V.

Bonn, den 23ten October 1834.

Theuerster Freund!

Vorgestern bin ich hier angekommen, und habe es wieder bewährt gefunden, daß das Reisen auf dem Schnellwagen Tag und Nacht mich nicht angreift, sondern eher einen wohlthätigen Einfluß auf mein körperliches Befinden ausübt. Möge doch auch Sie dieser Brief wieder ganz hergestellt und gestärkt antreffen! Ich konnte es mir lange nicht aus dem Sinne schlagen, wie ich Sie verlassen, welche Schmerzen Sie auszustehen hatten, und nur die Überzeugung, daß der Anfall, bei aller seiner Heftigkeit, doch nur ein vorübergehender gewesen, ließ allmälig die schönen und heitern Bilder der Tage unseres Zusammenseyns in meiner Seele wieder auftauchen, und meine Gedanken darin die reichste Nahrung finden, wenn das Geschwätz um mich her nicht gar zu störend war. Wie soll ich Ihnen denn für alles das, was Sie mir während dieses Aufenthalts in Ihrem Hause mit der edelsten Gastfreundschaft leiblich und geistig in so vollem Maße gewährten, meinen Dank genugsam ausdrücken! Freilich habe ich Ihnen für etwas noch Höheres und Größeres zu danken, für Ihre Liebe und Freundschaft, die im edelsten Sinne des Worts uneigennützig zu nennen ist, weil Sie so sehr viel, viel mehr geben als empfangen. Das Beste, was ich meinerseits in die Wage zu legen habe, um sie zu verdienen, ist meine Liebe für Ihre künstlerischen Erzeugnisse so wie für die Kunst überhaupt, eine Liebe, mit der ich mir bewußt bin, es recht ernst und wahrhaft zu meinen. Und weil in diesem Ernst und dieser Wahrhaftigkeit eine so große und reiche Fülle des Genußes liegt, ist es mir so räthselhaft, daß die allermeisten Menschen, die sich überhaupt darum bekümmern, es auf eine so vorübergehende, leichtsinnige und mattherzige Weise thun, daß sie nichts fühlen, weder von den Geburtswehen des Ringens nach Verständniß, noch von der reinen Freude des Gefundenhabens und dem Genuße, der aus diesem Durchdrungenseyn des Kunstwerks vom Verständniß entspringt. Zuweilen ist es mir, als ob mich von den meisten Menschen nichts so sehr trennte als dieses; nicht ihre Mißverständnisse, denn ich fühle, wie sehr auch ich diesen unterworfen bin, sondern ihr Mangel an diesem Ernste, da ihnen die Kunst wenig mehr ist, als eine ziemlich gleichgültige Zuthat zum Leben, gut genug, ein paar müßige Stunden etwas leidlicher hinzubringen, als in ihrer gewöhnlichen langen Weile. Und diejenigen, die in unseren Tagen über die Kunstphilosophie grübeln? Soll man denn nicht schließen dürfen, daß auch sie zu den Kunstgenüßen den heiligen Ernst, der die Weihe macht, gar nicht mitbringen, weil sie so Verkehrtes herausgrübeln?

Ich war gestern bei Schlegel, um ihm das von Fr. v. Buttlar Mitgegebene selbst zu überbringen. Er hatte Ihre Vogelscheuche gelesen, und war voll von Entzücken über die herrlichen Späße und Einfälle. Weniger wollten ihm die Elfenscenen behagen, ja auch im Camoens setzt er den Scherz über den Ernst. Da er über alle diese Dinge ausführlicher war, als je, so wollte ich es versuchen, mit ihm ein Mal in eine Erörterung einzugehen, aber was er sagte — soll ich sagen, es lag mir auf einem fremden Boden, oder es kam mir gering vor? Fast wie ein Kritiker aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. Und doch findet er es so herrlich, daß Sie von dem wiederauferstandenen Nicolai reden. Hier ist aber auch ein Stückchen von dem seligen Manne. Der Theil von Schlegel, welcher einst mit Horaz, Boileau und anderen Helden der Correctheit seinen Spott getrieben, ist verraucht und verflogen, der übrig gebliebene hat es immer heimlich und halb unbewußt mit ihnen gehalten, und nun kommen diese Geister in seinem Alter über ihn und rächen sich für die ihnen früher angethane Schmach, indem sie sich seiner ganz bemeistern, und er, wiederum unbewußt, ihnen huldigen muß, obschon die Form eine etwas andere ist. Aber sind nicht die Principien ganz ähnlich denen jener Schule, wenn man um ein Urtheil über ein Kunstwerk zu rechtfertigen, nichts vorzubringen weiß, als einzelne Flecken, Unrichtigkeiten, Verstöße gegen Costüme u. s. w.? Wo die Streitpuncte so sehr in der äußern Schale liegen, verlohnt es sich nicht der Mühe, über diese lange zu rechten.

Ich habe hier so viele zu erledigende Acten in Prüfungs-Angelegenheiten vorgefunden, und werde den Tag über von Studenten, die darüber beschieden seyn wollen, so überlaufen, daß ich noch nicht absehe, wann ich zur ordentlichen Arbeit kommen werde. Meine Vorlesungen werde ich erst in der künftigen Woche anfangen, und ich sehe voraus, daß ich dieß Mal vor leeren Bänken reden werde. Es ist ein bittres Gefühl, seine Anstrengungen unbelohnt zu sehen. Es heißt freilich: „Such’ er den redlichen Gewinn!“ Wie aber wenn es keinen redlichen giebt? Wenn sich die Menge nur zu den trocknen Verkündern der Brodevangelien drängt, oder zu hohlredenden Charlatans?

Leben Sie wohl, theurer Freund, und erfüllen Sie Ihr Versprechen, mir eigenhändig zu schreiben. Erst dann will ich an Ihre völlige Wiederherstellung glauben und mich daran erfreuen. Der Gräfin meine besten Grüße und vielen Dank für alles treufreundlich Erwiesene. Sie verzeihn nur auch meine häufige Polemik gegen manchen Liebling unter den Meinungen und gegen einen Liebling unter den Menschen. Nochmals leben Sie wohl! Mit herzlicher Liebe

Ihr

Freund

Loebell.