20. März 1915.
Erinnert euch an alles, was ich seit drei Monaten an Zerstörungswerken des Krieges geschildert habe, von Audun le Roman bis zum »Friedenspark« von Hollebeke und bis zum toten Dorfe bei Arras – erinnert euch an diese hundert Bilder des Grauens, und dann sagt: »Das alles war nichts, war nur ein ungeschicktes Kinderspiel, nur eine Lehrlingsarbeit des Krieges!« Was ich jetzt sehe, ist sein Meisterwerk im Zerbrechen und Vernichten. Erst diese kleingehämmerte, tote, versunkene Stadt Dixmuiden zeigt mir, was Untergang unter den Stürmen des Krieges bedeutet.
Das schildern? Es ist unmöglich. Ich will keinen Versuch machen, will nur zum Geleit für die Schritte, die mich an diesem endlosen Gemenge von Trümmern und Schutt vorüberführen, Wort für Wort vor mich hinsagen.
In der Ruinengasse, die zum Rathaus leitet, können Menschen über dem Erdboden nicht mehr wohnen. Der letzte Einwohner von Dixmuiden ist längst verschwunden. Unsere Reserven, die hier ausharren müssen, hausen in den gewölbten Kellern. Um in dieser Finsternis ein wenig Licht zu haben, holten die Soldaten aus den zerstörten Häusern die noch unzerbrochenen Spiegel, alle blanken Bleche und polierten Holzflächen heraus und befestigten sie in schräger Stellung vor den Kellerlöchern, als Reflektoren der Himmelshelle. Ein Soldat sagt zu mir: »En bißche Licht, un denn is man ooch widder zufrieden!«
Die Trümmergasse ist leer; nur manchmal sieht man einen Feldgrauen aus einem Kellerloch herausschlüpfen und im anderen verschwinden. Ich frage einen: »Wieviel von den Unseren sind denn noch hier?« Der Soldat – ich glaube, ein Hallenser – sagt lachend: »Genugg, daß mer's aufhalten, die annern!« Ein deutsches Wort! Und nicht nur von Dixmuiden gilt es. Nicht nur vom heißen Boden am Yserkanal. Es gilt von Belfort und vom Wasgenwald bis nach Ostende und Zeebrügge.
Nun kommt, was im Oktober noch ein feines, prunkvolles gotisches Rathaus war. Was es jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen. So sinnlos sieht es aus! In dem vom Sparrenwerk des Daches noch übrig gebliebenen Gerippe steckt – wie ein Kinderpfeil in der Binsenscheibe – ein schlankes, prächtiges Türmchen, mit dem Fuß nach oben, mit der Spitze nach unten. Und nicht weit davon ist ein Rätsel der Mechanik zu sehen. Eine große Granate, viele Zentner schwer, die einen Dachfirst zerschlug, ohne zu explodieren, ist über den Rest des Daches heruntergekollert und quer auf einer faustdicken Latte im Gleichgewicht liegen geblieben. Macht eine Detonation der Beschießung das zertrümmerte Gemäuer zittern, so schaukelt die Granate eine Weile und schwebt dann wieder ruhig in der Luft. Das ist so unwahrscheinlich, daß man lange hinsehen muß, bevor man es glauben kann.
Über den Marktplatz geht ein verlassener Schützengraben, mit einem Wall von Pflastersteinen; und eine Schuttstelle, die früher ein hübsches Haus gewesen, ist verwandelt in den gewaltigen Trichter einer deutschen Brummergranate.
Am verwichenen Abend hatte ich mir in Brügge eine Mappe mit Ansichten von Dixmuiden gekauft, wie es früher war. Und nun sitze ich an der linken Ecke des Marktplatzes auf einem Steinhaufen und vergleiche die Bilder von einst mit den Bildern von jetzt. Sie gleichen einander wie Haus und Grab, wie Leben und Tod. Keine Spur von Ähnlichkeit ist mehr vorhanden. Das Heftchen zeigt mir eine wundervolle gotische Kirche. Wo ist sie? Das aberwitzige Ruinengewirre, das hinter den Trümmern des Rathauses von ehemals hervorragt? Ist das die schöne Kirche gewesen? Eine schmerzende Trauer umklammert mein Herz. Und während ich so sitze, stumm, und immer dieses grauenvolle Bild des Untergangs betrachte, ist hoch aus den Lüften herunter das knatternde Geräusch einer Flugmaschine zu hören. Sonst, wenn ich diesen Ton vernahm, suchten meine Augen immer gleich in der Höhe. Was kümmert mich jetzt der Flieger? Immer muß ich zu diesem grauen, unsagbaren Ding hinüberschauen, das eine Kirche und ein Rathaus und die schmucke Front eines städtischen Platzes war. Da sagt einer von den vier Offizieren, die bei mir sind: »Wir müssen weg da! Der Flieger hat eine Schwenkung gemacht, er hat uns gesehen.« Wir wandern davon, schräg über den Platz hinüber, und kaum sind wir in der anderen Ecke, da saust es über unseren Köpfen, und hinter uns ist ein brüllender Teufel los. Genau bei dem Steinhaufen, wo wir vor drei Minuten noch gestanden, fährt die schwarze Rauchwolke auseinander.
In der Trümmerallee, durch die wir kommen, ist ein Lazarett in einem ehemaligen Weinkeller eingerichtet. Ein paar Schritte weiter, und ich sehe einen grotesken Gegensatz. Im Hause eines Schlächters, über dessen Ladentür als Handwerkszeichen ein großer Ochsenschädel prangt, hat eine Granate das obere Stockwerk auseinandergerissen und die ganze Einrichtung auf die Straße geschleudert; eine zweispannenlange Mädchenpuppe ist mit dem Spitzenhemdchen am rechten Hornzinken des Ochsenschädels hängen geblieben. Kann auch sein, daß die Soldaten das Püpplein so aufhängten. Dann ist es ein Beweis für den Humor, mit dem unsere Feldgrauen in solcher Umgebung ausharren.
Wieder dröhnt eine Granate. Wir springen durch ein von Schutt übergossenes Gärtchen und kommen zu einem Damm aus Sandsäcken. Der führende Offizier mahnt immer wieder und wieder: »Ducken! Ducken! Ducken!«
Nun sind wir im Schützengraben, beim Wall der Yser, deren Lauf die Stadt von der Vorstadt trennt. Die Stellung ist nicht in den Boden eingeschnitten, sondern geht über die Erdfläche hin, gegen die feindliche Seite durch Gemäuer und feste Brustwehren aus Quadern und Sandsäcken geschützt. So zieht die Stellung durch Häuser und Gärten, durch einen Turm, durch ein Brückentor, durch eine Kapelle. Das ist wieder, wie es im Mittelalter war; genau so muß es ausgesehen haben, wenn im sechzehnten Jahrhundert eine Stadt oder Burg verteidigt wurde. Nur Kostüm und Waffen sind ein bißchen anders.
Ich gucke durch die Scharte eines Stahlschildes und sehe die den blauen Himmel spiegelnde Flut der Yser, sehe die feindliche Stellung, die nur dreißig Meter von uns entfernt ist, sehe die gleichen Steinwehren und Sackmauern wie herüben. Aus den Schlitzen der stählernen Schilde ragen die Gewehrläufe heraus; und schießt da drüben einer, so sieht man einen matten Feuerblitz und ein bißchen Rauch. Über die feindliche Brustwehr starren die Hausruinen empor, und zwischen dem Schuttwerk trauern die Reste einer Wirtschaft mit dem Namen: »Duc de Lorraine«. Und immer saust es und dröhnt, immer knallt es. Um besseren Ausblick zu haben, benütze ich den Winkelspiegel, eine längliche Holzröhre, deren oberes Spiegelauge über den Saum des Waldes hinausragt; aber der Apparat pariert nicht recht; während der Benutzung bekam er drei Streifschüsse; der Holzkasten ist zersplittert, der Spiegel blieb unversehrt.
Nun ein Kontrastbild, wie ich es vom Argonnenwald bis Ostende noch nicht gesehen habe. Dicht beim Schützengraben liegt ein hübscher kleiner Garten. Der ist verwandelt in einen freundlichen, mit vielem Grün gezierten Friedhof der deutschen Helden. An die zwanzig, die am Yserdamm die jungen Augen im Kampfe für die Heimat schlossen, liegen da bestattet. Die geschmückten Hügel, die frischen Buchsrabatten und die kleinen Kreuze schimmern schön und friedlich in der Sonne des reinen Frühlingstages. Und zwischen diesem leuchtenden Friedhof und dem Kapellchen, durch das der Schützengraben geht – und unter dem Sausen und Dröhnen der Granaten und bei dem ununterbrochenen Gewehrgeknatter, das ruhelos die bleiernen Todesboten über den stillen Lauf der Yser hin und her wirft, sitzen im Schutze der Kapellenmauer drei Hallenser Reservisten unter freiem Himmel an einem Tisch – und spielen Skat. Die Kartenblätter, obwohl sie so abgegriffen sind, daß man Rot und Grün fast nimmer unterscheiden kann, leuchten in der Sonne wie goldene Täfelchen, und aus den glänzenden Gesichtern der drei Spieler redet gemütliche Ruhe und alles Behagen einer köstlichen Frühlingsstunde. Ich gucke dem Spiel eine Weile zu und frage: »Na, wie wär's denn? Könnt' ich da nicht als Vierter ein bisserl mitspielen?« Die Drei – mein Sprachklang mag ihnen meine süddeutsche Heimat verraten haben, und die Vorstellung, daß ein Bayer Skat spielen möchte, scheint ihnen etwas so unglaublich Komisches zu sein wie der Versuch eines Dromedars, auf der Mandoline zu konzertieren – die Drei legen ihre Kartenblätter fort, gucken zuerst verwundert an mir hinauf und fangen dann so herzlich zu lachen an, daß ihr Gelächter das Knallen der Gewehrschüsse übertönt.
Dieses heitere Lachen begleitet mich und bleibt in mir. Ich hör' es noch immer, obwohl es schon längst erloschen ist im Dröhnen der immer rascher aufeinanderfolgenden Granaten. Schlag auf Schlag. Rauch wirbelt auf, und überall kollern die Mauerbrocken. Die Sache wird ungemütlich, es gibt keinen sicheren Weg mehr, und schließlich müssen wir in einen Keller hinunter. Da kommt – in einem Raum, in dem man nicht aufrecht stehen, aber behaglich sitzen kann – eine seltsam anheimelnde Stunde. Das Talglicht, das man auf die Tischplatte klebte, wirft einen matten Flackerschein durch das Kellerdunkel und läßt den Rotwein in den gastlichen Gläsern funkeln, die klein sind, aber gerne und oft gefüllt werden. Beim Schwatzen und Erzählen vergißt man völlig, daß es da droben über unseren Köpfen immer dröhnt und donnert. Das Gebäude und die Kellermauern zittern. Und plötzlich gibt es auch bei uns herunten einen festen Krach – das Bett, auf dem drei Offiziere saßen, ist zusammengebrochen. Etwas Rotes tröpfelt – der Burgunder. Man lacht über dieses kleine Satyrspiel der Kriegstragödie.
Die Beschießung mindert sich nicht. Ihr Ende ist nicht abzuwarten, wir müssen hinauf und an die Rückfahrt denken. Seit dem Morgen sind ein paar hundert Granaten auf die Trümmerhaufen von Dixmuiden niedergefallen. Sie haben keinen Lebenden beschädigt, nur ein paar Tote aus ihren Gräbern gerissen – drei Granaten fielen in jenen sonnigen Garten mit den kleinen Kreuzen. Sonst ist an den weiten Trümmerstätten nach diesem stundenlangen Kleinklopfen des Schuttes kein Unterschied gegen früher zu gewahren.
Wieder erschüttern mich die Bilder namenloser Vernichtung, während wir flink von Ruine zu Ruine springen und uns bei jedem Sausen in den Lüften hinter einem noch festen Gemäuer zu decken suchen. Und da pfeift es wieder einmal gegen uns her. Hinter der Schuttstätte des Domes springe ich in eine gewölbte Stube, an der die ganze Straßenwand schon herausgerissen ist. Mit einem Husch der Augen gewahre ich zerfetzte Geräte, einen zertrümmerten Schreibtisch, zerschmetterte Bücherkasten, zerknüllte Heiligenbildchen und einen fast tischhohen Wust von Schutt und umhergestreuten Büchern. Hier muß ein Prälat gewohnt haben. An einer weißen Wand, die noch steht, aber schon viele Sprünge hat, ist ein Kruzifix befestigt – das grün bemalte Christusfigürchen, das den linken Arm schon verloren hat, hängt von dem schwarzen Kreuzholze nach vorne heraus, haftet nur noch am Fußnagel und droht mit jedem nächsten Augenblick in den wüsten Schutt herunterzufallen. Ein dumpfes Dröhnen. Staub wirbelt, die Mauern zittern und Mörtel bröselt von den zerrissenen Wänden. Das schwarze Kreuzholz an der Wand ist leer – der kleine grüne Heiland hängt am verknüllten Messing eines leise schaukelnden Kerzenlüsters und fällt – nun liegt er auf meinem Arm, und ich halte ihn fest.
Ein kunstloses, naives Schnitzwerk ohne Handelswert! Und armlos, von Schuttstaub überkrustet, von Steinsplittern und Glasscherben zerkratzt! Ich hab's nicht fertig gebracht, dieses Figürchen hinfallen zu lassen auf den üblen Schutt, es der völligen Vernichtung preiszugeben. Das mißhandelte Holzbild war mir lieb geworden in diesen dröhnenden Sekunden. Ich nahm es mit. Hab' ich mich dadurch der Plünderung schuldig gemacht? Dann bin ich bereit, zehnfachen Ersatz zu bieten. Aber ich gebe meinen kleinen grünen Herrgott von Dixmuiden nimmer her, ich will ihn behalten, so lang ich lebe.
– Noch ein bedenklicher Weg durch verwüstete Gassen; ein flinkes Springen von Deckung zu Deckung. Dann dröhnten die Granaten hinter uns, immer ferner. Und immer leiser wurde das Pfeifen der Sprungstücke.
Aus dem Ende einer Trümmerstraße traten wir hinaus auf das freie Feld zwischen der zerstörten Stadt und der nahen Bahnstrecke. Und da sah ich ein Frühlingsbild, dessen Grauen mich schaudern machte und dessen seltsame Schönheit mich doch überwältigte.
Zwischen mächtigen Wasserflächen, die vom lauen Winde gekräuselt waren und von Sonne blitzten, sah ich leichtgebuckelte grüne Wiesen. Ihre zarte Frühlingsfarbe schien tausendfältig überstreut zu sein von kleinen schwarz und weiß gesprenkelten Steinchen, von großen braunroten Knospen der Gänseblümchen und von weißen Herbstzeitlosen. Und je weiter die Wiesen sich in die Ferne dehnten, um so mehr der Herbstzeitlosen schienen da zu blühen; schließlich verschwand das Grün der Wiesen völlig und alle Ferne wurde weiß, gleich einem Schneefeld, das in der Sonne glänzt. Doch manchmal, wenn der Donner einer schweren Granate die Luft erschütterte, flogen die gesprenkelten Steinchen und die weißen Herbstzeitlosen in dichten Schwärmen von der Erde auf und waren Tausende von Kiebitzen und viele Tausende von Möwen. Nur die großen braunroten Knospen der Gänseblümchen blieben unbeweglich auf dem Boden und waren Hunderte von verwesenden Pferden und Rindern. Über ihnen gaukelten die Wolken der unzählbaren Vögel auf und nieder und hin und her. Und wenn das donnernde Rollen verstummte und die sonnige Luft wieder ruhig wurde, sanken die Vogelschwärme zu den Säumen der leuchtenden Wasserflächen und auf die grünen Wiesen hin und bedeckten alles Tote wie mit einem Blütenregen des ewigen Lebens.
An Somme und Oise
Von Ostende bis Arras
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Als erster Band der Kriegsberichte
von Ludwig Ganghofer erschien
Reise zur deutschen Front
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Die Fortsetzung dieses Werkes
bildet das vorliegende Buch
Die stählerne Mauer
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In Vorbereitung befindet sich als
dritter Band
Die Front im Osten
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Jeder Band 1 Mark
Ullstein & Co
Berlin SW 68