I. Einleitung.
Es war eine wunderbar helle Vollmondnacht im Anfang der sechziger Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts. Der Postwagen, der am Vormittag die Bodenseegegend verlassen hatte und zwischen den Hegauer Vulkankegeln hin, dann über die Höhen des Jura der jungen Donau entgegen gefahren war, hatte die kleine Fürstenberger Residenz, in deren Nähe die Flüßchen Brigach und Brege sich zum großen Weltstrom vereinigen, längst hinter sich, und langsam ging’s nun über die einsame Hochfläche hin, bergauf, bergab die Straße entlang, die seit alters den Hauptverkehr vermittelt vom Schwabenlande zum Breisgau. Im Innern des Wagens lehnte ein kleiner Junge verschlafen an der Seite seiner Mutter. Von Zeit zu Zeit fragte er halb erwachend: „Sind wir noch nicht im Höllental?“ Aber gar oft mußte er vertröstet werden, bis es endlich flott die scharfen Kehren der Steige hinabging, und bis dann die steilen Talwände sich so nahe rückten, daß neben dem rauschenden Bach für die Straße künstlich Raum geschaffen worden war. Nun sah ich — denn ich war der Knabe — zum ersten Male im Leben einen Kohlenmeiler ([Abb. 15]), dessen brenzliger Geruch durch die geöffnete Fensterlücke in den Wagen hinein drang; nun starrte ich, völlig erwacht und vor Spannung auf den Anblick des oft geschilderten Bildes lebhaft erregt, auf die Felstürme des Hirschsprung, die, vom schwanken Mondlicht magisch erhellt, mir riesengroß bis in den Himmel aufzuragen schienen. Die kindliche Phantasie bevölkerte ängstlich das alte Gemäuer des Falkenstein mit ritterlichen Wegelagerern, von denen mir erzählt worden war, und ich empfand eine wohltuende Beruhigung, als mit dem Morgengrauen die enge Schlucht der „Hölle“ sich zum „Himmelreich“ des breiten Dreisamtales lichtete, und als ich nicht allzulang hernach die gute Stadt Freiburg erreicht sah.
So bin ich aus dem alten schwäbischen Reichsstädtchen, in welchem meine Wiege gestanden war, in den Schwarzwald gelangt. Fast fünf Jahrzehnte sind seither verflossen. Doch ich bin im Schwarzwald geblieben. Und wenn ich den Blick von meinem Arbeitstisch erhebe, so schauen die grünen Berge freundlich zum Fenster herein und zeigen mir das schöne Stück Welt, das meine Heimat geworden. Wer weiß, vielleicht steht es im Buche des Schicksals geschrieben, daß auch die wenigen Jahre, die mir noch beschieden sein können, sich hier abspielen sollen. Ein Unglück wäre das gerade nicht; denn daß unser südwestdeutsches Gebirge mit seiner Umrandung ein schöner Fleck Erde sei, auf dem es sich leben läßt, das hat noch niemand bestritten. So begreift es sich, daß ähnlich wie bei der stammverwandten alemannischen Bevölkerung der unfernen Schweiz auch im Leben des Schwarzwälders die Empfindung, vielleicht darf man sogar sagen die Krankheit des Heimwehes eine gar große Rolle spielt. Wie anders wäre es sonst zu deuten, daß trotz aller Wanderlust, trotz allen Dranges in die Weite, der Sohn des Gebirges keinen erhebenderen Gedanken kennt, als aus jeder Ferne zurückzukehren auf die stille, weite Höhe, oder zum Ufer des murmelnden Baches, wo das Haus der Kindheit stand? Wie mancher Uhrmacher des alten Schlages hat Jahrzehnte seines Lebens in irgendeiner der europäischen Hauptstädte zugebracht, in Paris oder London, in Petersburg oder Moskau; und in seinen alten Tagen kehrt er heim, um die Luft zu atmen, welche einst das Kind eingesogen, um die Stätten alter Erinnerungen statt in sehnsuchtsvoller Vorstellung leibhaftig um sich zu sehen, und um begraben zu werden an der Seite der Väter.
Und sicherlich ist der Schwarzwald der Liebe und Anhänglichkeit wert, die seine Söhne für ihn hegen; gar wohl begreift es sich auch, daß Jahr für Jahr Hunderte von Fremden, nicht nur etwa aus minder von der Natur begünstigten Gebieten unseres großen Vaterlandes, vielmehr auch solche aus allen Teilen der Welt in den bedeutenderen Orten im und am Gebirge sich dauernd niederlassen; sind doch nicht umsonst z. B. Baden-Baden und Freiburg nach der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung fast internationale Städte geworden, in denen neben den Einheimischen Deutsche aus allen Gauen des Reiches, Balten, Niederländer, Engländer, Amerikaner usw. in großer Zahl wohnen. Sieht man aber erst die vielen Tausende und Abertausende, die in den Monaten der sommerlichen Wanderlust und Erholungszeit unser Gebirge auf bequemen Wegen durchstreifen oder seine zahlreichen vortrefflichen Kurorte bevölkern, und die seiner Schönheit nicht satt werden können und nicht nur in unserem geliebten Deutsch, sondern auch in den Lauten aller europäischen Kultur- und Halbkultursprachen das Lob des Schwarzwaldes singen, so darf man sie als ebenso viele Zeugen dafür gelten lassen, daß die Landschaft, die auf den folgenden Blättern geschildert werden soll, des eigenartig Reizvollen gar mancherlei besitzen muß.
Worin liegt nun diese Eigenart?
Blick vom Feldberg.
Zur Beantwortung dieser Frage mag es sich empfehlen, daß wir uns in Gedanken auf des Gebirges höchste Kuppe versetzen, auf den fast 1500 m hohen Feldberg, dessen Scheitel den Friedrich-Luisenturm trägt, so genannt, weil er 1856 zum Gedächtnis an die Vermählung des damaligen Landesherrn, Großherzog Friedrich I. von Baden, mit der Prinzessin Luise von Preußen, der Tochter des nachmaligen Kaisers Wilhelm I., errichtet worden ist. Bald wird das Gemäuer des Turmes, der über ein halbes Jahrhundert den scharfen Stürmen dieser Höhe getrotzt hat und allmählich etwas hinfällig geworden ist, einem stolzen Neubau Platz gemacht haben.
Abb. 2. Geologisches Profil durch den nördlichen Schwarzwald vom Rhein über Offenburg nach Freudenstadt.
Maßstab der Länge 1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu [Seite 8].)
Von dieser Hochwarte aus sehen wir zu Füßen ringsum und hinaus bis zum fernsten Horizont eine herrliche Welt ausgebreitet. Will es das Glück, so wird unser freudig strahlendes Auge aber immer wieder hingezogen in die Richtung nach Osten und Süden, wo von der trotzig und dunkel sich auftürmenden Kalkwand der Zugspitze bis zum blendend weiß schimmernden Schneedom des Montblanc, also auf eine Länge von rund 350 km ununterbrochen, als mächtiges, zusammenhängendes Ganze die Ketten der Alpen aufragen, so scharf und deutlich am Horizont sich abhebend, daß — natürlich günstigste Beleuchtung vorausgesetzt, wie sie nicht gerade immer zu treffen ist — jede Spitze, jeder Felsgrat, jedes Eisfeld unterschieden werden kann in all den Faltenzügen des Allgäu und Rhätikon, der Säntis- und Glärnischgruppe, des Tödi- und Gotthardgebietes, der Vierwaldstätter und Berner Alpen, um nur einige wenige Namen herauszugreifen. Davor ziehen sich, wenn wir den Blick in entgegengesetzter Richtung zurücklaufen lassen, von der Gegend des Neuenburger Sees ab die nach oben fast geradlinig abschneidenden, mauerartigen Ketten des Schweizer Jura, auch eines gefalteten Gebirges, das im Nordosten in die massigen Erhebungen des ungefalteten Plattenjura in Schwaben übergeht, dessen Gebirgstafeln sich verfolgen lassen bis in die Gegend des Hohenzollern. Aus einer Lücke des Jurazuges ragen die Vulkankegel des Hegaues auf und weisen uns die Richtung nach dem Schwäbischen Meer.
Im Westen breitet sich lang hingestreckt und tief eingesenkt die Oberrheinische Ebene aus, durchzogen von dem silberglänzenden Bande des mächtigen Stromes. Aus der Tiefebene, deren Boden von den Geschiebemassen des fließenden Wassers gebildet wird, erhebt sich inselartig das kleine vulkanische Kaiserstuhlgebirge. Und jenseits des Rheines sehen wir das Gesichtsfeld durch das Massengebirge des Wasgenwaldes begrenzt, das an Höhe dem Schwarzwald beinahe gleichkommt. Im Südwesten nähert es sich dem Schweizer Jura bis auf eine kleine Entfernung. Die Lücke zwischen beiden ist die Burgundische Pforte, ein zu allen Zeiten bedeutsamer Völkerweg, den heute die Festung Belfort beherrscht. Durch diese geschichtlich hochwichtige Niederung schweift der Blick noch weit hinüber in französisches Land.
Abb. 3. Geologisches Profil durch den südlichen Schwarzwald von Breisach bis Schaffhausen.
Maßstab der Länge 1 : 450000, der Höhe 1 : 150000. (Zu [Seite 8].)
Innerhalb dieses interessanten Rahmens, der Falten-, Tafel-, Massen- und Vulkangebirge sowie eine Schwemmlandebene umschließt, erhebt sich nun, dem Beschauer unmittelbar nahe gerückt, die den Vogesen ähnliche Masse des Schwarzwaldes selbst. Welche Fülle der Formen und welcher Reichtum in der Einzelgestaltung vom Größten bis zum Kleinsten! Die breiten, sanftgeböschten Rücken der höchsten Erhebungen in allernächster Nähe sind kahl, einförmiges Weidefeld. Wo das Gefälle steiler wird, wo die windgeschützteren Flanken des Berges sich in die Täler hinabsenken, da sehen wir den herrlichsten Wald zu unsern Füßen. Die hintersten Talböden sind meist nischenartig wie Alpenkare in den Gesteinskörper hineingearbeitet, vielfach von schroffen Felswänden umrahmt, teilweise von Seen ausgefüllt, deren Abdämmung vom geübten Auge leichthin als Moränenbildungen erkannt werden. Erscheint so die jetzige Oberfläche der alten Gebirgsmasse von eiszeitlichen Wirkungen wesentlich beeinflußt, so zeigen uns die tiefen, oft schluchtartigen und schwer zugänglichen Rinnsale der nahen Bäche und weitum die vielverzweigten Talläufe aufs deutlichste die zerstörende und durch die Zerstörung neu gestaltende Wirkung des fließenden Wassers auf seine Unterlage. So können wir von unserm Standpunkte aus wertvolle Einblicke gewinnen in die Wirkungsweise der Kräfte, welche das Relief der Gebirge modellieren und ihre Vielgestaltigkeit hervorzaubern. Nicht ohne Recht hat einst Melchior Neumayr, der zu früh verstorbene Wiener Geologe, betont, daß kaum ein anderer Aussichtspunkt so geeignet sei zur ersten Einführung ins Studium und Verständnis der physischen Geographie und Geologie als der Feldberg im Schwarzwald.
Die Eigenart des Schwarzwaldes.
Doch, wir wollen nicht Wissenschaft treiben, wir wollen die Eigenart unseres Gebirges dem Laien verständlich zu machen suchen und uns bemühen, ihm zum freudigen Genuß der landschaftlichen Schönheit des Schwarzwaldes zu verhelfen. Lassen wir darum nochmals die Augen umherschweifen. Aus den freundlichen Tälern grüßen, von saftig grünen Wiesen und goldgelben Ackerfluren umkränzt, anmutig gelegene Gehöfte und Ortschaften herauf; gut gebaute Straßen und Bergpfade, die gelegentlich im dichten Wald verschwinden und dann beim Heraustreten ins Freie sich wieder weithin verfolgen lassen, geben uns eine Vorstellung davon, wie groß das Verkehrsbedürfnis der dicht angesiedelten Bevölkerung, und wie wohl erschlossen für jeden Verkehr das an sich verkehrsfeindliche Gebirge ist. Zwischen den Tälern ragen Bergketten auf, eine hinter der anderen, auf denen wir auch noch fast überall die Spuren menschlicher Arbeit wahrnehmen, sei es im herrlich gepflegten Hochwalde mit seinen stolz ragenden Edeltannen, sei es im freien Weidefeld mit seinen Rinderherden, die sich um einen Brunnen mit mächtigem Wasserreichtum oder um eine „Viehhütte“ lagern oder ihre Bewegung durch den Klang ihrer Glocken weithin verraten. Da und dort steigt zum tiefblauen Himmel der weiße Rauch eines Hirtenfeuers auf, über dem das einfache Mahl der sommerlichen Bergbewohner bereitet wird. Über den Hochflächen erheben sich Berge mannigfachster Gestalt, doch überwiegt die sanft gerundete Kuppe. Die Siedlungen bleiben hinsichtlich ihrer oberen Verbreitungsgrenze nur unwesentlich hinter den beherrschenden Gipfeln zurück. Da schaut ein Einzelhof unter seinem mächtigen, altersgrauen Strohdach hervor, dort streckt eine Dorfkirche oder eine einsame Kapelle ihren schlanken Turm zum Himmel auf, kurz, das Bild ist trotz der Höhe unseres Standpunktes nicht etwa menschenfremd, es überwiegt nicht, wie beim Rundblick von einer Hochzinne der Alpenwelt, das Anorganische. Im Gegenteil. Dem aufmerksamen Auge ist alles ringsum belebt, belebt nicht nur von den gegenwärtigen Bewohnern der Landschaft und den überall erkennbaren Zeichen ihrer Tätigkeit, sondern durchgeistigt von dem Walten einer vielhundertjährigen Geschichte, es ist eine herrliche Kulturwelt, über die unser Blick hier oben schweift. Gleichwie die Farben des vor uns ausgebreiteten Bildes sich abtönen vom gesättigten Dunkelgrün der nächsten Wälder durch alle Abstufungen von Grün durch Blau bis zum verhauchenden Grauviolett der weitesten Fernen, so dringt unser geistiges Auge von dem klaren Lichte der Gegenwart rückwärts zu immer weiter abliegenden Zeiten, in denen auch schon Menschen hier oben lebten und arbeiteten und sich, wenn auch nicht so sicher und dauernd wie heute, des Lichtes freuten. Lange ist es her, seit der düstere Urwald, der einst fast die ganze Fläche bedeckte und dem Gebirge den Namen gab, gerodet, seit der erste Felssteig auf die Höhen angelegt wurde. Und was haben die Bewohner des um uns ausgebreiteten Landes seit langen Jahrhunderten erlebt und geduldet, wie waren sie wirtschaftlich bedrängt, was für Elend ist über sie hereingebrochen in den Zeiten des Krieges! Wie lange hat es gewährt, bis sie sich sicher fühlen konnten in ihrem Besitz, bis mit der allmählich sich festigenden äußeren Stellung auch eine höhere Auffassung des Lebens und seiner Zwecke in die bescheidenen Häuser der Wälderleute seinen Einzug halten konnte, so daß diese aus der früheren Weltabgeschiedenheit hervortraten, an allen Betätigungen menschlichen Schaffens sich beteiligen lernten, in ansehnlicher Zahl hinauszogen in alle Welt und für die Daheimgebliebenen das wurden, was man vergleichsweise Sauerteig nennen möchte, so daß im Verlauf weniger Generationen die Schwarzwaldbevölkerung sich heraufarbeiten konnte zu einem der vorgeschrittensten und in jeder Hinsicht tüchtigsten unter den deutschen Stämmen. Auf Schritt und Tritt verraten sich unserem aufmerksamen Auge tausendfältig die Spuren der geordneten, behäbigen Lebensführung des Schwarzwälders und seines bescheidenen Wohlstandes.
Abb. 4. Moräne im Löffeltal bei Hinterzarten. (Zu [Seite 11].)
Land und Leute.
Nirgends mehr schreckt das Düster undurchdringlichen Waldes; alles, was uns auch auf abgelegenen Pfaden vor Augen tritt, atmet Sicherheit, Behagen, Ordnung und Kultur. Dabei nirgends etwas von Aufdringlichkeit, von Protzigkeit. Die gut gearteten Menschen, ihre Bauwerke und Wege, ihr Schmuck und die Äußerungen ihres Vergnügens, alles ist der freundlichen Natur sinnvoll angepaßt. Nichts erscheint gekünstelt oder als Ergebnis plumper Effekthascherei. In allen Dingen finden wir eine wohltuende Harmonie zwischen den Bildern der Schöpfung und ihrer Belebung durch den Menschen. Und darum ist der Schwarzwald so schön, darum bereitet das Scheiden von ihm den Einheimischen so herben Schmerz, darum zieht er so viele an, die sich in unserer in allen Stücken aufs Große gerichteten Gegenwart noch den Sinn für Schlichtheit bewahrt haben. Das letztere sei hier allerdings nicht so gemeint, als ob etwa der Schwarzwaldreisende auf das verzichten müßte, was man Komfort nennt. Im Gegenteil!
Abb. 5. Lößlandschaft bei Kenzingen.
Nach einer Photographie von Prof. Dr. P. Paulcke in Freiburg.
(Zu [Seite 20].)
Nicht leicht wird man in anderen Gauen auf höchster Höhe oder fern vom belebenden Schienenstrang und von der großen Heerstraße, im abgelegensten Dorfe oder Weiler so gute Unterkunft finden wie im Schwarzwald, wo kein verständiger Wunsch an Quartier oder Verpflegung unerfüllt zu bleiben braucht. Vom großen Hotel ersten Ranges der Städte, Bade- und Luftkurorte bis zum bescheidensten, aber sauberen, urbehaglichen und billigen Bauerngasthaus finden sich alle Übergänge, so daß jeder Geschmack Befriedigung finden kann.