6. Rübenfeld. Abend

(Der Geist taucht im Dunkel. Rübenbrinhildis lächelnd mit geschlossenen Augen eine Winde in der Hand)

Rübenbrinhildis: Warte!
— — tiefer zurück!

(kniet. Dann bohrend — im Krampf)

„Die Elemente wach
Trieb ohne Halt
aufwärts und abwärts — —!
Raub war es
Raub der Erde!
Dann wie Hohn:
der Fluß so klar
versäumt — verloren — ach!“

Geist: Was machst du?

Rübenbrinhildis (erschrickt, fährt auf, verneigt sich,
will gehen)

Geist (donnernd): Bleibe!
Tiefer zurück — —!

(wühlt die Erde auf — zieht eine Wurzel)

Geist (tierisch): Was ist das?

Rübenbrinhildis (kichernd): Das — —? (lacht hell auf)

(Der Geist sieht sie mit aufgerissnen Augen. Dann schmettert er sein bitteres Gelächter, wirft sich auf die Erde, liegt gekrümmt. Rübenbrinhildis flieht)

Geist (am Boden):
Geformte Kraft hat ihren eignen Sinn!
Erzeugen kann ich sie, kann sie vernichten!
Doch schwemmt ihr Strom den Damm der Ufer hin!

(entschwebt)

(Imma und der Rübenratibor)

Imma (ruft): Brinhildis!
Ging sie nicht?

Rübenratibor (lächelt, sieht sich suchend um)

Imma: Pocht das Feld,
Abend hämmert die Erde.
Ist’s versinkender Tag?
Herzschlag durstender Nebel
wartet die Nacht herbei!
Schweigen, das in Strömen fließt
und von Mund zu Mund
die Last wälzt!
Oh, verschütte nicht den Strahl der Bilder,
der im Auge lebt, aus Glut geschürt!
Bette nicht den Laut der Bangigkeit,
der wie Tropfen schwingt im Meer der Leere!
Träge Flügel über schwarzem See
schlagt die Mattigkeit auf Spiegel nieder,
wo sich Luft und Grund im Kuß berührt!

Rübenratibor (tieftraurig): Du —!

Imma (verhängt): Ja — — ich!

(plötzlich auf in fliegender Angst)

Brinhildis!

(falsches Lächeln zwingend)

Ich rede viel,
wenn wir allein sind!

Rübenratibor (in Dämmerung, halb singend):
„Es ist gut — —
was der Mensch dem Menschen tut —!“

(Imma vergräbt ihr Gesicht in Hände. Rübenbrinhildis kommt. Imma tastend auf sie zu)

Imma: Es gibt ein Zittern, das von außen kommt!
Bitte!

(Sie setzen sich alle drei auf die Erde)

Imma (zum Rübenratibor):
Sind wir erst in Gärten droben,
wo du Mann bist — —!

(zu Rübenbrinhildis)

daß er meine Knechtschaft teilt im Schacht,
drum nicht Kuß, nicht Wort, das Liebe rührt!
Ist Versagung, die in Freiheit mündet!
(steht auf) Nach der Königin sehn —! (geht)

Rübenbrinhildis (hebt die Wurzel vom Boden):
Weißt du, was das ist?

Rübenratibor (stöhnt): Oh —!

Rübenbrinhildis (überreicht sie ihm tänzelnd): da —

Rübenratibor (hält sie fest): „Jäger kommt — Jäger!“

Rübenbrinhildis (mechanisch): Nicht Kuß!
Nicht Wort, das Liebe rührt!
(traurig) Wir sind alt, wie Erde!

Rübenratibor (bohrend): „Weckt Kläger!“

Rübenbrinhildis (hohl): Kläger!

(Sie stehen Schulter an Schulter gelehnt, weinen still in sich hinein)

Rübenbrinhildis: Weinen über Leid,
das nicht verschuldet ist!
Schiebt sich in die Brust —
schiebt sich weiter —!

Rübenratibor: Kühl —!

Rübenbrinhildis (plötzlich zuckt zusammen):
Jetzt —
versteh’ ich!

Rübenratibor: Du?

Rübenbrinhildis (entsetzt sich über die Wurzel):
In — deiner Hand!

(wankt davon.)

Rübenratibor (streichelt die Wurzel wie ein Kind):
Schlüssel, mein Schlüssel!
Schließ auf!
Rote Erde,
gelber Mond,
spitze Gedanken!

(Die Rübenmägde Gersa, Buh und Linde im Reigen)

Rübengersa: Not im Schleier —!

Rübenbuh: Weht auf Bergen —!

Rübenlinde: Nackt wir setzen den Fuß —!

Rübengersa: Stein — auf!

Rübenbuh: Stein — ab!

Rübenlinde: Immer in Regung!

Alle drei: Welle ist unser Gruß —!

Rübenratibor: Tanzende Trächtigkeit,
tanzende Prächtigkeit,
tanzende Nächtlichkeit,
tanzende Verächtlichkeit!
Seht welken
Wurzelseele!

(zeigt ihnen die Wurzel — jeder einzeln, eindringlich nahe ins Gesicht sprechend)

Weißt du —?
Weißt du —?
Weißt du noch —?

(Die Rübenmägde schrumpfen sichtlich ein — tasten davon, ohne sich anzufassen — jede allein. Der Rübenkönig, uralt mit verwittertem Bart fast einer Wurzel ähnlich)

Rübenkönig: Tanzen sie nicht?

Rübenratibor (zeigt ihm die Wurzel): Darum!

Rübenkönig (bricht zusammen. Auf dem Boden ächzend):
Das — hättest du — — mir
nicht sagen sollen! (löst sich auf)

Rübenratibor: König!
— — — —
Der König ist vorbei!
Es muß durchgebissen werden!

(trägt ihn weg)

(Imma und die Rübenkönigin, welk, auf Stöcke gestützt)

Imma: Kommst du —?

Rübenkönigin (gebrochen): Vorher — ist das Schlimmste!

Imma (versteht nicht): Willst du —?

Rübenkönigin (gütig): Laß mich, Liebe —!

(humpelt an ihr vorbei)

Imma: Soll ich — —?

Rübenkönigin (dreht sich zu ihr um, wehrt lächelnd):
Gute Nacht! (humpelt weiter)

Imma (stammelnd):
Wo die Schatten stehn —?
Willst du Sterne trinken?
Über Flächen wehn
und in Rätsel sinken!

(Rübenbrinhildis — zerzaust, verzweifelt sich mit Mühe aufrecht haltend)

Imma (im Schrei): Brinhildis!

Rübenbrinhildis (hält sich die Ohren zu): Nicht!

Imma (bebend): Was geschah?

Rübenbrinhildis (irr): hi — kärts — phani meh — wente!
(wankt weiter)

(Die Rübenmägde Gersa, Buh und Linde — gebeugt schwer in einem Klumpen zusammenklebend)

Imma: Gersa! — Buh! — Linde!

(Die Rübenmägde ohne aufzusehen, torkeln weiter)

Imma (schreiend):
Er nicht!
Er nicht!
Ratibor!
Ratibor!

(bricht schluchzend zusammen. Wie sie aufblickt, steht der Geist da)

Geist: Sieh um dich!
Rübenfelder!

Imma (stark): Laß!

(rast davon. Der Geist verhüllt sich, schwindet.)