I.

Berlin, d. 2ten Juni 1833.

Theurer und geliebter Meister!

Ein kurzer Bericht über das Tieckfest vom 31ten Mai 1833 soll auch aus meiner Feder fließen. Ich will Alles umständlich erzählen und auch die kleinsten Nebendinge nicht verschweigen, Ihnen ein lebendiges Bild des Abends zu geben, der lange in unsern Herzen nachhallen wird.

Rauch, Raumer, Wilh. Neumann, Haering und ich hatten an Alle, von denen wir wußten, oder voraussetzen durften, daß sie in irgend einer nähern geistigen Beziehung zu Ihnen stehen, gedruckte Einladungen erlassen. Leider konnten nur 223 Meldungen angenommen werden, weil der einzige zur Zeit disponible Speisesaal nicht mehr Personen faßt. Eben so viele mußten abgewiesen werden.

Man versammelte sich von 8 Uhr des Abends an im Lokale des Englischen Hauses. Die Kommenden wurden von uns, dem fünfblättrigen Kleeblatt, empfangen und in die vorderen Zimmer geführt, wo zunächst jeder und jede sich in das rothe, Ihnen durch unsre Hähnel überreichte Buch einschreiben sollte. Ich fürchte, manche haben es nicht gethan, weil die Angst und Eile: sich Plätze im Speisesaal zu sichern, zu groß war. Deshalb leg’ ich hier eine diplomatisch genaue Abschrift der Liste zur Ergänzung bei. Bald nach neun Uhr ging der lange Zug zur Tafel. Ihr Bruder Friedrich saß unter Ihrer mit Lorbeerkränzen geschmückten, mit Guirlanden umhangenen Büste. Vor ihm ein frischer Kranz. Neben ihm die Damen Steffens und Alberti; ihm gegenüber Rauch. An dieser Tafel saßen die sogenannten Standespersonen und es war viel Geheimes darunter. Den rechten Flügel bildeten Johannes Schulze und der Weimarische Kanzler v. Müller.

An der zweiten Tafel präsidirte Raumer, zwischen meiner Frau und der Hähnel, weiter unten Crelingers, Beers, — da ging es schon nicht so geheim zu, vielmehr recht laut.

Die dritte Tafel ward von Neumann und mir commandirt. Viel lustige Gesellen, und man behauptet, dort zuerst hätten die Champagner-Pfropfen geknallt.

Schändliche Verläumdung! Das war an der vierten Tafel. Diese, der Obhut des soliden Wilibald Alexis anvertraut, barg an einer ihrer Ecken das Königstädter Personale. Dort, ach dort war es, wo die ersten Schüsse fielen. Der dicke Kapellmeister Gläser hatte drei Gläser vor sich. Er schien ihr Vater zu sein.

Man saß — und es erschien Frikandeau von Kalbfleisch mit irgend einer spitzfündigen Sauce.

Welch tiefes, tiefes Schweigen! Das war der erste Anlauf. Nun hatten sich die hungrigen Leiber gestärkt; jetzt machten der Geist Prätensionen und das Herz.

Rauch erhob sich und sagte: es lebe der König und das Königliche Haus! — Nun geht die Sache eigentlich erst an. Haering hielt eine sehr geistreiche Rede (gewiß wird er sie Ihnen senden) — die, wie aus dem bedeutsamen Aufmerken hervorging, nach Verdienst gewürdigt wurde.

Mittlerweile hatten sich auch noch die verspäteten Theatermitglieder eingefunden, und ich durfte demnach die Aufforderung ergehen lassen, daß diejenigen Anwesenden, die im Aufzuge der Romanze beschäftigt wären, mir auf das Musikchor folgen möchten.

Die Vertheilung der Rollen war folgende:

Der Glaube, Hr. Laddey.

Die Liebe, Mlle. Hähnel.

Die Tapferkeit, Mlle. Felsenheim.

Der Scherz, Hr. Bercht. †

Die Romanze, M. Crelinger. †

Eine Pilgerin, Mad. Laddey.

Ein Liebender, Hr. Schwanfelder.

Ein Ritter, Hr. Ed. Devrient. †

Ein Hirtenmädchen, Julie v. Holtei.

Der Dichter, Hr. Rott. †

Erster Reisender, Hr. Greiner.

Zweiter Reisender, Hr. Fischer.

Ein Küster, Holtei.

(Die gekreuzigten sind vom Hoftheater, die andern aus meinem Sprengel.)

Die vom Kapellmeister Gläser komponirten Chöre und Solis wurden von den Sängern des Königstädtischen Theaters und mehrern Dilettanten gesungen.

Das Gedicht wurde mit Verstand und Wärme gesprochen. Vorzüglich auszuzeichnen ist nach meinem Gefühl der junge Schwanfelder, den ich noch niemals so feurig-edel sprechen hörte.

Als der Schlußchor: „Mondbeglänzte Zaubernacht“ ausgeklungen hatte, erhob sich Steffens, der schon vierzehn Tage vorher förmlich darum sich beworben hatte, den Haupttoast auszubringen. Wir blieben Alle auf dem Chore, um am Schlusse seiner Rede in das von unten aus zweihundert Kehlen empordonnernde „Hoch!“ musikalisch einzustimmen; wobei besonders die Bestrebungen unsrer Frauen und Mädchen zu rühmen sind. Mad. Crelinger und meine Frau sangen ersten Tenor.

Nun war der Pokal — (dessen Unterschale leider nicht fertig geworden ist, und der deshalb auch erst später in Dresden eintreffen wird) von seiner Stelle einmal gerückt; nun ziemte es sich, ihn seine Wanderung beginnen zu lassen und dies geschah mit dem von mir gesprochenen Gedichte, welches überschrieben ist: „dem Mai.“

Ich darf übrigens als Berichterstatter, der eben so die materiellen wie die spirituellen Interessen im Auge haben mußte, weil er quasi Oeconom des Festes war, nicht verschweigen, daß während dieser Zeit ein gutes, künstliches Hühnerfrikassee und eine wohlgemeinte Mehlspeise mehr vertilgt, als geschont wurden. Auch zeigten sich Räusche.

Raumer glaubte nun das Andenken an Ihren Mitgebornen, den edlen Staatskanzler nicht länger verschieben zu dürfen, und sprach mit bewegter Stimme die Worte, deren Abschrift auch in der Mappe liegt. Man stimmte mit ernster Begeisterung ein.

Hier muß beiläufig bemerkt werden, daß der Dichter und Maler August Kopisch den glücklichen Gedanken hatte, dem Pokal, als er bei ihm vorbeizog, einen poetischen Seegen- und Wander-Spruch mitzugeben, von dem ich leider keine Abschrift erbeuten konnte, weil das Durcheinander zu groß wurde. Mein Festlied wurde nun von mir gesungen, vom Chore begleitet, und sehr lebhaft aufgenommen.

Die Bratenschüsseln fanden jetzt eine andre Generation. Man war jubelnd laut geworden. Die Lust tobte aus Gläserklang und fröhlichem Geschwätz von allen Seiten her.

Ich brachte die Gesundheit und das Lebehoch des Bruders des Gefeierten, des edlen Künstlers, des Bildhauers Friedrich Tieck!

Haering bat um die Erlaubniß, einen demagogisch-loyalen Toast zu sprechen. Es galt: das Gedeihen eines Aufruhrs und auch sein baldiges Ende! „des Aufruhrs in den Cevennen!“ — Lauter Jubel. Mit mir stieß der Buchhändler Duncker an. Ich suchte nach Reimer, konnte ihn aber im Gedränge nicht finden. Denn nun waren die Bande der Ordnung gelöst.

Raumer flog wie ein Schmetterling von einer Schauspielerin zur andern; meine Frau und die Hähnel schienen ihm in dieser Stimmung zu gesetzt. Alte Geheimeräthe winkten nach Champagner, junge Schriftsteller rezitirten Stellen aus Genovefa — ich murmelte in den Bart, wie Böttiger.

Baumkuchen stürzten ein wie Throne, und als der Oberkellner mich fragte: wer hier im Saale Tiecks nächster Verwandter wäre, denn der Aufsatz des Hauptkuchens müsse nach altem ritus vor jenen Verwandten gesetzt werden, und der Aufsatz sei ein Tempel — — da verleugnete ich Ihren Bruder und schrie: der Tempel muß vor Madame Steffens gestellt werden! Aber Gott im Himmel, was hatte ich gemacht? Es war ein veritabel heidnischer Tempel. Kaum daß ich noch in der Eile einen zuckernen nackten Amor beim Fittig packen und ihn herausschmeißen konnte. — So spielt das Schicksal.

Was sich nun weiter begeben, weiß ich nicht genau. Ich finde mich erst wieder, als ich der Hähnel in den Wagen helfe, ihr die Mappe und tausend Grüße für Sie mitgebe und ihr glückliche Reise wünsche. Da schlug es zwei vom Thurm; der Sommermorgen dämmerte durch die Mondnacht, und die Nebel des Weines zogen aus meinem Haupte. Ich sagte still vor mich hin: „der Mai und Tieck, sie werden ewig leben!“ und schlief in den ersten Juni so tief hinein, daß ich fast erschrack, als man mich weckte.

Eben las ich durch, was ich geschrieben, und finde es matt und erbärmlich. Aber ich weiß gewiß, daß ich nichts Besseres zu Stande bringe; deshalb mag es so abgeben, wie es ist. Vergebens wird man sich bemühen, die Stimmung noch einmal hervorzurufen, die bei einer solchen Gelegenheit eines fühlenden Herzens sich bemächtigt. Was man darüber sagt, scheint kalt und schwach, mit der innern Erinnerung verglichen.

Aber es war ein schöner Abend!

Und nun noch ein Wort von mir, ein Wort, welches mir schwer auf der Seele liegt, seitdem der Professor Löbell aus Bonn mich bei seinem letzten hiesigen Aufenthalte eingeschüchtert hat. Es wird bald von mir ein Band Erzählungen erscheinen, die ich gewagt habe, Ihnen zuzueignen. Nun sagte Löbell, dem ich das erzählte, es schicke sich nicht, eine solche Zueignung in die Welt gehen zu lassen, ohne die Erlaubniß dessen, dem sie gilt. Wenn Ihnen nun noch zum Ueberfluß die Erzählungen recht misfallen, dann sind Sie wohl gar böse, und ich habe einen dummen Streich gemacht?

Ich erwarte mit Zittern und Zagen die Ankunft der Exemplare, um Ihnen dann das erste zum Urtheilsspruche zu senden. —

Soll ich Sie diesen Sommer denn sehen? Ich beginne im August ein Gastspiel in Leipzig, und hatte sehr darauf gerechnet, auf ein paar Tage hinüber nach Dresden zu kommen. Da vernehm’ ich, Sie würden zu jener Zeit in Baaden sein? — Das wäre denn eben auch mein altes Unglück!

Aber ich will Sie nicht länger quälen mit meiner Schreiberei. Lassen Sie mich nur noch sagen, wie ich bin und ewig bleiben werde

Ihr dankbar und treu ergebner

Holtei.

NB. Die Liste wird mit andern Papieren nachfolgen.