I.

Heidelberg am 25. November 1815.

Werther Freund, auf Ihre lieben freundlichen Klagen über mein Stillschweigen hätte ich ebengleich antworten sollen, und habe es auch in Gedanken gethan, aber dafür die Feder anzusetzen, war mir bisher wegen unaufhörlichen Geschäften kleinen Reisen und allerley Zerstreuungen rein unmöglich.

Daß wir Ihre Freundschaft nicht vergeßen, daß wir Sie lieb behalten, wird Ihnen Ihr Freund Burgsdorf geschrieben und gesagt haben.

Ihr Andenken an die sterbende Maria und Ihr lebhafter Wunsch, den Meister dieser Herrlichen Bildes zu kennen, freut uns von ganzem Herzen; es geschieht uns gar zu selten, daß Sinn und Geistvolle Freunde unsere Forschungen in der alten Kunstgeschichte mit uns theilen, noch weniger, daß einer, wie Sie, mehrere Jahre lang seine Aufmerksamkeit auf einen einzigen und Hauptgegenstand wendet.

Die Frage nach dem Meister unseres Bildes war eine der wichtigsten und schwierigsten zugleich; sie konnte nicht beantwortet werden, ohne die ganze altniederländische Kunstgeschichte neu zu beleben, darum gelang es uns auch erst im vorigen Jahr, nach einer vierten Kunstreise in Braband, sie mit voller Gewißheit zu entscheiden. — Ihre Fragen und Bemerkungen geben uns nun ein angenehmes Wiederspiel unserer eigenen Forschungen, sie kommen der Wahrheit sehr nahe, ohne sie erreichen zu können, weil es an Mannichfaltigkeit der vergleichbaren Werke und an festen Punkten fehlt; dabey aber geben sie uns eine gar schöne Bestätigung unseres Urtheils über die Dresdener Bilder, welches natürlich eine bedeutende Stelle in dem Kreise unserer Untersuchung einnimmt.

Daß die sterbende Maria von einem der bedeutendsten Niederländer und von einem der späteren mit Lucas von Leyden und Dürer gleichzeitigen, der Italien — den Raphael und den Leonardo gekannt — herrühren muste, das hatten wir immer gefordert. Aber wer sollte der glückliche gewesen seyn? Da er sich von den früheren großen Männern von Eyck und Hemmelinck und auch durchaus von dem Zeitverwandten Lucas von Leyden unterscheidet!

Sie vermutheten zwar damals schon, als Sie das Bild sahen, es könne von Meister Lucas seyn, allein Ihre Vermuthung stüzte sich blos auf das kleine Bildchen: die Anbethung der Könige in Dreßden, welches Sie mit dem größten Recht unserem Meister, die Verfaßer des Catalogs hingegen mit destomehr Unrecht dem Lucas von Leyden zuschreiben.

Die Bilder von Lucas von Leyden in Paris, andere bey Lieversberg in Köln, das jüngste Gericht in Leyden selbst, das Altar-Bild mit Flügelthüren, welches wir von ihm besitzen (welches aber bey Ihrem Besuch noch in Köln war) — alle diese Bilder, wenn Sie dieselben ohne gar zu große Unterbrechung nacheinander betrachten und vergleichen könnten, wie wir gethan haben, würden Sie überzeugen, daß Lucas von Leyden ein anderer, und nicht so einfach ruhig anmuthig, nicht so leicht und frey war, wie unser Mann.

Der Ausdruck bey Lucas ist immer etwas geziert empfindsam oder dunkel schwermüthig; die Mienen sind häufig was man gekniffen nennt; die Zeichnung geht bey vieler wahrhaften Großartigkeit doch sehr oft und besonders an den äußersten Theilen an Händen, Füßen u. s. w. ins Kleinliche und Rauhe. Dagegen erhebt ihn seine Ausführung Kraft und Rundung in der Farbe noch über unseren Meister.

Alles dieses gilt auch von der Maria bei Frauenholz in Nürnberg, die an Glanz und Pracht der Mahlerey das vollkommenste ist, was ich von Lucas kenne. Die Ihnen scheinende Aehnlichkeit mit unserem Meister hat ihren Grund blos in der Schule, Gleichzeitigkeit und Landsmannschaft. Und dies findet sich noch viel mehr bey den in Dresden für Mabuse angegebenen drey Königen: Die Ruhe, die Anmuth die Zartheit im Ausdruck und wieder manches einzelne, die Gestaltung der Hände u. s. w stimmt, wie Sie richtig bemercken, sehr mit unserem Meister überein, jedoch zeigt sich ein bedeutender Unterschied in der Zeichnung ganz besonders aber in der Farbe. Dieses ist Ihnen auch nicht entgangen und Sie glauben daher, das Bild sey früher als jenes Kleine gemahlt und nicht gehörig gereinigt.

Ich begreife es nur zu gut, daß Sie sich auf diese Weise aus dem Dunkel zu helfen suchen, denn mich selbst hat das Bild in die gröste Unruhe und Verwirrung gesezt. — Ich erkannte die Verwandschaft, nur konnte ich den Unterschied der Farbe nicht für einen Mangel an Reinigung halten. Es war das erste Bild, welches mir von der Art vorgekommen. Ich wuste nicht, wem ich es zuschreiben sollte; eine andere Behandlungsweise unsers Meisters anzunehmen, hatte viele Schwierigkeiten, weil es natürlich eine frühere seyn muste, dafür waren aber einzelne Theile besonders die Köpfe der beyden vorderen Figuren, des Lukas und Dominikus mit viel zu großer Kunst Fertigkeit ausgeführt. Und doch hinwieder, wer sollte der andere verwandte Meister seyn? Die Angabe des Catalogs konnte mir nichts gelten, ich hatte schon zu viele Erfahrungen gemacht, daß man in der altdeutschen Kunst an die Taufe der Gallerie Directoren nicht glauben darf. — Indeßen nach Carl von Mander’s Geschichte der Nieder Ländischen Mahler waren Johann Mabuse und Johann Schoorel die einzigen, auf die sich dencken ließ, und die man kennen lernen mußte, ehe man sich erlaubte, irgend einen Unbekannten für unseren Meister anzunehmen, welches ohnehin bey dem Zeitalter, dem er angehört, sehr gewagt gewesen wäre.

Von Mabuse erzählt Carl van Mander: Er war Zeitgenoß von Lucas von Leyden, sehr leichtsinnig und ungebunden in seinem Lebens Wandel hingegen in der Behandlung seiner Werke so verwunderlich geschickt, sauber und geduldig, als irgend ein Künstler seyn mochte. Er studirte in der Jugend fließig die Natur, zog dann nach Italien und brachte die rechte Art zu ordnen, das Mahlen von Geschichten mit Nackten Gestalten und allerley dichterischen Verzierungen nach Flandern. — Auch reiste Albr. Dürer im Jahr 1521, wie dieser in seinem eigenen Tagebuch bestätigt, nach Middelburg um das Haupt Stück von Mabuse zu sehen, und bewunderte es sehr. Das Bild wurde nachher mit samt der Kirche vom Blitz vernichtet. Im Jahr 1527 besuchte Lucas von Leyden den Mabuse zu Middelburg und gab ihm und den übrigen Mahlern ein prächtiges Gastmahl, welches ihm 60 Gulden kostete; eben so prächtig gastierte er auch die Mahler zu Gent, Mecheln und Antwerpen, überall begleitete ihn Mabuse sehr prunkend in Goldstoff gekleidet, Lucas aber trug gelb seidenen Kamelot, der in der Sonne wie Gold glänzte. — Seit dieser Reise war Lucas immer kränklich und brachte die 6 lezten Jahre seines Lebens mit Mahlen und Kupferstechen im Bett zu. Einige glaubten, er habe von neidischen Künstlern Gift bekommen, er starb 39 Jahr Alt im Jahr 1533. — Das Sterbejahr von Mabuse wird, jedoch nicht ganz zuverläßig, auf 1562 angegeben.

Ich stelle Ihnen alle diese Umstände so ausführlich zusammen, damit, wenn der Karl van Mander Ihnen nicht zur Hand seyn sollte, Sie doch gleich eine bequeme Uebersicht haben und so fahre ich auf dieselbe Weise von Schoorel fort:

Dieser hat vor allen ein neues Licht aus Italien in die Niederländische Kunst gebracht, und soll ihn deshalb Franz Floris die Fackel der Niederländischen Kunst genannt haben. Er wurde im Jahr 1495 in dem Dorf Schoorel bey Alckmar gebohren und verlohr als Kind seine Eltern. Von Jugend auf hatte er eine Große Neigung zum Zeichnen, so daß er in der Schule mit dem Feder Meßer allerley Bildwerk auf die Hörnenen Tinten Fäßer schnitt und darum von dem Schulmeister sehr lieb gehalten und gepriesen wurde. Man gab ihn früh nach Harlem zum Meister Willem Cornelisz in die Lehre. Hier blieb er 3 Jahre, kam dann 1512 zu Jacob Cornelisz nach Amsterdam, in deßen 12 jährige Tochter er sich verliebte, wurde durch den Ruhm des Mabuse nach Utrecht gezogen, lernte bey ihm, konnte aber wegen deßen ausgelaßenem Lebens Wandel nicht lange bleiben; gieng nach Köln, Speyer, Straßburg, Basel, besuchte überall die Mahler Stuben und verkaufte seine Bilder, je wie sie fertig wurden. Nirgend verweilte er lange, denn er arbeitete sehr schnell. In Nürnberg lernte er einige Zeit bey Dürer, doch konnte er sich über Luthers Neuerungen nicht mit ihm verstehen, und reiste nach Steyer in Kärnthen, wo ein Edelmann ihm seine Tochter geben wollte, die Treue gegen die Geliebte in Amsterdam hinderte Schoorel diesen Antrag anzunehmen; so zog er nach Venedig und von da nach Jerusalem. Dies geschah im Jahr 1520 und im selbigen Jahr kehrte er aus dem gelobten Lande zurück. Auf der Rückfarth mahlte er ein Bild für die Geburts Stätte Christi, er sandte es von Venedig dahin, es wurde seitdem von Reisenden an diesem heiligen Ort gesehen. In Italien besuchte er nun verschiedene Städte, kam endlich nach Rom, lernte Pabst Hadrian den VIten, einen Utrechter, kennen, mahlte ihn und wurde Aufseher über das Belvedere. Der Pabst aber regierte nur anderthalb Jahre; nach seinem Tod, im Jahr 1523 oder 1524, zog Schoorel wieder nach Utrecht; hier hörte er, daß ihm seine Geliebte untreu geworden, und sich mit einem Goldschmidt vermählt hatte; blieb eine Zeitlang in Utrecht, wohnte dann in Harlem und nahm später eine geistliche Pfründe in Utrecht an. Er war mild und fröhlich von Geist, gesellig und angenehm im Umgang, gewandt und fertig in vielen Sprachen, übte Dichtkunst und Musik. Bey allen diesen persönlichen Vorzügen verschaffte ihm seine Kunst leicht die Gunst vieler großen Herren und Fürsten. Er starb im Jahr 1562: Sieben und Sechszig Jahr alt. Eine Grabschrift unter seinem Bildniß bezeugt es. Das Bildniß wurde 1560 von dem berühmten Bildniß Mahler Antonio Moro gemahlt. Dieser Moro (eigentlich Mor) und Martin Hemskirch waren seine Schüler.

Sie sehen wohl lieber Freund, daß diese beyden Lebens Beschreibungen vortreflich zu den Bemerkungen paßen, welche wir wechselseitig über unsere sterbende Maria und über jenen großen drey Könige in Dresden gemacht haben; die Verwandschaft mit einander und mit Lukas Leyden, dann die Bekanntschaft mit den Italienischen Meistern und alles übrige erklärt sich daraus. Indeßen um aufs klare zu kommen, muste man wenigstens von einem der beyden Meister zuverläßige Bilder kennen lernen. Dies ist uns nun rücksichtlich des Mabuse gelungen, und ich kann Ihnen versichern, daß diesmal der Dresdener Katalog recht hat.

In dem Museum zu Brüssel befindet sich ein ächtes Bild aus der ersten Zeit von Mabuse, wir selbst besitzen jetzt eins aus der mittleren Zeit, wie das Dresdener, und ein Zweites aus der letzteren Zeit, welches mehr in italienischer als in Deutscher Art gemahlt, und ganz dem Leonardo nachgeahmt ist. Ein gründlicher Mahlerey-Kenner in Brüssel, der selbst eins der besten Gemählde von Mabuse die in seinem Leben angeführte kleine Kreuz Abnahme, in Händen gehabt hat, bestätigte uns die Aechtheit dieser Bilder; auch sahen wir diesen Herbst bey einem französischen Mahlerey Händler noch eine schöne Anbethung der Könige, welche gleich auf den ersten Blick an die Dresdener erinnerte und mehrere ganz ähnliche Köpfe hatte. An allen diesen Bildern selbst an dem ganz dem Leonardo nachgebildeten bemerckt man dieselbe grau-bläuliche nebelartige Farben-Behandlung wie an dem Dresdener Bild.

Die Folgerung auf den liebenswürdigen Meister Schoorel macht sich nun von selbst. Es ist uns zwar noch nicht sowohl geworden, anderwärts ein zuverläßiges Bild von ihm zu Gesicht zu bekommen; was man unter seinem Namen in Brüssel zeigt, hat weder innere noch äußere Gründe für sich und kann kaum als Werck eines der mittelmäßigsten Niederländischen Mahler gelten. Hingegen stimmt mit unserer sterbenden Maria, mit den kleinen drey Königen in Dresden, und mit noch 3 anderen kleinen Bildern in unserer Sammlung alles zusammen, was die Lebens Beschreibung aussagt. Ja zulezt tritt noch ein Aeußerer Umstand dazu, welcher der Sache fast unumstößliche Gewißheit giebt, und das ist die Aehnlichkeit mit den ersten Wercken von Martin Hemskerck; denn von diesem erzählt Carl van Mander, er sey, nachdem er bey mehreren Meistern gelernt, zuletzt Schüler bey Schoorel gewesen, und habe deßen Mahlerey so nachzuahmen gewust, daß man seine Wercke schwer von denen des Meisters habe unterscheiden können; bis er dann freylich nachher seine eigenthümliche und vollends den Italienern nachgebildete Weise angenommen. — Die Bilder von Hemskerck aber sind genau bekannt, und wir besitzen selbst eine ganze Reihe aus den verschiedenen Zeiten seines Lebens; wobey man sich zur Genüge überzeugen kann, daß die ersten würklich dem Schoorel sehr nahe kommen und darum auch alles übertreffen was Hemskerck nachher gemahlt hat.

Ich hoffe, Sie werden mit dieser Auflösung des Räthsels zufrieden seyn, um so mehr weil Schoorels Geschichte manches Aehnliche mit Ihrem Sternbald hat. Zum Theil auch aus diesem Grunde, ich muß es nur gestehen, habe ich die Lebens Beschreibung so umständlich ausgezogen und mich lieber der Gefahr ausgesezt, Ihnen längst bekannte Dinge zu wiederholen, als irgend etwas unberührt zu laßen, was Ihnen neu seyn und eine Dichterische Veranlaßung werden könnte.

Auf jeden Fall Sehen Sie daraus wenigstens meinen guten Willen, das lange Stillschweigen abzubüßen. Sie werden es mir überhaupt gern verzeihen, da Sie das Wesen und Treiben eines Antiquaren, dem es Ernst ist, so gut kennen; wircklich es scheint, als müste uns selbst unter der Hand alles zum Alterthum werden, ehe wir es fördern können, und darum ist das Urtheil der Gesellschaft im Phantasus über den Freund Ernst so wahr als scharf und witzig.

Indeßen wenn man beharrlich bleibt und der Himmel einem Glück und Gesundheit schenckt, bringt man trotz aller Schwerfälligkeit, die nun einmal am Fach haftet, endlich doch das erwünschte und oft mehr als das erwünschte zu Stande.

Sie sollten uns jetzt nur wieder besuchen und sehen, welche reiche Vollständigkeit wir in der Sammlung der Niederländischen Meister erreicht haben. Von Meister Hemmelinck, von dem nach der Vertheilung des Pariser Museums keine einzige Gallerie ein Bild aufzuweisen hat, sind seit 3 Jahren — 6 seiner schönsten Wercke und zwar aus den drey verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung bey uns eingekehrt. — Dieser Meister würde Ihnen unendlich Gefallen; er war Schüler von Eyck, von dem Sie bey uns die Darbringung im Tempel gesehen haben; er übertraf ihn und alle anderen — Zeitgenoßen sowohl als Nachfolger in der Farbe und Ausführung, und steht fast höher als Schoorel, mit dem man ihn jedoch nicht vergleichen kann, weil beyder Art und Wesen ganz verschieden ist. Nur G. v. Eyck allein kann durchaus über den Hemmelinck gesezt werden, wegen der Großartigkeit Einfachheit und Tiefe der Natur Anschauung und Darstellungs Gabe. — Von ihm besitzen wir zu jener Darbringung im Tempel das Mittelstück, die Anbethung der Könige, und das Gegenstück, die Verkündigung, dann seit vorigem Jahre auch den Heiligen Lukas, der die Maria mahlt, gleichfalls ein Großes und übermaßen prächtiges Bild.

Ich würde gar nicht zu Ende kommen, wenn ich Ihnen eine Uebersicht und Beschreibung der ganzen Sammlung geben wollte, überdem werden Sie solche nächstens von Goethe lesen. In den drey Monathen, welche ich diesen Sommer und Herbst mit ihm zugebracht habe, ist eine kleine Schrift über Kunst und Alterthum in den Rhein und Mayn-Gegenden vorbereitet worden. Köln unsere Sammlung und das Strasburger Münster werden die Hauptpunkte seyn, zwischen denen sich das andere, auch das neuere, Kunstwesen samt allen Wünschen und Aussichten anreihen soll. Er beschäftigt sich jetzt mit der Ausarbeitung, drey Bogen sind bereits gedruckt.

Sie werden sich gewiß darüber freuen, daß dieser so lange ungläubige Freund nun so ernsthaft an unserer Liebe für die altdeutsche Kunst Theil nimmt, deren erste Anregung wir nie aufhören werden, Ihnen und Friedrich Schlegel zu verdancken.

Mein etwas elephantisches Werck vom Köllner Dom geht seinen langsamen aber sichern Schritt — vorwärts — Die 5 Platten zur ersten Lieferung werden mit Anfang des neuen Jahrs fertig; die Probedrücke versprechen sowohl in Rücksicht der Kraft und Würckung als in Rücksicht der Zierlichkeit und Gründlichkeit eine befriedigende Ausführung. — Das andere kleinere Werck altdeutscher Baudenckmahle, von den ältesten Zeiten bis zur Entstehung der sogenannten gothischen Baukunst, wird nun auch in Gang gesezt, aber nicht in blosen Umrißen, wie das, welches vor kurzem mein Freund Moller in Darmstadt herausgegeben und wozu ich ihn veranlaßt habe. — Es geschieht einem oft so mit Freunden, daß sie nur halbweg einen guten Rath befolgen und ihn halb verderben. — Meine geschäftlichen Arbeiten sind sehr vorbereitet, und ich hoffe, diesen Winter in einer Abhandlung die vorläufige Uebersicht der ganzen Geschichte der christlichen und Deutschen Baukunst, und in einer Zweiten Abhandlung die Geschichte der Deutschen Bauleute und Steinmetzen auszuarbeiten — So werden wir dann endlich dem Willibald doch etwas auf den Fuß treten.

Nun aber nach so vielem Schwatzen muß ich an den Schluß denken, und will auch darum, und noch aus anderen Gründen, die Freudens Bezeugungen, daß wir als Köllner Ihre Landsleute geworden sind, auf spätere Zeiten versparen. Nur das kann ich nicht verschweigen, daß ich seit Jahr und Tag bey aller patriotischen Erhebung des Prinzen Zirbin eingedenk gewesen bin, und mir vorgenommen haben, diesen Unsterblichen immer im besten Andencken zu behalten.

Alle Ihren hiesigen Freunde sind wohl und grüßen so wie mein Bruder und Bertram aufs schönste und freundlichste. Laßen Sie mich meine Unart des Stillschweigens nicht entgelten. — Laßen Sie bald gutes und angenehmes von sich hören und sagen Sie mir Ihre Meynung von dem jüngsten Gericht von Eyck, welches von Paris nach Berlin gekommen, und ein Eigenthum der Stadt Danzig ist. Einige halten das Bild nicht von Eyck, sondern von einem Schüler deßelben Ouwater genannt. Es soll die Jahreszahl und ein E auf einem Leichenstein stehen, könnten Sie diese zu Ihren Bemerkungen beifügen, so würden Sie mich sehr verbinden. Ich werde von nun an gewiß schneller und kürzer antworten.

Unveränderlich Ihr Freund

Sulpitz Boisserée.

N. S. Die Frau V. der Horst heist seit dem Frühjahr Fr. Professorin Schelver.