IX.

Sonnab., Berlin, den 8t. April 1826,
halb 2 Mittag. Helles warmes
Wetter mit einem unerzogenen
Wind, der nicht recht weiß wo er
herkommen soll; obgleich er leider
Nordost ist.

Gott grüß Sie lieber Freünd! Gleich, vielleicht zur ungünstigsten Stunde — ich werde gewiß unterbrochen, und kann auch ohnehin nicht die Feder führen, wohl einen Brief schreiben — will ich. Ihnen danken für den Heilungstrost den Sie mir in Ihren dramaturgischen Blättern gewähren, wovon ich jetzt eben etwas im 2t. Bande las, gegen den vielen Dummheitsgift, den man so langjährig verschluken muß. Zu 4, 5 Monathen gehe ich nicht in’s Theater: aber es fehlt mir nichts; ich weiß doch davon, denn eine Vorstellung ist alten wahrhaftigen Theaterliebhabern, wie wir gebohren sind, genug, die Schändung desselben zu überschaun! Die jetzt hinein gehen, schreien, rezensiren, klatschen, lesen, sind unfähige, sinnliche Wüstlinge, die der Wüste in sich zu entfliehen gedenken, und sie nach außen treiben, klexen und sprechen. Diese dürren Referirungen, „Referent“!!!, wo hergebrachter Unsinn als fleißigstes Unkraut wuchert, und ein maulsperrendes Parterre toll und stumm macht! mit Staatsdirektoren an der Spitze, die aus vollen Beuteln der Raserey Palläste bauen: steinerne, und wieder hölzerne darin, die eine ganze Natur unter einander wüthen lassen, und eine Kunst zu machen vermeinen! Halt! — ein! so geschrieben! Ha — — — lt! Sie haben gesprochen, und Gott lob! Sie haben auch schon das Vorurtheil für sich: es wird also rechts und links wirken. Beßter Tieck! Höhren Sie nur nicht auf, lassen Sie alles, was Sie verheißen, bald druken! Geschwind. Zwingen Sie sich zur Tugend; wie Hamlet von der Mutter will. Ja lieber Freünd, es ist eine Tugend; weil Zwang und eine wirklich gute Handlung zusammenkommen. Es ist nicht solche Kleinigkeit, welches Theater eine Nation hat, wenn sie so weit ist eins zu haben. Bey den Deutschen ist es ja schon ein allgemeines Bedürfniß, und an allen Ecken und Enden erbaut. Es ist so wohl der Beweiß was eine Nation will, als ihr Weg zu dem was sie wollen soll. Nehmen Sie um’s Himmels und um der beßren willen, so existiren, und die sich entwicklen können, den Zügel des tollen jagenden Fuhrwerks in Ihre Hand, lassen Sie’s einlenken ehe es noch mehr geladen vom höchsten Fels der Verkertheit zerschmettert stürtzt, oder verfahren in Einsamkeit verwittert und in 50, oder Gott weiß welche Geschichtszahl von Jahren, nicht wieder zu sich kommt. So wie es ist, verdirbt’s die Jugend. — Die Höfe. Noch geht alles von den letztern aus; und die erste umspannt alle Zukunft. Es ist wahrhaftig nicht solche Kleinigkeit wie unumsichtige wähnen! Warum soll Gemeinheit herschen; tausendfache Vor- und Unurtheile aller Art; und alle Abend in diesen Tempeln predigen, wirken, verleiten, hoffärtig, stupid und närrisch machen dürfen? So, daß man nach dem Theater gegen 10 Uhr auch mit keinem Menschen mehr sprechen kann? Mit demselben wohlgepflegten Unverstand richten sie ja nicht minder Thaten und Sitten?! und helfen im strengsten Sinn des Worts unsre Welt so machen wie sie ist. Ein Jeder muß helfen, den sie schlecht findet: und deshalb schreib’ ich, Ihnen. Wissen Sie! Sie haben Freünde, Gleichgesinnte hier. Die letzte Veranlassung, wegen welcher ich Ihnen schreibe, ist Alexander und Darius. Da hatte ich die Ehre Wort für Wort zu schreien — und zu vertheidigen — was ich heüte von Ihnen las. Welche Freüde, welcher Trost und Triumpf! Alle Stellen, die Sie rühmen, hab’ ich lobend zitiren müssen. Jedes mein’ ich wie Sie, und todt habe ich mich bey den beßten sprechen müssen. Immer denselben stereotipen Helden wollen sie bald sehen! In einer schlechtern Art als die Franzosen, die sie stupid tadlen. Ich will keine Einheit! Mir gefiel das Gastmal, der Tanz; das andre persönliche häusliche Daseyn des Alexanders &c.: was Sie sagen! und in noch mehr bin ich Ihrer Meinung. Entzükt war ich, einmal kein kritisch Stück zu höhren: wo ja Fouqué doch im Zauberring alles vorweg genommen, durch die Pferde, die 20, 30 Schritte, und noch mehr, vor Heiden-Helden pruschen und scheuen! Mißverstehn Sie mich nicht. Die Unnatur in den höchsten Sphären, und die Unvernunft dort, reizt meine höchste Empöhrung. Varnhagen steht mir treulich bey, auch manchmal mit einem gedruckten Ruf. Er grüßt Sie herzlich und einverstanden! Agneschen wird Sie auch schon gegrüßt haben. Ich war so glücklich sie Mad. Milder in ihrer höchsten Begeisterung en petit comité höhren zu lassen, und ihren höchsten Stücken. Agnes wird Ihnen doch wohl meine medizinische Verordnung mitgetheilt haben! Fragen Sie sie ab im Neinfall! Gott gebe Ihnen Gesundheit! Das ist der treüste Wunsch

Ihrer treüen

Fr. Varnhagen.

Ich grüße die Damen Ihres Hauses auf’s Schönste!

Bedenken Sie ja das laufende Theater mit Ihrem Fleiß!!! O! hätten Sie ein würdigendes Wort von Mad. Brede gesagt. Sie ist jetzt hier. adio!