VIII.
Den 23ten April 1835.
Wie ich Ihnen vor einigen Tagen schrieb, benutze ich gegenwärtig die Gelegenheit Ihnen noch einiges Nähere über die Aufführung des Alexis durch Hrn. Weymar mitzutheilen, den ich Ihnen zu gütiger Aufnahme bestens empfehle. Er selbst hat sich in der Rolle des Alexis recht gut aus der Sache gezogen, und das Einzelne, was ich noch hin und wieder in der Auffassung vermißte, würde wohl auch kein anderer Darsteller in dieser schwierigen und verwickelten Rolle gleich bey der ersten Aufführung besser als er geleistet haben.
Die beiden Theile wurden, wie die beyliegenden Zettel besagen, an zwei Abenden hinter einander gegeben. Es war eine gewaltige Arbeit, diese 10 Acte in wenigen Wochen in die Scene zu setzen. Die Hauptschwierigkeit, welche sich bey dem Geschäfte zuerst aufthat, war, daß fast alle Rollen sich als Charakter-Rollen zeigten, und eigentlich keine in der hergebrachten Bühnenweise zu spielen war; eine fernere Schwierigkeit lag in dem Laconismus der Expositionen und historischen Töne, so daß die Schauspieler nun wieder gezwungen waren, von ihrer Gewohnheit abzuweichen und diese Dinge mit einer Präcision vorzutragen, welche sie allein für die Zuschauer deutlich machen konnte. Dies waren die wahren Schwierigkeiten, alle übrigen, welche Direction und Intendanzen aus dem Scenischen hervor gesucht haben, ließen sich bey dem ernsten Angriff der Sache nicht entdecken.
Indessen sind auch jene zu überwinden gewesen. Die Darstellung des ersten Theils hatte noch hin und wieder etwas Unsicheres, Unfertiges, Überladenes, die Aufgabe war für die Vorstellenden noch zu neu, doch ging alles im Ganzen mit Geist, Kraft und Energie vorwärts. Die meiste dramatische Wirkung entwickelte sich in den Bojaren-Scenen des ersten Aufzugs, in den Scenen des Alexis im zweiten Aufzug, in der für undarstellbar ausgegebenen Schiffsscene, in den Bauer-Scenen des 4ten Aufzugs, und in der Schlußscene zwischen Vater und Sohn. Wie ich die Schiffsscene arrangirt, wird Ihnen Hr. Weymar noch näher sagen.
Im zweiten Theile war nun alles zu Hause, und diese Vorstellung rollte mit einer Kraft und Gewalt ab, wie man gewiß selten ein dramatisches Werk produzirt sieht; ich kann sagen, daß ein Jeder darin mit Begeisterung spielte, man mußte diese Vorstellung eine vollendete nennen. Die todte Form, an welcher der lebendige Czar zerbricht, gewann durch charakteristische Darstellung des Tolstoi selbst ein furchtbares Leben.
Die Erscheinung des Gerichts hatte ich so imposant als möglich gemacht, auch hierüber wird Ihnen Hr. Weymar näheres sagen.
Was mir sehr zu statten kam war, daß der Schauspieler, welcher den Czar spielte, ganz in meine Absichten eingegangen war, und wirklich etwas Großes leistete. Der Effect auf die Zuschauer war denn so, daß der erste Theil wie ein Prolog wirkte, sie in Spannung und Aufmerksamkeit erhielt; der zweite Theil aber sie fortriß. In diesem Theile wechselten nur die untrüglichen Zeichen der vollendeten Wirkung ab, nemlich Todtenstille und lebhafter Applaus.
Da ich Ihren Antheil an diesen Sachen kenne, so bin ich so weitläuftig gewesen und fürchte nicht, Sie damit ermüdet zu haben.
Manche trübe Zweifel, welche die Vernachlässigung meiner Arbeiten seitens der sogenannten realen Bühne in mir hervorgebracht hatte, sind durch die Aufführung des Alexis und durch die des Hofer im vorigen Jahre niedergeschlagen worden. Ich weiß nun, daß diese Stücke dem deutschen Theater angehören, und über Kurz oder Lang über dasselbe ihren Gang nehmen müssen, wie sehr man sich auch dagegen sperren mag. (?)
Jetzt bin ich am Blaubart und habe heute die erste Leseprobe davon gehalten, bei welcher Hr. Weymar auch noch zugegen war.
Ich leide an einem Augenübel und muß mich deshalb fremder gütiger Hand bedienen, um mich mit Ihnen unterhalten zu können. Das Verdrieslichste bey diesem Umstand ist mir, daß sich dadurch die Aufführung des Blaubarts vielleicht verzögert.
Ihr Freund Löbell ist hier und hat sich vorgenommen, letztere abzuwarten.
Mit treuer Gesinnung der Ihrige.
Immermann.