III.

Düsseldorf, 27. Januar 32.

Ich habe neulich in der Zerstreuung vergeßen, Ihnen, mein Hochverehrter, den Baierischen Noah, den Sie mir so gütig mitgaben, zurückzusenden, und bin erst jetzt durch den Anblick des Buchs an meine Pflicht erinnert worden. Mit dem aufrichtigsten Dank hole ich das Versäumte nach, und bitte Sie, meinen Fehler entschuldigen zu wollen.

Ich habe unterdeßen Ihren Hexen-Sabbath gelesen, und bin davon auf eine ungemeine Weise getroffen worden. Die Kraft der Dichtung ist sehr groß, und der Eindruck steigert sich vom Leichten, Heiteren, Anmuthigen bis in das ganz Erschütternde. Mir scheint dann immer die höchste Gewalt der Poesie hervorzutreten, wenn sie das beschränkt Historische auffaßt, dieß auch in seiner Begränzung läßt, und es dennoch zur vollkommnen Gestalt zu bringen weiß. Im Hexensabbath sind nichts als einmal so und nicht anders dagewesene Flandrisch-Burgundische Figuren, die Zeit ist in ihrem singulairen Kostüm ganz fest gehalten, nirgends wird darauf hingearbeitet, das sogenannte allgemeine Menschliche hervorzuheben, und dennoch ist Alles allgemein verständlich, und wirkt vollkommen dichterisch.

Wie mich individuell die Sache berühren mußte, werden Sie fühlen. In der That sind wir auf eine sonderbare Weise in einem Punkte zusammengetroffen. Mir war Satan, Luzifer, Beelzebub, oder wie man sonst das Wesen nennen will, welches uns auf jedem Schritt und Tritt fühlbar wird, nie das Ungeheuer mit Klauen und Schweif, oder der listige Kammerdiener, der seinem Herrn die Dirne schafft. Es ging mir vielmehr mit Nothwendigkeit aus Gottes Wesen hervor, und um die Ketzerey mit einem Worte auszusprechen: Der Teufel war mir der in der Mannigfaltigkeit geoffenbarte Gott, der durch diesen Act sich selbst in seiner Einheit verloren hatte. Weil aber dieser Zustand eodem momento, wo er geboren war, sich in Gott wieder aufheben mußte, so war mit der Manifestation als Satan, zugleich die als Logos verbunden, oder vielmehr beide fielen zusammen. Die Function des letztern war mir nun, das Vielfache, Vergängliche, in den Abgrund des Einen und Unvergänglichen hinunterzustürzen; Gott pulsirte für mich in jedem Augenblicke nach beiden Richtungen durch das Weltall. Hierdurch war mir Sünde und Tod, der Satz des Widerspruchs und das Werk der Erlösung erst verständlich. Ich wurde mit den Geheimlehren der Kirche bekannt, Spinoza kam hinzu, und so rann aus Fremdem und Eignem der Demiurgos zusammen, der im Merlin auftritt.

Sie stehn nun freilich gegen mich im großen Vortheil. Dergleichen problematische und eigentlich unaussprechliche Sachen halten sich in den Grillen eines Labitt mehr innerhalb der Grenzen der Poesie, als wenn sie, wie sie bei mir mußten, schwer, trüb und ernsthaft sich hinstellen. Ich fürchte, daß dieser Ernst meine Arbeit zu einer ganz undichterischen gemacht hat.

In den ersten Tagen des Jahrs habe ich den Merlin zu Ende gebracht. Ich hätte das gröste Verlangen, Ihnen denselben mitzutheilen, es fehlt mir aber ein Schreiber, der eine correcte und schöne Copie liefern kann, und ich möchte Sie nicht durch ein häßliches Manuscript von vornherein zurückschrecken. Es ist daher wohl besser, daß ich Ihnen erst das gedruckte Buch sende. Ich werde es bald publiciren, da ich fühle, daß ich daran nichts ändern kann, und daß es durch Feilen nur abgeschwächt werden würde.

Nehmen Sie nur nicht übel, daß ich Ihnen allerhand unerbetne Mittheilungen mache, die sich auf dem Papier vielleicht sonderbar ausnehmen. Sie haben aber einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mich immer noch Ihrem lieben belebten Antlitz gegenüber sehe, wenn ich auch nur den todten Briefbogen vor mir habe.

Indem ich bitte, den Damen mich bestens zu empfehlen, verharre ich in treuer Gesinnung

aufrichtig ergebenst

Immermann.