XIII. Die Höhenwelt des mittleren Schwarzwaldes.
Der Turner.
W
ie im südlichen Teile des Gebirges lernen wir auch hier wieder die Höhenregion am besten kennen, wenn wir dem mit roter Raute bezeichneten Hauptkammweg folgen, den wir vom Titisee bis Basel und Waldshut schon gewandert sind, und der uns in entgegengesetzter Richtung schließlich bis nach Pforzheim gelangen läßt. Vom Titisee führt uns der Höhenweg I nordwärts auf die Weißtannenhöhe (1190 m), von wo die imposante Berggestalt des Feldbergs im Süden und der scharf gezeichnete, schartenartige Einschnitt des Höllentales im Westen als besonders auffällige Einzelbilder unsere Aufmerksamkeit erregen. Dann erreichen wir die Hochfläche des Turner (1035 m) mit seinem viel besuchten und aussichtsreichen Gasthaus in typischer Schwarzwaldumgebung. Von hier führen Wege nach allen Himmelsrichtungen, so durch das stille Joostal nach Neustadt, über die Höhe nach Breitnau und weiter unmittelbar zur Höllentalbahn, oder hoch über dieser hin und mit großartigen Niederblicken über den Hohwart und die Nessellache nach Himmelreich hinab, oder endlich ebendahin auf dem alten Heerweg durch das Spirzen- und Wagensteiger Tal. Überaus lohnend ist vor allen Dingen aber die schöne Hochstraße auf der Wasserscheide zwischen dem Wildgutach- und dem Dreisamgebiet nach den ehemaligen Klöstern St. Märgen (890 m) und St. Peter (722 m), deren zweitürmige Kirchen weither sichtbar sind. In St. Peter ([Abb. 122]) liegen mehrere Herzöge von Zähringen begraben, der große Klosterbau ist jetzt katholisches Priesterseminar. Zahlreiche Wege führen von da zur Dreisam hinab ([Abb. 123]), ein herrlicher Waldpfad hält sich auf den Höhen und senkt sich schließlich vom Roßkopf und Schloßberg direkt nach Freiburg. Er kann jedem wanderfrohen Naturfreund aufs beste empfohlen werden, ebenso der Abstieg von St. Peter durch das im oberen Teil wildfelsige, im unteren Teil liebliche und mit Obst wie herrlichem Wein reich gesegnete Glottertal, dessen Mädchen und Frauen sich ähnlich kleiden wie ihre Schwestern im Elzgebiet; der gelb lackierte Zylinderhut wird dem Fremden an der sonst nicht unkleidsamen Tracht am sonderbarsten erscheinen.
Abb. 126. Frauentracht von Schonach.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 122].)
Der Kandel.
Endlich können wir von St. Märgen und St. Peter aus bequem den Kandel (1241 m) besteigen, den weit nach Westen vorgeschobenen höchsten Gipfel im mittleren Schwarzwald. Er ragt von der Rheinebene und von dem unteren Elztal ähnlich schroff auf wie weiter südlich der Belchen und erscheint darum in seiner massigen Gestalt auch als ein Berggewaltiger ersten Ranges. Oben finden wir im Rasthaus gute Unterkunft, beim Signal der internationalen Erdmessung eröffnet sich uns eine unvergleichlich schöne Rundsicht, im Süden bis zu den Alpen. Zumeist wird nach Waldkirch abgestiegen, wohin zahlreiche bequeme Wege uns in kurzer Frist gelangen lassen.
Abb. 127. Frauentracht von Schonach.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 122].)
Simonswälder Tal.
Der Nordostfuß des Höhenzuges Turner-Kandel liegt an der Sohle des Simonswälder Tales, das mit seinen freundlichen Gehöften, seinen malerischen Baumgruppen und seiner stolzen Bergumrahmung vielen als eines der allerbesuchenswertesten des Gebirges gilt. Der Abstiege gibt es mancherlei. Es sollen nur genannt sein der nach Glashütten und zum forellenberühmten Dreistegenwirtshaus in Wildgutach, sowie der zum mächtigen Wasserfall des Zweribaches in seiner Felsschlucht ([Abb. 124]). Durch das Tal zieht seiner ganzen Länge nach eine prachtvolle Kunststraße, die schließlich bei der Bahnstation Bleibach ([Abb. 125]) ins Elztal ausmündet.
Auf unserem Haupthöhenweg liegt in kurzem Abstand vom Turner der Hohle Graben (1033 m), eine die Kämme und Täler weithin beherrschende Stelle, die darum früher, als die Hauptverbindung von der Donau nach dem Breisgau hier durchführte, auch strategisch bedeutsam war. Im Dreißigjährigen Krieg und in den Tagen des Prinzen Eugen war der Punkt stark verschanzt und viel umkämpft, gewaltige Heeresmassen sind gar oft über diese einsamen Höhen gezogen, in schlechter wie in guter Jahreszeit. Beim Lachenhäusle (1077 m) überrascht der Niederblick in das tief eingeschnittene Wildgutachtal, auf der anderen Seite liegt in weltabgeschiedenster Einsamkeit das stille Pfarrdorf Waldau. Bei der „Kaltenherberg“ (1030 m) — der Name bezeichnet den Klimacharakter der Lokalität wohl deutlich genug — senkt sich das Gebirge sanft der Donau zu, und auf abgelegenen Waldpfaden längs der Wasserscheide kann man von hier ab zum Höchst (1033 m), der Paßhöhe an der schönen Straße gelangen, die von Neustadt ins Tal des Eisenbächle und nach Hammereisenbach führt; auch der Höhenkurort Friedenweiler (902 m), eine frühere Klosterniederlassung, liegt in diesem Revier.
Kaltenherberg. Brend.
Wir halten uns von der Kaltenherberg ab in rein nördlicher Richtung, stets auf der Rhein-Donauwasserscheide; jenseits Neukirch, bei der Neueck (985 m) schneiden wir die neue prachtvolle Kunststraße, die von Simonswald über Gütenbach herauf und dann östlich abwärts nach Furtwangen führt, bei der Alten Eck (1070 m) den früheren Kilpenweg vom Rheintal über Waldkirch zum Bregegebiet, der neben der Ostweststraße über den Hohlen Graben einer der ältesten im Schwarzwalde ist. Nun geht’s auf die aussichtsreiche Höhe der Brend (1148 m) und hinab zum Sattel am Forsthof der Martinskapelle (1090 m), von wo zahlreiche Wege nach Ost und Nord und West abzweigen. Erwähnung verdient unter ihnen vor allen der eine über die aus alten Kriegszeiten verschanzten Höhen des Rohrhardsberges zum Tafelbühl und zur Wallfahrtskapelle auf dem Hörnleberg (987 m), der weither als Landmarke gilt, und von hier steil hinab ins Elztal bei Bleibach.
Abb. 128. Furtwangen.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 123].)
Schonach.
Nahe der Martinskapelle, am Briglirain (Brücklerain) entspringen dicht beieinander die Brege, die nach Süden, und die Elz, die nach Norden fließt. Wir gehen zwischen diesen Flußursprüngen durch und folgen dem Kamm rechts von der Elz in nördlicher Richtung, lassen den Luftkurort Schönwald (994 m) mit seinen großen Gasthäusern und das stillere Schonach ([Abb. 126] u. [127]), von wo es bequem nach Triberg hinab geht, rechts unter uns liegen, gelangen dann zu der schon wesentlich tiefer liegenden Büchereck (653 m) zwischen Elzach und Gutach an der Schwarzwaldbahn, steigen nochmals empor zum Farrenkopf (789 m), dem aussichtreichen Eckpfeiler zwischen Gutach- und Kinzigtal, und nun geht’s rasch abwärts zur Bahn, die wir bei Hausach erreichen in dem freudigen Bewußtsein, eine der lohnendsten Höhenwanderungen im Schwarzwald glücklich durchgeführt zu haben.
Abb. 129. Bad Sulzbach.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 126].)
Furtwangen. Stöcklewald. Galgen.
Wer auf etwas bequemere Weise in die eigenartig reizvolle, stille Welt dieser Höhen eindringen will, der mag von Donaueschingen aus die Nebenbahn befahren, die über Hüfingen und Bräunlingen nach Hammereisenbach und dann nach Vöhrenbach (799 m) führt, einem wichtigen Mittelpunkt der Uhren- und Orchestrionfabrikation, um schließlich in Furtwangen zu endigen. Diese hochgelegene Industriestadt (872 m) mit mehr als 5400 Einwohnern ist der Hauptort der Schwarzwälder Uhrenindustrie ([Abb. 128]) und durch sie groß geworden. Besuche in den vielen verschiedenartigen Betrieben, in der Gewerbehalle, der Schnitzereischule usw. sind höchst lehrreich und lohnen ganz abgesehen von der erquickenden Luft des Hochtales den längeren Aufenthalt reichlich. Von Furtwangen führt eine aussichtsreiche Straße auf die Höhe der Escheck (1057 m), von wo bald Schönwald und kurz danach der obere Anfang des Triberger Wasserfalles erreicht wird. An ihm führt ein herrlicher Schluchtweg hinab zum blühenden Kurort.
Stöcklewald. Galgen.
Die Gegend zwischen den Tälern der Brege und Brigach ist im südlichen Teile einförmig. Erst nördlich der Straße Villingen-Vöhrenbach nimmt sie gebirgigen Charakter an. Von Villingen durchs Kirnachtal oder von St. Georgen der Brigach entlang, deren Quelle hübsch gefaßt ist ([Abb. 48]), gelangen wir auf die Höhe des Stöcklewaldes (1069 m) mit ihrem stolzen Aussichtsturm, von dem der Blick besonders weit nach Osten zu den Höhen der Schwäbischen Alb trägt. Schöne Abstiege führen nach Furtwangen, Schönwald und Triberg. Doch wird keiner diese luftigen Höhen verlassen, ohne den nahen Galgen, ein Denkmal alter Zeit und überwundener Justizformen, zu besichtigen, und am Galgenhof vorbei dem hochgelegenen Wirtshaus zur Fuchsfalle einen Besuch zu machen. Nach Norden zu ist bald die uns schon bekannte Paßhöhe der Sommerau erreicht, von wo wir über die Benzebene den Fohrenbühl (787 m) erreichen und von hier in der Richtung auf Hausach oder Wolfach oder Schiltach an der Kinzig absteigen können. Auf dem Fohrenbühl, der ganz wie die Biereck am Pfingstsonntag seinen Schellenmarkt hat, schneiden wir unmittelbar an der badisch-württembergischen Grenze die Straße, die von Hornberg nach Lauterbach mit seinen gern besuchten Kuranstalten und weiter abwärts nach Schramberg gelangen läßt.
Sind wir von der „Kaltenherberg“ bis Schiltach in der Hauptsache dem Höhenweg II gefolgt, so darf doch nicht vergessen werden, daß auch die Täler dieses Gebietes zu lohnenden Wanderungen einladen. So führt nach Schramberg auch die interessante Straße von St. Georgen über den Ruppertsberg (902 m) und weiter abwärts dem obersten Schiltachtal entlang nach Thennenbronn, dann durch die in ihren wilden Felsgestaltungen landschaftlich hervorragend schöne Schlucht des Bernecktales mit dem Berneckbad und der Ruine Falkenstein, an welche sich die von Uhland dichterisch verarbeitete Geschichte und Sage des Herzogs Ernst von Schwaben anknüpft. Schramberg (416 m), am Fuße der Nippenburg anmutig gelegen, ist eine sehr lebhafte Industriestadt mit über 11200 Einwohnern, der nördlichste und zugleich wohl der bedeutendste Ort der Schwarzwälder Uhrenindustrie, die sich von hier südlich bis Lenzkirch ausbreitet, und auf deren hohe Bedeutung für große Teile unseres Gebirges oft hingewiesen werden mußte. Auch Porzellan-, Steingut- und Strohhutfabrikation blühen in Schramberg, von wo eine Nebenbahn nach Schiltach an der oberen Kinzig die Verbindung mit der Außenwelt herstellt.