I.
Copenhagen, d. 16. Septbr. 1820.
Theuerster Tieck!
Sie haben glühende Kohlen auf meinem Haupte gesammelt (ich weiß nicht ob es Deutsch ist), ich habe mich recht geschämt, meine ich nur, daß ich nicht früher alle Scham überwunden habe, und ohne Scheu ihre edle Sprache gerädert, um Ihnen zu sagen (was Sie doch gewiß nie bezweifelt hätten) daß ich oft in der Ferne Ihnen recht nah und herzlich zugesellt gewesen — und jetzt beschämt mich ihre Liebe noch mehr, als ich den Brief durch den Prof. Molbech empfange. Zwei freundliche Grüße sind mir schon früher vorbeigeflogen und haben mir wohlthuend zugeflüstert: der Tieck gedenkt Dein noch; ich habe dann auch gleich die Feder ergriffen, was ich aber sagen wollte ist auf Dänisch in meiner Seele geblieben. Vor einiger Zeit hat mir eine Zeitung erzählt, daß Sie nach Berlin gerufen und nach Ihrem Wunsche da angestellt wären. Darüber habe ich mich schweigend gefreut; jetzt halte ich aber nicht länger ein Blättchen von den vielen großen Briefen zurück, die ich fast alle Posttage im Geiste Ihnen geschrieben habe. Wäre ich indessen gestorben, hätte ich gewiß bey Ihnen spuken müssen, um mein Versprechen zu erfüllen und Ihnen — freilich zu spät — zu erzählen, daß ich glücklich und gesund nach Hause gekommen. Die Braut hat mich gesund und liebreich empfangen, und in heimathlicher Ruhe habe ich im Winter am Ofen Abentheuer gedichtet, und mir dadurch die schönen Abentheuer-Abende in Dresden zurückgerufen.
Jetzt durchlebe ich noch einmahl das seltsame Reiseleben, und wie es sich jetzt für mich gestaltet, muß ich es lyrisch und immer wie gegenwärtig auftreten lassen. — Noch bin ich weder angestellt noch verheirathet; beides möchte ich recht gern, aber ich fürchte mich erstaunlich ein Philister zu werden. Sagen Sie mir doch, wie man den Philistergeist vom Leibe hält, wenn man ein Amt kriegt und Hausvater wird! — Doch das ist wohl die Dichterliebes-Probe, und wer die nicht hält, war schon zum Philister geboren.
Der Oehlenschläger hat uns eine neue nordische Tragödie gegeben und die nordische Mythologie in einem Epos behandelt. Der Baggesen schweigt und auf unserm Parnaßchen scheint Friede zu sein. Von mir ist erschienen außer Tassos Befreiung (Tod) ein Band „Erzählungen und Abentheuer“ und „die Reiseleier“ (Reiselgren), wovon der zweite Theil jetzt gedruckt wird. Im ersten Theil habe ich die schönen romantischen Rheinländer mit ihren Ritterburgen und Mittelaltersagen, und das herliche Schweitzerland mit der Leier durchgepilgert, der zweite handelt von bella Italia und Rom, wo ich mit dem Carneval endete, das ich dramatisch wie ein lustiges Fastnachtsspiel behandelt habe. — In der Buchhandlung habe ich oft nach Ihrem lieben Tischler gefragt; ist er noch nicht erschienen? Auf die letzten Theile des Sternbalds warten wir recht mit Schmerzen, ihr Phantasus kann uns nie zu korpulent seyn, er bleibt immer der nehmliche leichte und liebliche Genius. Den Hoffmann in Berlin traf ich leider nicht; er saß immer auf dem Richterstuhle gegen die politischen Umtrieben gewafnet, und hatte keine Zeit für den poetischen Umtrieber.
Grüßen Sie die liebe Frau und die Gräfin tausend Mahl! und sagen Sie den holden Dichter-Töchtern daß sie zu den lieblichtsten Erinnerungen meines Reiselebens gehören. Erinnern Sie noch, wie sie mir Alle einen Tag entgegen gekommen und mich für einen alten guten Freund genommen? — es was leider Täuschung, möchte es doch niemahl — wenigstens im Lande der Enttäuschung — so mir wahr und wirklich begegnen! Gott segne Sie und Alle die Ihrigen!
Ihr innigst ergebener
B. S. Ingemann.