Maltitz, Apollonius, Freiherr von.

Geb. 1796, Kais. russischer wirklicher Staatsrath, in diplomatischen Sendungen an verschiedensten Höfen, zuletzt Geschäftsträger am Weimarischen. Weder zu verwechseln mit seinem Bruder, welcher ebenfalls Diplomat und ebenfalls Schriftsteller gewesen; noch weniger mit dem in Dresden verstorbenen Herrn von Maltitz, der mit Bezug auf eine (unter ähnlichem Titel verfaßte) epigrammatische Broschüre „der Pfefferkörner-Maltitz“ genannt wurde.

Apollonius hat u. A. drucken lassen: Gedichte (1817). — Geständnisse eines Rappen (1826). — Neuere Gedichte, 2 Bde. (1838). — Dramatische Einfälle, 2 Bde. (1838–43). — Drei Fähnlein Sinngedichte (1844). — Lucas Cranach, Roman, 3 B. (1860). — Der Herzog von der Leine, Roman, 4 Bde. (1861) &c.

Das hier mitgetheilte Schreiben gilt jener früh verstorbenen Freundin des Tieck’schen Hauses, Adelh. Reinbold, der wir später noch begegnen.

München, am 22sten Februar 1839.

Ich stehe mit Ihnen, verehrter, gütiger Freund, an einem Grabe, welches, ich darf es sagen, Niemand mehr angehört, als Ihnen und mir und so wage ich es Ihnen, dem ich nur Namen der Bewunderung geben sollte, den des Freundes zu geben. Ich habe im vollsten Frühlingsglanze diese Adelheid gesehen, die Sie als Leiche haben sehen müssen — ich habe sie so lächeln gesehen, wie ihr ursprüngliches Schicksal ihr gelächelt haben mag, ehe andre Fügungen dazwischen traten; Fügungen, um nicht Menschen zu nennen. Denn der Glaube an ein unbeugsames Verhängniß bewahrt uns, wie kein anderer, vor Menschenhaß. Was die Arme gelitten, ist gewiß längst in Ihrer edlen Menschen- und Dichterbrust niedergelegt, denn Sie waren der Wohlthäter ihres Herzens und jeder ihrer schönen Gaben. Sie fühlte es tief, daß Ihre Stelle bei Ihnen war und bei unserm letzten Wiedersehen bestätigte ich sie, mit aller Wärme meines Antheils an ihrem Schicksal, in diesem Glauben. Könnte ich vor Ihnen die Blätter aufschlagen, die Sie mir über das Meer sandte! — nein, könnte ich Ihnen mit lebenden Worten schildern, wie ich sie einst unter Neid, Mißgunst und unverdienter Verachtung welken und vergehen sah, ehe sie in Ihre Nähe gelangte! Bald einem tröstenden Glauben an sie, bald einem Heere von verhaßten Zweifeln und Wahrscheinlichkeiten hingegeben, die Verworfenheit und Leichtsinn immer zu nähren wissen, wenn ein schönes Wesen erniedrigt werden soll — konnte ich nur in einer Empfindung für sie mit mir selbst einig werden, in einem ungeheuern Schmerz um sie. Wie wohl wurde mir, als ich nun die Verfolgte in eine Nähe, wie die Ihre — hingeflüchtet fand! Sie hatte dort den Frieden und die Ruhe gefunden, die ihr die Welt noch geben konnte. Aber wenige Frühlinge sind so gemordet worden! Sie wird mir nie als ein Schatte vorschweben, sondern immer in jener blühenden Gestalt, deren Namen, wie noch zum ersten Male, in mein Ohr tönt! Man hat viel von meinem Herzen mit ihr hinabgesenkt — und selbst mit höherer Beredsamkeit, als mir verliehen ist, möchte ich sie nicht mit mehr Worten rühmen, als mit diesen: Sie war eine zarte, große Seele. Möge es mir vergönnt seyn, ihr in Gesprächen mit ihrem erhabnern Freunde eine Todtenfeyer halten zu können! Sie waren ihr mehr, unendlich mehr, als ich — nur war es mir vergönnt, unter so vielen Verfolgern ihr wenigstens den Blick des Wohlwollens zu zeigen.

In einem andern Welttheil, wo die Erinnerungen unserer meisten Freunde so oft vom Ozeane hinweggespült scheinen, erklang mir auf ein Mal Adelheids liebe Stimme — ich muß nun wissen, daß ihr Mund auf immer verstummt ist! — Bis über die Meere hatte sie Treue an mir geübt — wie leicht hüte ich sie ihrem Grabe! —

Sie haben, mein hoher Freund, eine Tochter verloren — der Schmerz in einer Seele wie die Ihre, kann nicht ganz der bodenlosen Wehmuth gleichen, mit der ich der theuern Vollendeten nachblicke, aber erlauben Sie mir, mich Ihrem Herzen jetzt sehr nahe zu glauben.

Mit Bewunderung und Verehrung:

A. Maltitz.