II.

Braniß an L. Tieck.

Breslau 6. Sept. 40.

Mein hochverehrter Herr Hofrath,

Wenn ich Ihnen erst jetzt für das köstliche Geschenk, das Sie mir mit Ihrer Vittoria gemacht, meinen herzlichsten Dank sage, so hat dieß allein darin seinen Grund, daß ich Ihnen nicht eher nahen wollte, als bis ich Ihrem mich so ehrenden Impulse folgend ein öffentliches Wort über das liebe Gedicht gesprochen. Dieß ist nunmehr geschehen, und — wie ein Mensch nur sagen kann: hie bin ich — so erlaube ich mir Ihnen in beifolgenden Zeitungsblättern einen Aufsatz zu überreichen, von dem ich wünschen will, daß damit etwas gethan sei.

Ich habe den in dieser Arbeit ausgedrückten Gedanken lange ernstlich bebrütet, doch mußten die Resultate dieses Processes meist unausgesprochen bleiben, damit der Bericht sich in den Grenzen eines Zeitungsartikels halte. Was ich gab, sollte vornehmlich dem Treiben einer Ihrer Poesie, somit der Poesie überhaupt abholden Partei begegnen, deren ästhetisch-philosophisches Geschwätz nur dadurch Einfluß gewinnt, daß ihm nichts Tüchtiges entgegentritt. Namentlich wollte ich in Bezug auf die Accorombona diejenigen Einwendungen, von denen ich recht gut weiß, daß sie gegen das Buch des Breitesten werden erhoben werden, von vornherein paralysiren und unschädlich machen.

Ob es mir gelungen, ob mir überhaupt in der Arbeit etwas gelungen ist, weiß ich nicht, kann es auch hier nicht erfahren; denn außer Epstein (der Ihnen ja wohl bekannt,) weiß ich hier in Sachen der Poesie keinen wahren Gläubigen; ich selbst bin von lauter Neologen umgeben. So bin ich denn darüber noch ganz unschlüßig, ob ich dem Aufsatz, bei dem ich es allerdings nicht auf das Binnenpublicum schlesischer Zeitungsleser abgesehen habe, durch Wiederabdruck in einer gelesenen Zeitschrift größere Verbreitung schaffen, oder die Acten als geschlossen betrachten soll. Sie allein könnten hierüber in letzter Instanz entscheiden.

Daß ich mich über das Benehmen unsres Königs gegen Sie höchlichst gefreut habe, versteht sich ganz von selbst.

Mit wahrer Verehrung

Ihr

herzlichst ergebener

Braniß.