12.
Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie. Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte —
Christel lächelte und hob das Papier auf.
Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich das etwa beklemmt.
Aber noch Eins, eh’ Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers. Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine Ursachen dazu.
Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die Worte: Selig sind, die reines Herzens sind — aber sie seufzte unmerklich, dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es, wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.
Meinem? erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu sehen, ob und was sie meine.
Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh’ nur mit Gott! — Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.
Das Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn’ es zu sagen; um Deinetwillen muß ich besser werden!