II.

Mainz, d. 30sten Mai 1831.

Verehrter Herr Hofrath!

Die wenigen, aber schönen und bedeutenden Stunden, die ich vor einem Jahre in Ihrem Umgang und in Ihrem Hause gelebt habe, werden niemals aus meinem Gedächtniß kommen. Ich wünschte, daß auch Sie sich zuweilen an mich erinnerten, aber ich hoffe es nicht. Das Gedicht, das ich Ihnen eben zurücklassen konnte, mag wenig dazu geeignet sein, mir eine solche Theilnahme bei Ihnen zu gewinnen, und was könnte ich in unsern Gesprächen Ihnen gezeigt haben, als Enthusiasmus und Empfindung, die doch erst die Bedingungen sind, unter denen ein Mensch etwas werden und leisten kann.

Seit dem Anfang des Winters lebe ich in Mainz, und in einer Verbindung mit dem hiesigen Theater. Ein Freund, der Schauspieler Haake, ein liebenswürdiger Künstler und Mensch, dirigirt dasselbe, und hat mich auf jede Weise hier festzuhalten gesucht, weil er glaubt, ich könne mich dem Institute nützlich machen, und zugleich das, was von theatralischem Dichtertalent in mir sein mag, nur so, im Umgang mit der realen Schaubühne, und aller andern Geschäfte und Lebenssorgen entledigt, zur glücklichen Ausbildung bringen. In dem einen Stücke setzt er wohl zu viel Vertrauen auf mich. Ich habe jedoch angefangen, dramaturgische Blätter zu schreiben, von denen ich mir Ihnen eine Probe zu senden erlaube, und einige ältere gute Theaterstücke neu zu bearbeiten. Im nächsten Sommer, den ich auch meiner Gesundheit wegen, und um die Heiterkeit meines Gemüths ganz wiederherzustellen, in Wiesbaden zubringen will, hoffe ich nun auch eine Tragödie „Rochester“ zu vollenden, wozu der Plan während des Winters so ziemlich reif in mir geworden ist. Da wird es sich denn zeigen, was die Kunst und ich von mir zu erwarten haben. Ihnen theile ich das Werk zuerst mit, und bitte Sie im Voraus herzlich, mir freimüthig und streng Ihr Urtheil zu sagen. Einige Lustspiele, die ich mit schneller Hand in einer Anwandlung von komischer Laune zu Stande gebracht habe, getrauen sich nicht zu Ihren Augen, und mögen auch nur wie Kinder unserer Sünden, wenn auch nicht weniger geliebt, im Dunklen bleiben. Wollen Sie mir jetzt schon einen wichtigen Dienst erweisen, und zugleich dem hiesigen Theater, so nennen Sie mir gefälligst Einiges von der älteren deutschen Schaubühne, oder der ausländischen, was der Wiedererweckung würdig ist; ich hatte selbst Lust, das Spanische noch zu lernen, (das Italienische lese ich, wie das Englische ziemlich fertig) könnte ich mir von dem in Deutschland noch ungekannten Lope de Vega Ausbeute versprechen. Werke, mit deren Aufführung wir uns jetzt beschäftigen, sind außer dem Wallenstein, der an drei aufeinanderfolgenden Abenden, unverkürzt, gespielt werden soll, Ihr Blaubart, der Sturm, Richard II., Calderon’s Richter von Zalamea, und Arnim’s Befreiung von Wesel. Im nächsten Jahre kann ein Mehreres geschehen; Haake denkt mit seinem Theater eine Schauspielerschule zu verbinden, worüber Sie das Nähere in meinen Blättern erfahren sollen.

Herr von Wehlmann, der Ihnen diese Zeilen bringt, ist im Begriff abzureisen, und ich kann nichts weiter hinzufügen, als meine Wünsche, daß Sie mich zu lieben und mit dem freundlichen Sinn eines Lehrers und Meisters auf mich zu wirken fortfahren mögen. Empfehlen Sie mich Ihrem verehrten Hause, und glauben Sie mir, wenn ich sage, ich bin mit der innigsten Verehrung und Dankbarkeit

Ihr

ergebener

K. Köchy.

N. S. Ich wünschte, Sie hätten eine Reihe Romanzen von mir gelesen, die im Januarheft des diesjährigen Gesellschafters erschienen sind; auf diese Dichtungen lege ich selbst einigen Werth.