I.

Berlin, d. 20ten Novbr. 1821.

Verehrter Herr!

Ihrem gütigen Versprechen zufolge gebe ich mir die Ehre, Ihnen beifolgend die eben durchgesehene Reinschrift meines Astolf zu übersenden, und wage es, Sie zu bitten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, mir das versprochene Urtheil über die ganze Tragödie zukommen zu lassen. Je öfter ich meinen Astolf durchgesehn habe, um so gewisser wird es mir, daß er bis vielleicht auf einige kernigere Scenen des 4. Aktes Ihren Beifall nicht erhalten darf. Darum aber hab ich noch nicht den Muth und die Hoffnung verloren, dereinst Ihren Beifall anderweitig erlangen zu können, denn ich fühle jetzt wieder mehr Kraft und Vertrauen als seit geraumer Zeit. Meine juristischen Arbeiten erlauben mir jetzt keine Zeit zu eignen Schöpfungen zu verwenden, obgleich manche Bilder unwillkührlich zu Gebilden sich in mir formen, aber desto öfter denke ich in fortwährendem Selbstkampfe Ihren gewichtigen Lehren nach. Ich hoffe aber, daß ein Zeitpunkt, wo es mir erlaubt ist, meine Phantasien und Gedanken mit diesen Ihren Lehren zu verbinden und nach ihnen zu ordnen, nicht allzufern sein werde.

Leider hat der neue Herausgeber des Fouqué’schen Taschenbuches nur einige unbedeutendere Gedichte von mir aufgenommen, und ich kann somit nicht mich auf diese berufen. Dagegen ersuche ich Ew. Wohlgeboren mit der gehofften Beurtheilung meiner Tragödie mir auch ein Wort über meine beiden Romanzen zukommen zu lassen.

Noch verzeihen Sie, verehrtester Herr, wenn ich Sie ersuche, beifolgenden Brief an Herrn Hofr. Winckler, und den andern an Hrn. Julius zu überschicken. Mit ersterem bitte ich die beiden Spanischen Romanzen, mit letzterem den Astolf, wenn Sie ihn durchblättert haben, verabfolgen zu lassen. Beide Herren haben gütigst mir versprochen, meine Tragödie der Dresdener Theater-Direktion zu übergeben.

Mit der innigsten Hochachtung

Ew. Wohlgeboren

ergebenster

W. Haering. (Kochstraße 20.)