14. März 1915.

Am Nachmittag des 10. März, als ich in La Bassée war und aus nördlicher Richtung schweren Kanonendonner vernahm, mußten die Deutschen nicht weit von Lorgies, in dem von zahlreichen Drainierungskanälen durchschnittenen Sumpfgelände von Neuve Chapelle, einen Schützengraben aufgeben, eine von jenen nassen »Mausfallen« und »Granatenschachteln«, die gegen schweres Artilleriefeuer nicht zu halten sind. Es handelte sich dabei um eine für die Kriegslage an der westlichen Front völlig bedeutungslose Sache, um jenes wechselnde, dem Schachspiel gleichende Hin und Her, das im Stellungskriege mehr durch die Bodenbeschaffenheit als durch ein Übergewicht militärischer Kräfte bestimmt wird. Man kann an den Verlust dieses Grabens vielleicht den Vorwurf knüpfen, daß die mißgünstige und unhaltbare Stellung nicht schon früher verbessert wurde. Aber nach vorwärts war Boden von verläßlicher Beschaffenheit nicht zu gewinnen, und nach rückwärts, wenn es sich auch nur um einen Kilometer handelt, korrigiert sich der Deutsche nicht gern. Nun mußte dies am 10. März unter dem Zwang eines wahrhaft höllischen Artilleriefeuers geschehen, und die Zähigkeit, mit der die Unseren die schwierige Stellung bis zum äußersten zu halten suchten, führte zu an sich nicht wesentlichen Verlusten.

Ich habe heute in Herlies und Illies viele von den Braven gesehen, die, bevor sie widerwillig den von der Vernunft befohlenen Rückzug aus diesem mörderischen Feuer begannen, viele Stunden unter einem grauenvollen Granatenregen ausgehalten hatten. Wären ihre Gesichter nicht so ernst gewesen, so hätte der wunderliche Anblick ihrer Kleider erheiternd wirken müssen. Die Leute sahen aus wie Soldaten, die sich als Kanarienvögel maskierten. Die Pikrindämpfe der englischen Granaten hatten die feldgrauen Uniformen zitronengelb gefärbt. Einer von diesen Tapferen sagte zu mir: »Ich will so brav werden, daß ich in den Himmel komme, denn ich weiß jetzt, wie es in der Hölle ist!« Ein anderer, dem von der Nervenüberspannung jener Glutstunden ein ruheloses Zucken der rechten Gesichtshälfte geblieben war, sagte wie ein Träumender: »Ich kann es noch immer nicht glauben, daß ich lebendig bin.« Und ein dritter, dem auch in solchen Stunden der Humor nicht völlig entronnen war, sah seine zitronengelbe Hose an und sagte lachend: »Wär's nicht so heiß gewesen, so hätte man glauben können, die Engländer schießen mit faulen Eiern.«

Während ich heute mit diesen Gelbgewordenen redete, ging ein fleißiges Sausen und Brüllen durch die Lüfte. Man konnte in der Minute dreißig und vierzig schwere Schüsse zählen. Fast nur die Deutschen schossen. Jetzt waren sie es, die den Engländern die gefährliche »Granatenschachtel« heiß machten. Von der feindlichen Stellung war nur lückenhaftes Feuer zu hören. Sehr bescheiden ging es da drüben zu, viel bescheidener als im englischen Tagesbericht über den »Sieg von Neuve Chapelle«. Das Ergebnis dieser englischen Errungenschaft wird ein Wirrsal zerrissener Erde mit tausend trübselig blickenden Wasseraugen sein.

Der kleine Erfolg hatte die Engländer ein bißchen übermütig gemacht. Sie hatten verschmeckt, was ihnen als Erfolg erschien, und wollten es weitertreiben. Da schob man ihnen am 12. März einen deutschen Balken über den Weg. Ich hab' es hören und sehen dürfen, wie dieser stählerne Riegel zu klirren begann und sich vorschob.

Nach der Mittagsstunde war's. Ich saß bei der Arbeit, um vom toten Dorfe bei Arras zu erzählen. Da läutet's. Ich werfe die Feder fort und packe den Regenmantel, die Kappe und das Glas. Zwei Stabsoffiziere nehmen mich in ihr Auto. Der Wagen hat Eile. Wir brauchen bis nach Fournes la Coquerelle nur eine halbe Stunde, obwohl der Weg beengt und die Fahrt behindert ist durch endlose Batteriezüge und Munitionskolonnen.

Unter verhülltem Himmel, dessen Dunstwolken nach Westen jagen, lenkt eine wundervolle Rüsternallee von der Landstraße ab und führt zu einem Schlosse, dessen Bau und Park an englischen Stil erinnert. Fast alle Bäume sind angesplittert, viele schon umgeworfen. Das Schloßdach hat Löcher, und zerschmetterte Fensterscheiben sind durch Papier ersetzt. Der Wagen hält, und nun hört man den Kanonendonner. Ununterbrochen rollt er über Herlies her und weckt im treibenden Gewölk ein grollendes Echo. Die beiden Stabsoffiziere treten ins Haus; mich fesselt eine braune Sache, die ich im Hof gewahre: eine Doppelreihe gefangener Engländer. Viele halbwüchsige Bürschlein sind dabei; auch von den anderen ist keiner so hoch gewachsen wie die Ulanen, von denen sie bewacht werden. Ein junger, schlanker, etwas zart gebauter Unteroffizier hat den Kopf verbunden, Stirn und Wange sind blutig; manchmal schließt er für eine Weile die Augen und blickt dann wieder ruhig vor sich hin. Alle anderen sind unverwundet, und alle haben etwas Ähnliches in den hageren, glattrasierten Gesichtern. Sie erinnern an die Exzentrikgymnastiker, die man bei uns im Zirkus oder im Variété zu sehen bekommt.

Unter den Feldgrauen, die um die braunen Engländer herumstehen, befindet sich ein langer sächsischer Sanitäter mit schwarzem Backenbart. Der sagt:

»Ich habe den Haß gegen Ängland in mir genährt wie ene Mudder ihr Gind. Aber nu sin se gefangene Fainde. Da muß man das reen Mänschliche im Ooche behalten. Das heeßt, eens muß ich schon saachn, sähr viel Germanenvettrisches ham se nich

Die Weisheit des braven Sachsen wird sofort durch einen überzeugend wirkenden Vorgang bewiesen. Unter dem rollenden Kanonendonner geht ein scharfes Sausen durch die Luft. Immer näher kommt es, sehr nahe – und plötzlich, wie auf einen stummen Befehl, werfen sich alle Engländer, ausgenommen den jungen verwundeten Unteroffizier, platt auf den Boden hin. Achtzig Schritte seitwärts platzt die Granate, es dröhnt, und Rauch wirbelt auf – dann ist es ein bißchen still, und in diesem Schweigen huschen an uns zwei Kaninchen vorüber, die unbekümmert um Krieg und Menschennähe ihr temperamentvolles Liebesspiel betreiben. In etwas unbehaglicher Stimmung erheben sich die vorsichtigen Engländer vom Boden, und die Deutschen, von denen keiner den Kopf duckte, brechen in heiteres Gelächter aus. Auch Spottworte regnet's, sehr derbe, und einer von den Ulanen zieht hinten seinen Hosenboden spitz hinaus – eine Geste, die so deutlich ist, daß sie auch den Engländern nicht unverständlich bleibt. Sie gucken verdrießlich drein.

»Nee!« sagt der lange Sachse ernst. »Nur geenen Spott nich! Wir wollen Godd danggen, daß wir die ausgiebichere Gurasche in Laibe haben. Aber nich überhäben! Das widderschpricht der reen mänschlichen Wierde. Ängland hat sich, als es den Grieg an Deitschland erglärte, als en unzurächnungsfähiches Gind erwiesen. Und Ginder sin furchtsam. Man muß da immer das reen Mänschliche im Ooche behalten.«

Der lange Sachse gefällt mir sehr. Während ich ein Gespräch mit ihm beginne, kommen Ulanen angeritten und galoppieren wieder davon. Radfahrer sausen durch das Parktor herein und hinaus, Autos rauschen zum Haus und rasseln weiter, aus dem Schloß und aus den Ställen klingen befehlende Stimmen, und immer donnert und dröhnt es, in allen Richtungen sieht man die Rauchbäume wachsen, und das Sausen in den Lüften wird eine unendliche Melodie im Stile Richard Wagners.

Nun jagen auch wir davon. Eine heiße Erregung befällt mich, und ich fühle den glühenden Wunsch, zwanzig Augen zu haben – mit dem armseligen Paar, das ich besitze, kann ich nicht alles sehen. Denn was da geschieht und an mir vorübergleitet, ist wie ein Falkenflug.

Neben der Rüsternallee gewahr' ich einen großen Granatentrichter, der nicht vorhanden war, als wir kamen. Nun sind wir wieder auf der Straße, fahren gegen Herlies und kommen nur langsam vorwärts inmitten dieses lärmenden Gewühls – nein, kein Gewühl ist das, nur Fülle mit allen Stimmen einer straffen Bewegung – alles geht in stählerner Festigkeit und Ordnung an uns vorüber, wie an einem eisernen Seil, rasch und doch in Ruhe, hin und her, voran und zurück.

Der deutsche Stolz erwacht in mir und weitet mir die Augen, weitet meine Brust. Im Auto stehend schau' ich mit einer freudigen Gier hinein in dieses regelfeste Gewimmel. Nebeneinander, in dreifacher Reihe, ziehen die beladenen Munitionskolonnen, die Feldküchenzüge und die Geschützbatterien vor uns hin, und Kolonnen mit leergewordenen Wagen traben gegen uns her. Inmitten dieses ohrenbetäubenden Geratters marschiert im Schnellschritt ein Bataillon Grenadiere, zieht sich zwischen den Wagenkolonnen schmal in die Länge und formiert sich wieder zu viermannsbreiten Reihen, sobald es Platz gewinnt. Immer hängt dabei die Orgel des Geschützkampfes wie ein tobendes Sommergewitter in den Lüften, deren wehende Schleier dünner werden und manchmal von der für uns unsichtbaren Sonne einen leuchtenden Hauch bekommen. Zur Rechten und Linken der Straße, bald ferner, bald näher, schlagen die Granaten in das kahle Feld. Erde wirbelt auf, die grauschwarzen Rauchbäume fahren in die Höhe, und wenn sie im Winde verwehen, lassen sie einen bitteren Geruch zurück. Es donnert und rollt und dröhnt. Doch unerschütterliche Ruhe bleibt in all den festen, gesunden Soldatengesichtern. Nur die Gäule werden ein bißchen zapplig und müssen fest an die Hand genommen werden. Und immer höre ich heitere Worte und häufig ein kräftiges Lachen – einer pfeift und der andere schwatzt, der eine hat den kurzen Stummel zwischen den Zähnen, der andere läßt sich die Zigarre schmecken, und neben unserem Auto rasselt ein Geschütz, dessen Bespannungsreiter und Kanoniere vierstimmig zusammen singen, halblaut, so daß es in dem knatternden Lärme kaum noch zu hören ist.

Schon sind wir bei den ersten in Scherben geschossenen Häusern von Herlies, zwischen unsagbar zerrupften Mauern, über deren zum Gerippe gewordenen Dächern der Ruinenstumpf des Kirchturms trauert. Da flattert in den dichten Soldatenreihen ein Wort von Mund zu Mund – »Flieger!« – und alle Gesichter sind nach aufwärts gehoben, ohne daß die Bewegung auf der Straße auch nur für eine Sekunde stockt. Jetzt seh' ich ihn auch. Und noch ein zweiter kommt. Das sind Engländer; aber ihre Flugzeuge tragen die französischen Farbenringe – in den Lüften macht es England nicht anders als auf dem Meere, borgt sogar manchmal die deutsche Fliegermarke, das Eiserne Kreuz! Nun verschwinden die zwei Flugzeuge in den hastig ziehenden Dünsten des Himmels – eines taucht wieder heraus, hängt weiß da droben unter einem Flecklein Blau, fast senkrecht über uns – und da ist mir, als zucke ein feiner, schwarzer, gedankenschneller Strich durch die Luft herab – – –

Geht die Welt zugrunde? Bricht die Erde entzwei? Stürzt mit Donnerdröhnen das Himmelsgewölbe herunter auf uns?

Ein paar Sekunden brauche ich, um meine Sinne wieder zusammenzufinden. Mir war's, als hätte die Fliegerbombe dicht neben uns eingeschlagen. Doch bis zu der Stelle, wo die schwarze, dem Qualm einer Brandstatt ähnliche Rauchwolke aufwirbelt, sind's fünfzig oder sechzig Meter hinüber. Die Bombe ist zwischen das Gewirre der Hausruinen gefallen und hat keinen Schaden an deutschem Leben angerichtet, nur an französischem Eigentum. Gott sei Dank! Die Feldgrauen lachen schon wieder – das ist ein anderes Lachen, als ich es in La Bassée von den erschrockenen Kindern hörte – es ist ein festes, ruhiges Männerlachen; dabei haben die Soldaten harte Arbeit, um die scheuenden Gäule zu bändigen.

Der Flieger kreist da droben in den Lüften – »dieses gottverwünschte Luder!« –, ein paarmal ist er senkrecht über uns, und eine herzzerdrückende Sorge um die Unseren befällt mich. Denn die Ruinengasse von Herlies ist so dicht mit Feldgrauen angefüllt, daß Schulter die Schulter berührt – wenn jetzt eine Fliegerbombe da herunterschlüge – ich kann's nicht ausdenken und muß für einen Moment die Augen schließen, wie der englische Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf. Nun geht durch die Reihen der Feldgrauen ein vergnügter Jubel hin – in den Lüften kracht es wie von einer großen Raketengarbe, zwischen den grauen Dünsten und unter den blauen Himmelsflecken pufft in rascher Folge ein Dutzend Schrapnellwolken auf – der Flieger saust in Windungen davon, höher steigend und sich niederwerfend und wieder aufwärts rudernd – einmal ist er von den Schrapnellwolken so dick eingewickelt, daß hundert Feldgraue zu jauchzen beginnen: »Jetzt kommt er, jetzt kommt er!« – da hüllen die grauen Dünste der Höhe den Vogel wieder ein, und er bleibt verschwunden.

Ich stehe beim letzten Hause von Herlies. Weiter darf ich nicht. Wohin soll ich die Augen schicken? Hinauf in die Lüfte, in denen es saust und dröhnt? Hinunter in das nahe Tal von Illies, in dem die großen Weiher der Überschwemmung umschleiert sind vom zerflatternden Granatenrauch? Hinüber zu den Schützenstellungen, wo die Maschinengewehre tacken und die Gewehrsalven knattern? Gegen die dunklen Wälder hin, in deren Schatten man schon die Flammenblitze der explodierenden Geschosse sieht? Oder zu den seltsam verdickten Hecken, hinter deren Stauden lange Munitionskolonnen, Haubitzenbatterien und Infanteriezüge sich decken und auf das Befehlswort harren? Oder soll ich nur dicht vor mich hin auf die Straße schauen, wo Glied um Glied die stählerne Kette der deutschen Kraft, der eiserne Riegel wider die Engländer an mir vorüberklirrt?

Tausende von den Unseren marschieren dem Feind entgegen – doch es kommen auch Feldgraue von da unten herauf, nicht in festgeschlossenen Zügen und nach dem Hundert, nur alle paar Minuten einer oder zwei zusammen. Keiner von ihnen hat ein Gewehr, jeder hat etwas Weißes an sich, am Kopf, am Hals oder an den Händen.

Einen, der ein verzerrtes Gesicht hat und die Zähne hart übereinanderbeißt, muß ich fragen: »Haben Sie Schmerzen?« Er schüttelt den Kopf. »Ick? Nee! Ick ärjere mir nur, daß sie mir fortjeschickt haben!« – Einer kommt, das Gesicht dick verbunden, man sieht nur die Nase und das geschwollene Maul; und knödelig fängt er von selber zu reden an: »Gelt, so was Saudumms!« Ein Bayer! Ich frage, was ihm geschehen ist? »Mei, es hat a bissel pressiert, und da hab' i mer beim Telephondrahtwickeln 's Messer durch 'n Backen durchig'stochen! Bluathimisakra! Jatz derfen die anderen ebbes loasten, und i muaß hoam! So was Saudumms! Glei' derreißen kunnt i mi! So was Saudumms!« – Einer kommt, der ein bißchen blaß ist und die beiden Hände vor sich hin hält, so wie man achtsam etwas Kostbares zu tragen pflegt; aber diese beiden Hände sind leer, sind dick umbunden, und alles Weiße des Verbandes ist dunkelrot geworden, und rote Tropfen fallen hinunter auf die Straße. Mir fährt ein leiser Laut aus der Kehle. Da lächelt der blasse Deutsche, sieht mich freundlich an und sagt mit Ruhe: »Det wird schun widder!«

Etwas Starkes und Stolzes und Wundervolles faßt mich und rüttelt mich an den Schultern, am Herzen, am ganzen Leibe – ich kann's nicht sagen – immer schreit es in mir: »Zu denen gehör' ich! Zu denen gehör' ich! Nimm mich, liebe Heimat, laß mir um deines Lebens willen die Haut von meinem Leibe reißen, fordere um deiner Zukunft willen den letzten Heller meiner Habe, und in Freude will ich sagen: Das wird schon wieder!«

Ein Klirren und Klingen. Da kommt ein neues Bataillon und löst sich zu einer langen Reihe auf und deckt sich an einer Hecke, damit die feindlichen Flieger, wenn sie wieder kämen, die Zahl der Verstärkungen nicht erkunden könnten. Und wieder eines! Nimmt die Fülle der deutschen Jugend und Kraft, die da an mir vorübermarschiert, kein Ende mehr? Und welch ein Wechsel in diesen jungen gesunden Gesichtern! Derbe Bauerngesichter und feingeschnittene Züge! Klare Blitzaugen und Brillen in Horn, in Silber, in Gold, mit Gläsern, die vom Schmutz und Staub des Marsches ein bißchen schmutzig wurden. Unter vier Feldgrauen ist immer einer, dem man es ansieht, daß er von der Hochschule weglief, um zu seiner deutschen Heimat zu sagen: »Nimm mich!« Deutsches Blut und deutsche Fäuste, deutsches Wissen und deutscher Geist! Aus diesen vierfachen Wunderkräften ist unser Heer zusammengeschmiedet! Aus solchen Erzblöcken ist die stählerne Mauer aufgebaut, die uns beschützt! Was brauchen wir zu fürchten auf Erden? Seht, wie sie hinschreiten, dem Feuer der Feinde entgegen! Für uns! Diese beiden Worte sollte jeder Deutsche in der Heimat, Mann und Weib und Kind, sich dreimal des Tages vorsagen, beim Erwachen, in der Mittagsstunde und vor dem Schlafengehen: Für uns! Und wenn wir alle in der Heimat so fest und verläßlich unsere Pflicht erfüllen wie diese stählernen Männer und diese prächtigen Jungen da, so werden wir fragen können mit ruhigem Lächeln: »Welt, was willst du von uns?«

– Der Wagen, der mich herbrachte, muß heim in die Stadt; die beiden Offiziere müssen ihre Meldungen zum Stab bringen. Ich gehorche gern. Was hätt' ich noch abzuwarten? Der deutsche Riegel klirrt, der eiserne Balken legt sich ein, die stählerne Mauer ist errichtet – ich weiß, wie es kommen wird!

Hinter Fournes holt das Auto den Zug der gefangenen Engländer ein. Der junge Unteroffizier mit dem verbundenen Kopf sieht entkräftet aus. Einer der beiden Offiziere sagt: »Den müssen wir zu uns ins Auto nehmen!« Jetzt sitzt der Braungekleidete vor mir. Bei der jagenden Fahrt macht ihn der rauhe Luftzug frieren und zittern. Ich muß an den braven Sachsen denken und wickle dem schauernden Engländer meinen Regenmantel um Kopf und Brust. So bleibt er unbeweglich. Ich weiß, er hält unter meinem Mantel die Augen geschlossen.

Dann kommen zehn Sekunden brennender Erregung. Ein feindlicher Flieger gleitet quer über die Straße hin, kaum vierhundert Meter hoch, vierhundertfünfzig höchstens! »Herrgott, Herrgott, hätt' ich nur meine Fernrohrbüchse, der Kerl müßte herunter!« Von der Munitionskolonne, die an uns vorüberrasselt, springen die Feldgrauen zu den Alleebäumen und legen an; aber bis sie mit ihren Karabinern zu knallen beginnen, ist der Flieger schon außer Schußweite und steigt wieder. – (Noch am Abend erfuhr ich, daß die beiden englischen Flugzeuge vor Sonnenuntergang bei Illies heruntergeschossen wurden. Und – die »reene Mänschlichgeid«, die der brave Sachse gepredigt hatte, verließ mich vollständig – ich jubelte!) –

Kaum noch vernehmbar murrt hinter uns das eiserne Grollen des Kampfes. Der Himmel klärt sich, und eine rotglühende Sonne, die aus zerfließenden Dünsten rein heraustritt, überflutet die Erde mit gleißendem Gold und verwandelt jedes Bild der Vernichtung in etwas leuchtend Schönes!

Wir fahren durch die leeren Straßen von Lille zur Zitadelle. Der Engländer hat sich erholt und sagt in seiner Sprache: »Ich danke Ihnen!« Das Tor öffnet sich, eine Wache empfängt den Gefangenen, dann klirrt der Riegel.

Mein Mantel ist blutig, ich muß ihn waschen lassen. –

– Arbeiten konnte ich nimmer an diesem Abend. Während der ganzen Nacht vernahm ich den fernen Kanonendonner. In der Morgenfrühe kam die Nachricht: Der englische Durchbruch ist zum Stehen gebracht, trotz vierfacher Übermacht auf feindlicher Seite.

7.