Weinberghäuser in der Lößnitz und den Meißner Bergen
Von Reg.-Baurat Dr. Paul Goldhardt
Wenn wir von den Elbhöhen unterhalb Dresdens, etwa vom Standpunkte des Spitzhauses, ins weite lichte Land hinausblicken und, die tektonischen Massen der herüber- und hinübergrüßenden stolzen Ufer abwägend, das Bild des breit und majestätisch dahinziehenden Elbstromes in uns aufnehmen, werden die zu unseren Füßen sich ausbreitenden Niederungen gar bald unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Welch ein unübersehbares Häusermeer! Kauert sich doch von Dresden bis nahe an Meißen, zwischen Gärten und Alleen eingebettet, ein Häuschen neben das andere; kleine Giebelfenster blitzen unter roten und dunkelblauen Dächern auf, in nicht endenwollender Zahl sind menschliche Siedlungen und Arbeitsstätten zwischen Strom und Berg verstreut.
Vor solcher Übervölkerung der heimatlichen Erde erschrickt man, und leise mischt sich die ständig mit uns wandelnde Sorge um das Los unseres gequälten Volkes in die fröhliche Wanderstimmung. Und doch, wer die trauten heimatlichen Täler und Höhen ins Herz geschlossen hat, den werden die üppigen Gärten und die von weiter Sicht so simpel daliegenden und in der Nähe gesehen so kompliziert auf die modernen Bedürfnisse der Menschen eingestellten Siedlungen auch mit Zuversicht erfüllen, denn sie versinnbildlichen ihm mit eindringlicher Macht die unüberwindliche Kraft des Volkes, die auch durch jahrzehntelange Unterdrückung hindurch zum Lichte strebt. Sind doch all diese Gehöfte und Werkstätten innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Erdboden geschossen und haben eine vollkommene Umwertung der Landschaft hervorgerufen.
Der Wanderer, der gegen Anfang oder um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts die Elbhöhen erstieg, konnte noch landschaftliche Bildungen von vollendeter Reinheit und Lieblichkeit bewundern, von denen der heutige Zustand kaum noch einen matten Abglanz widerspiegelt. Wem ständen, wenn er sich jener Zeiten erinnert, nicht Ludwig Richtersche Radierungen vor Augen, auf denen die Poesie der Weinkultur verherrlicht wurde? Sie sind für immer dahin, jene anmutigen Zeiten der Bergeinsamkeit, die Tage farbenreicher ländlicher Feste, der wandernden Gesellen und versonnenen Zecher.
Und nur unsre Phantasie kann uns von der Unberührtheit der damaligen Lößnitzberge eine Vorstellung geben, als dort noch ein weiter großer Garten Gottes war, umzäunt und durchschnitten von tausend Steinmäuerchen und Treppchen, die sich bergab und bergauf zwischen saftigem Weinlaub, knorrigen Nußbäumen und uralten Linden dahinzogen, als dieses ganze sonnige Berg- und Hügelland samt der vorgelagerten breiten Talsohle, über und über in Grün getaucht, noch frei war von städtischen Ansiedlungen, und als dieses ewige Grün nur an ganz wenigen Stellen und wohlberechnet durchsetzt war von den fröhlichen roten Ziegeldächern und weißen Mauerflächen der kleinen Winzerhäuschen und Weingüter. Uns bleibt, wenn wir jene alten schönen Zeiten neuerleben wollen, nichts übrig, als sehenden Auges umherzuschweifen und den alten trauten Zeugen einer verklungenen Kultur nachzuforschen. Mit der Freude des Entdeckers werden wir zwischen Rebstöcken, abgebrochenen Alleen und verfallenen Mäuerchen diese malerischen Häuschen eins nach dem anderen auffinden und mit steigendem Entzücken feststellen, welch große künstlerische Einheit sie umfaßt, wie immer und immer wieder das trauliche Walmdach wiederkehrt, wie hinsichtlich der Stellung des Häuschens zur Straße und zum Weinberg und der künstlerischen Verflechtung von Haus, Garten und Berg überall dieselbe ordnende Hand tätig gewesen zu sein scheint. Stand doch das Winzerhaus wie das vornehme Landhaus immer unten im Tal und überließ das sonnige Berggelände dem Rebstock, der sich bis zum Bergkamm hinaufzog. Dort aber an höchster Stelle entstanden allerliebste Wachthäuschen, denn zur Zeit der reifenden Trauben war dort Aufsicht geboten. Welche anmutige Lösungen fanden unsere Vorfahren hierfür, welche entzückenden Türmchen und Pavillons krönen allerorts die Weinbergsgrundstücke und erzählen von der fröhlichen Schaffenslust der Bewohner und von ihrem feinen und natürlichen Gefühl für bauliche Aufgaben!
Wenden wir uns kurz dem geschichtlichen Ursprung und Werdegang der Weinbergsbauten in der Lößnitz zu, so ist zunächst festzustellen, daß aus der Zeit vor 1550 nichts Bemerkenswertes erhalten ist, und daß die überwiegende Zahl der baulichen Anlagen vom Anfang des achtzehnten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts errichtet wurde. Da aber die Rebenkultur in den Elbbergen viel älteren Ursprungs ist, glaubt man sie doch, auf gewisse Urkunden fußend, bis ins zwölfte Jahrhundert, also in die Zeit der Neubesiedlung des Landes durch die Deutschen, zurückverfolgen zu können, so scheint die Geschichte des sächsischen Weinbaues nun schon dreiviertel Jahrtausend mit der Entwicklung unserer engeren Heimat verknüpft zu sein. Im frühen Mittelalter, als Sorben und Deutsche um den fruchtbaren Boden gerungen haben, wurde der Weinbau von den Klöstern und Kirchenfürsten gefördert, und gewiß war Meißen auch der Ausgangspunkt dieser wichtigen Kulturerscheinung, deuten doch gewisse altüberlieferte Orts- und Gebäudebezeichnungen, so z. B. die der Bischofspresse in Zitzschewig, auf diese Tatsache hin. Jahrhundertelang war die kleine Rebenstadt das Herz des Landes, bis sie infolge von dessen politischer Umbildung das Zepter an Dresden abtreten mußte. Der Weinbau aber hat indessen nicht aufgehört, im Wirtschaftsleben des Landes eine große Rolle zu spielen, und wir können annehmen, daß die Rebenkultur im Verlaufe der Jahrhunderte von ausschlaggebender Bedeutung für die landschaftliche Gestaltung des Elbgebirges und für sein bauliches Bild gewesen ist.
Von Dresden aus übernahmen dann die weltlichen Fürsten die Fürsorge für den Weinbau, höfische und städtische Kultur ist es, die von jetzt ab im Gefolge des Weinbaues in die Berge vordringt. Es sind die reichsten und schönsten Blätter der sächsischen Kulturgeschichte, die sich uns nun eröffnen, die Zeit des farbenprächtigen Barockes, jener wundervollen Stilgebundenheit, die dem gesamten Leben der damaligen Zeit Glanz und Weihe verlieh. August der Starke und seine schönheitstrunkene Zeit! Die Strenge des Hofzeremoniells löste ein um so freieres, ungebundeneres Landleben aus; erschöpft von den gesundheitraubenden Hoffesten und überdrüssig des Staubes der bewegten Stadt, bestiegen die zierlichen Perückendamen und höflichen Kavaliere die breiten Staatskutschen, und hinaus in die weinumrankten Berghäuschen ging die fröhliche Fahrt, anmutigen Schäferspielen und neuen Intrigen entgegen. Und nun beginnt ein herzerquickender Wetteifer der baulustigen Stadtherren, immer schönere Weingüter zu ersinnen, immer lieblichere Gebilde aus Stein und Dachwerk zwischen malerischen Bergtreppen und schnurgeraden Alleen hervorzuzaubern. Freilich die Namen der Künstler sind verschollen. Sei es drum, war doch das ganze schönheitsgierige Jahrhundert kunstbegabt, war doch jeder ein Meister. Waren auch viele der damals entstandenen Weinbergshäuser kleineren Umfanges und von bescheidenem Äußeren, so erscheinen sie uns, die wir der baulichen Verwilderung der letzten Jahrzehnte müde sind und gierig dem Schatz unserer guten alten einheimischen Kunst nachforschen, doch alle wie Zeugen aus einer besseren Zeit, in der anständige künstlerische Durchbildung des Hauses noch eine selbstverständliche Forderung war.
Als Auftakte der Lößnitzbaukunst sind in erster Linie das launige mit reicher den Wein verherrlichender Plastik geschmückte Portal im Garten der Hellerschänke, sodann das an der Baumwiese gelegene Fachwerkhaus ([Abb. 1]) zu nennen. Es soll der Gräfin Cosel als Zuflucht gedient haben und zeigt im Innern noch einige Reste reicherer Raumdurchbildung, worauf ja schon der prächtige Fachwerkserker, der in unserer Gegend selten vorkommt, hindeutet. Zu diesen auf die Lößnitz vorbereitenden Bauwerken gehört aber auch der gut umrissene Gasthof »Pfeifer« in Wahnsdorf und das alte Weingut am Wilden Mann, Döbelner Straße 108 ([Abb. 2]).
Abb. 1 Fachwerkhaus an der Baumwiese
Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Inzwischen gelangen wir in die Oberlößnitz und stoßen an der Wettinstraße auf ein rechtes Märchenhaus: das Kiauhaus ([Abb. 3]), versteckt hinter einem dichten Schleier knorriger und hochaufstrebender Zweige und gemütlich umgürtet von einer breit geschwungenen Steinmauer. Sollen wir die Entstehung dieses seltsamen Baumindividuums dem Zufall zuschreiben oder hat feiner Gestaltungssinn diese wundervolle Einheit zwischen Menschenwerk und Naturgebilde geschaffen? Man kann wohl nur letzteres annehmen.
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 2 Weingut in Dresden, Döbelner Straße
Noch schlichter und ländlicher wirkt Haus Breitig in der Kronprinzstraße mit seinem dunklen Fachwerk und hellen Putzfeldern, es steht so fest verankert mit dem Boden und innig angeschmiegt an die Naturumgebung ([Abb. 4]).
Aufnahme von J. Pfeiffer, Oberlößnitz
Abb. 3 Kiauhaus, Oberlößnitz, Wettinstraße
Abb. 4 Haus Breitig, Oberlößnitz, Kronprinzstraße
An der Ecke der Nizza- und Sophienstraße treffen wir auf einen besonders rassigen Bau, ([Abb. 5]), ohne jede schmückende Zierat ist er in strenger Gesetzmäßigkeit aufgebaut, das obere Geschoß ist kräftig zurückgesetzt und mittels breiter Dachschräge mit dem Unterbau verbunden.
Abb. 5 Haus Ecke Nizza- und Sophienstraße, Oberlößnitz
Wem daran gelegen ist, zunächst die architektonisch reicher behandelten Bauten aufzusuchen, dem wird man empfehlen, in allererster Linie das reizende kleine Bennoschlößchen zu besichtigen ([Abb. 6]). Es liegt noch weiter ab vom Bergfuß an der mittleren Bergstraße und ist einer der ältesten Zeugen der hier behandelten Hausgattung. Da die Weinpresse später angebaut wurde, ist es nicht ganz sicher, ob das aus der Zeit um 1600 stammende Häuschen schon von seiner Errichtung an als Weinbergshaus gedient hat, es ist dies aber anzunehmen. Bewundernswert ist der trotz bescheidener Größe mit Renaissanceformen ausdrucksvoll gegliederte Gesamtumriß, nebenbei erwähnt ein Beweis dafür, daß Bauwerke kleineren Umfangs nicht immer auf reichere Formen verzichten müssen. Im Innern freilich erinnert wenig mehr an alte Lebensfreude und Weinlaunigkeit.
Aufnahme von J. Pfeiffer, Oberlößnitz
Abb. 6 Bennoschlößchen, Oberlößnitz
Abb. 7 Haus in der Bennostraße, Oberlößnitz
Das auf [Abb. 7] gezeigte Haus in der Bennostraße zeichnet sich durch gute Stellung in der Straße und durch einen interessanten Dachgiebel aus, wie wenig an Zutaten bedurfte es doch, diesen schlichten Häusern Eigenart und Reiz zu verleihen.
Abb. 8 Haus Sorgenfrei, Oberlößnitz
Aufnahme von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz
Ein charakteristischer Vertreter der Lößnitzbaukunst aber ist »Sorgenfrei«, an der Schulstraße gelegen, in den Jahren 1786 bis 1789 herrschaftlich und breit angelegt ([Abb. 8]). Das Hauptwohnhaus, von stattlicher Baumallee zugänglich und mit breitem mittleren Dachaufbau im Stil des Empire, Fruchtgehängen, Vasen und Türmchen, alles in allem eine bauliche Erscheinung von soviel Anmut und Fröhlichkeit und soviel bodenständiger Eigenart, daß man sich nur mit wahrer Freude an seinen reizenden Eindruck erinnert. Man lernt aus solchen Werken, daß man Bauten nicht erzeichnen, sondern plastisch erfassen soll, wir sind freilich heute weit entfernt von der Naivität, die hierzu erforderlich ist.
Aufnahme von Architekt Rometsch, Oberlößnitz
Abb. 9 Haus »in der Sonne«, Oberlößnitz, des Architekten Dr. Hammitzsch
An der Bergstraße aber, also am Fuß und Anfang des Berges, finden wir eine ganze Reihe von kleineren Weinbergshäusern im Glanze der warmen Sonne und zwischen schönen alten Laubbäumen eingebettet. Vorüber am breit gelagerten Haus eines Sanitätsrates, mit barockem Dach und schönem Erker, dessen oberer Abschluß nicht mehr ganz »stimmt«, an dem »Haus in der Sonne«, des Architekten Dr. Hammitzsch ([Abb. 9]), mit achteckigem Mittelteil und schlichter Verbretterung – der kräftige gelbe Putz leuchtet warm darunter auf zwischen der steil auf das Haus zulaufenden Baumallee – und dem schlichten und doch so behaglich zwischen hohen Parkbäumen eingebetteten Haus Lorenz ([Abb. 10]), gelangen wir zu dem am Ende der Straße aufragenden Turmhaus oder Meinholdschen Weinberg mit interessantem, beschieferten Eckturm, dessen alter Eingang leider vermauert wurde, und auf dessen Turmspitze als Wetterfahne eine weibliche Figur, eine Traube in der Hand haltend, aufgestellt ist ([Abb. 11]).
Abb. 10 Haus Lorenz, Oberlößnitz, an der Bergstraße
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Dort aber an der Wegwende finden wir die prächtige Hoflößnitz, gruppiert um einen behäbigen Binnenhof und bestehend aus dem Mitte des siebzehnten Jahrhunderts errichteten Wohngebäude mit überaus reich ausgemalten Obergeschoßsälen und den hufeisenförmig gelagerten Wirtschaftsgebäuden, in denen nun eine gemütliche Weinstube eingerichtet ist, die in Sommershitze zum kühlen Trunk und bei Schneetreiben zum behaglichen Verweilen am breiten Kachelofen einlädt. Hier ist noch gut träumen vom ruhigen Glück vergangener Tage und der Beschaulichkeit der Vorfahren; freilich ihre Nöte hatten diese auch, und gar oft wird es ihnen nicht viel besser zumute gewesen sein als uns heute. Die Erinnerung an die Vergangenheit wird besonders lebhaft wachgerufen, kommen einem doch die Festlichkeiten in den Sinn, die hier veranstaltet wurden, wenn der Hof nach den Anstrengungen der Regierungsgeschäfte herauskam und ein fröhliches Treiben in der Hoflößnitz einsetzte ([Abb. 12]).
Abb. 11 Turmhaus, Oberlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Und dann unter Benutzung einer langen, steilen Steintreppe hinauf zur Bergeshöhe, zum »Spitzhaus«, einst von eindrucksvollen Umrißlinien mit kühn geschwungener Dachhaube, jetzt freilich durch wenig glückliche Anbauten aus dem Jahre 1901 um den architektonischen Wert betrogen, aber doch hervorragend auf dem Bergrücken gelegen und weithin ins Tal grüßend. Auch dieses Bauwerk dient heute in seinem vergrößerten Umfang als Gaststätte.
Abb. 12 Hoflößnitz, Oberlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Nicht minder reich an wertvollen Baudenkmälern als die Oberlößnitz ist die Niederlößnitz, den Besucher erwartet hier eine Reihe hervorragender Baujuwele voll intimster Reize. Gleich eingangs liegt das »Grundhof« genannte malerische Grundstück an der Paradiesstraße ([Abb. 13]–[15]), das um 1700 vom Bruder August des Starken für die Gräfin Neidschütz errichtet wurde, eine Bauanlage, die in einfachsten Formen, mit allseitigem Walmdach, warmem gelben Putz und fröhlichem weißen Holzwerk unter malerisch emporrankendem Schlingbewuchs geradezu bestrickend wirkt, freilich auch mit vieler Liebe vom Architekten Rometsch baulich instandgesetzt und ausgebaut wurde. In einem interessanten 1801 entstandenen, wegen seines Dachreiters »Turmhaus« genannten Nebengebäude hat sich der Genannte ein feinsinniges Atelier ganz im Stile des Hauses eingerichtet, im vorderen Teil des Parkes aber ein neues Wohnhaus errichtet, das sich vorbildlich an die Wesensart des alten Landsitzes anlehnt und doch ganz selbständig erfunden ist.
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 13 Grundhof, Niederlößnitz
Wandern wir, der Oberen Bergstraße folgend, flußabwärts weiter, so gelangen wir zum Minkwitzschen Weinberg, ebenfalls mit prächtigem Park hinter hohen Steinmauern, das Wohngebäude freilich durch neuere Umbauten in seiner Wirkung beeinträchtigt. Um so auffälliger tritt das auf dem Bergrücken malerisch liegende Lusthaus in die Erscheinung, turmartig aus zwei übereinanderliegenden Räumen mit steilem Zeltdach und Dachreiterchen aufgebaut, ist es vorbildlich in die Umrißlinie des Berges eingefügt; trotz seiner geringen Größe wirkt es beherrschend. Auch bei diesem kleinen Bauwerk müssen wir die Treffsicherheit bewundern, mit der Bergmasse und Architektur zu einem Ganzen verschmolzen wurden ([Abb. 16]).
Aufnahme von Architekt Rometsch, Grundhof
Abb. 14 »Turmhaus« im Grundhof Niederlößnitz
Im Zuge der Mittleren Bergstraße stoßen wir ferner auf das Weinbergsgrundstück Friedstein, und zwar zunächst auf das infolge neuerer Umbauten etwas verbildete »Altfriedstein« (1740), seine einstigen vorzüglichen Bauformen sind noch deutlich erkennbar ([Abb. 17]). Unbegreiflicher Unverstand hat jedoch das Grundstück durch die Anlage einer neuen Straße entzweigerissen und eine unerfreuliche Eckunterbrechung des Herrenhauses zur Folge gehabt, auch ist durch den Straßenbau eine schöne Futtermauer mit Bogenblenden und Brunnenwerk (1790), die im herrschaftlichen Garten lagen, auf die Straße geraten. Auch Friedstein hatte sein »Lusthaus«, hoch oben auf dem Berg, es wurde 1771 bis 1772 vom Kaufmann Ehrlich erbaut, damals »Denkmal der Wohltätigkeit«, jetzt »Friedsteinburg« auch »Mätressenhügel« genannt. Es ist trotz seiner Schlichtheit von großer architektonischer Schönheit und zeichnet sich durch einen mittleren achteckigen Mansardenbau zwischen einfachen Seitenflügeln sowie durch ringsumlaufende breite balusterbewehrte Terrassen mit hohen Sandsteinsockeln aus. Wie [Abbildung 18] zeigt, ist dieses den Namen einer Burg ganz und gar nicht verdienende Lusthäuschen anmutig und majestätisch auf den Gipfel des Berges gestellt. Es versetzt uns mehr denn alle übrigen Lößnitzbauten mit zwingender Macht in die alten Zeiten, denn es zeigt sich uns noch im unveränderten Zustand, und der leise beginnende Verfall berührt dem Besucher seltsam das Herz: wieviel Menschenglück und -harm mag dieses »Lusthäuschen« und die es umgürtenden Gärtchen und Rosenhecken und die gekrümmten Steinbänke unter den diskreten Laubdächern gesehen und miterlebt haben? Es bestehen Pläne, auch dieses Dornröschen aus langem Schlafe zu erwecken, hoffen wir, daß dabei mit feinsinniger Hand das künstlerische Erbe der Großväter angetreten wird, dann wäre es nur zu begrüßen, wenn neues pulsierendes Leben in die verlassenen Räume einzieht[1].
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 15 Turmhaus im Grundhof, Niederlößnitz
Aufnahme von Architekt Rometsch, Niederlößnitz
Abb. 16 Minkwitzsches Weinberghaus, Niederlößnitz
Zum ehemaligen Weinbergsgrundstück Friedstein gehört aber auch das am Berghang errichtete, jetzt als Pfarrtöchterheim dienende »Neufriedstein« mit vornehmem klassizistischen Säulenvorbau und vorgelagerter Terrasse unter gestutzten Bäumen und anschließendem, von kunstvollen Treppen zugänglichen Ziergarten am Bergabhang.
Abb. 17 Altfriedstein, Niederlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Biegen wir, ins Tal zurückgekehrt, in die Friedrichstraße ein, so treffen wir dort (Haus Nr. 24) auf einen zwar anspruchslosen, aber um so anmutigeren Vertreter der Weinbergshäuser, einen Putzbau mit fein abgewogenen Gliederungen von ausgesprochen bürgerlicher Behäbigkeit mit breit ausladendem, geschwungenen Straßengiebel vor dem schönumrissenen Walmdach ([Abb. 19]).
Abb. 18 Mätressenhügel, Niederlößnitz
nach Zeichnung von Regierungsbaumeister Nicolaus, Dresden
Wir sind nun bereits in den Bereich des ausgedehnten, »Wackerbarths Ruhe« genannten Weinberggrundstücks gelangt, über das im vorliegenden Heft eingehend berichtet wird. Wenngleich die ursprüngliche Bauharmonie infolge früherer Umbauten nicht völlig wiederhergestellt werden konnte, so bewundern wir doch an diesem stattlichsten aller Lößnitzbauten die großzügige Regie, durch die das gesamte Grundstück in eine künstlerische Einheit gebracht wurde, die hervorragende Achsenwirkung zwischen Herrenhaus, Kapelle und terrassenförmigem Ziergarten und die einzigartige Anordnung des Jakobsturmes auf der Höhe, der als plastische Lösung einfach hervorragend ist; sein Schöpfer war Baumeister, Bildner und Maler zugleich.
Aufnahme von Architekt Rometsch, Niederlößnitz
Abb. 19 Haus an der Friedrichstraße mit dem Jakobsturm, Niederlößnitz
Aufnahme von A. Richter, Radebeul
Abb. 20 Talkenberger Hof, Neu-Coswig
Wenn auch mit dem Wackerbarthschen Grundstücke die Zahl der architektonisch reicheren Weinbergbauten im allgemeinen abschließt, so treffen wir doch stromabwärts wandernd im Tal und an den Höhen eine weitere große Zahl reizvoller Gebäude an, die jedes für sich eigenartig und malerisch in die Landschaft eingebettet sind und doch allenthalben einheitliches Gepräge zeigen. Als besonders malerische Vertreter dieser Hausgattung sei hier nur der Talkenberger Hof in Neu-Coswig ([Abb. 20]) und ein Haus in Oberspaar ([Abb. 22]) angeführt. Friedliche Beschaulichkeit atmet das alte Gemäuer, breite ausdrucksvolle Putz- und Dachflächen, breit gelagerte Fenster- und Türöffnungen, Verzicht auf den Ausbau des Daches, das sind die Hauptrezepte des baulichen Gestaltens. Je mehr wir durch eigene Beobachtung den Gründen der harmonischen Wirkung solcher Gebäude nachspüren, um so eher wird es uns gelingen, die verlorene Bautradition in unserem Volke wiederherzustellen, die innere gefühlsmäßige Erfassung der Bauaufgabe, das war es, was uns in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen war.
Abb. 21 Spaargebirge bei Meißen. Deutsche Bosel (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Abb. 22 Weinbergshaus, Oberspaar (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Und noch ein Blick auf die Weinbergshäuser des Meißner Landes! Wer kennt nicht diese Zeugen liebenswürdiger Heimatkunst, die zu fröhlicher Einkehr einladenden Weinschankgüter auf der Bosel und im Spaargebirge, allen voran die Deutsche und die Römische Bosel, das von Hagensche Weingut und den Meißner Ratsweinberg mit seinen malerisch in die Bergfalten gefügten Bauten? ([Abb. 21.]) Wer erinnert sich nicht gemütlicher Dämmerstunden beim Schieler und weltverlorener Träumereien unter dem Blätterdach alter knorriger Baumgestalten? Weitab von Tanztee und Geschäftsfieber haltet Einkehr an solchen Stätten, und Ihr werdet den Wiederschein der friedlichen Lebenskultur verklungener Tage in Euch erleben und den vielgepriesenen Fortschritt der neuen Zeit nur skeptisch beurteilen. Vom gegenüberliegenden Elbufer grüßen herüber die Burgen Scharfenberg und Siebeneichen, diese stolzen und ehrwürdigen Zeugen nationaler Geschichte und deutscher Baukunst und rufen uns dunkle Sagen und bunte Geschehnisse ins Gedächtnis. Dort fanden in noch schlimmeren Zeiten als den unseren Vertreter des geistigen Deutschlands gastfreundliche Aufnahme. Werden der Heimat die Tage innerer Erneuerung wiederkehren, wird das fratzenhafte Gesicht des heutigen Lebens wieder edleren Zügen weichen?
Abb. 23 Batzdorfer Totenhäuschen bei Meißen (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Wer ließe sich nicht ergreifen von der eindrucksvollen Sprache uralter Kultur, wie sie in [Abb. 23] zu uns redet? Auch dieses »Batzdorfer Lusthaus« verdankt wohl seine Entstehung der Weinkultur, steht es doch dicht an Weinbergsfeldern auf dem linksseitigen Elbufer zwischen Scharfenberg und Siebeneichen, sagenumwoben und geheimnisvoll, »Totenhäuschen« nennt es auch der Volksmund. Nur seines weltversunkenen Eindrucks halber so benannt? Oder weiß das graue Gemäuer von menschlicher Tragik mehr zu raunen als uns überliefert wurde?
Abb. 24 Crassoscher Weinberg, Meißen
(Aus dem Heimatschutzarchiv)
Doch weiter im Zuge der Elbe ins rechtselbige Meißen selbst. Hier steht nahe der alten Steinbrücke von der Niederung gesehen kühn in das Blau des Himmels ragend ein kleines Bauwerk von eindrucksvollem Äußern ([Abb. 24]). Auf glattem, würfelförmigen Geschoßbau ruhen reichgeschwungene Renaissancegiebel derben Profils. Zum ehemaligen Crassoschen Weinberg gehört das Häuschen und wurde um 1600 errichtet, es entbehrt nicht des für Meißen so charakteristischen reichgeschmückten Portals mit den seitlichen Sitzplätzen.
Abb. 25 Rittergut Proschwitz, Weinbergshaus (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Wer je auf schmuckem Elbschiff von Meißen stromabwärts fuhr, wird sich bestimmt des reizenden Lusthauses des Proschwitzer Rittergutes erinnern. Märchenhaft grüßt es vom rechten Bergufer herab, stolz in den Horizont gestellt, traulich mit zeltartiger Mansarde gleich einer Haube bedeckt und behäbig überwölbt von einem mächtigen Blätterdach: eine wahre Lust von einem Haus und dekorativ die Landschaft beherrschend wie selten eins. Unser Bildchen ([Abb. 25]) zeigt uns das Haus allerdings vom Berge aus gesehen und ohne den Weinberg, der sich terrassenförmig zum Elbufer hinabsenkt. Noch ist die Heimat reich an Stimmungswerten, die oft im Schlichten am stärksten auf uns einwirken und einstürmen. Daß von Künstlerhand oft versucht worden ist, im Bilde die eigenartige Stellung des Gebäudchens in der Landschaft zu verwerten, kann nicht wundernehmen, es sei hier nur an die glückliche Radierung des Meißner Malers Barth erinnert.
Abb. 26 Weinbergshaus Seußlitz (Aus dem Heimatschutzarchiv)
Unsere leider allzu beschränkte Bilderreihe beschließt als letzter Ausklang der Weinbergsherrlichkeit ein Winzerhäuschen, das oberhalb des prächtigen barocken Seußlitzer Schlosses erbaut wurde ([Abb. 26]). Wie bei einem guten Werk der Baukunst schließen sich die immer wiederholten Horizontalen der malerischen Steinmauern mit dem Rhythmus der sie durchkreuzenden vertikalen Weinstöcke und der steileinschneidenden Bergtreppe zu einer wohlabgewogenen Gesamtbildwirkung zusammen, und fast will es uns scheinen, als ob alle diese Mauerschichtungen zu nichts anderm ersonnen wurden, als auf den einen stolzen Trumpf auf Bergeshöhe, das Häuschen mit dem elegant geschwungenen Dach, feinsinnig vorzubereiten, steht es doch wie ein Ausrufezeichen in den Himmel gereckt und als wollte es sagen, freut Euch mit mir, noch ist Lust und Leben, trotz grimmiger Feinde und allen Wehleides, das Euch bedrückt!
Fußnote:
[1] Die inzwischen erfolgte Erneuerung hat leider unseren auf sie gesetzten Hoffnungen nicht entsprochen.