8. Verwachsene Allee. Rondell
Imma (auf dem Boden mit Steinen zeichnend):
Muß ich Gräber taufen:
Hier — Hier — Hier!
Vier —
Sieben —
in Zahlen zerrieben —
im Sand zerlaufen —!
Mutter Königin tot
Vater König — Ratibor
Brinhild!
Ach — das gleiche Schild
vor
Alle:
Not!
Zeichne, wo der Boden sie bezirkt
mondgewirkt,
wo die Gruft sie engt,
gramversengt,
wo der Stein sie ehrt,
blutverzehrt!
Linde — Gersa — Buh:
Du —! Du —!
Und der Kiesel Zahl
dazu:
Ruht in Qual!
Ich allein
pflanze euch in Erde ein!
(Der Geist):
Geist: Warum lügst du?
Imma: Ich?
Geist: Weißt du nicht?
Imma: Still!
Geist: Willst nicht wissen!
Imma (verzweifelt — Schrei): Nein!
(wirft sich auf die Erde)
Geist: Sah dich fremd am Abhang stehn,
ferne Sehnsucht blutend untergehn,
Brunnen, die in Gärten sprangen,
Goldne Fische zwischen Schicht und Schein,
Blätter breit,
darauf die Regen klangen,
aber arm dein Herz im Stein:
Einsam, Mensch, du Bett der Irdischkeit!
Finger rings, die Tod in Netze spannen,
Münder, die im Laut zerrannen,
Lust, die schrie, und Wände durch das Rund,
feucht von Giften, und die List im Grund!
Falsch dies Bild der Not! Verfälschte Sucht!
In dir selbst taucht Gift aus irrer Schlucht,
unergründlich lächelnd, mondenfahl
das zum Sturz dich treibt: Die List der Qual!
Keine Rast, wo Saat in Strömen gährt,
keine Hast, wo sich Kristall verklärt,
keine Lager, wo der Quell entspringt,
Kreise Staub bis Meer im Sand verklingt!
Haltlos, untief, wunschverzerrt, sei blind!
Schöpfung stirbt, wo Gitter sind!
Liebe, brich entzwei, die mich besaß!
Lüge rächt sich, wo sie fraß!
Schrei im Windflug auf! Zerfalle Gruft!
Menschenleib braucht Menschenluft!
(taucht im Dunkel)
9. Wiese
(Imma liegt noch immer, Kopf vergraben. Die Musik tönt wieder. Brinhildis führt Ratibor langsam. Er sieht Imma — jauchzt leise auf — läßt ihre Hände los)
Brinhildis (tänzerisch):
Träumt der Grund,
streut Blumen auf die Wiese —!
Ratibor: Wußtest du —?
Brinhildis (leuchtend, nickt, bejaht)
Ratibor: Woher?
Brinhildis (glückselig — zuckt die Achseln):
„Wissen“ — —?
Ratibor: Leise!
(kniet zu Imma hin. Plötzlich im Grauen)
Wenn ich rufe
und ein fremd Gesicht steht auf!
Brinhildis (kniet):
Wenn ihr Blick uns streift
ihn und mich — —!
Scham
überwinde
dennoch!
Ratibor (stark): Dennoch —!
Brinhildis (zart): Wir — scheiden —! (will gehen)
Ratibor: Bleib’!
Brinhildis (verhängt): Wie du willst!
(schließt die Augen)
Ratibor (ruft leise): Imma!
Imma (sieht auf — erschrickt, faßt sich und zwingt das
Lächeln. Dann — stoßweise mit unendlicher
Mühe zu Brinhildis):
Ich glaubte — — du — bist — — tot!
Baute dein Grab mit Steinen
hier — (sieht sich um, erschauert)
Nicht hier!
Die Wiese —! (weint)
Ratibor (zart): Du —!
Imma (schrill): Stammeln!
Lächeln?
Zerrbild!
Zerrbild!
Wund und Jammerweh!
Hielt euch endlich tief
in Urnen meines Grams geborgen!
Warum taucht ihr hoch?
Täuscht mich!
Taggespenst, Sonne, scheinst du?
Mond komm!
Ströme Nebel in die Gärten ein,
wo Gefühle schleiern!
Brücke den Bruch
von Augen und Herz!
Wehe Atem über Feld,
bis sich Halme traumlos biegen
und die Schwere erdwärts sinkt!
Dann Geschwister — wir,
Gestalten — alle —:
menschfern — seelenleer — gelöst im Bild!
Brinhildis (bebend): Imma!
Imma: Still!
Wir spielen!
Du bist Brinhildis —
Er — Ratibor —
Ich — Immas Spiegel!
Der hebt euch,
wie die See das Schiff!
Ratibor (verzweifelt): Imma!
Imma (erschreckt): Du bist stärker aufgestanden,
als du starbst!
Leise!
Ratibor (erschauernd):
Lebst du?
Sprich!
Wir leben!
Imma: Ihr lebt!
Ich lebe!
Jeder trägt das andere im Keim!
(zu Brinhildis) Rühre lieber nicht,
sonst bricht das Schweigen,
das sich sanft wie Häute dehnt!
(Brinhildis will sie küssen)
Imma (im Ekel): Nein —! Geh —!
(Brinhildis auf ein Zeichen Ratibors geht langsam)
Ratibor: Warum leiden Menschen so
durch fremde Schuld!
Imma (sieht ihn groß an)
Ratibor: Meine Schuld!
Imma (in Bangigkeit): Du —? Deine — — —?
Ratibor: Weil ich treulos war —!
Imma (in gesteigerter Hast):
Ich — — war — treu!
Züchtete dein Bild im Griff der Hand!
Tanzte wie ein Kreisel um dich, Wand!
Wob dich fest ins Netz verblichner Klänge!
Goß dich reißend aus in Brunnenenge!
Schwang dich, meine Flügel, blau im Rund!
Turm der Sehnsucht schuf ich dich zum Zeichen,
und so weit Gedanken reichen,
knüpfte Liebe ich zum Bund!
Ratibor (heiß): Imma!
Imma (entsetzt): Nein!
Zerbrochen Wunsch im Traum!
Ferner Wind am Mantelsaum!
Ach — Gefühle sind wie Raum,
unerfaßlich — unbegriffen,
Luft — gespalten zwischen Riffen,
Flug der Möwe ohne Grund!
Wasche Wunden erst gesund,
eh’ du dich an Rätsel kettest!
Weißt du, ob du rettest —?
Hör’ der Füße Schritt am Boden schlürfen!
Weißt du — weiß ich, was wir dürfen?
Bilder — Menschen — Wahrheit — Lüge — Spiel?
Überall Gefühl —
Wo ist das Ziel?
(Brinhildis kommt zurück. Ihr behutsam folgend: König, Königin — die Mägde Gersa — Buh — Linde)
Imma (sie erkennend): Sie leben! Atmen! Lachen! Schweigen!
(schreiend) Menschen!!
Hilf mir — Geist! (bricht zusammen)
Alle in einem Schrei: Imma!
— — — —
Brinhildis: Tot! — Schwester —!
(Ende)
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):