V.

Breslau, d. 9ten Jan 1819.

Mein theuerster Freund;

Ich bin in langer Briefschuld gegen Sie, und habe sie selbst ins neue Jahr mit hinüber nehmen müssen: ich habe aber dafür desto mehr an Sie gedacht, indem ich mich immer daran gemahnt habe. Unterdessen haben Sie zwei Bände gedruckter Briefe von mir erhalten, die ich allerdings auch mit an Sie geschrieben habe. Ich hatte große Scheu, sie herauszugeben, und bin auch noch sehr besorgt, daß viel Dummes oder Unbedeutendes darin stehen geblieben, und fürchte mich insonderheit vor Ihrem durchschauenden Blicke. Aber nun ist’s einmal geschehen, und Sie bekommen bald einen dritten, ja noch einen vierten Band. Warum haben Sie Ihre Reisebriefe noch nicht herausgegeben? die würden mich gewiß abgeschreckt haben, meine drucken zu lassen. Ich bin so in das Kunstlabyrinth hinein gerathen, daß ich noch nicht weiß, wie ich wieder herauskommen soll: indessen gefällt es mir sehr darin, und ist auch wohl kein bloßer Durchgang. Am liebsten ist mir dabei, daß ich auch hier meinem Herzen genugthun und Ihrer (in München) so gedenken konnte, wie es Ihnen hoffentlich nicht mißfallen hat. Von Ihrem trefflichen Bruder wird noch in Pisa und Carrara die Rede sein; mit seinem treuen Rauch habe ich mich schon mit Vergnügen an unser nur zu kurzes Beisammensein erinnert. Seine und Ihre schöne Karten sind immer noch in meinen Händen; wären Sie mir nicht so lieb, so hätten Sie sie schon längst wieder; ich kann immer ihre Bekanntmachung noch nicht aufgeben, und sie wäre gewiß schon zu Stande, wenn der hiesige treffliche Buchdrucker Barth, der eine geschickte Steindruckerei hat, nicht kürzlich gestorben wäre. Ich stehe aber mit seinen Erben noch deswegen in Unterhandlung, und bitte nur noch um eine kurze Frist: ich hoffe das Geforderte gewiß für Sie zu erhalten. — Sodann, wie stehts mit den Mährchen oder Erzählungen für Max? er verlangt heißhungrig darnach, und ich bitte mit ihm recht sehr darum. Steffens (der Sie bei der Durchreise doch wohl sehen wird) hat seine Beiträge sicher versprochen, wenn Sie vorangingen, und ich gebe auch einiges von Novellen oder Erzählungen dazu, wenn Sie mich nicht verschmähen: Sie müssen aber der Herausgeber sein, und mich unter ihre Federn und Flügel nehmen. — Im Herbst bin ich in Wien gewesen, mit vielem Nutzen und Vergnügen, bedaure aber höchlich, dadurch meinen lieben Solger hier nicht gesehen zu haben. Wien ergänzte meine bisherigen Wanderungen in Deutschland: es ist herrlich, das Volk still vergnügt, der Stephan in gewisser Rücksicht vollkommener als der Freiburger und Straßburger Münster, und die Bildergallerie erstaunlich: wer sie nicht gesehen, kennt den Dürer nicht, und seine Anbetung der Dreieinigkeit kann neben Eick und den andern Boissereeschen Bildern bestehen. — Dann machten wir (meine Frau mit) die Nibelungenfahrt aufwärts bis Linz, besuchten in Pechlarn den milden Markgrafen, — und reisten über Mölk und andere gastliche Abteien bis auf den herrlichen Traunsee — und über das reiche Prag heim. Nun habe ich freilich wieder alle Hände voll zu thun und nachzuholen: die Briefe, die große Samml. des Heldenbuchs, die eben im Druck beginnt (die Originale: was macht unsre Bearbeitung?), die neue Asugabe der Nibelungen, und Tristan; — es wird freilich immer weniger fertig als man denkt; aber die eigentliche Lust ist ja das Machen, Entwerfen, — nicht das Fertige. — Meine Frau grüßt beßtens, und ich alle die lieben Ihrigen und Freunde in Ihrem Zauberschloß. Behalten Sie mich lieb, und antworten auch einmal

Ihrem treuen

Hagen.