XVI. Auf den Höhen des nördlichen Schwarzwaldes.

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ie schöne Bergwelt zwischen Kinzig und Oos lernen wir am besten kennen, wenn wir wieder wie im südlichen und mittleren Schwarzwald dem mit der roten Raute bezeichneten Kammwege I folgen, der jegliches Verirren völlig unmöglich macht. Bei Hausach, wo alte Verschanzungen am Nordgehänge des Tales ebenso wie die Befestigungen am Farrenkopf und weiter südlich an die strategische Bedeutung des Kinzigtales erinnern, steigen wir nordwärts an und erreichen bald die Wasserscheide zwischen dem Schapbacher und Harmersbacher Tal, der wir nun 34 Kilometer weit folgen bis zum Kniebis. Dieser Weg wird nicht nur durch seine prächtigen Fernblicke entzücken und durch den herrlichen Hochwald, den er stundenlang durchschneidet; er wird vielmehr dem Wanderer, der gern allein geht und sich trotz der größten Weltabgeschiedenheit nicht einsam fühlt, weil er sich am allerbesten mit sich selbst unterhält, ganz besondere Befriedigung gewähren; denn dieser Hochpfad trifft in seiner ganzen Länge kein Wirtshaus, ja sogar nicht einmal ein Wohnhaus. Ringsum großartige, himmlische Ruhe, so wohlig und erquickend wie nichts sonst auf der Welt! Abstiege in die Täler rechts und links sind leicht zu machen, und so läßt die Wanderung mancherlei Variationen zu.

An der Littweger Höhe (845 m) können wir westwärts abzweigen zum Löcherbergwasen (658 m) auf der Straßenhöhe zwischen Kinzig- und Renchtal, mit oft ganz phantastischen Bildungen gewaltiger Sandstein-Blockmeere, und weiter auf die waldige Kuppe des Mooskopfes (873 m) mit ihrem Aussichtsturm, der weithin über den wogenden Wald und seine schöne Bergwelt zu schauen gestattet. Zahlreiche Wege lassen uns von hier wieder die Niederungen der Menschen gewinnen, sei es in Oppenau, Oberkirch oder Durbach, in Gengenbach, Ortenberg, oder endlich am Fuße des Brandeckkopfes in Offenburg.

Abb. 148. Im Rauhmünzachtal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 137].)

Rippoldsau. Der Kniebis.

Unser Rautenweg gewinnt am Hundskopf hin (950 m) die See-Ebene (943 m), von wo wir östlich den stillen Glaswaldsee 100 m unter uns in träumerischem Frieden schimmern sehen ([Abb. 154]). Wir schneiden hier einen beliebten, durch neue Wege verbesserten Übergang von Peterstal nach Schapbach, erreichen dann die Holzwälder Höhe (966 m), wo wir auf den vielbegangenen Pfad Griesbach-Rippoldsau stoßen, und dann geht’s immer im stolzesten Hochwald hinauf zum Kniebis, den wir bei der Alexanderschanze (971 m) erreichen.

Wem es auf diesem Wege der Einsamkeit zu viel werden möchte, der fahre von Wolfach durch das belebte, sonnige Schapbach- oder Wolfachtal nach dem eleganten, trefflich eingerichteten Bad Rippoldsau (566 m, [Abb. 155]). Die Talbewohner in ihrer Tracht, die besonders am Sonntag das farbenfreudige junge Mädchenvolk recht hübsch erscheinen läßt, werden dem Besucher viel Freude machen ([Abb. 153]). Das wenig unterhalb des Bades gelegene „Klösterle“ war einst ein Priorat des Benediktinerstiftes St. Georgen, jetzt ist es Pfarrkirche für das obere Talgebiet. Ganz wunderbar schöne Wege zum Gehen und Fahren lassen uns durch den prachtvollen Wald nach dem unfernen Freudenstadt hinüber und hinauf auf den Kniebis gelangen.

Abb. 149. Die Schenkenburg im Kinzigtal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 138].)

Abb. 150. Alpirsbach. Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 138].)

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GRÖSSERES BILD]

Der Kniebis ist ein 8 km langer, rund 950 m hoher, wallförmiger Kamm; er nimmt im orographischen Aufbau des Schwarzwaldes eine ganz eigenartige Stellung ein, die nur noch ein einziges Mal ähnlich vorkommt, nämlich an der früher besprochenen, über 1000 m hohen Wasserscheide von der Kaltenherberge bis zum Turner. Während nämlich auf der über 160 km langen Strecke von Waldshut bis Durlach überall sonst im Schwarzwalde Flußläufe, die von Nord nach Süd oder von Süd nach Nord laufen, die so wichtige Ostwestverbindung von Schwaben nach der Rheinebene unmöglich machen oder doch ganz wesentlich erschweren, treten am Hohlengraben wie am Kniebis, durch welche Punkte die Längsausdehnung des Schwarzwaldes in drei nicht ganz gleiche Teile geteilt wird, östliches und westliches Gefälle unmittelbar aneinander heran; daher im ersteren Falle die oft umkämpfte Straße von der Donau nach Freiburg, im zweiten die aus dem Herzen des Neckarlandes nach Straßburg. Auf dem Kniebis ([Abb. 156]) treffen sich zwei Straßen aus dem Renchtal von Oppenau und Griesbach, eine aus dem Kinzigtal von Rippoldsau, und endlich die von Freudenstadt und dem schwäbischen Hügelland her. Daß man vor zwei Menschenaltern daran dachte, Freudenstadt zur deutschen Bundesfestung zu machen, erscheint hiernach ebenso verständlich wie die Tatsache, daß wir an der Stelle, wo die Griesbacher Straße die Kammhöhe gewinnt, die nach ihrem Erbauer Alexander von Württemberg genannte Alexanderschanze (1734) finden, während die Oppenauer Straße auf dem Kamm durch die im Dreißigjährigen Kriege erbaute Schwedenschanze und durch die aus dem Jahre 1796 stammende Schwabenschanze geschützt ist.

Durch ernste Hochmoor- und Legföhrenlandschaft zieht die Straße längs der badisch-württembergischen Grenze auf dem Kamm hin, erreicht bei der Zuflucht am Roßbühl das in einer Bastion der Schwabenschanze stehende neue Aussichtsgerüste, fast 200 m über dem zur Murg abfließenden Kartrichter des Buhlbachsees, während die etwas weiter östlich liegenden Kessel des Sankenbach- und Elbachsees trocken gelegt worden sind.

Abb. 151. Bauernhof im Kinzigtal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 140].)

Allerheiligen.

Unsere Höhenwanderung setzen wir vom Kniebis durch schönen Wald nach Norden fort, bis wir unmittelbar über der Murgquelle und nahe dem Schliffkopf (1056 m), auf dem ein von Pionieren errichtetes Aussichtsgerüste steht, ins Freie treten, um, nachdem wir über das weite Waldmeer Umschau gehalten, nach Allerheiligen (620 m) abzusteigen.

Diese wertvolle Perle unter den Schwarzwaldlandschaften können wir, wie schon früher angedeutet worden ist, bequem auch von Ottenhöfen, von Oberkirch, Sulzbach oder von Oppenau durchs Lierbachtal erreichen. Letzterer Weg führt uns an den Fuß des prachtvollen Wasserfalles der Sieben Bütten, an dem wir mit wechselvollen Blicken in die grause Schlucht mit ihrem tosenden Wasserschwall ansteigen, um plötzlich auf waldumrahmtem Wiesenplan die grauen Trümmer der gotischen Abteikirche des einstigen Prämonstratenserstiftes Allerheiligen vor uns zu sehen. Das Bild der malerischen Ruine im stillen Bergesfrieden ist eines der stimmungsvollsten, die der Schwarzwald aufweist ([Abb. 157]). Kein Wunder, daß der Besuch des jetzigen Kurplatzes ein sehr starker ist, nachdem der Ort, als das Kloster 1803 aufgehoben und bald danach abgebrannt war, mit seiner Umgebung durch vierzig Jahre eine tatsächlich unzugängliche Wildnis gebildet hatte.

Abb. 152. Wolfach. (Zu [Seite 140].)

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GRÖSSERES BILD]

Abb. 153. Hochzeitszug im Schapbachtal.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 142].)

Mummelsee. Hornisgrinde.

Vom Schliffkopf, zu dem man von Allerheiligen wieder ansteigt, oder auf direktem Weg ist nun bald der Sattel am Ruhstein (Ruchstein = Rauher Stein, 916 m) erreicht, auf dem ein vielbesuchtes Kurhaus steht, dem Wanderer auf unserem Höhenweg wie dem, welcher von Ottenhöfen nach dem Murgtal strebt, erwünschte Rast gewährend. Ein kurzer Anstieg läßt uns zur Halde über dem malerischen Wildsee ([Abb. 158]), aus dem die Schönmünz abfließt, und weiter, meist der 1000 m-Höhenkurve entlang zum Eckle (958 m) gelangen, wo zahlreiche Pfade aus dem Murg- und Achergebiet zusammenlaufen. Wir folgen dem zum Mummelsee (1036 m), einem melancholischen, waldeinsamen Wasserbecken, dessen Nixen den Hirten und etwaigen Sonntagskindern freilich heutzutage ebensowenig mehr erscheinen als die des Wildsees. Lauschige Plätzchen vor dem Seegasthaus geben Gelegenheit zum behaglichen Genuß der ernsten Landschaft ([Abb. 159]). Die schönen Wege, die über das Kurhaus Wolfsbrunnen oder über den aussichtsreichen Hohfelsen nach Ottenhöfen oder über Kurhaus Breitenbronn nach Achern abzusteigen gestatten, führen uns nicht in Versuchung; wir halten uns oben und haben in kurzem die Höhe der Hornisgrinde gewonnen (1164 m), wo wir vom neuen, fast allzu stattlich dreinschauenden Aussichtsturm wesentlich besser als von dem etwas weiter nördlich aufragenden Signalturm der internationalen Erdmessung Umschau halten können bis zum Feldberg im Taunus, zum Donnersberg in der Pfalz, zum Melibokus im Odenwald, zum Neuffen und Teck im Schwabenland und zum Elsässer Belchen. Im Süden sehen wir die Burgundische Pforte und die Ketten des Schweizer Jura. In seltenen Fällen, besonders bei winterlicher Wärmeumkehr, sind auch die Alpen sichtbar vom Piz Linard bis zur Jungfrau.

Abb. 154. Der Glaswaldsee. Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 142].)

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GRÖSSERES BILD]

Abb. 155. Rippoldsau.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 142].)

Abb. 156. Der Kniebis.
Nach einer Photographie von G. Röbcke in Freiburg. (Zu [Seite 144].)

Wintersport.

So unschön die traurige Hochmoorfläche der Hornisgrinde mit ihren kümmerlichen Legföhren an sich auch sein mag ([Abb. 160]), der Berg ist als Aussichtspunkt einer der allerlohnendsten, die wir uns denken können. Und bei der geradezu glänzenden Wegsamkeit des Gebietes ist seine Besteigung dutzendfacher Variation zugänglich; daher erklärt sich auch die große Zahl der Hornisgrindenfreunde in Straßburg, Karlsruhe und anderwärts, die den Berg ähnlich oft voll Liebe besuchen wie die Freiburger ihren Feldberg. Neuerdings sind die Höhen um die Hornisgrinde auch für den Wintersport sehr beliebt geworden; Zeugnis davon geben mehrere „Skihütten“ der Karlsruher Sportvereine.

Abb. 157. Allerheiligen.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 146].)

Höhenkurorte.

Über dem alten Seebecken des Biberkessels hin gelangen wir, immer nordwärts weiter schreitend, an die Wegscheide der Unterstmatt (930 m), dann auf dem bequemen „Mannheimer Weg“ zu dem Kurort Hundseck (886 m), mitten im Walde ganz wunderbar schön gelegen (s. [Abb. 161]). Haben wir vom Kniebis bis hierher schon eine nicht geringe Anzahl von stattlichen Gasthäusern angetroffen, so sind wir jetzt in ein Gebiet gelangt, das auf weite Erstreckung geradezu als ein Dorado der empfehlenswertesten Höhenkurorte gelten muß.

Karseen.

Wo vor dreißig Jahren am Sattel des Sand erst ein kleines Wirtshäuschen sich aufgetan hatte und weit umher die hehre Waldeinsamkeit durch nichts gestört war, da liegen jetzt, jeweils kaum eine halbe Stunde voneinander entfernt, die vornehm und im Sommer von Hunderten erholungsbedürftiger Gäste besuchten Anwesen von Unterstmatt, Hundseck, Wiedenfels, Sand, Bärenfels, Herrenwies ([Abb. 162]), Plättig, Schwanenwasen, alle zwischen 645 und 930 m hoch gelegen, eines in seiner Art immer wieder verlockender als das andere. Welches wir auch zu kürzerem oder längerem Aufenthalt wählen mögen, wir werden uns glücklich fühlen, in diesem weiten Hochrevier voll Wald und Frieden zu weilen und auf kurze Frist zu vergessen, was uns unten in den Niederungen quält. Durch die Gertelbachschlucht kommen wir ins Bühlertal, längs des Hundsbachs oder Schwarzenbachs ins Murgtal bei Rauhmünzach, über Geroldsau mit seinem Wasserfall nach Lichtental und Baden hinab. Der Mehliskopf (1009 m) mit seinem auch architektonisch hübschen Turm ([Abb. 163]) gewährt einen prachtvollen Rundblick, die Badener Höhe (1002 m) mit ihrem 30 m hohen Großherzog Friedrich-Turm ebenso. Durch typische Hochmoor- und Legföhrenlandschaft ist von der Badener Höhe der fast genau ebenso hohe Seekopf zu erreichen, unter dessen steilem Felsabsturz der kleine Herrenwieser See 170 m tiefer fast ganz versteckt im Walde liegt ([Abb. 164]). All diese kleinen Wasserbecken vom Glaswaldsee bis hierher, und auch die ganz ähnlich beschaffenen bei Schönmünzach, der Schurm- und der Hutzenbacher See, haben ganz den Charakter echter Karbildungen, und es erscheint zweifellos, daß sie eiszeitlichen Wirkungen ebenso ihr Dasein verdanken, wie der Feldsee im südlichen Schwarzwald.

Der Höhenweg führt von Hundseck nach Sand, zur Badener Höhe und dann in raschem Abstieg nach Forbach im Murgtal; von hier werden wir seine Fortsetzung über Wildbad nach Pforzheim später kennen lernen. Was er uns, besonders auf der Strecke vom Glaswaldsee über den Kniebis bis zur Badener Höhe, an Schönheit erschlossen, das gehört zum Besten, was der Schwarzwald bieten kann. Jedenfalls wird man herrlicheren und vor allen Dingen ausgedehnteren Hochwald auf trefflich gebahnten Wegen nicht leicht anderswo ebenso antreffen wie hier.

Abb. 158. Der Wildsee.
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu [Seite 146].)