II.

Dresden, den 25. Decbr. 1843.

Verehrtester!

Ihr so wohlwollender Brief vom 31. d. M. hat mir wahrhafte Beruhigung zugeführt, weil ich fortdauernd in großer Sorge stand, meine Auswahl bei der Sammlung der Launschen Schriften wäre nicht nach Ihrem Wunsche ausgefallen. Mein Vorsaz ist, eher etwas zu viel von meinen Werken wegzulassen, als aufzunehmen, freilich aber fehlt, leider, grade dem Verfasser mitunter das Urtheil, das rechte, über Manches, es kann daher wohl vorkommen, daß er im Weglassen und Aufnehmen mitunter Misgriffe begeht.

Der mitfolgende 5te Band empfiehlt sich Ihrer freundschaftlichen Nachsicht. Die beiden lezten Novellen darin erscheinen zum ersten Male gedruckt.

Große Freude hat mir die durch Ihren Brief bestätigte glänzende Aufnahme der Aufführung des Sommernachtstraums, nach Ihrer Anordnung gemacht. Bereits im vorigen Jahre enthielt das Morgenblatt eine Lokalnotiz von mir, in der ich über das Projekt meine Meinung äußerte. Da Ihnen das Blatt schwerlich zu Gesicht gelangte, so erlaube ich mir solches mit der Bitte beizulegen, es mir künftig wieder zugehen zu lassen. Die Antigone hat schon, wie es scheint, eine entschiedene Anregung bei den größeren Bühnen Deutschlands gegeben. Es läßt sich daher etwas Gleiches vom Sommernachtstraum desto eher hoffen, da Shakespeare dem Sinne des Publikums doch weit näher liegt, als die griechischen Tragiker.

Vor Kurzem stand in den Blättern für literar. Unterhaltung und zwar in den Nummern vom 9. bis 12. des jetzigen Monats ein Aufsaz von mir unter dem Titel: Poesie und Prosa. Unter anderm bemerkte ich darin, daß so tief auch der 2te Theil von Goethe’s Faust unter dem 1sten stehe, doch von Denjenigen unserer Dichter, die sich die Männer der Gegenwart nennen, kein einziger im Stande seyn würde, einen solchen zweiten Theil zu produciren. Sollte Ihnen zufällig die kleine Ausarbeitung in die Hände gerathen seyn, die hauptsächlich über die Unrichtigkeit, die Worte: Poesie und Prosa als Kontraste zu behandeln, sich ausläßt, so würde es mir die größte Genugthuung gewähren, wenn ich gelegentlich erführe, daß meine darin eröffneten Ansichten, wenigstens in der Hauptsache mit den Ihrigen übereinstimmten.

Meine gute Frau trägt mir auf, Ihnen den aufrichtigsten Dank für die gütige Erinnerung an sie abzustatten. Der mehrjährige Gebrauch des Karlsbades ist ihrer früher sehr mangelhaften Gesundheit sehr zu statten gekommen. Sie nimmt mit mir den lebendigsten Antheil an Ihrem Wohlseyn und an dem so glücklichen Erfolge der Augenoperation der Frau Gräfin von Finkenstein.

Mit der treuesten, innigsten Verehrung

Der Ihrige

Schulze.


Schwab, Gustav Benjamin.

Geb. zu Stuttgart 1798, gestorb. daselbst am 4. Nov. 1850.

Wenn seine ihm eigenste poetische Richtung zugleich eine religiöse war und sich in weltliches Treiben nicht verlor, so hielt ihn doch andrerseits die kirchliche Amtsstellung, die er im Staate einnahm, keinesweges ab, sich mit regem Sinne, mit unbegrenzter Theilnahme nach allen Seiten hin zu wenden, wo frisches Talent, ursprüngliche Begabung ihm entgegentrat, und kein Mensch ist weiter davon entfernt gewesen als er, engherzig zu verlangen, daß „allen Bäumen eine Rinde wachse!“ Wer irgend welche litterarische Beziehung zu ihm gehabt und dabei Gelegenheit gefunden hat ihn kennen zu lernen, der wird ihn freudig wieder erkennen und begrüßen in nachstehendem Briefe!

Als epischer und lyrischer Dichter blühend und fruchtbar von den Knabenjahren an bis in’s reife Mannesalter, hat er eine reiche Auswahl schöner Gaben hinterlassen, deren viele im Geist und Gemüth seines Volkes fortleben, um nie zu sterben. Und wenn er dadurch seinen Nachruhm sicherte, ist er doch immer auch thätig gewesen, sei’s durch gelehrte und sinnvoll-geordnete Anthologieen, sei’s durch meisterhafte Uebertragungen, sei’s endlich durch Redaktion, Herausgabe und Lebensbeschreibung verstorbener Dichter, deren Nachruhm zu vermehren. Sagen des klassischen Alterthums — Lamartine’s — Barthelemy’s Poesieen — Paul Fleming’s auserlesene Gedichte — Geistliche Legenden — W. Hauffs sämmtliche Werke — Wilh. Müllers vermischte Schriften (siehe diesen Brief!) — Schillers Leben — der deutsche Musenalmanach (mit Chamisso) — das sind nur einige obenhin herausgegriffene Belege für die vielseitige Thatkraft eines im ernsten Amte gewissenhaften Arbeiters, der nebenbei — zur Erholung von der Berufspflicht — eine ganze Bibliothek werthvoller Bücher schrieb, sammelte, kritisch beleuchtete und den duftigen Flor eigener Dichtungen in stetem Wachsthum hielt!

Stuttgart, den 28. Jan. 1829.

Hochverehrter Mann!

Das Herz in beide Hände nehmend benütze ich endlich die Erlaubniß, welche Sie mir ertheilt haben, mich schriftlich an Sie zu wenden, ohne weiter auf Worte zu studieren. Kommt es linkisch heraus, so schreiben Sie es auf Rechnung der Scheu, die uns hohen Geistern gegenüber geradeso und mit mehr Recht ergreift, wie gegenüber von hohen Personen.

Ich habe die Sammlung des seel. Wilhelm Müller, die nach dem Wunsche des Verlegers, Brockhaus, dem sich die Wittwe gefügt hat, nur aus seinen „vermischten Schriften,“ nicht aus den sämmtlichen Werken bestehen soll, seit den Herbstferien in Ordnung gebracht und das neu geordnete Manuscript, wenn man lauter Gedrucktes so nennen kann, dem Verleger zugeschickt. Der Druck wird aber nicht sobald beginnen, daß ich nicht noch von allen Fingerzeigen, die Ihre gütige Theilnahme mir zukommen lassen wollte, Gebrauch machen könnte, und so vergönnen Sie mir, daß ich Ihnen im Allgemeinen kurz meine Verfahrungsweise andeute.

Das Ganze ist vorläufig auf fünf Bände berechnet. Die Poesieen habe ich in die zwei ersten Bände vertheilt, nach ihrer innern Verwandtschaft, nicht nach ihrer bisherigen Eintheilung. Denn ich gestehe es, jene Verkappungen so vieler, besonders norddeutscher, Dichter, sind mir in der Seele zuwider. Wozu „Lieder eines reisenden Waldhornisten,“ wozu „Lyrische und epigrammatische Spaziergänge.“ Vielleicht konnte bei einem Theile des Publicums dadurch beim ersten Erscheinen jener Gedichte die Aufmerksamkeit rege gemacht werden, und Müller mußte um des Verlegers willen sich jenes Kunstgriffs bedienen; an sich sind gewiß solche Verkleidungen unsrem Jahrhunderte fremd; sie gehören der fruchtbringenden Gesellschaft und ihrem Zeitalter, wo der geachtete Honoratior seinen Titel zu vermehren glaubte, wenn er sich mit Poesie befaßte und denselben gegen irgend einen Schäfers- oder andern Kittel vertauschen zu müssen glaubte. So urtheilte ich, und stellte daher unter dem allgemeinen Titel lyrischer Gedichte die Reiselieder, die Wanderlieder, die ländlichen Lieder aus den bisherigen verschiedenen Sammlungen zusammen, ließ darauf die vermischten Gedichte, die Anklänge aus dem Italienischen und Neugriechischen und die Epigramme folgen. Die Griechenlieder sollen nach dem ausdrücklichen Wunsche der Wittwe den Schluß der sämmtlichen Gedichte bilden. Durch diese neue Eintheilung fallen die Dedicationen der verschiedenen früheren Sammlungen im Contexte weg, aber sie müssen in der Vorrede aufbewahrt werden; die Nachwelt soll wissen, daß der frühverewigte Sänger sich Tiecks und Webers Freundschaft zu erfreuen hatte.

Den dritten Band würden die zwei Novellen nebst der Schilderung Lord Byrons und einige andre prosaischen Aufsätze füllen; den vierten und fünften Band das Bessere von den zahlreichen Critiken Müllers aus dem Hermes, der Haller Lit. Zeitung und dem Convers. Blatte; namentlich seine Urtheile über Uhland, Kerner, Rückert, Platen u. a. über Einzelnes von Byron, Scott, Cooper, Lamartine, Delavigne u. a. Erscheinungen der auswärtigen Literatur, endlich Fragmente über Dichtung und Schriftsteller des In- und Auslandes aus flüchtigeren Beurtheilungen, die wegen ihres Gegenstandes, theils wegen ihres eigenen Gehaltes einen vollständigen Abdruck nicht verdienen.

Dem Ganzen soll eine Biographie und eine Beurtheilung von Müllers Poesie aus meiner Feder vorangestellt werden. Diese aber, namentlich die letztere, kann und mag ich nicht unternehmen, ohne mir vorher Ihr Urtheil, innig verehrter Meister, und wäre es nur mit wenigen Zeilen, ausgebeten zu haben. Ich hatte früher meine Ansichten über Müllers Dichtungen, bald nach seinem Tode in einem Aufsatz in den Blättern für literar. Unterhaltung zusammengefaßt; ich glaubte den Griechenliedern vor allem den Vorzug geben zu müssen. Nun machte es mich aber gleich aufmerksam, als mein seel. Freund mir sagte, daß Sie auf die Griechenlieder weniger hielten, als auf seine andern Gedichte, und als Sie mir, an dem mir unvergeßlichen Abend, der Sie in meinen vier Mauern sah, dasselbe sagten, wurde ich an meinem bisherigen Urtheile ganz irre. Dieses gründete sich hauptsächlich auf das Gefühl, das mich anwandelte, so oft ich die meisten andern Gedichte Müllers las, und das mich immer ein wenig an ihrer eigentlichen Originalität, an ihrem unmittelbaren Ursprung aus Müllers Phantasie und Gemüth zweifeln ließ; ich glaubte den einen gar zu merklich anzuspüren, daß sie bald in Goethe’s, bald in Ihren, bald in Uhland’s Ton hineingearbeitet waren, daß er auf fremden Melodieen, wenn ich so sagen darf, fortsang; die andern waren fühlbar auf den anhaltenden Umgang mit den Lyrikern des siebzehnten Jahrhunderts begründet, und die Epigramme, deren Muster mir ferne stand, und die mich daher als eigenthümlich besonders anzogen, fand ich kürzlich in Logau, den ich seit 1815 nicht mehr angesehen hatte, zu meinem Erstaunen vorgebildet. Damit soll der Werth aller dieser Gedichte keineswegs herabgesetzt seyn; die große Leichtigkeit, mit welcher sich Müller in alle diese Formen fand, die Objectivität, mit der er sich noch im Mannesalter in alle möglichen lyrischen Subjectivitäten hineinfinden konnte, und der fast immer anmuthige Witz, der sich mir nur zuweilen ins widerlich Spielende zu verirren schien, blieben mir bewundernswürdig. Aber doch, meinte ich, seyen seine Griechenlieder auf einem andern Boden, aus einer wirklich subjectiven Begeisterung erwachsen, und er habe sich hier eine Form geschaffen, habe einen Ton angestimmt, zu dem ich das Vorbild nirgends zu finden wüßte. Als ich seine ersten Griechenlieder las, rüttelte es mich im Geiste, wie wenn ich etwas neues, ächtes, „recens, indictum ore alio“ um mit Horaz zu sprechen, las, und ich wurde voll Bewunderung und wieder kleinmüthig und betrübt, weil ich fühlte, daß ich so etwas nicht vermöchte. Kurz es wurde mir zu Muth, wie jedesmal wenn mir etwas Rechtes unter die Augen kommt. Von seinen andern Liedern könnte ich nur bei drei oder vieren dasselbe sagen. Die andern konnte ich schön finden, aber sie demüthigten mich nicht, wie mich Göthe, Novalis, Tieck, Uhland demüthigt. — Ich weiß nicht, was ich da schreibe, und ob es nicht anmaßend herauskommt, einen Dichter, wie Sie, mit meinen Ansichten und Urtheilen zu unterhalten, aber ich möchte mich über das, was ich von Müller gesagt hatte und noch sagen wollte, gegenüber von dem rechtfertigen, bei dem ich Rath und Berichtigung meiner Gefühle, die mir selbst nur halbverständlich sind, suche. — In die Länge ermüdete freilich auch die Monotonie der Griechenlieder, wie es mir überhaupt däucht, daß Müller gar zu lang bei Einem Ton verweilte und am Ende ins Machen hineinkam, statt ins Dichten. — Wenn ich mich recht erinnere, so führten Sie mir als einen Vorwurf gegen die Griechenlieder an, daß so manche darin besungene Helden von der Geschichte uns bald in einem ganz anderen Lichte gezeigt worden, und daß dieß einen sehr unangenehmen Eindruck mache. Aber sollte das der innern Vollendung dieser Lieder schaden können? und sollte dieser Vorwurf nicht jeden Volksgesang treffen? und sollte in späterer Zeit nicht das Phantastische dieser Gestalten über ihr Geschichtliches in dem Eindrucke, den Poesieen, die von ihnen handeln, machen werden, siegen? Zumal da ihr historisches selbst immer mager und dunkel bleiben wird?

Doch es ist Zeit meinem ausführlichen Geschwätz, das nur einem Herausgeber Müllers verziehen werden kann, ein Ende zu machen.

Mein junger Freund Dr. Adolph Schöll kann mir in seinen Briefen aus Dresden und Göttingen nicht genug rühmen, wie gütig er von Ihnen aufgenommen worden und welchen Eindruck Ihre Gespräche auf ihn gemacht haben. Möchte es mir doch so gut werden, auch Stunden lang über alle poetische Anliegen meiner Seele mich mit Ihnen unterhalten und aus Ihrem Munde belehren zu dürfen. Ich habe es gewagt, den ersten Band meiner Gedichte durch Schöll in Ihre Hände zu legen. Ich übergab sie ihm in einem sehr muthlosen Augenblicke; sie waren mir durch das Wiederkäuen in der Druckrevision recht zum Ekel geworden, und es ist mir manchmal, als ob gar nichts an allen miteinander wäre, lauter nachgemachtes Zeug, wovon nichts mich überleben werde. Wenn ich sie dann Monate lang bei Seite gestellt und endlich wieder ansehe, fasse ich wieder zu einigen ein Herz, und meine, dieß und jenes habe doch seine Persönlichkeit und eine Vitalität in sich. Unter diese letztern rechne ich die kleine beiliegende Romanze, die ich seit Mitte Juli’s im Kopf herumgetragen, und die endlich in den Christfeiertagen eine Gestalt gewonnen. Ich meine solche Darstellung einzelner Momente rein menschlichen Gefühls gerathen mir am Besten. Alles Phantastische muß ich ferne von mir halten, weil es mir dazu an innern Mitteln gebricht. Ich bin noch nicht 40 J. alt, könnte also, trotz eines vielbeschäftigten, prosaischen Lebens doch noch etwas produciren. Hielten Sie mich wohl eines Fingerzeigs werth, verehrter Meister?

Wir haben diesen Winter Ihren Alten vom Berge und Ihr Fest von Kenelworth gelesen und uns innig daran erquickt. Am wohlsten wird mir bei Ihren Erzählungen da, wo die gemeine Critik darüber als unnatürlich und unwahrscheinlich zu schimpfen anfängt, d. h. wo die gewohnten Formen, mit welchen Sie das Publicum beschwichtigen, mit einemmal aufhören und die lautre Poesie, derselben spottend, ungehemmt hervorsprudelt; wo der zahme Bach auf einmal zum Wasserfall wird und seinen Weg durch Wald und Felsen nimmt, wie in Ihren alten, herrlichen Dichtungen, in welchen ich mich vor 18 Jahren unter der schönen, hohen Lindenallee bei Tübingen als Student zum erstenmal berauschte.

Während ich diesen Brief schreibe, lese ich von dem schmerzlichen Schlage, der Sie durch den Tod Ihres Freundes, Friedrich Schlegel, in Ihrer unmittelbaren Nähe betroffen. Wenn meine Zeilen nicht eine ziemliche Zeit brauchten, bis sie zu Ihnen nach Dresden gelangen, so würde ich sie nicht abschicken; denn unmittelbar nach einer solchen Verwundung muß das Geschreibe eines Dritten unerträglich zu lesen seyn. So aber vertraue ich auf die Langsamkeit der Buchhändlergelegenheit, der ich diesen Brief übergebe. Meine liebe Frau ruft sich Ihnen und mit mir Ihren verehrten Reisebegleiterinnen ins Gedächtniß zurück. Jener Abend in unsern dumpfigen Stuben kann freilich keine angenehme Erinnerung für Sie alle seyn. Wir aber denken mit Stolz und Wonne an Ihre Erscheinung zurück.

Genehmigen Sie den Ausdruck der innigen Verehrung von Ihrem für die höchsten Genüsse ewig dankbaren

G. Schwab.

Das Morgenblatt hofft sehnlich auf Ihre Beiträge.


Seckendorf, Gustav Freiherr von.

Geb. zu Meuselwitz bei Altenburg am 20. November 1775, gestorben in Amerika 1823.

Otto III., Tragödie (1805.) — Orsina, 1816. — Vorlesungen über Deklamation und Mimik, 2 Bde. (1816.) — &c. Redigirte auch die Zeitschrift Prometheus.

Unter seinem Autornamen Patrik Peale zeigte er sich auf verschiedenen Theatern als plastisch-mimischer Künstler, und schlug sich als Docent, Musikdirector, Musiklehrer, Schriftsteller durch Deutschland und Amerika, ohne einen sichern Aufenthalt zu finden, vor dem allersichersten im Grabe. In wie fern das Mißlingen all’ seiner verschiedenen Unternehmungen von äußerlichem Unglück verursacht wurde? in wie fern es aus ihm selbst hervorging? wer wagt darüber zu entscheiden? Nicht abgeleugnet kann werden, daß er die Aufmerksamkeit vorzüglicher Männer zu erregen im Stande gewesen.

Solger schreibt an Friedrich v. Raumer: „der Mann hat mir bei einem Besuche einige Beispiele von seinem Talent und einer wirklich seltenen Macht über sein Gesicht gegeben: so z.B. drückte er mit der linken Seite des Gesichts den tiefsten Schmerz aus, so daß er sogar mit dem linken Auge weinte, während die rechte Seite ganz unverändert blieb.“

Das schmeckt nun freilich mehr nach Kunststücken, als nach Kunst.

Wien, 1. Dec. 1808.

Noch kann ich mich über Ihre schnelle, gar nicht vermuthete Abreise nicht zufrieden geben, in einem Augenblick, wo ich mir soviel von Ihrer Unterstützung versprochen hatte, wo es leichter, als zu irgend einem andern Zeitpunkt war, einen bedeutenden Einfluß auf die hiesigen Theater sich zu sichern, und vereint auf ein schönes Ziel hinzuwirken. Sie werden mir freilich einwenden, daß diese meine Ideen vielleicht ganz außer Ihrem Gesichtskreise lagen, mit Ihrer Neigung unvereinbarlich waren — allein vergeben Sie mir, wenn ich keine Kraft erblicke, ohne ihr zugleich in Gedanken ein bestimmtes Ziel anzuweisen, wenn ich gern alles Edle und Schöne um mich vereinigen möchte, um so vereint, eine bleibende Stätte für die Kunst zu gründen. Und hier scheint mir durch die Entziehung Ihrer persönlichen Gegenwart ein großes Hinderniß entstanden. Nennen Sie es immerhin Träume, wenn ich mir Sie an der Spize der hiesigen Theaterwelt, und mich als Ihren Gehülfen dabei dachte. In Ihrer Persönlichkeit lagen alle Mittel dazu, und was nun vielleicht auf Umwegen durch jahrelange Bemühungen nicht erreicht werden kann — das hätte Ihre Gegenwart, mit diesem Sinn das Gute überall anzuerkennen, und an seinen Plaz zu stellen, mit dieser poetischen Schöpfungskraft — und nicht zu vergessen die jezige Verlegenheit der Direktion, welche zwischen zwei Stühlen, Hartel und Iffland, sitzt, möglich gemacht. Dieser Augenblick kehrt vielleicht nie zurück — nie die Möglichkeit eines entschiedenen Einflusses auf Hartel durch seine Verwandte, wovon ich selbst nichts wußte — denn er geht nun in 4 Wochen vom Theater ab. Iffland kommt auch nicht, folglich wird — — Sonnleithner oder gar etwas ärgers das Factotum werden. Nun sind das alles fromme Wünsche. Ich werde wohl nicht nachlassen, aber ich habe auch nur den guten Willen, mit den Menschen vermag ich nichts anzufangen. Auch hat mir meine erste Verbindung mit Stoll zu viel geschadet.

Dagegen scheint es nun mit der Fortsezung des Prometheus Ernst zu werden. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, ist als wahrscheinlich mit Cotta entschieden. Er ist nicht abgeneigt, und ich habe billige Bedingungen gemacht, und hoffe jezt seine günstige Definitiventscheidung. Auf diesen Fall rechne ich bestimmt auf Ihre Mitwirkung, und so schnell es sein kann, auf die Uebersicht der hiesigen Theater, wozu Sie mir Hoffnung gemacht haben. Diese ist ganz dazu geeignet das hiesige Publikum günstig für die Zeitschrift zu stimmen. In der Folge hoffe ich auch auf den Aufsatz über das teutsche Theater überhaupt, und über Fleck. Ich erwarte Ihre Bedingungen, bitte Sie aber, mir Ihre Abreise von München, und Ihren künftigen Aufenthalt sogleich wissen zu lassen. — Schlegel läßt Sie herzlich grüßen. Knorring und (? unlesbar) machen noch immer keine Anstalt zur Abfahrt. Der jüngere Collin geht in 14 Tagen nach Krakau, als Professor der Aesthethik. — Empfehlen Sie mich Mad. Bernhardi und gedenken meiner zuweilen in Ehren.

Seckendorf.

(Vordre Schenkenstraße No. 23.)


Seidel, Max Johann.

Es kann Einer ein sehr guter, naturwahrer, allbeliebter Komiker, und braucht deshalb eben kein Musterbriefsteller zu sein. Daß Herr Seidel Ersteres gewesen, wissen alle älteren Weimaraner, so wie sämmtliche Besucher Ilm-Athens, die den lustigen Mann auf der Bühne gesehen. Daß er letzteres nicht gewesen, geht aus diesem Briefe hervor, den wir deshalb doch nicht weglassen wollen; denn er schildert einen wichtigen Tag aus Goethe’s Leben treuherzig und unbefangen. Die Bezeichnung „biederer Greis,“ die S. auf Goethe anwendet, erinnert uns an einen andern Schauspieler, der zur Jahres-Feier der Schlacht bei Belle-Alliance einen Prolog zu sprechen und in diesem von dem Einzuge in Frankreichs Hauptstadt zu reden hatte, das richtige Beiwort vergaß, und voll Verlegenheit sagte:

„Wir aber folgen Dir, das ist gewiß,

Und grüßen Dich im traulichen Paris.“

Auf Goethe hätte sich wohl ein umfassenderes Epitheton finden lassen als grade „bieder“. Und dennoch hat dieses, in dieser Ideenfolge, etwas eigenthümlich Hübsches, denn es giebt den Eindruck deutlich wieder, den der alte Herr durch sein schlicht-patriarchalisches Benehmen, während jener festlichen Momente, auf die Umgebungen ausgeübt. Goethe ließ sich durch die Huldigung, die König Ludwig ihm hochherzig darbot, nicht aus dem Geleise bringen.

Weimar, den 31ten Aug. 1827.

Verehrtester Herr Hofrath!

Nehmen Sie dieses Schreiben als einen Beweis, daß die, zwar kurzen Augenblicke, wo meine Frau und ich das Vergnügen hatten, Ihre persönliche Bekanntschaft in Teplitz zu machen, uns unvergeßlich sind, und daß wir uns oft und mit Freuden daran erinnern. Diese Zeilen sollen dazu dienen, die mir so werthe Bekanntschaft zu erneuern, denn, daß Sie meine Kühnheit, an Sie zu schreiben, nicht übel deuten werden, bin ich überzeugt, aber wäre ich es doch auch davon, daß das, was ich schreibe, für Sie Interesse hätte. Ich will es versuchen; vielleicht gewährt Ihnen eine kleine Erzählung von Goethe’s Geburtstagsfeier, da ich Augen- und Ohrenzeuge war, einiges Vergnügen.

Daß Göthe’s Geburtstag, den 28t. August, von seinen Freunden und Verehrern alle Jahre laut gefeiert wird, ist Ihnen sicherlich bekannt; jedoch vernehmen Sie, verehrtester Herr, welche freudige Ueberraschung ihm, dem biedern Greise (!) zu Theil wurde.

Den 27t. August Abends kam hier ein Fremder mit Extra-Post im Gasthofe zum Erbprinzen an, und läßt sich bei unserem Großherzog unter dem Titel und Namen des Ober-Stallmeister von Keßling am königl. bairischen Hofe, anmelden, mit dem Zusatze: früh acht Uhr sich bei Sr. kgl. Hoheit dem Großherzog vorzustellen; allein, noch ehe die Uhr halb 8 geschlagen, fährt unser Großherzog an dem Gasthofe zum Erbprinzen vor, und macht seine Aufwartung dem — Könige von Baiern, welcher incognito hier ankam, um Göthe an seinem Geburtstage zu überraschen, Glück zu wünschen und ihn persönlich kennen zu lernen.

Gegen 11 Uhr Mittags fuhren Sr. Maj. der König und unser Serenissimus, der Großherzog, bei Göthe’n vor.

Göthe war den Tag besonders gut gelaunt, er war froh und heiter und wie verjüngt erschien er der Gesellschaft, die sehr zahlreich war, denn, er nahm alle Besuche an, sprach mit jedem und freute sich der vielen Theilnahme, die wir an ihm nehmen; da traten der Großherzog und der König ein, schon angemeldet, die Anwesenden traten zurück. Der König ging auf ihn zu, bezeugte durch huldvolle Worte seine Freude, ihm diese Ueberraschung vorbehalten zu haben, und zog aus seiner Rocktasche ein rothes Kästchen hervor, worin der Zivil-Verdienstorden der königl. bairischen Krone, Großkreutz und Stern sich befanden, welches er Göthe’n mit den Worten überreichte: hier (auf Göthe’s Brust deutend), wird sich wohl noch ein Plätzchen finden, wo sie dieses anheften können. Alles bezeugte seine Theilnahme und Freude, Göthe war sehr überrascht, unterhielt sich dann über eine Stunde noch mit den fürstlichen Personen, die sich theilweise auch zu den Anwesenden gewendet hatten. Der König war über alles entzückt, was er sah und hörte und nach 12 Uhr beurlaubten sich die fürstlichen Personen.

Unser guter Fürst, der Großherzog, hat sich wieder sehr erholt, obgleich ihn das Teplitzer Bad sehr angegriffen hatte und er einige Zeit nach der Badekur krank darnieder lag; er hatte bei Göthe die Gnade mich zu bemerken und mit mir und meiner Frau zu sprechen; auch er äußerte seine große Freude über die unvermuthete Ankunft des Königs, doch als derselbe sich als „von Keßling“ anmelden ließen, schlossen Sie gleich, daß es der König sey, welcher meist in der Gesellschaft des „von Keßling“ reist.

Mittags war eine große Gesellschaft, die aus Göthe’s Verehrern bestand, bei einem glänzenden Gastmahle, welches im hiesigen Stadthaussaale gehalten wurde, versammelt, an welcher auch meine Wenigkeit Antheil genommen. Mehrere Gedichte, die wechselsweise gesprochen und gesungen wurden, habe mir die Freiheit genommen Ihnen zu übersenden.

Herr Kanzlar von Müller sprach das Gedicht „zur Weihe des Tafelfestes“ als Einleitungsrede, worauf denn unserm geliebten Fürsten ein 3maliges Lebehoch gebracht wurde. Dieses, so wie No. 2, sind von Herrn Kanzlar von Müller selbst gedichtet, so wie das ganze Arrangement zu voller Zufriedenheit aller Anwesenden von ihm getroffen war.

Herr Kapellmeister Hummel lieferte uns eine vortreffliche Composition, welche eben so vortrefflich ausgeführt wurde. Herr Kammersänger und Oberdirektor Stromeier trug, wie immer, voll Gefühl und klangvoller Stimme die Gesänge vor, eben so Herr Kammersänger Moltke, auch Herr Musikdirektor Eberwein leistete Vortreffliches.

Unter dem Jubelrufe: Auch die Todten sollen leben! von Herrn Geheimen Kammerrath von Göthe (Sohn) ausgebracht, wurde den Manen Wieland’s, Herder’s und Schiller’s ein Lebehoch gebracht. Abends wurde dem König von Baiern zu Ehren Freiball im hiesigen Schießhaussaale gegeben, wobei der König und unser ganze Hof gegenwärtig waren.

Zugleich war der Ball, durch das jezt hier stattfindende Vogelschießen, von vielen Fremden besucht, die sich zu diesem seltenen Vergnügen hier einzufinden pflegen.

Das Theater sollte erst den 3t. September zum Geburtstag des Großherzogs eröffnet werden, mit „der Schnee.“ Zum erstenmal aber auf Verlangen des Königs geschah dies schon den 29t. August mit „die humoristischen Studien“ und „die 7 Mädchen in Uniform;“ beide Piecen gingen vortrefflich.

Gestern reiste der König von hier wieder fort.

Verehrtester Herr Hofrath, daß meine Frau und ich es sehr bedauerten Sie nicht in Dresden getroffen zu haben, werden Sie ganz in der Ordnung finden; denn Ihren Vorlesungen beiwohnen zu können, zähle ich (nur aus dem, was ich davon erzählen hörte) zu dem herrlichsten und größten Kunstgenuß unserer Zeit, und die Eile, mit der ich nach Hause berufen wurde, brachte mich darum; doch wir werden nicht versäumen kommendes Frühjahr oder Sommer Ihnen unsere ergebenste Aufwartung zu machen, und dann zweifle ich nicht an Ihrer Gewogenheit, daß Sie uns durch Ihr so schönes, seltenes Talent Gelegenheit geben werden, Sie einigemal bewundern zu können.

Indem wir uns Ihrem gütigem Wohlwollen bestens empfehlen, unterzeichne ich mich als

Dero ganz ergebenster Diener

Max. Joh. Seidel.

P. S. Ich gebe Ihnen noch eine kleine Anekdote zum Besten, die sich in der sich hier befindenden Menagerie der Herrn van Aken und Martin ereignete, als der König von Baiern selbe besuchte. Der Wärter dieser Thiere, welchen die Gegenwart des Königs verlegen machte, zeigte unter anderm auch den sich dabei befindenden großen Löwen, und sagte: Hier ist Sr. Majestät, der größte jezt lebende König — der Thiere. — Wir alle lachten, doch der König von Baiern schien es nicht gehört zu haben.

Vermuthlich wollte er sagen: Hier Majestät, hier sehen Sie den größten Löwen, der in Deutschland gezeigt wird (welche Rede er zu jedem andern spricht).


Skepsgardh, Otto von.

Das völlig verrückte Buch: „Drei Vorreden. Rosen und Golem-Tieck, eine tragikomische Geschichte, mit einer Vorrede von Friedr. Rückert“ hat trotz seiner wahrhaft niederträchtigen Ausfälle gegen Tieck so wenig Beachtung gefunden, daß wir lange vergeblich nach einem Menschen suchen mußten, der es nur angesehen. Als wir’s denn endlich selbst in Händen hielten, fanden wir’s noch unter der niedrigsten Erwartung. Der Verfasser hat gerade so viel produktives Talent besessen, um sich einzureden, daß er ein Poet sei; aber auch nicht ein Fünkchen mehr. Wo es ihm an Fähigkeit fehlte zu schaffen, da vermeinte er, es fehle den Andern an Fähigkeit ihn zu fassen; an gutem Willen ihn zu fördern. In Tieck, der ihn lange mit freigebiger Hand unterstützte, erblickte er einen Neider. Er sagt in der Vorrede zu jenen „drei Vorreden“ (lauter unsinniges Zeug!) „Tieck verschmähte es sogar nicht, mir zu zeigen, daß er mich fürchte. Gäbe Gott, er bekäme Ursache dazu!“

Was er eine Kritik Rückerts nennt, sind ein Paar Zeilen, die dieser gutmüthig und mitleidig einem Unbekannten, der sich an ihn drängte, über einen ersten Versuch hinwarf — gewiß nicht ahnend, daß der Empfänger die Frechheit haben werde, diese Zeilen vor ein hirnverbranntes opus zu setzen, dessen Schluß die gemeinsten Anschuldigungen wider seinen Wohlthäter enthält. Doch spricht eigentlich aus dem Autor wie aus dessen Buche schon der Wahnsinn. — In diesem soll er denn auch — (denn er ist längst verschollen) — seinem unseligen Dasein ein Ende gemacht haben.

In zwei Punkten ist jedoch Tieck hier abermals anzuklagen. Erstens, wegen der wahrhaft leichtsinnig-gutmüthigen Schwäche, womit er jedem Zudringlichen Ohr, Herz und Hand öffnete, bevor er ihn genauer kannte; zweitens wegen der Saumseligkeit, die er sich dann zu Schulden kommen ließ, wenn er einen solchen Menschen endlich durchschaut hatte, und den nothwendigen Bruch verschob, aus Mangel an Entschluß.

Hätte er dem eitlen Narren sein Manuskript umgehend zurückgeschickt und kurz erklärt, was er davon halte, so könnten die Vorwürfe ihn nicht getroffen haben, die der dritte Brief enthält.