III. Klima und Bewässerung.

Wind und Wärme.

D

ie Ausdehnung des Schwarzwaldes ist zu gering, als daß der Unterschied der geographischen Breite zwischen den südlichen und nördlichen Gebirgsteilen einen Gegensatz der klimatischen Verhältnisse bedingen könnte. Ebenso vermag die schmale Ostwestausdehnung sich nicht in dem Sinne wirksam zu machen, daß etwa aus ihr heraus eine kontinentale Seite des Gebirges einer ozeanischen sich gegenüberstellen ließe. Und doch sind Ost- und Westseite klimatisch grundverschieden. Die Ursache hiervon liegt aber durchaus in der Lage der Gebirgserhebung zu den Hauptwindrichtungen. Diese wehen nördlich der Alpen entweder von Südwest und West oder von Nordost, und ihnen stellt sich in jedem Falle der Schwarzwald mit seiner vorherrschend meridionalen Richtung in den Weg, so daß dem Westgehänge überwiegend warme und wasserdampfreiche Luftströmungen zufließen, der Ostseite aber trockene, die besonders in den kälteren Jahreszeiten sich durch empfindlich niedere Temperaturen auszeichnen. Dem Westen bleiben diese rauhen Kontinentalwinde zu allermeist erspart, und entsprechend ist dem Osten der Zugang der milden Westwinde versperrt. Verschärft wird dieser Gegensatz noch ganz wesentlich durch den Umstand, daß, wie wir sahen, der Ostrand des Gebirges viel höher gelegen ist als der Westrand, welcher über der klimatisch meistbegünstigten Landschaft Deutschlands, der Oberrheinischen Tiefebene, ansteigt.

Abb. 20. Schwarzwälder Glasarbeiten. Aus der Sammlung Spiegelhalter.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 45].)

Wärmeverhältnisse.

Was die Wärmeverhältnisse betrifft, so ist unser Gebiet, das der ausgedehnten Übergangprovinz Europas vom ozeanischen zum Landklima angehört, rund um 4° C wärmer, als es der Durchschnittstemperatur seiner Breitenlage entspricht. Aus langjährigen Beobachtungen ergeben sich als Normaltemperaturen der einzelnen Höhenstufen des Schwarzwaldes:

Meereshöhe

Mitteltemperatur ° C

m

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Jahr

 200

 1,5

10,4

19,4

10,4

10,5

 400

 0,9

 9,2

18,2

 9,5

 9,5

 600

 0,3

 8,0

17,0

 8,6

 8,5

 800

–0,4

 6,8

15,8

 7,7

 7,5

1000

–1,0

 5,6

14,6

 6,8

 6,5

1200

–1,7

 4,4

13,4

 5,9

 5,5

Diese Zusammenstellung zeigt vor allem die mit der Höhe zunehmende Bevorzugung des Herbstes vor dem Frühling, welch letzterer im eigentlichen Gebirge wegen der späten Schneeschmelze wesentlich kühler ist als der Herbst, der sich häufig mit schönen Sonnenscheintagen aufs angenehmste bis tief in den November hinein geltend macht.

Von diesen Normalwerten ergeben sich im einzelnen je nach den Lageverhältnissen bedeutende Abweichungen. So ist z. B. Villingen (708 m) auf der Ostseite des Schwarzwaldes im Verhältnis zu seiner Höhenlage in den vier Jahreszeiten nach obiger Reihenfolge und im Jahr zu kalt um 1.8–0.7–0.5–0.9–1.0°, Freiburg am Westfuß (272 m) zu warm um 0.9–0.7–1.0–1.0–0.9°. Nicht leicht könnte der Gegensatz zwischen dem östlichen und westlichen Schwarzwald deutlicher vor Augen geführt werden.

Abb. 21. Einzige Darstellung des alten Schwarzwälder
Hausierers. Krug vom Jahre 1806 in der Schwarzwaldsammlung
der Stadt Freiburg. Nach einer Photographie von M. Ferrars
in Freiburg. (Zu [Seite 45].)

Abb. 22. Alte Schwarzwalduhr vom Jahre 1670.
Aus der Schwarzwaldsammlung der Stadt Freiburg.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg.
(Zu [Seite 45].)

Im äußersten Falle steigt die Wärme in Karlsruhe, am Rande der Rheinebene, auf 37 ° C, in Villingen auf 32°, in dem 1004 m hoch und nach allen Seiten frei gelegenen Höhenschwand auf 29°, während die entsprechenden niedersten Werte -27, -33, -23° C sind. Gegenüber der hohen Sommerwärme in der Rheinebene und der exzessiven Winterkälte auf der östlichen Hochebene erweist sich hiernach der eigentliche hohe Schwarzwald als eine Landschaft, in welcher die Wärmegegensätze nicht allzu schroff sind.

Temperaturumkehr.

Der Winter ist auf den Höhen mehr durch seine langdauernde Schneedecke ([Abb. 6], [7] und [8]) und die hierdurch bedingte Schwierigkeit des Verkehrs lästig als durch übermäßige Kälte. Die freien Höhen erfreuen sich viel häufiger, als man das in den Niederungen ahnt, der winterlichen Temperaturumkehr, bei welcher es in höheren Lagen wärmer ist als in niedrigeren, besonders in muldenartigen Eintiefungen von größerer räumlicher Ausdehnung, wo sich bei hohem Luftdruck und dauernder Windstille die kalten, schweren Luftmassen ungestört ansammeln und nur schwierig einen Abfluß verschaffen können.

Abb. 23. Schwarzwälder Uhrmacher.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 45].)

An den sanften Böschungen der frei aufragenden Erhebungen strömt die kalte, schwere Luft fast unmerklich langsam ab und gelangt mit beinahe unveränderter Temperatur in die Tiefen. Zu ihrem Ersatz sinken die oberen Luftschichten rasch vertikal abwärts, wobei sie sich stark verdichten, erwärmen und gleichzeitig ihre relative Feuchtigkeit ganz wesentlich vermindern. Daher haben wir oben ansehnliche Luftwärme, die unter dem herrlichsten blauen Himmel tagsüber durch die Wirkung der Strahlungswärme am Boden noch bedeutend gesteigert wird; gleichzeitig erfreuen wir uns der entzückendsten Klarheit der Luft, die uns die wunderbarsten Fernsichten gestattet. Unten in den Niederungen dagegen herrscht gleichzeitig meist grimmige Kälte unter bleierner Nebeldecke, die bei den Bewohnern der Tallandschaften meist nicht ahnen läßt, daß weiter oben der Winter so gut wie wirkungslos ist. Dieses Hochdruckswetter mit Temperaturumkehr ist in unserer Gegend erst seit dem strengen Winter 1879/80 allgemeiner bekannt geworden. Wie in solchem Falle die Wetterlage sich gestaltet, mag ein Beispiel veranschaulichen. Die mittlere Tagestemperatur war 1898 am

16. Januar: in Höchenschwand +3,9°, in Karlsruhe -2,0°
17. +2,7°, -3,3°
18. +1,9°, -3,8°
19. +2,7°, -3,9°
20. +3,9°, -0,6°

Der Unterschied steigt also bis auf 6,6° an. Noch bezeichnender ist folgende Zusammenstellung aus dem Jahre 1888:

Monatsmittel
des Dezember, ° C

18. Dezember

Normal

1888

Größte
Wärme,
° C

Niedrigste
relative
Feuchtigkeit

Todtnauberg, 1022 m

–1,4

+3,3

+11,1

25%

Schopfheim, 385 m

–0,9

–0,4

+ 1,9

74%

Karlsruhe, 127 m

+0,8

+0,2

– 2,5

78%

In neuerer Zeit hat sich nicht zum wenigsten auch unter der Einwirkung der Wärmeumkehr ein lebhafter Winterhöhensport, besonders der des Schneeschuhlaufens, mächtig entwickelt, und die früher monatelang vereinsamten Berggasthäuser haben jetzt vom Dezember zum März vielfach mehr Besuch als vor zwei Jahrzehnten noch im Juli und August.

Abb. 24. Stickereien vom Schwarzwald. Aus der Sammlung Spiegelhalter.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Niederschläge.

Die Niederschlagsmenge im Schwarzwald und seiner Umgebung nimmt wie überall mit dem Ansteigen nach oben bedeutend zu. Sinkt sie im Wind- und Regenschatten der Vogesen und des Hartgebirges in der Rheinebene, z. B. in der Gegend von Colmar und im Kaiserstuhlgebirge, auf rund 500 mm im Jahre herab, so wächst sie unter dem Einfluß der vorherrschenden Südwest- und Westwinde mit der Annäherung an das Gebirge auf 800 und 900 mm und nimmt in der Umgebung der höchsten Gipfel um so rascher zu, je steiler und unmittelbarer sich diese aus der Ebene erheben. So haben wir in der Höhenregion des südlichen Gebirgsteiles 1800 mm und mehr, in der Hornisgrindengegend über 1600 mm jährliche Niederschlagsmenge, im mittleren Schwarzwald aber nur etwas über 1400 mm; an der Ostabdachung, im Gebiete stärkerer und häufigerer Ostwinde, sinkt die Regenmenge wieder rasch auf 700 mm und weniger herab. Von diesem Mittelwerte stellen sich gelegentlich starke Abweichungen ein. So hatte der Feldberg 1892: 2523, 1891 aber nur 1584 mm. Etwa die Hälfte aller Tage des Jahres bringen Niederschlag. Die Hauptmenge desselben fällt in den wärmeren Jahreszeiten, während der Winter als relativ trocken bezeichnet werden kann. Im Zusammenhang mit dem im Winter ziemlich häufigen Hochdruckswetter erklärt sich hieraus auch, daß das schönste Zeichen klarer Luft, die Alpenfernsicht, im Sommer an 13, im Frühling an 22, im Herbst an 28, im Winter endlich an 41% aller Tage erwartet werden darf.

Abb. 25. Männertracht des
neunzehnten Jahrhunderts.

Abb. 26. Alte Frauentracht im
Hohen Schwarzwald.

Abb. 27. Frauentracht im Hohen
Schwarzwald.

Aus der Sammlung Spiegelhalter. Nach Photographien von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Regen und Schnee.

Umfaßt die Zeit vom ersten bis zum letzten Schneefall eines Winters am Rand der Rheinebene im Mittel 140 Tage, so steigt sie am Feldberg auf 246 Tage an (22. September bis 26. Mai), und die Schneedecke, welche da oben bis 2,6 m mächtig wird und an steilen Gehängen ganz prachtvolle Wächten bildet ([Abb. 9]), dauert natürlich mit Unterbrechungen im Herbst und Frühwinter rund 200 Tage; in karartigen Nischen des hohen Gebirges, die der Sonnenstrahlung unzugänglich sind, schmilzt der letzte Schnee manchmal erst Ende Juli.

Die Bewässerung.

Die so stark schwankende Niederschlagsmenge ist in Verbindung mit der geologisch bedingten Veränderlichkeit in der Durchlässigkeit des Bodens eine der bestimmendsten Ursachen für die Menge und räumliche Verteilung des fließenden Wassers. So erklärt es sich, daß die Flußdichte, d. h. die Länge der Wasserläufe, auf die Flächeneinheit bezogen, am Westabhange des Schwarzwaldes viermal so groß ist als am Ostabhang. Der abtragenden und zerstörenden Wirkung des fließenden wie des abspülenden Wassers ist also auf der dem Rhein zugekehrten Seite des Gebirges ein viel größerer Spielraum gewährt, woraus es sich wesentlich mit erklärt, daß diese Westseite reicher gegliedert und in ihrem Relief mannigfaltiger gestaltet ist als die Ostseite. Daß viele Wasserläufe der Westseite ihre Quellregion an den Ostabhang der Haupterhebungen vorgeschoben haben und ihre Täler im Oberlauf als Durchbruchstäler erscheinen lassen, ist mit auf diese Ursache zurückzuführen. Auf diese Weise wird der scheinbar unregelmäßige Verlauf der hauptsächlichsten Wasserscheiden, das Überspringen derselben von einem Kammstück auf ein anderes verständlich. Am interessantesten in dieser Hinsicht ist der Anteil des Schwarzwaldes an der europäischen Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Donau oder Nordsee und Mittelmeer.

Abb. 28. Bauernhäuser des siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts.
In der Mitte der Rauferhof (bei Lenzkirch) vom Jahre 1686.
Nach einer Photographie von M. Ferrars in Freiburg. (Zu [Seite 46].)

Während die Wutach vom Feldberg erst weit nach Osten fließt, um dann bei Achdorf nach Südwesten umzubiegen, und während auch die Nebenflüsse der Kinzig, nämlich Gutach und Schiltach, ihre Quellgebiete östlich von bedeutenden Hauptkämmen des mittleren Schwarzwaldes liegen haben, drängt sich zwischen diese Flußsysteme das der Donau stark nach Westen, so daß die vorgeschobensten Punkte, von denen das Wasser dem Schwarzen Meer zueilt, vom Rand der Rheinebene keine zwanzig Kilometer entfernt liegen. Eigentlichen Gebirgskämmen von ansehnlicher Höhe folgt diese Wasserscheide nur auf der ziemlich kurze Strecke vom Höchst bei Neustadt bis zur Sommerau über Triberg, vorher und nachher ist sie mancherorts kaum nachweisbar, so unmerklich zieht sie über einförmige Hochflächen von verschwindend kleiner Neigung.