IX.

Bonn, den 15t. Mai 1840.

Verzeihung, mein theuerster Freund, daß ich es seit gestern vor acht Tagen, wo ich zurückgekehrt bin, aufgeschoben habe, Ihnen zu schreiben. Theils aber fand ich so manches schnell abzumachende Geschäft vor, und theils hatte mein Unwohlseyn während mehrerer Tage einen solchen Grad erreicht, daß ich auch zum Briefschreiben untauglich war. Nun wird es allmählich wieder besser, ich befinde mich etwa wieder auf der Dresdner Linie, nachdem mein das Mediciniren sonst so scheuender Arzt sich zum Eingreifen entschlossen hat; bis ich mich aber wieder zur Höhe des vergangenen Jahres emporschwingen werde, wird wol noch einige Zeit vergehen. Den Muth lasse ich darum nicht sinken. Daß Sie überzeugt sind, meine Dankbarkeit sey nicht kälter, weil sie etwas später bezeigt wird, weiß ich. Dankbar habe ich Ihnen gewiß wiederum für Vieles, Leibliches wie Geistiges zu seyn. Alles körperliche Leiden kann das Gefühl, durch diese Reise, durch die Aufnahme und Liebe meiner Freunde, vor allen der Ihrigen, erfrischt und gestärkt zu seyn, nicht unterdrücken und schwächen. Warum können solche Silberblicke des Daseyns nicht länger dauern, warum sich nicht über das ganze Leben erstrecken? Wären sie es aber alsdann noch, wenn sie nicht durch andere Perioden des Schattens, der gemeinen Reizlosigkeit erst zu Silberblicken würden? Vor welchem Räthsel stehen wir doch wieder mit dieser ganz gemeinen Betrachtung! Wenn wir uns den edelsten und feinsten Genuß nur vermittelst des Wechsels mit seinem Gegentheil hervorrufen können, was ist alsdann jene künftige ungestörte Seligkeit, von der wir träumen, und warum sehnen wir uns nach ihr? Haben wir denn überhaupt nur ein Organ, sie zu empfinden?

Ich habe an der Abhandlung, von der ich Ihnen ein Stück mitgetheilt, wieder zu schreiben angefangen, und finde den Stoff, den ich noch zu bewältigen habe, so überreich, daß ich nur mit großer Mühe so zusammendränge, wie ich es muß, wenn ich die Gränzen einer kleinen Abhandlung nicht überschreiten will. Es will mich verlocken, sie in dieser Form liegen zu lassen, und in einer umfassendern wieder aufzunehmen; aber es könnte mir dabei noch übler gehen, als bei dem Gregor, da umfassendere Ansprüche neue, sehr ausgebreitete Studien erfordern würden. Auch werden Sie mir zugeben, daß bei dieser Arbeit weit mehr auf die Idee ankommt, als auf die Ausführung.

Vergeben Sie, daß ich am Morgen der Abreise in der Eil vergaß, die heraufgetragenen Bücher dem Aufwärter zum Wiederherunterbringen zu geben. Sie müssen sich alle auf dem Tische bei einander gefunden haben.

Den Brief von meiner Frau, der nach meiner Abreise eintraf, werden Sie wol schon zurückzusenden die Güte gehabt haben.

Leben Sie wohl, und vergessen Sie nicht der Gräfin und Ihren Töchtern die herzlichsten Grüße zu bestellen. Lassen Sie auch ja bald ein mal was von sich hören, etwas Besonderes nämlich für

Ihren treuesten Freund

Loebell.