16.

Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße, weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.

Da macht’ es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude gemacht!

Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch, das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch, und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.

Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.

„Ein Pischkind!“ schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!

Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!

Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den kleinen Finger an den Mund.

Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber — Euch das zu bringen, das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht kennen! Ich setzt’ es einem Reichen hin!

Wecker aber sagte: Höchstens geben die das Körbchen wieder auf die Ziehe! und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt’ Ihr es haben? —

— Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für das gnädige Zutrauen zu uns Armen!

Das wollt’ ich nur wissen! sagt’ Wecker.

Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?

Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht getauft! das macht wieder Kosten!

Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! —

Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den Kindern geben zu können.

Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh’ ich Gevatter.

Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein Annaröschen?

Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und mehrere Silbergulden.

Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte, lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum Morgen.

Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, zum Kuchenbacken, wie er fröhlich sagte: — den Kuchen zu backen, der uns schmecken soll! Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu „den Kuchen backen!“ ergo heißt Einen Kuchen backen auch „Kuchenbacken.“ Und dazu gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum „Schulmeisterabsetzen“ ein ganzer Schulmeister, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose Anonyma. Der Mann bin ich. —

Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier? und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in der Bibel verborgen gewesen.

Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was hätte! Der ist nicht der Mann!

Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.

Er verdient’ es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh’ mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium — oder kurzen geraden Wegs zum seligen Herrn, da werd’ ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so närrisch soll sein — was kümmern ihn die lieben Kinder!

Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth vergelten.

Das wollt’ ich nur wissen! sagt’ er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.

Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert. Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil ihm der Vater gut gewesen war.

Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn’ er, nun er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in Ihrem Hause aufgehalten.

Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt, der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie freute sich jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich Gottliebchen hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes Diminutivum von — Gottlieb, wie Wecker es nannte.