I.
Berlin, d. 26t. Novbr. 1844.
Hochgeehrtester Herr Hofrath!
Je näher der Zeitpunkt der Eröffnung des Opernhauses rückt, je dringender fühlen wir die Verpflichtung, uns Ihnen gegenüber, hochgeehrtester Herr Hofrath, von dem Verdacht zu reinigen, als wüßten wir den Werth Ihres trefflichen Rathes nicht hinreichend zu erkennen. Wahrlich aber, es ist nicht eigener Wille, noch weniger Eigensinn oder Selbstschätzung, die uns zurückgehalten, uns Ihrer rathenden Hülfe noch mehr zu bedienen: es sind nur die immerfort theils hindernden, theils eilig drängenden Umstände, unter denen unser Werk ins Leben gefördert werden mußte. Im Sommer hatten das Bedürfniß der Muße zum Arbeiten, und andere Ursachen uns örtlich zerstreut; als wir im späten September (Componist und Dichter) uns wieder an einem Orte zusammenfanden, war indessen die Zeit so vorgerückt, daß nur vorwärts gearbeitet werden mußte, häufig selbst so, daß wir nicht einmal mit einander Rath pflegen konnten. Noch heut giebt es Theile des Werks, die wir gar nicht gemeinsam betrachtet haben, namentlich den ganzen so wesentlichen Schluß mit den geschichtlichen Gemälden, den Dichter und Componist jeder für sich allein behandeln mußten, ohne nur den Versuch der Zusammenwirkung gemeinsam angestellt zu haben. Die Proben sind jetzt das einzige, späte Mittel, uns über das Nothwendigste zu verständigen. Wenn es Ihre Zeit, Ihre Gesundheit irgend gestattete, daß Sie einer, oder einigen derselben beiwohnten, so würde uns dies gewiß von unschätzbarem Werthe sein, und dürfte uns Ihr so einsichtsvoller Rath, vielleicht noch im letzten Augenblick zu größtem Dank verpflichten. Freilich aber dürfen wir ein solches Ansinnen kaum stellen, sondern haben nur das Recht und die Pflicht, unsre Gesinnung in dieser Hinsicht anzudeuten.
Jedenfalls verdanken wir Ihnen schon, besonders über die Verknüpfung der Oper mit dem Nachspiel, sehr Vieles, wäre es auch nur die Warnung vor dem Unzulässigen. —
Es bleibt uns jetzt nichts übrig, als die günstigen Auspicien Apollo’s, dem das Haus, das wir einweihen sollen, gewidmet ist, auch für unser Werk anzuflehen; wir haben gewiß Viel gefehlt, Manches versäumt; jedoch wenigstens nach Kräften versucht, uns durch die Klippen der sehr schwierigen Verhältnisse zum Ziel zu kämpfen.
Möge dieses Bestreben uns auch Ihre Gunst und Nachsicht zuwenden, wenigstens das Wohlwollen nicht entziehen, was Sie uns bis dahin so gütig geschenkt haben.
Mit der Versicherung der aufrichtigsten Verehrung haben wir die Ehre uns zu nennen
Ihre ergebensten
Meyerbeer,
L. Rellstab.