X.

Düsseldorf, 23. Febr. 1842.

Was müssen Sie von mir denken, mein verehrter Freund, daß ich Ihre liebe, freundschaftliche Zuschrift so lange unbeantwortet gelassen habe. Von Entschuldigung kann hier gar keine Rede seyn, obwohl ich manches wenigstens zur Milderung meines Vergehens anführen könnte.

So hausen Sie also jetzt in der Stadt der Gräber. Ich kann es mir lebhaft denken, wie sehr gerade Sie von den großen Erinnerungen bewegt werden müssen, die sich in Weimar auch dem weniger tief Empfindenden und zur Melancholie Geneigten entgegendrängen. Geben Sie sich nur nicht zu sehr dieser Anregung und der Seite des Todes und Grabes hin. Auch das Leben behält seinen Werth und seine Reize und wir ehren jene großen Gestorbenen am höchsten, wenn wir uns an ihnen als an ewig Lebenden und Lebenspendenden erquicken.

Ich habe kürzlich einen größeren Aufsatz über Schiller publicirt (in der deutschen Vierteljahrsschrift von Cotta, Jahrgang 1842, erstes Heft) und bin begierig wie er Ihnen zusagen wird. Derselbe schließt sich unmittelbar an meine Betrachtungen über Goethe im zweiten Bande der Blicke in das Düsseldorfer Kunst- und Künstlerleben an. Ich hoffe, Sie sollen damit nicht unzufrieden seyn, wenn ich Ihnen auch manchmal früher in meiner Anerkennung und Beurtheilung Schillers nicht genug gethan habe.

In diesem Augenblicke bin ich wieder, der kritische Beschäftigungen müde, zur alten geliebten Leier zurückgekehrt. Ich habe ein größeres Gedicht Ehrenspiegel des deutschen Volkes vollendet, das in sieben romanzenartigen Dichtungen eben so viele Glanzpunkte des deutschen Volkslebens feiert.

Jetzt bin ich mit den Vorarbeiten zu einem größeren Romane beschäftigt, die mich sehr in Anspruch nehmen. Die Aufgabe ist, die Reformationszeit nach ihren innersten geistigen Bewegungen darzustellen. Doch hat sich diese Aufgabe erst aus der besondern Fabel entwickelt, die mir vor einigen Jahren aufging und sich in mir immer mehr zu einem beinahe erlebten Ereigniß ausgebildet hat. Es ist nicht möglich, in der Kürze eine auch nur einigermaßen genügende Anschauung davon zu geben. — Sie sehen, daß ich thätig bin und mich in frischer Lust des Schaffens bewege. Möchte ich bald dasselbe von Ihnen hören.

Mit der Bitte mich und meine Frau den Ihrigen auf das angelegentlichste und herzlichste zu empfehlen

Ihr

F. Uechtritz.