V. Die Bevölkerung des Schwarzwaldes.
Bevölkerung bis zur Römerzeit.
D
ie Ortslagen prähistorischer Fundstätten gestatten ziemlich sichere Schlüsse über die Besiedlungsgeschichte des Schwarzwaldes. Aus der älteren Steinzeit stammen die im Löß der Rheinebene bei Munzingen, im Keßlersloch bei Schaffhausen und am Schweizersbild ebendaselbst gefundenen, zum Teil unveränderten, zum Teil bearbeiteten Renknochen und -geweihe, sowie Steinwerkzeuge, Tonscherben und Holzkohlen. Neben diesen zeitlich ersten Spuren des menschlichen Daseins nahe dem Schwarzwaldrande sind die zahlreicheren Reste aus der jüngeren Steinzeit und der älteren Metallzeit bedeutungsvoll, die aus den Pfahlbauten nicht nur des Bodensees, sondern auch aus denen der Baar auf uns gekommen sind, jener Hochfläche an der jungen Donau, deren ausgedehnte Ried- und Moorbildungen für Pfahlbauniederlassungen gut geeignet erscheinen mußten. Waffen, Geräte und Schmucksachen derselben Art wie in den Pfahlbauten, aber fern von solchen gefunden, z. B. bei Unadingen im Westen von Donaueschingen, bei Istein unfern Basel, bei Ettlingen in der Karlsruher Gegend, sind beweiskräftig für die Auffassung, daß die jüngere Steinzeit den Schwarzwaldrand besiedelt sah, und zwar von einem Volke mit nicht zu verachtendem Kulturbesitz. Welcher Rasse dasselbe angehörte, wird nicht mit Bestimmtheit zu sagen sein, und auf Hypothesen einzugehen, ist hier nicht der Ort.
Die vorrömische Metallzeit, die wir aus Ringwällen, Hochäckern, Urnenfeldern, Flach- und Hügelgräbern kennen, läßt uns in der geographischen Verbreitung ihrer nicht seltenen Spuren den Fuß und die Vorhöhenzone des Gebirges fast in seiner ganzen Grenzlänge verhältnismäßig dicht besiedelt erscheinen; wir finden die Bewohner dieser Zeit, die wir als Kelten bezeichnen, vergleichsweise hoch entwickelt nach der Art, wie sie Ackerbau, Viehzucht, Gewerbe, Handel und Verkehr trieben. Beim Eindringen der Römer sehen wir die Kelten zum größten Teil durch jene Germanen vertrieben, die unter Ariovist durch Cäsar vom linken auf das rechte Rheinufer zurückgedrängt worden waren, aber bald nachher mit Marbod nach Nordosten abzogen, um der drohenden römischen Vergewaltigung zu entrinnen.
So war, als die Römer anfingen, sich häuslich im Lande einzurichten, dessen Bewohnerzahl sehr gering. Doch bestand damals schon der Gegensatz zwischen einer kleinen, brünetten, schwarzhaarigen, dunkeläugigen Rasse und einer großen, blonden hellhäutigen, blauäugigen. In der ersteren erkennen wir unschwer die verscheuchten Keltenreste, die soweit als möglich in die Täler des Gebirges eingedrungen waren und so den Grundstock zur späteren eigentlichen Schwarzwaldbevölkerung abgeben konnten, in der anderen die Germanen.
Abb. 38. Säckingen. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 55].)
Römische Reste in großer Zahl geben Kunde von den zum Teil glanzvollen Niederlassungen der südlichen Eroberer, die bis ins vierte Jahrhundert hinein in unseren Gebieten weilten. Längs der Heerstraße von Vindonissa (Windisch) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar, die den Rhein bei Zurzach überschritt, dann im oberen Rheintal von Waldshut bis Basel, am westlichen Gebirgsrande von hier bis Ettlingen und Pforzheim haben wir an Straßen, Brücken, Befestigungen, Militärstationen, Kultusstätten, Bädern, Ziegeleien, Villen eine so große Menge, daß wir uns von der römischen Machtentfaltung und Kultur im Oberrheingebiet ein deutliches Bild machen können. Das Gebirge hieß Silva Abnoba und war der Diana Abnoba geweiht; einer ihrer Altäre steht im wohlerhaltenen Römerbade zu Badenweiler, das an Glanz den Thermen von Aquae Aureliae (Baden-Baden) wohl nur wenig nachgestanden hat.
Alemannen und Franken.
Das innere, höhere Gebirge war von den Römern nicht besetzt, vielmehr ist erst die nachrömische, alemannische Besiedlung der Ausgangspunkt der heutigen Volksverteilung geworden. Des Frankenkönigs Chlodwig Sieg zwang 496 die Alemannen, sich auf das Gebiet im Süden der Murg und Oos zu beschränken und die fränkische Hoheit anzuerkennen. Bis zur heutigen Stunde wirkt jene Katastrophe mit ihren Folgen nach; im Norden von Baden und Rastatt, im „Unterlande“, herrscht die fränkische Mundart, im Süden, dem „Oberlande“, die alemannische, die durch den trefflichen Johann Peter Hebel, einen Sohn des Schwarzwälder Wiesentals, in die Literatur eingeführt wurde und vom nördlichen Schwarzwalde ab über den Rhein hinüber durch die ganze deutsche Schweiz bis zum Fuße des Monte Rosa gesprochen wird, freilich mit mancherlei, nur dem vertrauten Ohre merkbaren Abänderungen. Die Schwaben im Osten des Gebirges sind mit ihren westlichen Nachbarn, den Alemannen, als eine größere ethnographische Einheit aufzufassen, deren Glieder sich eigentlich nur mundartlich unterscheiden.
Abb. 39. Isteiner Klotz.
Nach einer Photographie von Dr. Hoek in Freiburg. (Zu [Seite 64].)
Aus der Zeit der Frankenherrschaft stammt die Einteilung in Gaue: Pfinzgau, Ortenau, Breisgau, Albgau, Klettgau, Baar; Siedlungen und Kultur jener Tage kennen wir aus den fränkisch-alemannischen Reihengräbern, die in der Baar, auf den Randhöhen des südöstlichen und südlichen Schwarzwaldes und in der westlichen Vorhügelzone weit verbreitet sind. Doch auch in dieser Periode war der hohe Schwarzwald noch unbewohnt. Interessant ist, daß unter 100 Schädeln der entsprechenden Gräberfunde 69 reine Langköpfe (Germanen), 9 Rundköpfe (Kelten) und 22 Misch- oder Übergangsformen gefunden werden, während das heutige Geschlecht nur noch 16% Lang-, dagegen 32% Rundköpfe und 52% Zwischenstufen aufweist. Der Schwarzwald erscheint hiernach als Ausstrahlungspunkt von keltischen Rundköpfen, deren Träger seit der Periode der Reihengräber sich stark vermehrten, aus dem Gebirge heraustraten und sich mit den langköpfigen Germanen, den jüngeren Ansiedlern, vermischten.
Abb. 40. Badenweiler. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 66].)
Besiedlung im Mittelalter.
In die Zeit gegen das Ende der fränkisch-alemannischen Reihengräberperiode fällt die Einführung und Ausbreitung des Christentums auf Schwarzwälder Boden und mit ihr die Errichtung zahlreicher Klöster, zumeist nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia. Zunächst spielte sich diese Kolonisation noch in den schon bis zu gewissem Grad besiedelten Randzonen ab, dann aber bald, nämlich vom zehnten Jahrhundert an, auf neugerodetem Waldlande, so in St. Trudpert im Münstertal, in St. Blasien an der oberen Alb. Nach dem Jahre 1000 folgten in bisher völlig unbewohnten Einöden St. Georgen, St. Peter, St. Märgen, Friedenweiler, St. Ulrich. Der Klostergründung folgte die Urbarmachung und Besiedlung weiter Flächen, deren Waldesdickicht sich nun rasch lichtete und im Verhältnis zur Rauheit des Klimas und zur anfänglich noch recht geringen Wegsamkeit fast nur allzuviele bäuerliche Niederlassungen auf den Grundstücken der Klöster entstehen sah. Der gelehrte Fürstabt Gerbert von St. Blasien hat nicht unrecht, wenn er in seiner Historia nigræ silvæ (1783 bis 1788) den Schwarzwald eine Colonia Sancti Benedicti nennt. In der Tat muß ein großer Teil des hohen Schwarzwaldes als junges Kolonialland angesehen werden, das erst vor neunhundert und weniger Jahren besiedelt worden ist, und zwar mit dem Überschuß von Menschenmaterial, welches sich in den leichter zugänglichen, seit alter Zeit bewohnten Tälern fand. So erklärt sich auch die starke Vermehrung der dunklen keltischen Rasse, von der vorhin die Rede war.
Abb. 41. Marzell im Kandertal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 68].)
Abb. 42. Der Belchen.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)
Abb. 43. St. Trudpert.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)
Volksverteilung.
In späteren Zeiten sind durch die Bedürfnisse der Waldarbeiter, Glasbläser usw. gelegentlich wohl noch da und dort kleinere Orte neu entstanden, aber im großen und ganzen hat sich die Volksverteilung seit lange nur noch der Zahl nach verschoben, aber nicht mehr hinsichtlich des Bildes ihrer geographischen Ausbreitung. In bezug auf diese geographische Verteilung der Schwarzwaldbevölkerung muß vor allen Dingen eines Verwunderung erregen, nämlich ihr weites Vorrücken nach oben. Während in den Vogesen das höchstgelegene Dorf, Altweiler, sich zwischen 800 und 900 m ausbreitet, zieht sich Hofsgrund im Schwarzwald bis gegen 1150 m hinauf, und abgesehen von dem das ganze Jahr bewohnten Touristenhaus des Feldberger Hofes mit 1278 m ist der Rinkenhof in dessen Nähe mit 1200 m Meereshöhe die höchstgelegene alte Siedlung des Gebirges. Im Gegensatz zu den Vogesen mit ihrem ausgeprägt schmalen, steilabfallenden, darum auch verkehrsfeindlichen Hauptkamm neigt der Schwarzwald weithin zur Hochflächenbildung; er setzt hiernach dem Verkehr wie der Bewohnbarkeit nach seiner orographischen Gestaltung keine allzugroßen Hindernisse in den Weg. Längst ist er darum zu einem straßenreichen Durchgangsland geworden, und wie sich die Volkszahl zur Höhenlage der Wohnsitze verhält, ist aus folgender Zusammenstellung ersichtlich:
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Einwohner überhaupt | in Proz. | auf 1 qkm | |
| unter 200 m | 17000 | 4,5 | 300 |
| 200–400 m | 221000 | 56,4 | 165 |
| 400–600 m | 60000 | 16,0 | 43 |
| 600–800 m | 41000 | 11,0 | 37 |
| 800–1000 m | 40000 | 10,7 | 37 |
| 1000–1200 m | 5000 | 1,4 | 13 |
| Summa | 374200 | 100,0 | 69 |
Diese einer Untersuchung aus dem Jahre 1892 entnommenen Angaben beziehen sich nur auf den badischen Schwarzwald; entsprechende Zahlen für den württembergischen Gebirgsanteil würden die höheren Stufen noch schwerer ins Gewicht fallen lassen.
Abb. 44. Inneres von St. Trudpert.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)
Siedlungsverhältnisse.
Leicht wird den zahlreichen Bewohnern des hohen Schwarzwaldes der Kampf ums Dasein nicht, und er ist es auch niemals gewesen. Schon früh machten sich die Folgen der zu dichten Besiedlung, wie sie von den Klöstern nach und nach durchgeführt worden war, in zu geringem Ausmaß der bäuerlichen Lehen unangenehm fühlbar, und manche schwere Katastrophe im Wirtschaftsleben führte allmählich zur Einführung des Anerbenrechtes, das sich zum Hofgüterrecht ausbildete, wonach im Interesse der Erhaltung des Besitzes und um die zu weitgehende Parzellierung zu verhindern, der bäuerliche Hof ([Abb. 14]) vom Vater auf den jüngsten Sohn oder die älteste Tochter übergeht, während die übrigen Geschwister mit Abfindungsgeldern sich begnügen müssen. Sie werden Knechte, Mägde, Tagelöhner, heiraten auf andere Höfe oder wenden sich der Industrie zu, und diese hat auf dem Schwarzwalde längst eine ruhmvolle Heimstätte erworben. Ohne sie wäre seine heutige dichte Bevölkerung undenkbar. Hinsichtlich des Erwerbslebens der Schwarzwälder mag daran erinnert werden, daß neben dem naturgemäß längst nicht mehr genügend ergiebigen Ackerbau — Brotfrucht wird überall gekauft — die Viehhaltung eine hohe Bedeutung erlangt hat. Milch, Butter und Käse geben sichere Einnahmen, deren Wertschätzung die Schwarzwälder Viehzucht durchweg auf eine mustergültige, weitum anerkannte Höhe brachte, die zu erhalten die Organe des Staates, der Kreise und Gemeinden aufs lebhafteste bemüht sind.
Die Jagd kann zumeist als eine gute bezeichnet werden. Sie erstreckt sich auf Rot- und Damwild, Rehe, Hasen, auch Füchse, Dachse, Marder, Wildschweine, Fischottern, auf Auer- und Birkhähne, Fasanen, Rebhühner, Enten usw. Die Fischerei gewinnt im Oberrhein den vielbegehrten Lachs, die vielen Gebirgsbäche mit ihrem beweglichen reinen Wasser beherbergen die muntere Bachforelle, wohl den köstlichsten aller Fische, dessen Erhaltung durch die Wirksamkeit mehrerer Fischzuchtanstalten gewährleistet wird.
Abb. 45. Scharfenstein.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 70].)
Der Schwarzwälder Bergbau spielte früher eine wichtige Rolle. Mancherlei Gänge im Urgestein, gern an dessen Verwerfungsspalten geknüpft, spendeten Kupfererze, z. B. im Kinziggebiet, silberhaltigen Bleiglanz an sehr vielen Orten, so bei Badenweiler, Sulzburg, im Wiesen- und Münstertal, bei Freudenstadt; Eisenerze verschiedener Art wurden einst abgebaut bei Pforzheim und Kandern, an der Oberen Alb und im Wutachtal; Kobalt gab es im Kinzigquellgebiet, Nickel bei St. Blasien usw. Eisenschmelzen bestanden in ansehnlicher Zahl, doch gingen sie seit etwa fünfzig Jahren alle ein bis auf die von Friedrichstal und Christophstal bei Freudenstadt. Am Erzkasten (Schauinsland) bei Freiburg, der von seinen alten Gruben den Namen hat, ist seit kurzem ein in großem Stil betriebenes Erzwerk auf Zinkblende und silberhaltigen Bleiglanz wieder eröffnet worden. Steinkohle (Anthrazit) lieferte bis zur jüngsten Zeit in bescheidenem Umfang das einzige Kohlenbergwerk Badens bei Berghaupten (Offenburg). Salz spendet in reichem Maß die Saline Dürrheim im Muschelkalk bei Villingen.
Abb. 46. An der Schützenbrücke in Donaueschingen.
Nach einer Photographie von H. Schönbucher in Donaueschingen. (Zu [Seite 72].)
Nicht hoch genug kann der Wert des Schwarzwaldes an Mineralquellen und Thermen angeschlagen werden. Seit den Römerzeiten haben sie Erholungsbedürftige von allen Seiten angezogen und durch die Geheilten ihren Ruhm und den der landschaftlichen Schönheit ihrer Umgebung nach allen Richtungen der Windrose getragen. Ihnen verdankt unser Gebirge zweifellos die ältesten Anregungen, die allmählich zur Entwicklung der jetzt so blühenden Fremdenindustrie führten und heute Hunderttausende anziehen, sei es in den Zaubergarten des Weltbades, das unserem Lande den Namen gab, sei es in irgendein anderes der kleineren, aber um so anheimelnderen Bäder im stillen Waldesfrieden ihrer lauschigen Landschaft.
Daß schon früh die Knappheit der natürlichen Lebensbedingungen den Schwarzwälder zu gewerblicher Tätigkeit zwang, ist bereits angedeutet worden. Waldarbeit, Holzflößerei, Kohlenbrennen ([Abb. 13], [15], [16], [17]), Harzgewinnung, Betrieb von Sägemühlen mit dem typischen oberschlächtigen Wasserrad ([Abb. 18]), Küblerei und Verfertigung kleiner Holzgeräte allerart, auch Strohflechterei ([Abb. 19]), das waren die nächstliegenden Beschäftigungen von alters her. Das Flößen, Brennen und Harzen ist fast völlig verschwunden, die vielbesungenen kleinen Sägewerke am rauschenden Wildbach sind an vielen Orten von großen fabrikmäßig betriebenen Schneidemühlen abgelöst worden, zu denen sich leider nur allzu häufig Zellstoffabriken gesellt haben. Die „Holzschneflerei“ wird immer noch viel geübt, besonders in Bernau und überhaupt in der weiteren Umgebung von St. Blasien. Mit der Zeit entstand die Industrie der Zunderbereitung und Bürstenherstellung, hauptsächlich am Südfuße des Feldberges, dazu kommen Blechlöffelschmieden, an die das „Löffeltal“ bei Hinterzarten schon durch seinen Namen gar deutlich erinnert, ferner Glasbläsereien — der Ortsname „Glashütten“ ist stark verbreitet ([Abb. 20]) —, Granatschleifereien u. a. m. Am berühmtesten ist aber die Schwarzwälder Uhrenmacherei geworden.
Der Glashändler Lorenz Frey brachte 1683 eine Holzuhr von der Wanderschaft nach Hause, und seither entstand aus kleinsten, ärmlichsten Anfängen auf den Höhen von Waldau und Umgebung eine Hausindustrie, die sich durch ihren überall hin tätigen Hausierhandel ([Abb. 21]) seit etwa 1750 Weltruhm verschaffte. Jetzt sind an Stelle der Holzwerke ([Abb. 22]) längst die feinsten Präzisionsuhren getreten. Die Hausindustrie ([Abb. 23]) ist mehr und mehr in den Dienst großer Fabriken getreten. Das Gebiet der Uhrmacher dehnt sich von Triberg und Schramberg bis nach Neustadt und Lenzkirch aus, beschäftigt Tausende von fleißigen Händen und setzt dem Werte nach alljährlich viele Millionen Mark um. Aus den Spieluhren entwickelten sich die Orchestrions, die heute in großer Zahl von den stillen Schwarzwaldhöhen ihren Weg in die weite Welt, besonders nach Rußland und Amerika einschlagen; auch die Herstellung von physikalischen, besonders elektrischen Apparaten und anderen Erzeugnissen der Feinmechanik ist hoch entwickelt.
Abb. 47. Die Donauquelle.
Nach einer Photographie von H. Schönbucher in Donaueschingen. (Zu [Seite 72].)
Seit dem achtzehnten Jahrhundert hat man die bedeutenden Wasserkräfte, die in den Schwarzwaldbächen und -flüssen mit ihrem starken Gefälle aufgespeichert sind, dem Gewerbe dienstbar zu machen angefangen; es entstanden zahlreiche Spinnereien und Webereien für Baumwolle und Seide, die in der Gegenwart sich zumeist zu sehr bedeutenden Betrieben ausgestaltet haben. Dazu kommen noch alle erdenklichen anderen Industrien, die auch nur annähernd aufzuzählen hier nicht der Ort ist. Nehmen wir endlich die hochentwickelte Gold- und Silberwarenherstellung in Pforzheim und Umgebung, so sehen wir, daß die Schwarzwaldbevölkerung es gut verstanden hat, sich Erwerbsquellen vieler Art zu erschließen, die es ermöglichen, auf an sich nicht allzu ergiebigen Heimstätten in auskömmlicher Weise zu leben. Daß diese Industriebetriebe nicht auf wenige städtische Hauptpunkte sich zusammenhäufen, sondern vielfach als Hausindustrie in denkbar größter Auflockerung über weite Gebiete des Gebirges ausgebreitet sind, daß sehr viele Kleinbauern einzelne ihrer Familienangehörigen in der Fabrik tätig sein lassen, während anderseits die eigentliche Arbeiterbevölkerung gern nach Erwerb von Grundbesitz strebt, wenn es auch nur ein kleines Stückchen Garten oder Ackerfeld ist, all das hat von unserem Schwarzwalde die sozialen Schädigungen einseitig gesteigerten Industriegebietes bis zu gewissem Grad fern gehalten. Möchte das für alle Zeit so bleiben!
Tracht. Wohnung. Sitten.
Tritt uns die Schwarzwälder Bevölkerung in körperlicher Kraft und geistiger Gesundheit gegenüber, so zeigt auch ihre Kleidung und Wohnung die Freude an Schmuck und Farbenpracht, den Sinn für Behäbigkeit. Noch werden in vielen Gegenden, von den Frauen mehr als von den Männern, besonders an Sonn- und Feiertagen, sowie bei festlichen Anlässen, malerische Trachten getragen, deren Herstellung viele Kräfte beschäftigt ([Abb. 24]) und deren Erhaltung sich neuerdings rührige Vereine zur Aufgabe machten ([Abb. 25], [26], [27]). Die Volkstrachten sind nicht überall schön, aber in ihrer von Tal zu Tal wechselnden Eigenart erregen sie das Interesse des Beschauers. Als Ausdruck eines gesunden Bauernstolzes und einer verständig konservativen Gesinnung haben sie eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, ja man darf wohl sagen, einen gewissen moralischen Wert. Freilich erscheint die da und dort versuchte Wiedereinführung der untergegangenen Volkstracht völlig als nutzloses Bemühen. Nennenswerten Erfolg hat sie selbstverständlich auch nirgends gehabt.
Das alte, echte Schwarzwaldhaus ([Abb. 14], [28] u. [48]), das leider aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr als Neubau entsteht, gewährt einen überraschend stattlichen Anblick. Unter dem gewaltigen, weit vorspringenden Stroh- oder Schindeldach glänzen die zahlreichen kleinen Fenster des wettergebräunten Holzbaues freundlich hervor, die in der guten Jahreszeit nie eines reichen Blumenschmuckes entbehren. Ein gedeckter Gang mit dem Brunnen führt meist einer Hausflucht entlang, das obere Stockwerk hat eine Holzgalerie. Gern wird das Haus so an die Berglehne gebaut, daß man von der Rückseite unmittelbar in die große Scheune unter dem Dach einfahren kann. Als Nebengebäude gesellen sich oft noch eine Säge- oder Mahlmühle, ein Backhaus und bei den stolzen Einzelhöfen eine kleine Kapelle bei. In der geräumigen Wohnstube fehlt niemals der gewaltige Kachelofen als wonniger Wärmespender, mit der Ofenbank, auf der es sich so gut sitzen und plaudern läßt, und mit der „Kunst“, einer Wärmeanlage, die mit dem Küchenherd in Verbindung steht; es fehlt auch nie das immer mit Blumen eingefaßte Kruzifix in der Kante zwischen den zwei Fensterwänden. Es ist das der „Herrgottswinkel“, unter welchem der von Bänken und Stühlen umstellte, große Tisch seinen Platz findet ([Abb. 29]). Auch in den hellen und blanken Gaststuben der Bauernwirtshäuser fehlt der Herrgottswinkel nicht leicht. Der Schwarzwälder ist eben streng religiös und trotz eines hohen Grades von Tüchtigkeit fürs praktische Leben, vielfach darf man sagen auch von Aufgeklärtheit, spielt sich das Dasein des einzelnen wie der Familie und der Landgemeinde in den altüberlieferten Sitten und Gebräuchen ab, wie sie das Kirchenjahr und seine Feste in bestimmte Regeln gebracht haben, von denen nicht abgewichen wird ([Abb. 30], [31]). Und zwar besteht hierin zwischen der katholischen und evangelischen Bevölkerung kaum ein Unterschied.
Abb. 48. Die Brigachquelle mit Schwarzwaldhaus. Gemälde von Hans Busse. (Zu [Seite 72] u. [123].)
Zum weitaus größten Teile herrscht in unserm Gebiet der Katholizismus, evangelisch sind in der Hauptsache nur die Landschaften der früheren Markgrafschaft Baden-Durlach und die altwürttembergischen Lande, aber diese Gebiete machen zusammengenommen viel weniger aus, als die der seit 1803 mediatisierten Fürstentümer, Herrschaften allerart, Bistümer, Abteien, freien Reichsstädte und der einst vorderösterreichischen Lande, besonders im Breisgau. Wie die politischen Verhältnisse früher waren, mag aus dem Hinweis hervorgehen, daß noch zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf dem 60 km langen Weg von Freiburg nach Basel zehn Grenzen zu überschreiten waren zwischen mehrfach wechselnden Parzellen österreichischen und badischen Gebietes, zwischen Ortschaften unter bischöflich baslerischer, unter reichsritterschaftlicher und unter der Hoheit des Deutschordens; anderswo sah es auch nicht viel besser aus.
Abb. 49. Gutachbrücke bei Kappel-Neustadt.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 76].)
Sitten und Volkscharakter.
Von diesen Zuständen, die wir ja in Thüringen noch erhalten sehen, ist im Volksbewußtsein kaum noch da und dort eine Spur übriggeblieben. Höchstens, daß die Bewohner der einstigen Markgrafschaft Baden, des Markgräflerlandes, von den Nachbarn als „Altbadische“ bezeichnet werden, und daß die altbadischen, protestantischen Frauen in der Tracht von ihren katholischen Freundinnen im Breisgau sich etwas unterscheiden, besonders hinsichtlich der Form der Flügelhaube und im Tragen des Spitzenbrusttuches. Sonst aber ist der Schwarzwälder, ohne sich darüber Sorge zu machen, unter welchem Herrn seine Vorfahren vor hundert oder mehr Jahren einst standen, gut badisch beziehungsweise württembergisch, was ihn nicht hindert, von Herzen ein guter Deutscher zu sein. Wenn auch durch politisch verschieden gefärbte Brillengläser, so schaut er doch lieber arbeitsfreudig und zuversichtlich in die Zukunft als weltschmerzlich in eine Vergangenheit, die ihm in allen Stücken das Leben schwerer gemacht hat, als er es heute lebt. Sicherlich wird er, was auch die rasch umgestaltende Zeit bringen mag, stets den Kopf oben behalten und immer einer der tüchtigsten unter seinen deutschen Stammesbrüdern sein und bleiben.