I.
Cölln 26. Okt. 1815.
Ihr liebevolles Schreiben, Verehrter Freund und Meister, kam erst heut 26. Oktober in meine Hand, ein neidischer Genius, der über die Versendung gewaltet, hatte nun erst seine Macht verloren. Mit einer bey dieser Angelegenheit offt mir zu Theil gewordenen Rührung legt ich die neue Gabe der Liebe und des Vertrauens zu den Uebrigen, Ihr Sammeln und Sorgen, als von Ihnen, entzündete mich, und Segen ruhe auf der Verwendung! Schon bin ich hier und in Belgien sehr fleißig gewesen, laßen Sie mich Ihnen sagen, der Sie es verstehen, daß ich im Herzen freudig bin, weil Gott mich gewürdigt hat schon recht heiß für die gute Sache zu leiden, ich hatte und habe viel zu bekämpfen, und in Namur war meine Gegenwart rettend gegen Mißbrauch und Trug, und schützend gegen die um sich greifende Ruhr, mit der das Lazareth bedroht war, und da ich durch außerordentliche Stärkungen und Labungen, nach Anleitung guter Aerzte vorzubeugen im Stand war. Jetzt wirke ich hier auf verschiedene Weise, in Namur ist jetzt Alles im besten Stand, eben so in Lüttich, in Lacambre waltet Jungfer Lippmann, in Brüssel Frau v. Donop, in Loewen Frau v. Tuchsen. Meine Haupt-Angelegenheit in diesem Augenblick ist gerichtliche Bethätigung der von mir gegen gewißenlose Menschen gemachten Anzeigen, welche durch eine inkompetente Komißion untersucht, und als falsch befunden worden, diese laß ich jetzt noch einmahl untersuchen, denn es betrifft nicht Kleinigkeiten. Nebenbey besuch ich noch die hiesigen Spitäler, und sorge für einzelne Bedürfniße, ich hoffe die Sache geht schnell zu Ende, dann werd ich wieder nach Belgien oder nach den Ardennen gehn. Gott hat Großes für uns gethan, der Mensch weiß aber immer Gottes Werk zu zerstückeln, mir ahnt wenig Gutes davon daß Frankreich unbewacht bleibt, und dennoch ist es vielleicht das geringste Uebel von Beiden, daß unser Herzblut noch einmahl fließt, oder daß die Truppen in Frankreich sittenlos und ruchlos werden. Ich bin innerlich überzeugt daß der Feldzug mit nächstem Frühjahr wieder eröffnet wird. Wie sehr unsre Opfer von Fleurus Wavre und Waterloo Hülfe und Unterstützung bedürfen, das darf ich Ihnen wohl sagen, da Sie so treu und liebreich gesammelt haben, rein ausgeplündert liegen sie da mit zerschmetterten Gliedern, in schwerer Eiterung, bey erträglicher Kost und Reinlichkeit, jedoch auf Strohsäcken, und in diesem oder jenem Lazareth, mehr oder minder gut gepflegt und gestärkt. Laßen Sie mich es Ihnen mit glühendem Schmerz sagen daß Viele hätten können gerettet werden wenn die Behandlung weiser, die Pflege freygebiger war! — Nur, wie ich mich überzeugt habe Deutz, Düsseldorff, Aachen, und wie man mir gesagt Loewen, sind die Orte, wo ein mütterlicher Geist der Pflege herrschte, und wo die Menschen gerettet worden. Hier ist es leidlich, aber durchaus kein Sinn für individuelle Noth, sondern nur ein eiffriges Aufspeichern, welches bey den jetzigen Aussichten auf den nächsten Feldzug sein Gutes haben kann. Ich selbst habe bey den vielen Bosheiten mit denen ich kämpfe unendlich viel Süßes im Lindern und Helfen gefunden, und bin getrost in Gott, der mir in dem schweren Stand gegen fühllose Ruchlosigkeit helfen wird. Meine ganze Seele ist so tief getränkt vom Kelch des Jammers, der über diese leidende, hinschmachtende hinfaulende Jugend ausgegoßen ist, daß ich jetzt für nichts Anders Sinn habe, sonst könnt ich Ihnen viel von unschätzbaren Ueberbleibseln aus der ältesten teutschen Zeit sagen, welche ich hir bei Freyherrn von Mehring, bei Fochem und Lievemberg angetroffen, insbesondre bey dem Ersten. Unser Isidorus hat mir lange nicht geschrieben, ich ihm lange nicht, denn ich gehöre nichts Erfreuendem mehr, bis mein Werk vollbracht ist. Sagen Sie, edler Tieck den edeln Geberinnen meinen gerührtesten Dank, sie müßen sich aber mit dem Werke noch gedulden, denn unmöglich kann ich jetzt schon mich damit beschäftigen, da auch noch täglich Subskription eingeht. Der Ertrag ist bis jetzt etwas über 1600 Thaler, von denen zwey Drittheile verwandt sind. Seyn Sie fest überzeugt, daß ich unmittelbar nach vollbrachter That das verheißene Werk seines edeln Berufs würdig auszustatten hoffe, und dann nicht damit säumen werde. Es ist von der Huld und Theilnahme unsrer edelsten und höchsten Frauen begabt. Nun Gott mit Ihnen, der Sie sein Dichter sind! Er erfreue Sie, wie Sie mich erfreuten! Ihr Entzücken sey dem gleich, das von Ihrem Genius ausgeht!
Wilhelmine Chezy.