II.

Berlin, am zweiten December 1833.

Sie leben, hochverehrter Mann, jetzt so ganz in und mit uns (und vornehmlich machen Ihre Novellen, welche in dem Kreise, der sich um uns gebildet von der ersten bis zur letzten an uns vorübergehn, um ein dauerndes reiches Eigenthum zu bleiben, einen so schönen Theil unsrer Winterabende aus), daß ich nicht unterlassen kann beifolgendes Buch mit einem schriftlichen Gruße zu begleiten, ganz abgesehen von dem Erfolg. Eine große Freude ist übrigens mir und einem wackeren, Sie durchaus kennenden und erkennenden[7] Freunde, Dr. Theodor Mundt, geworden, und wird uns täglich mehr, nehmlich die Lust des Sieges beßrer Ueberzeugung über manchen hier lebenden der Kunstjünger einer neuen philosophischen Schule, die sich nicht entblödete, Sie, Trefflicher, früher von dem einseitigsten Standpunkte aus anzufeinden, und mit denen, wie hoch ich auch den nunmehr entschlafnen Meister um seines tiefen und großartigen Geistes Willen in der Sphäre des Gedankens ehre, ich in der Kunstansicht mich überhaupt nur selten habe befreunden können. Auch mit meinem trefflichen Oheim in St. Petersburg, einem Manne seltener Natur und von einer Geistes- und Herzensfrische, wie sie wohl nur Wenige in solch enormen Verhältnissen des täglichen Erwerbs sich erhalten haben, bildet nach unserm dießjährigen Sommeraufenthalt eben jetzt das nähere Erkennen Ihrer Werke einen Theil des lebhaften Brief- und Gedankenwechsels.

Doch wohin gerath’ ich? — Ich wollt’ Ihnen ja nur mein jüngstes Kind darbieten mit dem oft gebrauchten aber gewiß niemals inniger empfundnen „nimm es hin!“ —

Und so denn mit dem Gruß wahrhaftester Ergebenheit und dem Wunsche, daß Sie uns, der Nation, recht lange noch mögen erhalten werden, empfiehlt sich einer Ihrer innigsten Verehrer

H. Stieglitz.


Stjernström, Eduard.

Das ist offenbar der schwedische Schauspieler, den Herr von Beskow in seiner Briefe einem erwähnt. Leider haben wir nicht auskundschaften können, wie Tieck den hier kundgegebenen Plan aufgenommen, und was er dem jungen Manne für eine Antwort ertheilt haben mag? Möglicherweise gar keine! Und vielleicht hat die deutsche Bühne dadurch einen Verlust erlitten!

Wenn der verstorbene Jerrmann mit eisernem Willen und Fleiße durchsetzte, auf dem théatre français in einigen Talma’schen Rollen geduldet zu werden; — wenn eine schöne Magyarin binnen etlicher Jahre aus der „ūngarischen“ Schauspielerin sich in eine deutsche umzubilden vermochte; — wenn Bogumil Dawison, der als ein „gebrochenes Deutsch“ redender Pole aus Lemberg nach Berlin kam, in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu einem der ersten Schauspieler unserer Bühne, und was hier noch schwerer ins Gewicht fällt, zu einem der besten Redner in unserer Sprache sich erhob — — — dann seh’ ich doch wirklich nicht ein, weshalb der gute Herr Stjernström nicht hätte prosperiren können? — Weil er unrichtig in deutscher Sprache schreibt etwa? — Ach, lieber Himmel, wer wird das einem Schweden übel nehmen? Es hat vortreffliche Künstler gegeben (und wer weiß ob es ihrer nicht noch giebt?), die ihre eigene Sprache nicht sicherer schrieben, als Stjernström die fremde, und die deshalb doch auf den Brettern ganz tüchtig waren.

Stockholm, den 26. Oktober 1841.

Hochwohlgebohrner Herr Hofraht!

Drei Jahre sind dahin geeilt, seit ich die Ehre und das Glück hatte, Ew. Hochwohlgebohrnen Bekantschaft in Dresden zu machen, in meinen Dankbarem Herzen die schönend Abende bewahrend, die mir durch Ihre Güte und Ihre liebevolle Gastfreiheit zu Theil wurden.

Ich wage jezt Hochwohl. Herr Hofraht eine höchst eigene — vielleicht voreilige Frage, die nur der Kunstrichter dem verzeihen kan, der sich so gerne die Dramatischen Kunst ganz hingeben möchte. — Ich habe schon lange die Deutsche Sprache mit Vorliebe unter der Leitung einer Beschützerin, der Frau Oberstin von Ehrenström, einer Deutschen und eine unserer gebildeter Frauen einer Freundin Tegnér, Beskow, Brinkman m. m. studirt, und habe auf unserer Königlichen Bühne mehrere Rollen in jener Sprache gespielt: Graf Hahn der jüngere in „Der Braut,“ den Direktor in „den Probenrollen,“ und bin auch in verschiedenen klassischen Scenen als „Don Carlos,“ „Mortimer“ aufgetreten, und haben mehrere Deutsche mir gesagt meine Aussprache sei rein und ich könnte als Schwede im Ausland einige Gastrollen versuchen. Nun wünschte ich im nächsten Sommer wieder eine Reise auf den Contenent zu machen, um die grosen Künstler Deutschlands zu studieren und wo möglich in einigen meiner besten Rollen dort auftreten zu können. Da müßte ich junge Fremdling aber auf Ew. Hochwohlgebohren Schutz und Güte rechnen, müßte mich der Ueberzeugung schmeicheln können, von Ihnen geleitet den Muht zu fassen, als „Carlos,“ „Mortimer,“ „Max in Wallenstein,“ „Ferdenand in Kabal und Liebe,“ „Alfred im Zöglinge“ und als der „junge Graf in den beiden Klingsberg“ aufzutreten. Wohl fühle ich meine Schwäche, aber die Seltenheit einen Sohn des Nordens in Deutsche Sprache spielen zu sehen, würde vielleicht mir des Publikums Nachsicht schenken, das ja weiß, daß wir noch weit hinter den Germanen stehen, weil uns leider ein Kunstrichter wie Ludwig Tieck fehlt. — Im Juli monaht bekomme ich meinen Urlaub, und wünschte gehorsamst zu wissen, wo ich Ew. Hochwohl. entweder in Berlin oder in Dresden treffen dürfte, im Fall Sie mich nicht zu vermessen ansehen und meinen Vorschlag mißbilligen, den nur unter Ihrer Gütigen protection kan und will ich es wagen diese Gastreise vorzunehmen — aber wen Sie die Sache nicht für ganz unmöglich halten dann eile ich Ihrem Vaterland entgegen und erbitte mir als Gnade einige Zeilen Ihrer werthen Hand, geleitet durch den Raht eines Kenners, der den Alleinstehenden jungen Künstler nicht verlassen will.

Ich habe in unserer Schwedischen Zeitungen vor einigen Monate gelesen daß Sie Ew. Hochwohlgebohrner einen großen verluhst gehabt durch Ihres Fräulein Tochters unerwarteten Tode; ich beklage es von ganzem Herzen! Das muß für ein Gefühlvolles Herz schwer seyn, die lieben Anverwanten zu verlieren. Ich kann leider über diese Empfindung nicht Beuhrtheilen, den meine Verwanten starben so früh, daß ich wohl sagen kan, ich habe sie nie gekannt, und ich stehe nun ganz allein in der Welt.

Der Herr Baron von Brinkman wie auch der Herr Hofmarschall von Beskow befinden beide wohl. Die Briefe die Ew. Hochwohlgeboren mir für beide Litteratören anvertrauten, waren sehr willkommen. Auf meiner Benefice-Vorstellung im vorigen Winter gab ich Scenen aus „König Birger“ von B. v. Beskow, die zum erstenmahle hier erschienen und mit lauten Beifall entgegen genommen wurden.

Indem ich nochmals in Unterthänigkeit Ew. Hochwohlgebohrnen zu ersuchen wage mit einer Antwort zu begünstigen und verharre mit ausgezeichneten Hochachtung und tiefer Ergebung

Ew. Hochwohlgebohren

gehorsamste Diener

Edouard Stjernström,

Schauspieler der Königl. Theater

in Stockholm.

P. S. Meine Adresse ist: Klara Bergsgränden No. 37. — 2re trappor upp.


Strachwitz, Moriz, Graf.

Geb. zu Peterwitz bei Frankenstein in Schlesien 1822, gestorben im Jahre 1847.

Lieder eines Erwachenden (1836.) — Neue Gedichte (1848.).

In der Blüthe der Jahre sterben, und mit poetischen Blüthen geschmückt, die übers Grab hinaus fortleben, frisch duften, erfreuen.... kann es ein schöneres Loos geben?

Breslau, 28. Aug. 183 ?

Verehrter Herr,
Hochverehrter Herr Hofrath!

Vor mehr als vier Jahren hatten einige kindische Romanzen eines fünfzehnjährigen Knaben das Glück, durch Friedrich von Sallet in Ihre Hände zu kommen. Sie waren überschrieben: Wellenmährchen und nie in seinen übermüthigsten Momenten hatte der Verfasser geträumt, daß das schlottrige Heft voll schlottriger Reime durch den Namenszug Ludwig Tiek’s geadelt werden sollte. Sie waren so freundlich einige ermunternde Worte unter das Schlußgedicht zu schreiben. Ihre Unterschrift schon genügte, den Knaben ganz glückselig zu machen, er prahlte allenthalben damit und dünkte sich nicht weniger als ein Dichter, wenn er sagen konnte, das hat Ludwig Tieck gelesen. Der Knabe hat einen ernsteren Flug gewagt und tritt kühn vor den aus der Ferne verehrten Meister mit der Bitte, ein schwaches Bändchen voll kecker Reime ebenso freundlich hinzunehmen, als damals den noch kindischeren Versuch. Noch heute ist es sein höchster Stolz, einst von Ludwig Tieck gelobt worden zu sein, wenn er es auch nicht verdiente. Es sind hier Verse so gut und so schlecht, als manches Andere; lesen Sie dieselben wenigstens und dies wird hinreichen, vollkommen zu beglücken

Ew. Wohlgeboren

warmen Verehrer

Moritz Graf Strachwitz.


Strauß, David.

Geb. am 27. Januar 1808 zu Ludwigsburg im Königr. Würtemberg.

Das Leben Jesu, 2 Bde. (1835.) — Die christliche Glaubenslehre, 2 Bde. (1840–41.) — Streitschriften, 3 Hefte (1837.) — Charakteristiken und Kritiken (1839.) — Julian der Abtrünnige (1847.) — Schubarts Leben, 2 Bde. (1849.) — Christian Maerklin (1851.) — Leben und Schriften des Dichters und Philol. Nikodemus Frischlein (1856.) — Ulrich von Hutten, 2 Thle. (1858.) &c.

Vergleicht man mit dem gediegenen Ernste dieses gelehrten Forschers die oberflächliche, gleißende Tändelei des modern-französischen Nachahmers, dann müssen doch wohl auch seine glaubenseifrigsten Gegner zugestehen, daß deutsche Tiefe und Gründlichkeit zu andern Resultaten führt, als jenes Salon-Gewäsch, welchem alle Würde fehlt, welches aber verschlungen wird, wie eine neue Offenbarung. Dem strenggläubigen Christen hat David Strauß sicherlich keine unruhige Stunde gemacht; manchen Skeptiker dagegen hat er auf die Bahn unbefangener Studien geleitet. Er hat mehr genützt, denn geschadet, weil aus ihm der Drang nach Wahrheit spricht. — Wie viele halbgebildete Leser entzücken sich an Herrn Renan, denen Strauß „zu trocken“ war! —

Ja, ja, wir arme Deutsche bleiben weit zurück hinter der „großen Nation!“