I.

Stockholm den 28. Februar 1835.

Sie haben mich ein par mal durch Nordische Reisende so freundlich grüssen lassen, daß ich mir den Genuß nicht länger versagen kann, Ihnen selbst meinen Dank abzustatten, nicht bloß für diese Gütige Erinnerung „aus den Tagen, die nicht mehr sind,“ sondern noch für so manche Wohlthaten, die ich Ihnen, dem herrlichen, vertraulichen Dichter, seit so vielen, einsamen Jahren noch schuldig bin.

Sie müssen nehmlich wissen, mein edler vortreflicher Freund! daß ich nach unsrer Trennung noch viel vertrauter mit Ihnen gelebt, gedacht, geschwärmt und das innere schöne Leben genossen habe, als einst bei der persönlichen Gegenwart, in dem geistreichen, von unserm guten Burgsdorf gebildeten Gesellschaftskreise.

Bei unsrer ersten Bekanntschaft war mein Geist noch etwas zu klassisch gestimmt, um sich in Ihren selbständigen freien Dichtungen überall heimisch zu fühlen. Ich hatte mich in früher Jugend so tief verirrt im Dickicht trübseliger Schwärmerei, und mich so mühselig zum Licht emporgearbeitet, daß ich noch lange eine Art von Scheu behielt, selbst vor jeder dichterischen Dämmerung, wo solche mir etwa mehr Abend- als Morgenröthe zu verkündigen schien. Dagegen hatte mir vom Anfange an Ihr geflügelter Genius grosse Ehrfurcht eingeflößt, und noch anziehender fand ich den Menschen in Ihnen. Es freut mich noch, daß ich Ihren Werth so zeitig gefühlt hatte; denn als ich einer sehr geistreichen Freundin aus jener Zeit Ihren Abdallah u. Lowell geliehen hatte, und sie, etwas kunstrichterisch, anmerkte: „es schiene ihr immer etwas anmassend, wenn ein „junger Mensch“ mit Werken anfinge, welche die ganze Reife eines Göthe forderten, um eigenthümlichen Werth zu haben,“ so hatte ich schon den Mut, ihr zu antworten: „Wenn ich mich nicht sehr irre, so werden Sie noch einmal die Werke dieses jungen Menschen neben die Göthischen in Ihrer Büchersamlung aufstellen.“

Seit dieser Zeit nun schmeichle ich mir einer Ihrer besten Leser gewesen zu sein, was überhaupt meine Stärke ausmacht; denn mein eigenes Schreiben, oder Dichten, hat meinem Geist eigentlich nur zur Bewegung gedient, wodurch die Gesundheit eines tüchtigen Lesers gehörig befördert wird. Auch besitze ich, Gottlob, Sinn und Gemüt genug, um bei reich-begabten Schriftstellern alles mitzuentdecken, was sie nicht selten bloß dem Weissen zwischen den Zeilen anvertraut haben. Der sel. Schleiermacher bat mich einmal, seine „Kritik der Sittenlehre“ für eine gelehrte Zeitung zu beurtheilen. Ich entschuldigte mich aber damit, daß ich das Buch wahrscheinlich nicht hinlänglich verstanden hätte; denn an mehrern Stellen folgerte ich aus dem innern Zusammenhang seiner Begriffsentwickelungen etwas viel Bedenklichers, als was er selbst zu lehren schien. Darauf antwortete er mir scherzend: „Eben deswegen, weil ich Dich als einen so guten und gründlichen Leser kenne, wollte ich daß Du gewisse Dinge zur Sprache bringen solltest, die ich meine Gründe hatte, hier nicht näher zu erörtern. Die von Dir gerügte Zweideutigkeit ist unverkennbar für den Selbstdenker, aber absichtlich; und Du kannst überzeugt sein, daß unsre alltäglichen Bücherrichter sich nicht dabei aufhalten werden.“ —

Eben so fromm und aufmerksam glaube ich nun die meisten Ihrer Schriften, gelesen und wieder gelesen zu haben. Nicht alle, denn vieles von den neuern ist mir unbekannt geblieben in diesem Nordischen Winkel, vorzüglich von dem, was hie u. da in Zeitschriften abgedruckt worden. Um so sehnsuchtsvoller erwarte ich nun die Sammlung Ihrer sämmtlichen Werke, die ich schon bei meinem Berliner Buchhändler bestellt habe. Einen innerlich und äusserlich so reichen, durch seine Eigenthümlichkeit ehrfurchtgebietenden Dichter, wie Tiek, betrachte ich nehmlich gerne wie den Strasburger Münster. Wer möchte hier einzeln abgebrochene Zierrathen u. Figuren bewundern? — Wer den Eindruck dieser andächtigen Begeisterung nicht in sich aufzunehmen vermag; wer sich dem Genuß des Ganzen nicht unbedingt hingiebt, — der mag ja lieber freundliche Gartenhäuser beschauen, oder zierliche Nachbildungen alterthümlicher Tempel anstaunen! — Es mag immer bloß ein eigenthümliches Gefühl sein, Schmeichelei ist es wenigstens nicht, wenn ich freimütig bekenne, daß mir Ihr Dichtergenius so gar mehrof a piece“ scheint, wie Göthes, dem übrigens wohl niemand eine vielseitigere Bewunderung zollt, als ich. Aber daß Ihre Muse, seitdem ich inniger mit ihr vertraut worden, die gemütlichste Lebensgefährtin gewesen, die mein späteres Leben überall begleitet, überall frisch u. jugendlich erhalten hat, — das ist eben der eigentliche Gegenstand dieses Danksagungs-Schreibens; denn bloß als ein solches müssen Sie diese unbedeutenden Blätter betrachten. Ist doch die Samlung Ihrer kleinen Gedichte schon seit Jahren mein Gesangbuch gewesen — hier vorzüglich, wo ich von allen meinen ehemaligen Glaubensgenossen so entfernt, und so vereinsamt zurückblicke nach dem gelobten Lande meiner genußreichen Jugend. Mag es sein, daß deutsches Blut, von väterlicher und mütterlicher Seite, noch immer in meinen Adern siedet, das kein Nordwind zu kühlen vermag, — Deutschland ist u. bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines Geistes u. meines Herzens, und diese lebendige Anhänglichkeit an das „Land der Eichen“ ist mir nicht angebildet worden durch meine dortige Erziehung, sondern diese hat jene nur früher u. vollständiger in mir entwickelt. Auch ist jenes Gefühl nicht etwa durch spätes Entbehren in diesem Augenblick unruhiger geweckt worden. Schon vor einigen und 20 Jahren durchglühte mich diese Vorliebe so kräftig, daß Göthe mich einmal im Scherze: „einen Allemand enragé“ nannte, u. mich rieth nach England zu reisen, wo man mich mit dem Gruß empfangen würde: „No German nonsense swells my British heart.“ (ein Vers aus einer damals eben erschienen Satire: Pursuits of Literature.)

Wohl habe ich seitdem einen bedeutenden Theil meines zersplitterten Lebens in Frankreich u. England zugebracht; aber mich dort nur um so lebhafter überzeugt, daß der Reichthum des geistigen Lebens sich in diesen beiden Ländern mit dem Deutschen keinesweges messen kann. Und doch gehör’ ich zu denjenigen, die sich auch in der Fremde leicht ansiedeln. Ueberall suchte ich dort mir Sprache, Sitten u. Ansichten der Einwohner so freisinnig, wie möglich anzueignen, weil man nur dadurch Nutzen u. Freude hat von seinen Reisen und seinen vielseitigen Beobachtungen. Aber auch das ist ja ein seltener Vorzug des Deutschen Genius, daß er das Vortreffliche des Fremdartigen oft treuer u. reiner in sich aufnimmt, als die Eingebornen selbst. Daß Sie den Shakespeare unstreitig richtiger fassen u. erklären, als alle die kunstrichterischen John Bulls, deren ich, während meines Aufenthalts in London, so viele zusammenbrachte, daß solche jetzt 27! dicke Oktavbände füllen. — Aber mir wenigstens hat das Einseitige jener feingeschliffenen Ausbildung der Nichtdeutschen, den Reichthum der einheimischen nur um so lieber und theurer gemacht. —

„Mit dem rost-beef u. dem Porter vertrage ich mich schon ganz einheimisch; den Kohlendampf liebe ich sogar, — schrieb ich aus London an eine Freundin in Berlin, — die Aussenwelt genügt hier vollkommen, aber mein inneres Leben schnappt überall vergebens nach Deutscher Luft, u. mein Geist vermißt sehnsuchtsvoll Deutsche Freiheit!“ — Von Frankreich lassen Sie uns nicht sprechen. Die Pariser Kinderschuhe hatten wir doch wohl schon ausgetreten, lange ehe Ludwig Filipps „freisinnige“ Unterthanen anfingen, dramatische Stiefel und lange Beinkleider nach deutschem Schnitt nothdürftig zusammen zu pfuschern; und ihren Victor Hugo zu einem Shakespeare aufzustutzen. Uebrigens lieb’ ich die Franzosen sehr, so lange sie Kunst und Leben leicht und scherzhaft nehmen. Nur der großartige Ernst scheint ihrer Natur nicht angeboren, weswegen auch ihre Staatsumwälzung so jämmerlich mißglückte.

Freilich sagte mir Chenier einmal mit großer Selbstgefälligkeit: „Ich habe wirklich Schillers Don Carlos durchgeblättert; man muß auch das Mißlungene nicht verachten. Das Unglück Deutscher Dichter ist, daß sie nun einmal ohne Geschmack geboren sind, und von eigentlicher Kunst u. Gemütsschilderungen nicht einmal von unsern großen Meistern etwas gelernt haben. Ich gedenke nun selbst, einen Filipp II. zu schreiben!“ —

Dagegen habe ich wohl manchmal auch von den Bessern der Unsrigen hören müssen: „die deutsche Art u. Kunst sei allerdings reich, tief u. vielseitig, dafür scheine sie aber auch immer nur ein unendliches Bruchstück bleiben zu wollen.“ Dies liesse sich wohl auch in einem gewissen Sinne behaupten; erinnert mich aber an ein sinniges Wort der sel. Varnhagen, als jemand in ihrer kleinen Gesellschaft sagte, „es ist doch Schade, daß der Faust nur ein Bruchstück wäre.“ — „Schade?! rief sie aus. Als wäre das nicht gerade das größte Verdienst dieses unendlichen Gedichts! Gerade dadurch ist es ja eine so treue Darstellung der ganzen Menschheit; denn was ist sie, das Leben u. die Welt für uns anders, als ein ewig anziehendes, ewig unvollendetes Bruchstück? Göthe darf das Gedicht nicht fortsetzen, oder gar vollenden, wenn sein Gemählde noch dem Urbilde gleich bleiben soll; denn all unser Denken, Träumen u. Ahnen; alle unsre geistige u. sinnliche Liebe, alles was wir von Gott, oder dem Teufel uns einbilden; — Genuß, Sehnsucht, Verzweiflung, Tugend und Verbrechen — alles enthält schon dieses überreiche Bruchstück eines unendlichen Kunstwerks.“

Und nach dieser Ansicht zweifle ich sehr, ob meine Freundin den 2ten Theil des Faust für eine Vollendung des ursprünglichen Gedichts hätte gelten lassen. —

Ich würde also auch mit denen nicht streiten, die etwa alle Ihre Dichtungen zusammengenommen, als ein solches unendliches Bruchstück des großen Weltgedichtes betrachten möchten. Bleibt das Vollendete des Lebens nicht in jeder Rücksicht bloß ein Gegenstand der Ahnung und der Sehnsucht?

„Warum Schmachten?

Warum Sehnen?

Alle Thränen

ach! sie trachten

weit nach Ferne,

wo sie wähnen

schönre Sterne!“ —

Was gäbe ich nicht darum, mein edler Freund, wenn ich jetzt nur einige Stündchen mit Ihnen verplaudern könnte, vorzüglich auch über Göthe, den so sinnlich-klaren, u. doch in mancher Rücksicht so unerforschlichen Proteus. Wie viele Fragezeichen habe ich nicht überall an den Rand gezeichnet, worauf Sie mir vielleicht antworten könnten, auch wo diese Antworten Ihnen nicht erleichtert würden durch übereinstimmende Gesinnung, sondern bloß durch scharfsinnigeres Ahnungsvermögen eines so nahverwandten Genius. Wie tief bedauere ich, daß ich die Zeit unsers Beisammenseins nicht mehr benuzte; denn verloren war bei mir nie etwas, noch so früh empfangenes, sondern wucherte gewöhnlich das ganze Leben hindurch, wenn es auch spät erst zur Frucht reifte. O! mihi praeteritos referat si Jupiter annos!“

Und doch war jene Zeit ein herrlicher, unvergeßlicher Frühling! Einer mit dem ich damals das geistige Leben am vertraulichsten durcharbeitete, war Friedrich Schlegel, den ich immer den Dichter nannte, während sein Bruder mir bloß der Dichtende hieß. Als Tiefdenker mir unendlich überlegen, fand er doch bald so viel Empfänglichkeit in mir, daß er behauptete noch niemand gefunden zu haben, mit dem er sich so allseitig hätte mittheilen können, ohne in Streit zu gerathen, auch wo wir noch so entgegengesetzte Grundsätze verriethen.

Nach seinem Uebertritt zur römischen Kirche, schrieb mir Schleiermacher: „Kanst Du mir diesen Schritt unsers Freundes wohl näher erklären? Ich frage Dich, weil er mir selbst gesagt, er hätte mit Keinem so ernst u. so offenmütig, wie mit Dir, das Christenthum, nach allen dessen Richtungen durchgeforscht. Ich kann mir seine innern Gründe unmöglich denken; u. weltliche mag ich bei einem solchen Manne durchaus nicht annehmen.“

Allein ich hatte damals Schl. in mehreren Jahren nicht gesprochen; wohl aber haben seine spätern Schriften mich mit seinem Katholizismus versöhnt. Es scheint nehmlich, daß, wenigstens gleichzeitig mit diesem Uebergang, auch eine wirkliche Sinnesänderung bei ihm vorgegangen; denn wie mild, billig und wahrhaft christlich finden wir ihn, selbst in seinen spätern Streitschriften, wenn wir solche mit den frühern vergleichen. Jacobi machte dieselbe Bemerkung, u. schrieb mir einmal: „Hätten Sie wohl je geglaubt, daß Fr. Schlegel u. ich einander bei Gegenständen der Vernunftforschung so freundlich und christbrüderlich begegnen würden?“ — Eine große Hinneigung zur Neuplatonischen Auffassung des Christenthums hatte ich früh in ihm entdeckt, welche mir nun durchaus nicht zusagte. Dagegen versicherte ich ihm, man könne dem Christenthum nicht inniger zugethan sein, wie ich, wenn man nur nicht forderte, daß ich ein strengerer Christ sein solte, als — Christus selbst. Ich hätte nehmlich überall gefunden, selbst bei meinen Hernhutern, wiewohl da seltener, daß die eifrigsten Christen sich in 2 ganz bestimmte Klassen abtheilen ließen. Die einen wären die Gelehrten, oder Historischen, denen das sich nach u. nach entwickelte Lehrgebäude des Glaubens wichtig u. heilig sei — die Rechtgläubigen jeder Kirche, — die andern hingegen empfänden bloß ein tiefes Bedürfniß, sich die Gesinnungen, die ganze Denk- u. Empfindungsweise des Erlösers kindlich anzueignen. Ihnen ist das wichtigere, „den Willen desjenigen zu thun, der Ihn gesandt hat, u. dadurch inne zu werden, ob seine Lehre von Gott sei.“ — Alle Spizfindigkeiten der Kirchengelehrten scheinen ihnen unwesentlich. Die Dreieinigkeit macht ihnen keinen Kummer, u. selbst von Christus mögen Sie wohl sagen wie Haller von seiner Geliebten:

„Ich strebe nicht Dich zu vergöttern,

die Menschheit ziert Dich allzusehr.“ —

Zu dieser 2ten Klasse nun bekenne ich mich mit aller Innbrunst des Herzens, u. aller Freiheit der Seele. — Dabei leugne ich keinesweges, daß nicht beide Eigenschaften sehr glücklich vereinigt werden können; nur allgemein kann dies nicht angenommen werden; u. ohne diese christliche Gesinnung, scheint mir die gelehrte Rechtgläubigkeit von sehr geringem Werth. — Daher hat auch A. W. Schlegel mich u. die Frau von Staël schrecklich ermüdet durch seine streitsüchtigen Anempfehlungen eines solchen gelehrten Katholizismus. —

Hier aber müssen Sie mir erlauben, eine ähnliche Bemerkung zu machen über die verschiedenartigen Schüler u. Anbeter der Muse, zumahl dies Sie selbst etwas näher angeht. Ich theile nehmlich diese ebenfalls in 2 sehr bestimmte Klassen. Die wirklichen Dichter, die Selbstschöpfer im Reiche des Genius, die Beherrscher der Einbildungskraft und der Seelenvermögen; — dann aber die „poetischen Menschen“, die zwar für allen Reichthum der Dichtung die regsamste Empfänglichkeit besitzen, die aber keine Kraft von der Natur empfingen, selbst hervorzubringen was sie im Geist so lebhaft anschauen. Sie verwandeln gewissermassen ihr ganzes Leben, die sie umgebende Wirklichkeit, ihr Denken u. ihr Gefühl zu einem Gedicht; aber stummgeboren vermögen sie was ihr inneres bewegt, nicht auszuhauchen in Gesang u. Rede.

Daß selbst die Halbgötter der ersten Klasse nicht immer diese innerliche Poesie der zweiten in einem gleich hohen Grade besitzen, glaube ich nur zu oft wahrgenommen zu haben, und jene Stummgeborenen, zu denen ich, Leider selbst gehöre, müssen sich nur damit trösten, daß gerade diese nie zur Flamme auflodernde Glut ihr inneres Leben gewöhnlich länger warm und jugendlich erhält.

Freilich ist es eine herrliche Erscheinung der Menschheit, wenn ein hoher Genius diese oft gesonderten Eigenschaften in sich vereinigt, und dies, liebster Tieck! ist nach meiner Ueberzeugung, Ihr glückliches Loos. Sie sind doch unstreitig ein großer Dichter, aber welcher Kenner entdeckt nicht zugleich in dem kleinsten Ihrer Lieder den echt-poetischen Menschen, der so freundlich anzieht, u. Zutrauen einflößt, während man den ersten bewundert? Sie sehen, ich spreche so offen mit Ihnen, wie mit einem Dritten, ich erkläre nur mein dankbares Gefühl für Sie — denn ein plattes Lob wäre von meiner Seite schon anmaßend. In dieser Rücksicht stehen Sie uns offenbar näher als Göthe — dessen Seele, ich möchte sagen nicht jungfräulich genug ist, um ein so kindliches Gemüt zu besitzen. —

Begreifen Sie also nun, woher ich den Mut genommen habe, mich so ausführlich mit Ihnen zu unterhalten, als hätten wir uns vor wenig Tagen gesprochen. — Ich setze nehmlich voraus, daß der poetische Mensch in Ihnen noch eben so jugendlich u. umgänglich ist, wie zu der Zeit, die ich noch so lebhaft in mein Gedächtniß zurückrufe. Von mir kann ich wenigstens ehrlich versichern, daß ich den Jahren keine Macht über mein inneres Leben gönne. Schon auf der Schule kamen Schleiermacher u. ich überein, daß ein früheres, oder späteres Altwerden des geistigen Menschen, doch eine wahre Niederträchtigkeit sei, welches immer eine schlechte Erziehung, oder eine leichtsinnig verschwendete Jugend verriethe. Auch hat er bis zu seinem Tod diese Wahrheit bestätigt; und als er mich kurz vorher besuchte, konnten wir an einander nicht die mindeste Veränderung gewahr werden. Freilich war er ein par Jahr jünger, als ich, dafür aber doch älter als Sie, für den also gar keine Entschuldigung gilt, wenn Sie schon aufhören wollten, ein Jüngling zu sein.

Ohne allen Scherz: ich wüste nicht, daß ich seit meinem 20. Jahre irgend eine Verwandlung erlitten hätte. Ernst war schon das Gemüt des Jünglings, u. eben deswegen, hat bei mir die Heiterkeit u. der Frohsinn immer auf einem so sichern Grunde geruht. Meine Freude am Leben, u. selbst an allen Liebhabereien des Geistes, u. der Empfindungen ist noch ganz die nehmliche. Vorzüglich sind aber Wissenschaften und Künste noch immer eine unerschöpfliche Quelle eines fortdauernden Lebensgenusses. Und wie dankbar gedenke ich auch in dieser Hinsicht meiner gründlichen Erziehung auf einer Deutschen Schule. Alles dort eingesammelte habe ich das ganze Leben hindurch so treu aufbewahrt, daß ich es immer mit Sicherheit wieder hervorsuchen kann, wenn es auch Jahrzehende hindurch völlig geschlummert. Schleiermacher war ganz verwundert, als er mich jezt viel tiefer eingeweiht fand in allen Geheimnissen griechischer Schriftsteller, als auf der Universität, wo wir uns Tag u. Nacht mit ihnen beschäftigten. Dies gab uns Gelegenheit vor hiesigen Gelehrten mit unsern Herrnhutischen Schulen zu prahlen, die wir beide nirgends übertroffen gefunden. Zufällig wurde behauptet: daß die Kunst Lateinische Verse zu machen, heute zu Tage völlig ausgestorben sei, auch diejenigen, welche in der Jugend sich damit beschäftigt hätten, würden keinen Versuch mehr darin wagen. — „Was meinst Du? sagte Schleiermacher, Du galtest ja sonst für einen geübten Lateinischen Dichter.“ — „Ich meine, antwortete ich, daß man nichts vergißt, was man gründlich gelernt hat, und ich nehme noch eine Wette an, ob ich gleich in beinah 40 Jahren keinen Lateinischen Vers geschrieben habe.“ — u. so schickte ich unsern Upsaliensern bald darauf ein ziemlich langes Gedicht, für welches sie mich auf meine alten Tage noch zum Magister machen wollten. Auch hatte ich wirkl. kaum 10 Zeilen geschrieben, als es mir vorkam, als hätte ich eine seit Jahren verschlossene Schublade geöfnet, in der ich noch alles in der vollkommensten Ordnung wieder fand. Wer vergißt denn jemals, was er wirklich treu u. redlich geliebt hat. Ein gutes, vielseitiges Gedächtniß steht immer in Verhältniß zu der Menge von Gegenständen, die uns einst eine lebendige Theilnahme eingeflößt haben, u. selten nimmt das Gedächtniß früher ab, als das Herz vertrocknet. —

Uebrigens muß ich mich wohl auf Gelehrsamkeit beschränken, da ich als „Stummgeboren“ nichts besseres thun kan, u. da mir die hiesige Alltagswelt zu blaß ist, um mich ihr oft hinzugeben. Genußreicher finde ich freilich mein kleines Museum, wo mir immer noch die Tage zu kurz scheinen, um solche nicht wie sonst durch halbe Nächte zu verlängern.

Wie wollte ich aber noch mit Ihnen die herrlichen Gegenden um Dresden durchwandern, wo der Jüngling bisweilen an einem Tage 6 bis 7 Meilen zu Fuße machte; u. ich hoffe Sie sollten mich da noch so ungealtert finden, wie eine hiesige Freundin, die mich neulich fragte: „Waren Sie denn in Ihrer Jugend wirklich auch so jugendlich wie jezt?“ — — Ach! mein Deutschland! und mein Knabenfrohes Sachsen!

„Ach! wie sehnt sich für und für

schönes Land! mein Herz nach Dir!

Werd’ ich nie Dir näher kommen,

Da mein Sinn so zu dir steht?

Kömmt kein Schifchen angeschwommen,

Das dann unter Segel geht? —

Doch mich halten harte Bande!

Und nun, mein edler Freund! mit der innigsten brüderlichen Umarmung

Ganz der Ihrige

v. Beskow.