2.
Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. —
Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas vergessen.
Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie.
Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. —
Ach, ich habe Alles, das sagt’ ich, weil ich meine Kinder hatte! den Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr’ um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt. Johannes kehre um. „Johannes!“ rief sie, „Johannes!“ jetzt weiß ich, wer rief, und wen sie meinte — Dich, mein Johannes! —
Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im Dorfe vom Thurme. — Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im geöffneten Kirchthurmfenster? — Es ist ein Mann! sagte Johannes, und keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten, horch!
Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.
Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang selber zu läuten. Er ließ sich’s nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.
Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle dort tief.
Das war wohl ein Schreckliches!
Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße Gestalt saß neben der Leiter.
Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt, denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht gethan! —
Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm? Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine Lage. — So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke! erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über und über roth. Sie wähnte sich vernachlässigt, als eine arme vater- und mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes zuerst den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen und kehrte sich ab. — Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.
Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun seid Ihr so arm als ich!
Ist das Dir ein Trost! erwiederte Christel.
Nun werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei ihm, wie oft hab’ ich geweint!
Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.
Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.
Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt’ er. Schöne Mädchen müssen nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger. Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er lächelte.
Mir ist nicht wohl, sagte er, daß ich jetzt arm bin. Ich kann nicht einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!
Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie er spricht. Oder nicht?
Freilich! sagte Johannes.
So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand, versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und wanderte in die Berge.
Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf den Wellen — und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! — Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder.