XVIII.
Potsdam, 10. Mai 1848.
Wenn ich Ihnen, mein theurer, verehrtester Freund und College so spät auf Ihre freundlichen Zeilen antworte, so ist es nur weil ich erst gestern Abend von Illaire die sichere Nachricht empfangen habe, daß der so vielbegabte, sprachgelehrte L. wirklich den erbetenen Geldvorschuß vom König erhalten wird. Das Gelingen, so elend klein auch die Summe noch ist, war wie ein Wunder, da seit dem Erd- und Staatsbeben vom 18ten Merz im Geh. Cab. alles abgeschlagen wird und der Minister keiner die Schwachheit hat zu glauben daß Kunst und Wissenschaft etwas noch die constitutionelle Monarchie veredelndes haben. In einem eigenen schriftlichen Berichte über L. hatte ich mich neben Grimm und dem hier heilig glänzenden Namen Beckedorf ganz besonders auf Ihre Gunst gestützt, auch wieder aus Joh. Damascenus etwas vorgelesen. Ich sage etwas, denn außer der nüchternen neuen Staatszeitung und den langweiligen meerumflossenen Schleswiger Berichten (parturiunt montes!) ist in dem zahlreichen Familienkreise, in dem allbewohnten Cellulargebäude, das man das Schloß nennt, an eigentliches litterarisches Vorlesen nicht zu denken! Über Sich Selbst mein theurer Freund, und die Gesinnungen, die für Sie hier herrschen, müssen Sie nicht irren. Ihr Name wird bei König und Königin immer mit Zärtlichkeit genannt. Wie die Wohnungsangelegenheit durch Andere behandelt worden ist, weiß ich leider! nicht, aber bei König und Königin habe ich ununterbrochen die freundlichsten Äußerungen über Sie vernommen. Der König, den ich nach dem unbeantworteten Gedichte zum Geburtstag befragt, war tief betrübt darüber: er ist aber wirklich ohne Schuld, weder er, noch die Königin, noch Illaire haben je das Gedicht gesehen. Alle antworten: wie können Sie voraussezen, „man würde sich nicht eines Gedichtes von Ludwig Tieck erinnern?“ Wer, theurer Freund, soll es übergeben haben? Schicken Sie mir ja eine Abschrift davon für die Königin: sie legt großen Werth darauf, auch der König, dessen heiterste, sorgenlose Liebenswürdigkeit dieselbe geblieben ist. Wie — — — (?) elende Wahlen! auch unser Friedrich Raumer nicht! Dazu das erbliche Kunstwerk von Dahlmann und den 50 Dilettanten in Frankfurth, die unberufen den Bundestag regieren und Preußen mediatisiren! Könnten Sie denn nicht einmal hier bei dem Könige speisen? Es würde große Freude machen. Man wagt es nicht, Sie einzuladen, in der Furcht die ich auch theile, Ihnen zu schaden.
Mit alter Liebe und Verehrung
Ihr
A. v. Humboldt.
Meine Gesundheit ist nur erträglich, aber ich habe mich eifrigst in die Arbeit geworfen. Kosmos Th. III. und eine neue (3te) sehr vermehrte Auflage der Ansichten der Natur. Ich möchte auch als Arbeiter Geld gewinnen, da uns noch einige unsanfte Blutungen bevorstehen mögen.