in seinen Gartenschöpfungen durch die starken Impulse, die von August dem Starken ausgegangen waren, hervorragendes geschaffen hat, stand auch jetzt nicht zurück. Seine politische Ohnmacht, in die es Brühls Politik geführt hatte, die große Armut, die über das Land kam, war in manchem den neuen Gartengedanken förderlich. Der Geist des Kleinen, Beschränkten, die Sehnsucht nach einer besseren Welt, kurz die Sentimentalität brachte eine Entwicklung, die ihre selbständigen Blüten getrieben hat.

Der Anreiz ging auch hier von den Dichtern und Philosophen aus. Weiße wendet sich gegen Lenôtreschen Stil und dessen Ideale, wenn er singt:

»Der Garten ist sehr schön geschmückt,

Hier Statuen und dort Kaskaden,

Die ganze Götterzunft,

Hier Faunen, dort Najaden,

Und schöne Nymphen, die sich baden.

Und Gold vom Ganges hergeschickt,

Und Muschelwerk und güldne Vasen.

Und Porzellan auf ausgeschnittnem Rasen.

Und buntes Gitterwerk und – eines such ich nur;

Ist’s möglich, daß was fehlt?

Nichts weiter – als Natur!«

Tief wirkte der biedere Gellert mit seiner bescheidenen, in sich gekehrten Frömmigkeit. Andere Töne schlägt Salomon Geßner an mit seinen elegischen Hirtendichtungen. »Zu kühner Mensch,« ruft Geßner aus, »was überwindest du dich, die Natur durch weiter nachahmende Künste zu schmücken … Mir gefällt die ländliche Wiese und der verwilderte Hain.« Er war mehr Landschaftsmaler als Dichter. Zahlreiche Kupferwerke der »idealischen wie der Naturmalerei« von Meinert, Stieglitz, Klinsky, Veith, Günther, Darnstedt, Senft, den beiden Wiziani und anderen erscheinen. In den Reisebeschreibungen findet die Naturschilderung Eingang. Der Name »Sächsische Schweiz« tritt auf und die Gründe um Dresden und im übrigen Sachsenlande finden begeisterte Schilderer. Der Aesthetiker Sulzer spricht in seinem »Versuch einiger moralischer Betrachtungen über die Werke der Natur« von »unserem Pope« und weist in seiner »Allgemeinen Theorie der schönen Künste« 1778 auf die chinesischen Vorbilder hin. In den Architekturausstellungen der Akademie 1771/72 treten in den Entwürfen von Krubsacius und seiner Schüler beide Gartenstile auf. Im selben Geist wirkte die Zweiganstalt der Akademie in Leipzig unter Oeser und Dauthe. In Oeser, der mit Winckelmann eng befreundet war, findet die Antike einen begeisterten Anhänger – manche Denkmale in sächsischen Gärten geben davon Zeugnis. Das bedeutsame fünfbändige Werk »Theorie der Gartenkunst« (1779 bis 1785) von dem Kieler Professor Christian Cajus Hirschfeld, ist durchdrungen von den Ideen des neuen Stiles und dürfte in Sachsen besondere Beachtung gefunden haben, als es zahlreiche Entwürfe zu Gartenarchitekturen enthält von den sächsischen Künstlern: Weinlig und Schuricht.

Der strenge klassische Geist, vermischt mit sentimentalen Empfindungen, der Sinn für Natürlichkeit, für einfache mit Schindeln und Stroh bedeckte Hütten und der Geist der Romantik in Gestalt einer alten verfallenen Ritterburg spricht aus Schuricht’s Entwürfen, die er Hirschfelds Theorie beifügte. Charakteristisch ist der plastische Schmuck. Nun werden die Kindergenien, die man in der vorausgegangenen Epoche Amoretten nannte, die Genien mit der Fackel, die weinenden Grazien, die trauernden Nymphen oder Dryaden, Psyche selbst, der Schmetterling als Psyche, endlich Blumenkränze, Festons und Inschriften, Ausdrucksmittel der Empfindung. Sie schmücken die verschiedenen Tempelformen und ebenso die Obelisken, Pyramiden, Säulen, Sarkophage, die Eingang in den Garten finden zur Verschönerung und Vertiefung der einzelnen Szenen, als Denkmale von Helden, Gelehrten und Dichtern. Die Totenurne spielt auf einmal eine merkwürdige Rolle in der Plastik. Wir finden sie überall in der Gartenarchitektur verwendet, ohne daß sie irgendwie eine andre Begründung hätte, als die allgemeine Stimmung der Zeit zum Ausdruck zu bringen.

Abb. 2 Hermanns Denkmal aus dem Seifersdorfer Tal. (Nach Becker)

Zur Charakteristik wollen wir aus der großen Zahl von Gartenschöpfungen aus dieser Zeit, die alle mehr oder weniger ausführlich in meiner »Sächsischen Gartenkunst« (Verlag Deutsche Bauzeitung, Berlin) behandelt sind, zwei markante Beispiele herausgreifen. Das »Seifersdorfer Tal« und den Garten zu Machern, beide noch nahezu in altem Zustand erhalten und durch Literaturquellen uns so überliefert, daß wir uns ein klares Bild von den Schöpfungen und vor allem auch von dem Geist, aus dem heraus sie entstanden, schaffen können. Die Abbildungen sind mit freundlicher Genehmigung des Verlags ebenfalls meinem Buche entnommen.

Abb. 3 Tempel der Musen mit Wielands Büste aus dem Seifersdorfer Tal. (Nach Becker)

Das Seifersdorfer Tal. »Ich sah das Tal in einer Sommernacht. Über dem Eingang in die Tiefe wölbten sich die Äste der hohen Buchen und Ulmen. Das Geheimnis wohnte unter ihrem Schatten. Der Mond ging auf; und die gemeine Welt verschwand. In der Stille leuchtete durch die finstere Wölbung des Waldes die Erinnerung an schöne Phantasien. Ich erstieg die Höhe, und vor mir lag jene arabische Landschaft des Ariost. Der Morgen rief mich in das dichterische Tal zurück. Ich sah hier Dantes Begeisterung; ich hörte Petrakas Klage, ich verstand dein Herz, freundlicher York! Ja du wohnst hier mit deiner schönen Schwärmerei in der Hütte zum guten Moritz, und in jener Einsiedelei an der waldigen Bekränzung des Röderstromes.« So berichtet Hasse, in »Dresden und die umliegende Gegend«, 1804. Mit solchem Geist der Empfindsamkeit muß man das Tal zu durchwandern suchen, dann wird lebendig, was jene Zeit in ihm fand und erlebte. Wir benutzen zur Charakterisierung des Zeitgefühles die Abhandlung von W. G. Becker. Das Seifersdorfer Tal mit vierzig Kupfern von J. A. Arnstedt, Leipzig 1792. »Hohe Schönheit wird durch untergeordnete gehoben«, erklärt Becker, »und Kontraste dienen ihr zum Rahmen. Dieses bewunderungswürdige Gemälde der Natur ist nur ein Ganzes, insofern es unzählige Bilder vereinigt, die durch unbegreifliche Anordnung des Furchtbaren und Reizenden, des Erhabenen und Einfachen, des Lebhaften und Ruhigen untereinander verbunden, wieder ebensoviele vollkommene Gemälde darstellen, als einzelne Szenen im allumfassenden Ganzen.« Das Tal entstand von 1781 an unter dem Einfluß der Gräfin Christiane (Tina) von Brühl in der Nähe des Städtchens Radeberg »da zieht sich eine Viertelstunde vom Dorfe gegen Süden, von Liegau nach Grünberg zu, einundeinehalbe Stunde lang ein gefälliges Tal, durch welches die Räder (Röder) sich windet, ziemlich bewachsene Berge, die nur hie und da, durch Mannigfaltigkeit das Auge zu vergnügen, in nackter Blöße sich zeigen, und ihre schönen malerischen Felspartien dem Auge zur Bewunderung darstellen, bilden, etwas breiter, bald enger, das liebliche Tal, das grünende Wiesen zu Teppichen hat, und Bäume und Gebüsch von mancherlei Art zu angenehmer Verzierung und zur Beschattung des Wanderers, sowie der schleichenden Räder und ihrer Bewohner.«

Abb. 4 Lauras Denkmal im Seifersdorfer Tal (heutiger Zustand)

»Den ersten Gedanken zu dieser Verschönerung gab eine feierliche Szene häuslichen Glücks. Die Gräfin weihte darin ihrem Gemahl einen Tempel, zu ländlichen Freuden bestimmt. Solcher Veranlassung dankte das Tal die ersten Anlagen, welche bald mit anderen Gegenständen angenehmer und wehmütiger Erinnerung vermehrt wurden. Endlich verband man damit, nach einem geschmackvollen Plan, auch andere Gegenstände, und suchte sowohl den Verstand als auch das Herz zu beschäftigen. Überall leuchtete der Geist, das Gefühl der Besitzer hervor. Ungeachtet der biedere Graf an allen diesen Anlagen nicht geringen Teil hat, so ist es doch vorzüglich seine geistvolle Gemahlin, welche die meisten romantischen Gemälde des Tales geschaffen, daher es denn von einigen den Namen Tina-Tal erhalten. Auch der verdienstvolle Sohn Graf Carl hat nicht wenig der Szenen gepflegt.« Man folgte hierbei dem Grundsatz: »Der Geschmack im englischen Garten sei einfach und edel, wie die Natur selbst, weder gesucht noch geputzt, bloß durch Gegenstände des Nachdenkens und der Empfindung gehoben.« Sie bestanden in Denkmälern, Tempeln und Hütten. Sie erinnern an in der Ferne ruhende Tote, an Musen und Grazien, an Freundschaft und Gastlichkeit, an die Pfleger des Tales, das gräfliche Ehepaar, wie an die Sänger des Tales, den Komponisten Naumann und den Dichter Neumann. Die Großen am Weimarschen Hofe sind noch ohne Einfluß auf dieses Leben, in dem Gellertscher Geist noch vorherrscht. Zur Vertiefung und Deutung der beabsichtigten Stimmungen treten Inschriften hinzu.

Auf dem Lageplan ([Abb. 1]) gibt eine Erklärung über die Lage und Bezeichnung der verschiedenen Szenerien Aufschluß. Wir greifen zur Charakteristik die durch Abbildungen einigermaßen verdeutlichten Szenen heraus.

Abb. 5a Denkmal des Prinzen Leopold von Braunschweig Aus dem Seifersdorfer Tal. (Nach Becker)

Abb. 5b Denkmal des Herzogs Leopold von Braunschweig im Seifersdorfer Tal (Heutiger Zustand)

»Hermanns Denkmal« ([Abb. 2]). Eine schmale steinerne Treppe führt zu einem ehrwürdigen Eichbaum, an dem früher als Insignien Schild, Schwert und Lanze aufgehängt waren. Davor bilden zusammengefügte Felsstücke einen Altar mit einem altdeutschen Aschenkrug. Auf einem Findling steht die Inschrift: Hermann / dem Befreier Deutschlands. Der »Tempel der Musen mit Wielands Büste« ([Abb. 3]) aus Naturholz erbaut trug die Inschrift: »Hier weihen sie ihrem Liebling unverwelkliche Kränze von Grazien gewunden.« Er ist heute verschwunden. Dagegen hat sich »Lauras Denkmal« ([Abb. 4]) erhalten, welches dichter Fichtenwald umgibt. Auf einem Bruchsteinunterbau steht ein quadratischer Sockel mit einem Säulenstumpf. Das Medaillon daran trägt die Inschrift »Laura« mit Beziehung auf die Geliebte Petrarcas. Nicht weit davon befand sich eine Nachahmung der Hütte des Petrarca bei Vaucluse. Sie war von rohen Steinen erbaut und mit Schilf gedeckt. Vor der Hütte sprudelte ein gefaßter Quell, welcher an die Quelle von Vaucluse erinnern sollte, bei der Petrarca viele seiner Klagegesänge dichtete. Davon und von der Hütte sind heute nur noch Mauerreste vorhanden. Nördlich davon hat sich das »Denkmal des Herzogs Leopold von Braunschweig« sehr gut erhalten ([Abb. 5 a] und [b]). Auf einem rechteckigen Unterbau ruht ein steinerner Sarkophag mit der Aufschrift:

Der Adler besucht die Erde

doch säumt er nicht,

schüttelt von Flügeln den Staub

und kehrt zur Sonne zurück!

Zur Versinnbildlichung des Spruches dient das darüber befindliche Relief, ein nach der Sonne fliegender Adler. Auf dem Sarkophag steht eine Vase mit Medaillonbildnis und der Inschrift: »Prinz Leopold von Braunschweig«. Mit Bezug auf den von Goethe besungenen Tod des Herzogs (27. April 1785) bei einer Hochflut der Oder ist wohl der Platz des Denkmals unmittelbar am breitesten Teil der Röder gewählt und Becker berichtet, das Denkmal ruhe auf Felsstücken, aus welchen Wasser hervorquillt.

Abb. 6 Tempel dem Andenken guter Menschen nebst dem Altar der Tugend Aus dem Seifersdorfer Tal (Nach Becker)

Auf einer lachenden, mit Erlen eingefaßten Wiese stand ein im »griechischen Stil« erbauter Tempel, vier dorische Säulen trugen das Gebälk mit der Inschrift: »Tempel dem Andenken guter Menschen gewidmet« ([Abb. 6]). Das Innere dieses Tempels war in sanfter Rosenfarbe gemalt. Rauchgefäße und Medaillons auf stahlgrünem Grunde zierten die Wände. Ein leichter Feston von weißen Rosen verband die Medaillons, welche an himmelblauen Bändern aufgehängt schienen. Die Hinterwand des Tempels hatte zwei Türen, die auf Rollen gingen und geöffnet eine reizende Aussicht gewährten. Vor dem Tempel stand auf einer Wiese der »Altar der Tugend« und »nur diejenigen, welche der Tugend opfern, können in diesem Tempel aufgenommen werden.« Ein Postament mit Fuß- und Kopfgesims, an einer Seite ein Kranz mit Rosen, darüber eine Schleife, bezeichnet »Der Tugend« ist davon heute noch erhalten.

Abb. 7 Hütte der Einsamkeit Aus dem Seifersdorfer Tal (Nach Becker)

Ein Fußpfad, auf der einen Seite mit Rosen, auf der andern mit Dornen eingefaßt, führte zur »Hütte der Einsamkeit« ([Abb. 7]), aus Moos und Schilf erbaut, mit einer Inschrift aus der Messiade:

»Einen Becher der Freuden hat in der Rechten,

Der Linken ein wütender Dolch

Die Einsamkeit, reicht dem Beglückten ihren Becher,

Dem Leidenden reicht sie den wütenden Dolch hin.«

Nicht weit davon befand sich unter einem Schilfdach »Der Betstuhl des Einsiedlers« und Lorenzos Grab.

Abb. 8 Denkmal der Freundschaft im Seifersdorfer Tal (heutiger Zustand)

In einer natürlichen Felsennische wurde der Freundschaft ein Denkmal errichtet. Es ist heute erneuert ([Abb. 8]). An eine »gotische Vase«, die in ihrer Form freilich davon nichts erkennen läßt, ist eine Platte gelehnt mit der Aufschrift: »Der gotischen Freundschaft.« Die Inschrift:

»An des Freundes Seite

Duftet die Rose weit süßer;

Und des Dornes Spitze

Wird stumpf«

war früher an der Felswand angebracht.

Abb. 9 Denkmal »Den Sängern des Thales« im Seifersdorfer Tal (heutiger Zustand)

Unter alten Bäumen, auf einem Steinhügel finden wir weiter heute noch ein rundes Postament von Sandstein mit der Inschrift: »Den Sängern des Tales« ([Abb. 9]) und »Naumann und Neumann«, mit Beziehung darauf, daß Kapellmeister Naumann ein vom Kriegssekretär Neumann im Seifersdorfer Tal gedichtetes Lied in Musik setzte. In einem kleinen Vorhof mit Moosbank las man früher die Inschrift:

Abb. 10 Hüttgen und Garten der Hirtin der Alpen Aus dem Seifersdorfer Tal (Nach Becker)

»O laßt beim Klange süßer Lieder

Uns lächelnd durch das Leben gehn,

Und sinkt der letzte Tag hernieder,

Uns bei dem Lächeln stille stehn.«

Abb. 11 Herders Denkmal im Seifersdorfer Tal (heutiger Zustand)

Wenige Überreste von Mauerwerk mit einer kleinen, etwa im Halbkreis vorgelagerten Terrasse bezeichnen den Platz, wo früher in einem ländlichen Gärtchen die Hütte Adelaidens, der Hirtin der Alpen gestanden hat, aus rohen Baumstämmen gezimmert und mit »gotischen Fenstern« versehen. Aus der Mitte des Daches ragte eine Buche heraus, »die den Anblick der Hütte noch reizender machte.« Aus dem einen Fenster der Hütte erblickte man jenseits des Wassers auf einem Rasenhügel eine Urne, mit der Inschrift: »Dorestan victime l’amour,« in bezug auf Adelaidens Geliebten. Nicht weit davon, in einer der reizendsten Gegenden des Tales, stellt ein leichtes »Hüttchen der Hirtin der Alpen« ([Abb. 10]) Adelaidens Ruheplatz vor. Er gewährte Ausblick nach dem Denkmal ihres Geliebten. Heut ist an diese Stelle Herders Büste versetzt worden ([Abb. 11]) mit der Inschrift: »Des Menschen Leben beschränkt ein enger Raum, / ein engerer beschränkt seinen Sinn, / sein Herz der engste. / Um sich her zu sehen, zu ordnen, was man kann, / unschuldig zu genießen, was uns die Vorsicht gönnt. / Und dankbar froh hinweg zu gehen: / das ist des Menschen Lebensgeschichte. / Nicht Idee, es ist Gefühl.« Der Sockel, auf dem es steht, trägt noch die Inschrift: »A Dorestan«, als Überrest seines Denkmals.

Abb. 12 »Tempel des Amor« im Seifersdorfer Tal (Nach Becker)

Mitten auf blumiger Wiese hatte man den Tempel des Amor errichtet ([Abb. 12]). »Keine Brücke führte zu ihm hinüber, um von dem Gebiete des kleinen gefährlichen Gottes entfernt zu bleiben.« Die heute noch gut erhaltene Figur des Amor ([Abb. 13]), in jeder Hand eine Sanduhr haltend, stand in der Mitte des Tempels. Auf einer Sandsteintafel ist noch zu lesen:

Abb. 13 »Tempel des Amor« im Seifersdorfer Tal (heutiger Zustand)

»Eine Sanduhr in jeglicher Hand erblick ich den Amor!

Wie? Der leichtsinnige Gott! mißt er uns doppelt die Zeit?

Langsam rinnen aus einer die Stunden entfernter Geliebten,

den Gegenwärtigen fließt eilig die Zeit.«

Abb. 14 Grundriß des Schloßgartens zu Machern
(Nach J. E. Lange: Machern. Für Freunde der Natur und Gartenkunst)
[Details]

Wenn wir diese Denkmäler, von denen wir einige wenige herausgriffen, kritisch betrachten, so müssen wir feststellen, daß man von Kunstwerken allgemein nicht sprechen kann. Wir dürfen sie nicht auf ihre äußerliche Form, sondern müssen sie auf ihren Stimmungswert, in dem sie die Zeitgenossen schufen, betrachten und finden dann das Seifersdorfer Tal als eines der charakteristischsten Kulturdenkmale jener Zeit. »Du siehst,« sagt Hasse, »überall den Charakter des Naiven und Unschuldigen; du hörst den lieblichen Idyllenton; du wandelst unsichtbar von guten Menschen umgeben. Hast du Lorenzos Stimmung, so kannst du hier tagelang schwärmen.« Doch melden sich auch in der Entstehungszeit des Tales schon kritische Stimmen, denn Hasse fährt fort: »In Seyfersdorf spricht, so vielfach auch die Anlagen sind, nur eine ruhige, etwas schwärmerische Empfindung zu deinem Herzen. Die Idee des Einfachen scheint die einzige Regel der ganzen Anlage zu seyn; daher bemerkst du Mangel an Abwechselung. Die vielen Tempelchen und Hütten haben etwas Eintöniges, und die Entfernung alles Kunstgepränges giebt hier und da der Dekoration etwas Kleinliches. Will man kunstrichterlich absprechen, so läßt sich freilich Seyffersdorf mit Wörlitz nicht vergleichen. Hier ist mit edler Pracht die Kunst der Alten und Neuern vereinigt.«

Abb. 15 »Wilhelms Ruhe« im Schloßgarten zu Machern
(Nach einem Blatte bei Gasch, Kunstantiquariat, Dresden)

Der Park zu Wörlitz hatte auf ganz Deutschland einen großen Einfluß ausgeübt und naturgemäß auch auf das benachbarte Sachsen. Racknitz schildert das mit folgenden Worten: »Unerwartet trat in Deutschland aus dem Zustand der bloßen Natur eine Anlage hervor, die allgemeinen Beifall fand und dem Geschmack eine bessere Richtung gab. Diese Anlage ist das Schloß und der Garten zu Wörlitz.« Herzog Franz von Dessau schuf sie in den Jahren 1769 bis 1773. Als Gartenkünstler stand ihm Johann Friedrich Eyserbeck zur Seite. Die Natur bot einen, schon an sich reich gestalteten See, dessen Buchten vermehrt wurden und den Kanäle mit kleineren Wasserstücken vereinten. Die im Bogen den Park umziehenden Schutzdämme bieten eine schöne Promenade mit weitem Blick ins Land. Hinzu treten Hügel und künstliche Felsen, sowie freie Plätze, die Raum boten für Stimmungsarchitekturen im Sinne von Hirschfeld. Hier konnte sich der Geist der Empfindsamkeit, wie wir ihn im Seifersdorfer Tal als beherrschend fanden, entfalten. Im ganzen aber überwog doch der Sinn für künstlerische Gestaltung, das Streben nach größeren Landschaftsbildern, und architektonisch durchgebildete Bauwerke führten zu einer Schöpfung, die mit Recht großes Aufsehen erregte und großen Einfluß auf die deutsche Gartengestaltung fand.

Das charakteristischste Beispiel für diese künstlerischen Ziele in Sachsens Gartengeschichte liefert wohl der Park zu Machern bei Wurzen, der in nahezu alter Form auf uns heute überkommen ist. Die grundlegenden Gedanken dürften vom Besitzer selbst ausgegangen sein. Der Graf Carl Heinrich August von Lindenau beschäftigte sich seit dem Jahre 1760 mit der Planung. Ihm standen zur Seite der Kondukteur J. F. Lange in Leipzig und später der preußische Bauinspektor E. W. Glasewald. Jeder schrieb ein Buch über den Garten zu Machern. 1796 erschien das von Lange mit einem Gartengrundriß ([Abb. 14]), woraus wir schließen, daß er bis zu dieser Zeit im Garten tätig war und wohl vor allem den Gartenplan schuf. 1799 gab Glasewald die »Beschreibung des Gartens zu Machern« heraus mit den genauen Plänen seiner Bauten.

Abb. 16 »Das Bauernhaus« im Schloßgarten zu Machern
(Nach einem Blatte bei Gasch, Kunstantiquariat, Dresden)

Den Hauptreiz gibt Machern wie auch dem Wörlitzer Park das Wasser. Es ist beachtenswert, daß die großen Teiche klare Grundformen behalten und nicht, wie wir in späteren Zeiten vielfach verfolgen, durch Einbuchtungen, Inseln und Inselchen in ihrer Wirkung verkleinert werden. Der Zusammenschluß des Wassers zu einem einheitlichen Ganzen ist freilich nicht so gelungen wie in Wörlitz. Die Einzelteile treten in geringe Beziehung zueinander und ebenso fügen sich die »englischen Dreiecke« peinlich unvermittelt ein. Sie beherbergen nun die Stimmungsszenerien, wie wir sie im Seifersdorfer Tal fanden. Doch ist auch hierin ein größerer Zug zu spüren. Einige Beispiele mögen das an Hand der Bilder klar legen.

Die zur Erinnerung an den Aufenthalt König Friedrich Wilhelms II. von Preußen am 10. Juli 1792 »Wilhelmsruhe« bezeichnete Anlage ist auch heute noch gut erhalten ([Abb. 15]). Eine Treppe aus Bruchsteinen führt hinab zu einem großen Platz, den an der einen Seite eine Felswand durch eine sanfte Biegung amphitheatralisch einschließt. Sie dient einer aus rohen Steinplatten errichteten Bank zu Lehne. Vor dieser steht ein steinerner Tisch. »Eine lachende Aussicht über eine Wiese entzückt um so mehr, weil wir sie nicht vermuteten. Im Vordergrund bildet eine Eiche und eine Birke mit ihren hängenden Ästen eine malerische Gruppe.«

Abb. 17 Das Mausoleum im Schloßgarten zu Machern (heutiger Zustand)

Nach Osten führt der Weg zu einer Schweizer Hütte, »welche man gewöhnlich das Bauernhaus nennt« ([Abb. 16]). Glasewald stellt den Bau im Grundriß, Schnitt und in der Ansicht dar und sagt darüber: »Mitten auf dem vorspringenden Strohdach erhebt sich ein Türmchen mit einer Glocke. Die äußeren Wände sind mit Rohr begleitet und inwendig ist eine einzige einfache Stube und eine Kammer, Vorplatz und Treppe. Beide Zimmer sind tapeziert, und zwar stellen die Decken Holzwerk, die Seitenwände aber Quadersteine vor, aus deren Fugen Efeu hervorwächst, die Fußböden sind mit Steinplatten belegt. Vor dem Hause findet sich unter dem Schutz des überhängenden Daches eine Ruhebank und ihr gegenüber stehen vier majestätische Eichen, unter welchen einfache Sitze angebracht sind. Unsre Einbildungskraft läßt die friedlichen Bewohner dieser Hütte hier ausruhen. Sie haben einen sanften Abhang hinunter, die liebliche Wiese im Auge, auf welche ihr Vieh weidet und in einiger Entfernung die Landstraße. Rechts im Gebüsch liegt eine Kegelbahn, wo sich oft der Besitzer mit seinen Freunden vergnügt.« Sie ist jetzt verschwunden, das Bauernhaus aber in nahezu alter Gestalt erhalten.

An der nördlichen Seite des Baues windet sich der Weg den Berg hinan. Zur Linken erhebt sich im Gebüsch ein mächtiger Pyramidenbau, der schon auf Langes Plan abgebildet ist, bei Glasewald aber fehlt, und daher auch wohl nicht von ihm herrührt. Es ist eine stattliche Steinpyramide, vor die sich ein dorischer Giebelbau legt ([Abb. 17]). Den großen Innenraum überdeckt ein Kreuzgewölbe. Die an den Seitenwänden befindlichen Nischen sind mit Urnen und Tränenkrügen besetzt. »In diesem Tempel der Erinnerung seiner Entschlafenen pflegt der Graf mit seiner Familie zu speisen – hier feiert er seine Familienfeste.« Auf der nördlichen Seite befindet sich der Eingang zur Gruft, in der sich der Besitzer beisetzen lassen wollte, was aber nicht geschah. Der Bau ist noch heute gut erhalten.

Abb. 18 »Eingang zur Ritterburg« im Schloßgarten zu Machern
(Nach einem Blatte bei Gasch, Kunstantiquariat Dresden)

Zur Rechten der Steinpyramide liegt ein altes verfallenes Schloß, dessen Turm weit über die höchsten Eichen emporsteigt ([Abb. 18]). Vor dieser »alten Ritterburg«, die heute noch gut erhalten ist, steht ein steinerner Tisch mit der Inschrift: »Thylow von Lindenaw 1242«. In einer künstlich gemauerten Felswand dient ein gotischer, wie in den Felsen gehauener Bogen als Eingang zur Burg. Die begleitenden Säulen haben keinen Fuß, »damit sie durch die Zeit eingesunken erscheinen«. Der Felsen ist zum Teil verwittert, überwachsen, »wodurch die Täuschung des Altertums vollendet wird«. Man tritt zuerst in eine Grotte, die nach gotischer Art ebenfalls in den Felsen gehauen erscheint, mit altgotischen Bänken als Ruhesitze der Knappen und Wächter der Burg. Das Gewölbe schließt ein altes Gittertor von einem nur schwach von oben erleuchteten Gang ab, an dessen Ende ein aus Stein gehauener betender Ritter steht. Der »schauerliche Eindruck« wurde früher noch dadurch erhöht, daß beim Eintritt »das eiserne Gittertor von selbst schnell und mit einem Geprassel aufsprang, so daß die Wände furchtbar wiederhallten.« Der Turm besitzt drei Stockwerke, im zweiten Stockwerk liegt der Rittersaal mit dreifach gekuppelten Spitzbogenfenstern mit schönen Glasmalereien. Der Bau der äußeren Turmmauer wurde nach Lange 1795 beendet. Unsre Abbildungen geben Glasewalds Entwurf ([Abb. 19]) und eine alte Zeichnung wieder.

Abb. 19 »Die Ritterburg« im Schloßgarten zu Machern
(Nach: Glasewald, »Beschreibung des Gartens zu Machern«)

Von den erhaltenen Bauwerken ist vor allem noch der Tempel der Hygiea zu nennen, den Glasewald ebenfalls entworfen und in seinem Buche dargestellt hat ([Abb. 20]). Zu beiden Seiten des Tempels stehen in kleineren Nischen zwei Vasen, »die im Dunkeln durch die darin angezündeten Lampen ein sanftes Licht verbreiten und dem Ganzen eine mystische Feierlichkeit geben.«

Abb. 20 Tempel der Hygiea im Garten zu Machern
(Nach einem Blatte bei Gasch, Kunstantiquariat Dresden)

Wir erkennen aus dieser Schilderung, daß auch hier wie im Seifersdorfer Tal Architektur und Plastik die Grundstimmung der einzelnen Gartenteile ergeben. Das Pyramidengrab, die Ruine einer alten Ritterburg, ein Amor, der aus einer Laube, oder eine Nymphe, die aus dunkler Grotte lauscht, eine Köhlerhütte an abgeschiedenem Platz und anderes bestimmen den Charakter. Die Architekturen sind hier reifer durchgebildet und der Stil der Stimmung angepaßt, die sie auslösen sollen. Dazu war nötig, wie es Glasewald ausspricht, darauf zu achten, daß sie nicht auf einmal zu überschauen sind. Dies Prinzip geht klar aus dem alten Grundplan hervor. Der leitende Gedanke ist, den Garten in Einzelteile zu zerlegen, darauf sind die Gehölzpflanzungen zugeschnitten. So treten die Bäume zu dichten, für sich abgeschlossene Gruppen zusammen, ganz ähnlich wie im regelmäßigen Stil, nur sind hier die Wege in krummen Linien gezogen. Die Zusammensetzung der Gehölzpflanzungen ist eine durchaus gemischte, künstlerische Ziele sind schwer erkennbar. Die Zeit hat die Gegensätze, die in den Anpflanzungen gesucht wurden, verwischt, sicher nur zum Vorteil der Anlage. Mit ihrem schönen alten Baumwuchs, den großen beherrschenden Teichen, und den die Stimmung alter Zeit am klarsten überliefernden Bauwerken gehört sie heute zu den schönsten und kunstgeschichtlich wertvollsten Gärten Sachsens aus dieser Zeit.