I.

Dresden, am 9. Oct. 1807.

Über das Aussenbleiben des Manuscripts habe ich von Zeit zu Zeit den Bibliothekar Daßdorf beruhigt, weil ich die Ursache vermuthen konnte, warum Sie es nicht abschickten. Ihr Herr Schwager kam erst vor Kurzem und Daßdorf hat keinen Groll auf Sie. Die Abschrift des Rosengartens hat er aber entweder vergessen, oder er hat hier niemand, den er zum Abschreiben eines solchen Manuscripts gebrauchen könnte. Aber er bot sich an, Ihnen das Original zu schicken, wenn Sie in einer Zeit von etwa Vier Wochen es zurückschicken könnten. Sie möchten ihn daher nur wissen lassen, wenn Sie gerade sich mit diesem Werke beschäftigen wollten. Ich erwarte hierüber Ihre Erklärung.

Das Manuscript wollte ich gern bald an die Behörde abliefern und hatte nur Zeit, die Bilder anzusehn. Als eine piquante Situation gefiel mir besonders, wie ein Riese den Kopf eines Mädchens im Rachen hat, während er mit einem Ritter — vermuthlich ihrem Liebhaber ficht. Wird er besiegt, so braucht er nur zuzubeißen.

Ihr Herr Schwager sagte mir, daß er nicht über Ziebingen zurückgehen würde; ich konnte ihm also das verlangte Buch nicht mitgeben. Es fragt sich, ob ich es Ihnen auf der Post zuschicken soll. Eigentlich hätte ich keine Lust dazu, damit Sie einen Antrieb mehr hätten, bald hieher zu kommen, wozu Sie uns Hoffnung machten.

Von Oehlenschlägern weiß ich unmittelbar gar nichts. Aber daß er in Paris wenigstens gewesen ist, lese ich in öffentlichen Blättern. Ob er noch dort, oder vielleicht jetzt in Italien ist, habe ich nicht erfahren können. In Italien wird er schwerlich lange bleiben. Er hatte eine Art von Abneigung dafür und schien eine Furcht zu haben, daß ihm das Clima nicht bekommen würde. Seinen Aladdin erwarte ich sehnlichst und begreife nicht, warum er nicht erscheint.

Ich habe jetzt den Calderon zu lesen angefangen. Die Autos Sacramentales waren unter meiner Erwartung. Ich fand schöne Verse, eine gewisse Pracht in der Ausführung, viel Beachtbares für Musik, aber wenig Phantasie. Nach ein Paar Proben gieng ich zu den Comedias über, die mich mehr anziehen. Vorjetzt hat mich besonders ein Stück interessirt: Das Leben ist ein Traum. Ein kraftvoller junger Mann, durch üble Behandlung verwildert, wird durch die grellsten Contraste zwischen Thron und Gefängniß dahin gebracht, daß er nicht mehr weiß, ob er wacht oder träumt. Dieß wird bey ihm ein daurender Zustand, er handelt in diesem Glauben und wird dadurch gemildert. Vielleicht hätte diese Idee in der Ausführung noch mehr benutzt werden können. Überhaupt finde ich in den Comedias oft eine gewisse Flüchtigkeit der Behandlung, aber die Kühnheit der Ideen hat einen großen Reitz. Shakespear scheint mehr mit Liebe gedichtet zu haben, und bey Calderon mehr die Kraft zu prävaliren. Er trotzt allen Forderungen von Wahrscheinlichkeit und schaltet unumschränkt in seiner Welt.

Der neue Meß-Catalog ist einer der magersten selbst für die Michaelismesse. Die Buchhändler scheinen sich fast bloß auf Anecdotenkram und politische Kannegießereyen einlaßen zu wollen.

Bey Herrn von Burgsdorf und seinen unvergeßlichen Nachbarinnen erhalten Sie unser Andenken. Die Meinigen empfehlen sich Ihnen bestens.

Körner.