21.

Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein.

Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt’ er; guten Morgen auch! Man sieht im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.

Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man kommt; sagte Johannes.

An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte der Fremde jetzt Johannes, reicht’ ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich noch!

Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.

Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer. Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.

Ihr habt ja gehört — ich bin nur nach Dorothee gefahren! Ihr sollt mir ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte Johannes.

Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh’ ich recht, auch Euch.

Da möcht’ es nur bald aufthauen! sagte Frau Redemehr.

Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.

Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht nach der! Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb, und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der Schnee und das Eis vergangen.

Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.

Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.

Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen „Martha“ schimmerte still ihn an.

Martha! sagt’ er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder, fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?

Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.

Deine Schwester, die arme Martha! sagt’ er weich. Ich steh’ als ein großer Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen — zu schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam — als ich weiser war — da war sie todt. Arme Martha!

Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen! Dorothee ist Martha’s Tochter. — Geh’ doch in die große Bibel, Johannes, und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr armer Mann!

Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.

Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß. Der allzu gnädige Gottlieb droht’ er. —

Ihr bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud’ und Schmerz wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.

— Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das ich bei Euch gesehen. —

War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.

Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.

Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann gedankenvoll vor der Inschrift stehen.

Dorothee trat ein.

Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.

Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend.

Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der Hand.

Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.

Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von ihr.

Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt’ er gethan: sich erst zu schämen, eh’ ich seine Tochter ward — und so sich von Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß — ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend.

Eh’ wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?

Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen wäre! —

Hätt’ ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis. Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist — da brechen in der Nacht die Dämme, da eil’ ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute, daß sie meine Stimme höre! laute, um in der Menge verborgen sie mit zu retten — nur sie — — hätt’ ich doch nicht gelauten! hätt’ ich doch Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog sie nicht auf das Schloß!

Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der gnädige Gottlieb auch heirathen.

Das ist meine Tochter! würd’ ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.

Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut.

Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder Gott lieb! noch sind Sie Gott lieb! wenigstens mir nicht! Zieh’ in den Krieg! rieth ihm Paschalis.

Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie nicht als Wittwe bei ihr und bei ihm? war sie nicht jung noch und üppig genug? — Ihr hab’ ich ihr Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth, daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom Sarge der Tochter entfloh! —

Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen. Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.

Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein einziges Kind! —

Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das Schloß ist Euer — das Schloß betret’ ich nimmer wieder! — Ihr habt die Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder erstatte — dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und Johannes befährt den alten Rhein.

Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal! Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein Schiff mit goldenem Boden — ich will Euch Alle glücklich machen! sagte Paschalis erregt zu Johannes.

Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm Johannes. So elend war ich da nicht wie heut’, und nun immerfort! — o mein gutes Weib! — und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur halb!

Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das segnet Dir Gott und mir!

Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. — Nicht wahr, Ihr verliert nur Eure Schätze, wenn Jemand fallirt, dem Ihr sie anvertraut. Aber — ein gefallenes Haus hat keinen Credit, und ein Mädchen borgt Ihm nicht einen Finger, geschweige die Lippe! — Das sag’ ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.

Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.

Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen.

Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um sich auszuweinen bei seinem Daniel. — Aber er fand Jemand schon neben ihm. Wer seid Ihr? fragt’ er verwundert. — Still! Still! ich bin Wecker! der wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist eigentlich nur ein Lizentiat! fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen Frauen.

Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun, was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da hast Du Brot! komm’, führe mich heim, der Mutter wird bange sein!

Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn.

Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.

Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes Worten und Wesen sie anschauerte.

Nun — nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.

Daniel! — sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach ihm.

Mutter! — sprach er, als bät’ er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.

Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen zu.

Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch einen kleinen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her!“ — Ich habe Alles! — Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! — Du weinst, mein Mädchen?

Da traten die Jungfrau’n der Osternacht auch vor das kleine Haus und sangen:

Es gingen drei heilige Frauen

Alle-alleluja!

Des Morgens früh im Thauen,

Alle-alleluja!

Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen. Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem Wechselgesang, und es sangen:

Die Engel:

Erschrecket nicht, und seid All’ froh!

Alle-alleluja!

Denn, den ihr sucht, der ist nicht da.

Alle-alleluja!

Martha:

Ach Engel! lieber Engel fein,

Alle-alleluja!

Wo find’ ich doch den Herren mein?

Alle-alleluja!

Die Engel:

Er ist erstanden aus dem Grab,

Alle-alleluja!

Heut’ an dem heil’gen Ostertag.

Alle-alleluja!

Maria:

Habt Dank, ihr lieben Engel fein.

Alle-alleluja!

Nun woll’n wir Alle fröhlich sein!

Alle-alleluja!

Sie schwiegen nun und lächelten. —

— Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.

Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.

Das wollt’ ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes: Alle-alleluja!

Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut’ tanzt die Sonne! denn heut’ ist heiliger Ostertag!

Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah’ in die rothe, große, zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen.

Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem Schleier ansah, und bot ihr, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit feuchten Augen zum Himmel.

Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit freundlichem Lächeln und sprachen: Friede sei mit Euch!

[Anmerkungen zur Transkription]

Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.
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