IV.

Berlin, 20/2. 41.

Verehrtester Herr Hofrath.

Unser gnädigster Herr und geliebtester König denkt schon jetzt oft mit Freuden an die Zeit, die Sie im nächsten Sommer hier zubringen werden. Unter Besonderem, was er davon hofft, sagte er neulich, wolle er Sie veranlassen, auf dem Theater im Neuen Palais, also nur vor einem kleinen eingeladenen Publikum, die Aufführung eines antiken griechischen Trauerspiels ins Werk zu setzen. Wir sprachen natürlich mehr von der Schwierigkeit des Unternehmens und ich sagte dann bald, daß Sie jeden Falls die Aufgabe wenn nicht besser doch für sich selbst angenehmer lösen würden, wenn sie Ihnen jetzt bekannt würde, als wenn dies nur unmittelbar geschähe, worauf ich dann die Erlaubniß erhielt, Ihnen dieses mitzutheilen. Der König hat sich für keines der Stücke entschieden erklärt, nur sagt er, daß er für Oedipus in Theben eine große Vorliebe habe. Die Wahl wird aber Ihrem Ermessen wesentlich überlassen werden und bleiben. Drei große Fragen sind es vornämlich, die sich bei der Lösung der Aufgabe darbieten. Einrichtung des Theaters; die Masken; Behandlung der Chöre. Sie haben gewiß über alle schon sehr positive und begründete Ansichten und die Vorstellung, es erscheinen zu lassen und ins Werk zu richten, wird Sie über Manches noch zu weiterm Nachdenken veranlassen. Wenn wir dann einmal bei solchen Kuriositäten sind, hoffe ich auf eine echte Vorstellung eines Shakespeare’s, ich verspreche mir sehr viel von solcher Vorstellung ohne das störende Beiwesen der äußern Pracht.

Wie sehr ich mich freue, Sie in diesem Sommer eine längere Zeit zu sehen, kann ich Ihnen gar nicht sagen; es ist mir darin eine Hoffnung nahe gerückt, die ich mit um so mehr Schmerz schon ganz aufgegeben hatte, als sie früher zu meinen sehr innig gehegten gehört hatte. Gebe nur Gott, daß Ihre Gesundheit und Kräfte Ihnen die Reise erlauben. Vor dem Aufenthalt hier brauchen Sie sich nicht zu fürchten, denn es soll alles geschehen, um Ihnen alle Bequemlichkeiten, deren Sie bedürfen, zu verschaffen.

Ich bin sehr erfreut, daß dieser Allerhöchste Auftrag mir Gelegenheit giebt, die ungemessene Verehrung auszusprechen, mit der ich bin und immer sein werde

Ihr

ganz gehorsamster Diener

v. Willisen,

Major und Flügel-Adjutant.


Wackenroder, Wilhelm Heinrich.

Geb. zu Berlin 1772, gest. daselbst am 13. Februar 1798.

Die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) an denen Tieck mitgearbeitet, und der jetzt nicht mehr genauer zu bestimmende Antheil, den andrerseits W. am Sternbald gehabt haben dürfte, sind Alles was dieser wunderbare Mensch hinterlassen. Wir haben deshalb seine Briefe sämmtlich — mit Weglassung weniger kurzer Stellen — aufgenommen. Wir glauben dies im Sinne Derjenigen gethan zu haben, denen überhaupt der Sinn einwohnt für das Verständniß solch’ „ahnungsvoller prophetischer Natur.“ Auf Tiecks Jugend, auf dessen geistige Entwickelung werfen diese Documente schwärmerischer Jünglings-Freundschaft manch’ helles Licht. Ja, sie scheinen wie die Morgenröthe jener ganzen Epoche der Dichtkunst, welche man höhnisch „die romantische“ benennt, und die man mit Tieck und Eichendorff glücklich begraben wissen wollte. — Lächerlich! So lange Sterne flimmern, Blumen blühn, Vögel singen, Bäche murmeln, Baumblätter säuseln; so lange unerklärliche Sehnsucht jugendliche Herzen nach der Welt der Wunder zieht; so lange wird die romantische Poesie auf Erden walten. Und Wackenroder, der selige Jüngling wird ihr erster, reiner Priester bleiben; Er, von dem Rud. Köpke so treffend sagt: „Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde.“

In diesen wenigen Worten liegt das ganze Geheimniß der wahren Poesie.