XII.
Düsseldorf, d. 8. August 1836.
Der anliegenden Einladung der Gräfin Ahlefeldt für Sie, mein theurer Gönner und Freund, und Gräfin Finkenstein, bei ihr zu wohnen, kann ich meinerseits nur den Wunsch hinzufügen, daß Sie das freundlich gemeinte Erbieten annehmen mögen. Ich freue mich sehr auf Ihr Hierseyn, und um so mehr, wenn mir in der Stille und Ruhe eines Privathauses die Gelegenheit wird, recht ungestört mit Ihnen mich auszusprechen. Schlagen Sie also gütig ein.
Wenn es Ihnen möglich ist, so wäre es sehr gut, Sie kämen etwas früher, als Sie sich vielleicht ursprünglich vorgesetzt haben, und träfen spätestens am 20. d. M. hier ein. Die Gemälde-Ausstellung wird kaum bis zum 24. oder 25. dauern, mehrere Künstler verlaßen den Ort gegen Ende August, um ihre Herbstreisen zu machen, auch Uechtritz und Schnaase wollen fort, der Eine nach Berlin, der Andre nach München. So wäre es leicht möglich, daß Sie das leere Nest fänden, wenn Sie erst in den letzten Tagen des August hier einträfen. Überhaupt müssen die Ressourcen unsres kleinen Orts beisammen seyn, wenn Sie sich hier unterhalten sollen. Kommen Sie aber bis zum 20ten, so kann Alles recht hübsch werden. Sie haben wohl die Güte, mir vorher noch einmal zu schreiben, und den Tag Ihrer Ankunft zu bestimmen?
Den jungen Tischlermeister habe ich gelesen, und mich sehr daran erfreut. Man fühlt, daß darin ein Stück Ihrer glücklichsten Jugend aufbehalten ist, es ist Manches so frisch, wie in den Mährchen des Phantasus. Zugleich ist die Idee, daß der Mensch, um zur Reife der Männlichkeit und der häuslichen Verhältniße zu gelangen, erst noch manche vorbehaltne Jugendsünde und Jugend-Thorheit nachgenießen muß, sehr schön und wahr durchgeführt. Als ich das erste Fragment von Ihnen in Dresden vorlesen hörte, meinte ich, der Baron werde dem jungen Meister in seinem Hause bei der Frau allerhand Leid verursachen, oder zu verursachen suchen, und war einigermaßen überrascht, als der zweite Theil hiervon nichts besagte. Außerordentlich glücklich und fein ist die ganze Führung des Theater-Abenteuers. Ja, dieß ist wirklich die Geschichte aller Theater in Deutschland, oder des deutschen Theaters überhaupt. Erst mißverstandne Versuche vor Puppen und Perücken, dann ein glücklicher Moment, wo Zufall, Begeistrung, Laune und Empfänglichkeit einander die Hände reichen, und gleich darauf der jähe Fall in einen wüsten Spektakel von Crethi und Plethi. Unsre hiesige Bühne steht auch schon hart an der Grenze dieses letzten Stadii, der Einfluß des Pöbels auf das deutsche Theater ist einmal nicht abzuwehren, und ich werde binnen Kurzem nur eben noch für meine Person im Stande seyn, mich von der Sache abzuthun, bevor Hinz und Kunz ihr liebliches Wesen treiben auf den Brettern, die wenigstens mir meine Welt nicht bedeuten, wie sie sind.
Was Sie mir über die Epigonen sagen, hat mich sehr erfreut, da es mir beweist, daß die Production doch einen spezifischen Eindruck auf Sie gemacht hat, der bei jeder Arbeit immer das Hauptsächlichste ist. Daß gerade über eine solche, wie die Epigonen sind, die Meinungen besonders Anfangs differiren, liegt in der Natur der Sache, und so muß ich Ihnen gestehn, daß mir selbst die Eigenschaften, welche Sie hervorheben, nicht so einleuchten wollten als das Charakteristische des Werts. Doch hierüber vielleicht mündlich, wenn Sie Lust haben, mit mir über das Buch zu sprechen.
Wegen Schlegels glaube ich doch ein ganz reines Gewißen zu haben. Solche Scherze sind ja von jeher in der Literatur erlaubt gewesen; blickt aus ihnen keine traurige und feindselige Absicht, schwirren sie, wie hier, rasch ohne lastendes Gewicht vorüber, so kann man dem Urheber wohl nicht den Willen beimeßen, das Große und Gute einer Persönlichkeit zu verunglimpfen, von welchem Willen wenigstens meine Seele, wie ich versichern kann, sehr fern war. Ich empfinde dankbar, was ich mit allen übrigen Deutschen Schlegeln schuldig geworden bin. — Wäre das angefochtne Capitel ohne rechten Grund willkührlich geschrieben worden, so stände die Sache wieder anders. Allein in einem Buche von universeller Tendenz wie die Ep. mußten nothwendig an einem Punkte die Figuren der deutschen Gelehrtenwelt repräsentirt werden, und es hätte ohne jene Gestalt eine bedeutende Nüance in dem Tableau gefehlt, so daß ich daher nicht nur sage, sondern auch davon überzeugt bin, daß dieß, wie es zu stehen gekommen ist, mit Nothwendigkeit aus der Öconomie des Ganzen hervorging[5].
Die Schlegels haben zu ihrer Zeit Niemand geschont; ihre Scherze ergingen sich frei an Voß, Niebuhr und Schiller, die doch gewiß auch ihre bedeutenden Verdienste hatten; warum es einem Späteren verargen, wenn eine scherzhafte Nemesis durch ihn redet?
Doch genug hievon. Es lag mir daran, mich bei Ihnen zu rechtfertigen, und das war mit zwei Worten nicht wohl abzuthun. Ich bitte um meine gehorsamste Empfehlung an Frau Gräfin v. Finkenstein, und sehe mit Ungeduld dem Augenblicke entgegen, wo es mir vergönnt seyn wird, in Ihr liebes Antlitz zu schauen. Treuergeben
Ihr
Immermann.