VI.
Düsseldorf, d. 4. Mai 1834.
Sie werden mich für sehr undankbar gehalten haben, theurer Meister, weil ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben, Ihnen nicht meinen Dank sagte für die große Güte, deren ich mich abermals im verwichnen Herbst von Ihnen zu erfreuen hatte. Zum Theil bin ich unschuldig — ich durfte nach meiner Rückkehr erwarten, daß sich hier etwas begeben würde, was ich Ihnen gern mittheilen wollte und harrte darauf Tage, Wochen, Monate lang. Eine Zeit lang bin ich auch krank gewesen und zwar ziemlich ernstlich.
In Berlin lernte ich zwar Ihren Freund Steffens kennen, sah ihn aber für meinen Wunsch zu wenig, wie das in der großen Stadt, wo Jeder nur in seinem Kreise sich bewegt, bei kurzem Aufenthalte zu geschehen pflegt. Das jetzige Treiben dort hat mir wenig gefallen, ich glaube auch kaum, daß es Ihnen behagen würde. Es fehlt durchaus an einem großen durchgreifenden Interesse, sei es für Gegenstände des öffentlichen Lebens, sei es für Kunst und Wissenschaft. Was man jetzt dort Liebe zur bildenden Kunst nennt, ist auch so weit nicht her, wenigstens klagten grade die ersten Künstler, die mir über diesen Punkt ihr Vertrauen schenkten, über Mangel an erwärmenden Begegnungen in dieser Sphäre. Hier, wie in den übrigen ist nichts sichtbar als eine gewiße unruhige Lebendigkeit, eine Beschäftigung mit den Dingen ohne Glauben und Enthusiasmus. Was die sogenannten Dichter und Literatoren betrifft, so sind sie unter aller Kritik; diese Leute halten von sich und von Andern nichts; damit ist ihr Wesen hinreichend bezeichnet.
Der Sinn für Poesie und ein gewißer freierer Literaturgeist könnte sich der Natur der Sache nach nur durch ein bedeutendes Theater, welches sich wunderbare, neue, tiefsinnige Aufgaben stellte, wieder erwecken lassen. Und da ist nun, wie ich glaube, auf zwei Menschenalter hin, methodisch verwüstet worden. Die Berliner Bühne hat keine Fehler mehr, sie ist negativ geworden, sie stagnirt. Ich habe Manches gesehen, was ganz gut gespielt ward, aber Alles war Routine, Dienst, Reglement, und nirgends konnte ich den Funken eines Talents, welches sich auf eigenthümliche Weise Luft machen wollte, erblicken. Einiges, wie Wallenstein und Kaufmann von Venedig war so schlecht und geistlos, daß ich mich schämen würde, es hier so mit meinen Anfängern zu produciren. Im Kaufmann gab Rott den Shylock, von dem er ja wohl damals bei Ihnen sagte, er spiele ihn ganz hoch und ernst, noch mehr als zerkniffnen Schacherjuden, als weiland Devrient.
Dieser Zustand der Dinge ist um so beklagenwerther, als eigentlich die ganze Stadt ein Bedürfniß nach einem guten Theater hat, ohne welches sie ja auch weniger als eine andre existiren kann. Die Häuser sind voll und man nimmt auf Berlinische Weise Theil, selbst an der gegenwärtigen Mittelmässigkeit. Es ließe sich also wohl hoffen, daß wenn die Anstalt die Sache aus dem Gesichtspunkte der gegenwärtigen deutschen Cultur griffe, für eine Reihe von Jahren wieder etwas Beßeres dort entstehen könnte.
Mein hiesiges Theaterproject, dessen Realisirung ich Ihnen eben gern melden wollte, und leider noch nicht melden kann, beruht grade darauf, die Literatur und Poesie wieder mit der Bühne in Verbindung zu setzen. Es ist dieß nicht unmöglich, wenn man die Sache leise anfaßt, und nicht zuviel auf einmal von den Leuten verlangt. Hin und wieder muß man sich auch accommodiren können; wenn man aber das thut, so weiß ich durch selbstgemachte Erfahrungen, daß die Menschen nicht so unempfänglich für Feineres und Tieferes sind, als sie gemacht werden. So werde ich z. B. wenn mein Theater zu Stande kommt, gleich im ersten Winter Ihren Blaubart bringen und bin über den Erfolg ganz ruhig. Ich werde mich aber nach der Lehre des Katers richten, gar nicht thun, als ob dieß etwas Besondres wäre, es mit dem übrigen Repertoir sacht herandringen lassen, und die neue Speise soll genossen seyn, ehe man noch gewußt hat, daß sie zubereitet worden ist.
Bis mir die Wirkung im Ganzen vertraut wird, fahre ich fort, hier im Einzelnen thätig zu seyn. Ich habe nach meinen Ideen Egmont, Nathan, Braut von Messina und Andreas Hofer in die Szene gesetzt, wobei mir Seydelmann aus Stuttgart sehr hülfreich war, der eine Zeitlang hier gastirte. Ich habe Sie nie von ihm sprechen hören; wenn Sie ihn nicht kennen, so thut es mir leid. Mir ist er eine neue und wahrhaft künstlerische Erscheinung gewesen, die durch harmonisches Zusammenwirken von Verstand und Phantasie, Präcision und weise Beschränkung immer etwas höchst Wohlthuendes hat. Sein Carlos in Clavigo ist nach meinem Gefühle ein Meisterstück, wie man nur eins auf der Szene sehn kann. Groß und sonderbar, abweichend von der gewöhnlichen Darstellungsweise, faßt er den Mephistopheles, und in leichten komischen oder historischen Masken ist er unübertrefflich.
Da Ihnen zu meiner großen Freude Hofer in seiner gegenwärtigen Gestalt gefällt, so wird es Sie vielleicht interessiren, wenn ich Ihnen sage, daß das Stück sich auf der Bühne gut ausnimmt, und hier eine vollständige Wirkung hervorgebracht hat. Was am meisten eindrang, war: die Mystification des Herzogs von Danzig im I. Act. Die heroischen Szenen von Hofer im II. Act. Die diplomatische Szene — Die Szene zwischen dem Vicekönig und Hofer. Der Schluß des 4ten Acts und der ganze 5te.
Obgleich dieser Erfolg in einer kleinen Stadt für mich keinen weitern Vortheil haben kann, so hat er mich doch sehr gestärkt und beruhigt. Ich kann nicht bergen, daß ich schon seit Jahren und namentlich seit dem Erscheinen des Alexis einen großen Mißmuth über die völlige Geringschätzung, womit mich die sogenannte reale Bühne bei Seite liegen läßt, empfinde. Hieran reihten sich peinigende Zweifel über meinen Beruf. Ich habe aber nun an der Aufführung des Hofer gesehen, daß es wenigstens meine Schuld nicht ist, wenn meine Sachen nicht gegeben werden.
Wie oft dachte ich der guten Stunden, die ich im Herbst mit Ihnen zubringen durfte und wünschte mir sehnlichst die Wiederkehr auch nur einer derselben! Sind Sie denn jetzt auch recht gesund? Werden Sie in diesem Jahre ins Bad gehn, und wohin? Ich könnte, wenn ich es bei Zeiten erführe, vielleicht auch dorthin auf einige Tage kommen, denn Sie hier in Düsseldorf zu sehn, ist doch wohl nur eine vergebliche Hoffnung. Ihr: „Tod des Dichters“ hat überall, wo ich darüber mit Jemand sprechen konnte, einen schönen Eindruck hervorgebracht. Mit dem gestiefelten Kater gelang es mir, hier eine Gesellschaft von achtzig Personen, vor der ich wieder wie früher, im Winter einige dramatische Gedichte vortrug, in ein unauslöschliches anderthalbstündiges Gelächter zu setzen.
Ich bitte Sie, wenn Sie über Ihre Reise entschieden sind, mir ein Paar Zeilen zu schreiben, oder Fräulein Dorotheen zum Bruch ihres Gelübdes, nie etwas Schriftliches an einen Mann zu erlassen, zu vermögen. Ich sehe Sie dann, wenn es mir irgend möglich ist.
Die Handschrift des neuen Hofer habe ich nicht geschickt, weil er bald gedruckt in den 4 ersten Bänden meiner Schriften erscheint, die ich Ihnen gleich nach deren Erscheinung überreichen werde. Ich wußte doch vorher, daß er dort nicht aufgeführt werden würde.
Gegenwärtig bin ich emsig an meinem Romane: die Epigonen, und hoffe noch im Sommer diese Arbeit zu vollenden. Ich bin seit 11 Jahren damit beschäftigt; ist er also fertig, so wird mir eine große Last abgenommen seyn. — Haben Sie die Güte, Ihrem ganzen Hause, wozu ich auch Frau Solger zähle, mich auf das angelegentlichste zu empfehlen. Mit aufrichtigster Gesinnung
Ihr
treu ergebner
Immermann.