Zehntes Kapitel.
Abdallah war auf seinen Sitz zurückgesunken. — Alles war still um ihn her, er schlug die Augen wieder auf.
Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhänge der Fenster, die Stunde der Mitternacht ward ausgerufen. — Alle Lichter im Saale waren erloschen, nur ein einziges brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte sterbend und flimmernd auf und nieder. — Itzt erlosch es und ein kleiner Strahl von Dampf zog sich aufwärts und verflog in der Dämmerung. —
Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, — nun ihr Schauder, nun werft euch alle auf einmal über mich! — Ihr Flüche Selims, kommt heran, itzt habt ihr Zeit, mich zu zermalmen. — O sie sind schon gräßlich in Erfüllung gegangen, ich habe alles erduldet und überlebe die fürchterliche Zerstörung. — Die Schauder mögen sich itzt an mir versuchen, ich spiele vertraulich mit ihnen, die Gräßlichkeit ist meine Braut geworden, ich erschrecke nicht mehr vor ihr. —
Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen kühnen Schritt meinem Feind entgegensetzen. Hier unten finde ich kein neues Grausen mehr, ich will nun durch unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde suchen. —
Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, als seine Hände plötzlich das kalte Gesicht eines Leichnams fühlten. — Eine Leiche ist mein Bett! rief er und taumelte bebend auf. — Der Mond schien auf das weiße Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen und verzerrten Zügen lag der Leichnam seines Vaters vor ihm. —
Darauf hätt' ich mich nicht besonnen! schrie er rasend, — der Scharfsinn der Hölle übertrifft den meinen, — sie hat gesiegt! —
Er sahe starr auf den Leichnam hin. — Regte er sich nicht? — sprach er leise. — Er starrte von neuem auf ihn hin. — Ha! er regte sich wieder! —
Wie das Stöhnen eines Schlummernden schallte es itzt aus der fürchterlichen Leiche heraus. — Abdallah hörte es bebend. —
Er schläft! — Er schläft! — sprach er im Wahnsinn. — O in der stillen Mitternacht neben einem Schlafenden zu stehn, ist fürchterlich, ich muß ihn wecken! — Er schlug mit der Faust auf die Brust des Todten. —
Bist du's, geliebter Sohn? — erhob sich eine dumpfe Stimme. — Die Leiche hob sich langsam auf. — Komm in meine Arme! — Komm! Ich muß von Tugend und Gott zu dir sprechen. —
Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, — meine Lehre war falsch. —
Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. — Abdallah fuhr zurück. — Hinweg! hinweg! brüllte er, — wir kennen uns nicht mehr!
Dann stürzte er auf ihn zu und schlug ihn wüthend mit der Faust auf den Schädel, daß er laut und fürchterlich erklang. — —
Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen.
Die Brüder.
Eine Erzählung.
1795.
In der Nähe von Bagdad lebten Omar und Machmud, die Söhne einer armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermögen, und jeder von ihnen beschloß, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glück bringen könne. Omar zog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle. Machmud begab sich nach Bagdad, wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein Vermögen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und eingezogen, und sammelte sorgfältig jede Zechine zu seinem Kapitale, um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm versuchten. Durch wiederholtes Glück ward Machmud dreister, er wagte größere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und nach ward er bekannter, seine Geschäfte wurden größer, er hatte bei vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in den Händen hatte, und das Glück schien ihm beständig zu lächeln. Omar war im Gegentheil unglücklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nach Bagdad, hörte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hülfe zu suchen. Machmud freute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine Armuth. Da er sehr gutmüthig und weich war, gab er ihm sogleich eine Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden ein. Omar fing an mit Seidenwaaren und Kleidern für Frauen zu handeln, und das Schicksal schien ihm in Bagdad günstiger, sein Bruder hatte ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nöthig, sich wegen der Wiederbezahlung zu ängstigen. Er war in allen Unternehmungen unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glücklicher; er war bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mit Machmud ihre Geschäfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine Seite fiel. Machmud hatte sich jetzt eine Gattin gewählt, die ihn zu manchem Aufwande nöthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er mußte von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen. Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, daß eins von seinen Schiffen untergegangen sei, ohne daß man das mindeste habe retten können: jetzt meldete sich ein Gläubiger, der dringend die Bezahlung seiner Schuld verlangte. Machmud sah ein, daß an dieser Zahlung sein ganzes noch übriges Glück hänge, er beschloß also in dieser äußersten Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm, und fand ihn sehr verdrüßlich, weil er gerade einen kleinen Verlust erlitten hatte. — Bruder, begann Machmud, ich komme in der äußersten Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.
Omar. Sie betrifft?
Machmud. Mein Schiff ist gescheitert, alle Gläubiger drängen mich und wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glück hängt von diesem Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.
Omar. Zehntausend Zechinen? — Du versprichst dich doch nicht, Bruder?
Machmud. Nein, Omar, ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre, und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der schimpflichsten Armuth retten.
Omar. Zehntausend Zechinen?
Machmud. Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in kurzem wieder zu erstatten.
Omar. Wer sie hätte! — mir sind Schulden ausgeblieben, — ich weiß selbst nicht, was ich anfangen soll, — man hat mich noch heut erst um hundert Zechinen betrogen.
Machmud. Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen können.
Omar. Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mißtraun von allen Seiten: nicht ich bin mißtrauisch, das weiß der Himmel! — aber es würde jedermann vermuthen, daß ich das Geld für dich verlange, und du weißt selbst am besten, an wie schwachen Fäden oft das Zutrauen hängt, das man zu einem Kaufmanne hat.
Machmud. Lieber Omar, ich muß dir gestehen, ich hatte diese Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich würde mich in umgekehrtem Falle nicht so argwöhnisch und saumselig finden lassen.
Omar. Das sagst du jetzt. Auch bin ich gar nicht argwöhnisch — ich wollte, ich könnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, daß es mich freuen würde.
Machmud. Du kannst es, wenn du nur willst.
Omar. Alles, was ich besitze, würde die verlangte Summe noch nicht vollmachen.
Machmud. O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, daß mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hülfe suchte, — und warlich es schmerzt mich, daß ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last gefallen bin.
Omar. Du wirst böse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht.
Machmud. Unrecht? — Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? — Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder.
Omar. Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebüßt, dreihundert andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich muß mich auf ihren Verlust gefaßt machen. — Wärst du in der vorigen Woche zu mir gekommen, o — ja, da herzlich gern —
Machmud. Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern? — Ach, wie tief kann uns das Unglück erniedrigen!
Omar. Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen sollte.
Machmud. Dich beleidigen? —
Omar. Wenn man alles mögliche thut, — wenn man selbst Noth leidet und fürchten muß, noch mehr zu verlieren; — soll man da nicht gekränkt werden, wenn man für seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe Verachtung zurück empfängt?
Machmud. Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wärmsten Dank empfangen.
Omar. Zweifle nicht länger daran, oder du bringst mich auf; ich bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf solche ausgesuchte Art kränkt —
Machmud. Ich merke es recht gut, Omar, daß du den Beleidigten spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, völlig mit mir zu brechen.
Omar. Du würdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht auf solchen Kleinlichkeiten ertappt hättest. Die Laster argwöhnt man von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist.
Machmud. Nein, Omar, weil du mich doch durch diese Sprache zum Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst.
Omar. Also für die fünfhundert Zechinen, die du mir damals gabst, verlangst du jetzt von mir zehntausend?
Machmud. Hätte ich's vermocht, ich hätte dir damals mehr gegeben.
Omar. Freilich, wenn du es verlangst, muß ich dir die fünfhundert Zechinen zurück geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen kannst.
Machmud. Ach, mein Bruder! —
Omar. Ich will sie dir schicken. — Erwartest du keine Briefe aus Persien?
Machmud. Ich erwarte nichts mehr.
Omar. Aufrichtig, Bruder, du hättest dich etwas mehr einschränken sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. Laß dir das zur Warnung dienen.
Machmud. Du hattest ein Recht, mir die verlangte Gefälligkeit zu verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwürfe zu machen.
Machmud verließ mit tiefgerührtem Herzen seinen undankbaren Bruder. — So ist es denn wahr, rief er aus, daß nur Gewinnsucht die Seele des Menschen ist! — Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke! für Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoßen die schönsten Gefühle von sich weg, um das nichtswürdige Metall zu besitzen, das uns mit schändlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! — Eigennutz ist die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, — die Menschen sind ein verworfenes Geschlecht! — Ich habe keine Freunde und keinen Bruder gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, daß ich von Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstücke muß man ihnen wechseln!
Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewühl sah, wie jedermann gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe Wohnung einzutragen, wie keiner sich um den Andern kümmerte, als nur wenn er mit seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos, wie Zahlen. — Er ging trostlos nach Hause.
Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert Zechinen, die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie waren bald eine Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, ward öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der Bettler, verließ er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen Bruders vorüberzugehen.
Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, tröstete ihn und suchte seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken seines Unglücks war noch zu frisch in Machmuds Gedächtniß, er sah noch immer die Thürme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt und ungerührt bei seinem Unglücke geblieben war.
Omar fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu dürfen, er bildete sich ein, es könne vielleicht noch alles gut gegangen sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten, man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daß Omar jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen stolz ward, so daß er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend einen Schaden erlitt.
Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit gegen seinen Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den andern. Omar, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte, wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hörte auf, Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mißtrauen gegen ihn ward allgemein, alle Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, Omar kannte niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen wollen; er sah keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glück in einer andern Gegend günstiger sein würde. —
Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte nehmen können, war bald verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er sah der drückendsten Armuth entgegen, — und doch keinen Ausweg ihr zu entfliehen.
Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war er so bis an die persische Gränze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und da sich die Sonne schon zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen könne.
Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht eröffnet sich mir! — Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen, es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend abweist, nicht murren dürfen, wenn der Verschwender frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt, und hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. — O Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! — wie ungleich und ungerecht theilt das Glück seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen Reichthum über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers sterben.
Die Felsen, die Omar überstieg, machten ihn müde, er setzte sich auf eine Rasenerhöhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an Krücken ein Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit Omars ward wider seinen Willen auf diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine dürre Hand nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei.
O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er aus, — und ich klage noch? Warum kann ich nicht arbeiten; — warum nicht durch das Werk meiner Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde dieser Elende mit mir tauschen und sich glücklich preisen! Ich bin undankbar gegen den Himmel.
Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermünzen aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke seinen Weg fortsetzte.
Omar fühlte sich jetzt außerordentlich leicht und froh, die Gottheit hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein könne, um ihn zu belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane, wie er sich ernähren wolle, und wünschte nur gleich eine Gelegenheit herbei, um zu zeigen wie fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.
Ein steiler Fels stand an der Seite, und Omar bestieg ihn mit leichtem Herzen, um die Gegend zu überschauen, die der Untergang der Sonne verschönerte. Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt mit ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, mit den dunkeln Wäldern und rothglänzenden Strömen, über alles das goldene Netz des Abendroths ausgespannt; und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche, und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete.
Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken. Er beschloß hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise fortzusetzen.
Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr folgte bald die finstre Nacht. — Die Sterne flimmerten am dunkelblauen Gewölbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille. Omar sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die Majestät Gottes und fühlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn.
Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhöbe, blauleuchtend zog er empor und näherte sich wie ein glänzendes Feuer dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurück, und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen herab. — Omar erstaunte über die wunderbare Erscheinung und ergötzte sich an dem schönen und seltsamen Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten, die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt wölbte sich der Schein über Omar zusammen.
Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine süße Stimme von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit Wohlgefallen auf dich herab.
Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der Nacht um Omar, seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzückten; es war Asrael, der glänzende Engel Gottes. — Steige mit mir auf diesen rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen Seligkeiten zu schauen.
Herr, sprach Omar zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher folgen können? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen.
Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. — Omar reichte sie ihm mit bebendem Entzücken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne gingen hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendüfte würzten die Luft.
Plötzlich ward es Nacht, Omar schrie laut auf, und lag in dicker Finsterniß unten am Fuße des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen. Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hügel hervor, und warf die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.
O ich dreimal Unglücklicher! rief Omar jammernd aus, als er seine Besinnung wieder gesammelt hatte. — Hatte der Himmel nicht genug an meinem Elende, daß er mich in einem lügnerischen Traume von der Spitze des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum Raube werden soll? — Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem Elenden hatte? — Wer war jemals unglücklicher als ich?
Eine Gestalt schleppte sich mühsam vorüber, die Omar für den Bettler erkannte, dem er heut den Rest seines Vermögens gegeben hatte. Omar rief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen, mit ihm theilen, aber der Krüppel keuchte gleichgültig in seinem Wege weiter, und Omar wußte nicht, ob er ihn nicht gehört habe, oder sich nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kümmern. Bin ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagte Omar durch die Nacht. — Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist, was mich noch trösten konnte?
Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glühende Feuer brannte es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er überlegte schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen Bruder. —
O, wo bist du Edelmüthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der drückendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem armen Bruder geflucht. — Ach ich habe es um dich verdient, ich leide jetzt die Strafe für meinen Undank, für meine Hartherzigkeit, der Himmel ist gerecht! — Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum Zeugen meiner Tugend anrufen? — O Himmel! vergieb dem Sünder, der sich ohne Murren deiner Züchtigung unterwirft.
Omar verlor sich in trüben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher brüderlicher Liebe ihn Machmud damals, als er zum erstenmale verarmet war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, daß er es unterlassen habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder abzubezahlen; er wünschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner Leiden.
Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben erwachte bei Omar, er rief die Vorüberziehenden mit kläglicher Stimme um Hülfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nächsten Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglücklichen selbst, und Omar erkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschämung war ohne Gränzen, so wie das Mitleiden Machmuds. Der eine Bruder bat um Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thränen flossen von dem Angesichte beider, und die rührendste Versöhnung ward zwischen ihnen gefeiert.
Machmud hatte sich nach seiner Verarmung nach Ispahan gewandt, und war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald lieb gewann und ihn mit seinem Vermögen unterstützte. Das Glück war dem Vertriebenen günstig, und er erlangte sein verlorenes Vermögen in kurzer Zeit wieder; sein alter Wohlthäter starb, und setzte ihn zum Erben ein. —
Als Omar geheilt war, reiste er mit seinem Bruder nach Ispahan, wo ihm dieser eine neue Handlung einrichtete. Omar vermählte sich und vergaß nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten von dieser Zeit in der größten Eintracht, und waren für die ganze Stadt ein Muster der brüderlichen Liebe.
Almansur.
Ein Idyll.
1790.
Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thräne rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm, Abendroth und Regennächte. Noch einmal blickte er rückwärts nach Bagdad und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge langsam hinabzog. — Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die Vögel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hörte nicht die Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte mit seinem Mantel, aber er ließ ihn nachläßig hängen und eilte weiter vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick.
Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schönen Thale, rings um von grünen Bergen umschlossen, im Thale glänzte ein silberner See, auf den das Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhängen und wiegten sich rauschend über das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen ein so süßes Licht um alle Gegenstände, daß Almansur sich in einem Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schönbewachsnen Berge, wie der Abendschein über die grünen Abhänge herüberschwamm und sanftes Roth auf den gegenüberstehenden Berg streute, durch einen Palmenhain schlängelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels, und bebte zurück in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt, an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand über einem finstern Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die großen Wälder sangen der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf jedem leichten Wölkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlüpfte und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lößte sich sein Gefühl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung seines Unglücks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenüberstehenden Abhang, oder auf den Spiegel des tief unten glänzenden Sees.
Er ging über einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drängte und sein Silber hinuntergoß; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem Eingang einer kleinen Hütte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lächeln Reben, und band sie an die schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. — »Der Himmel schütte seinen Segen auf dich herab!« rief Almansur dem Greise zu; liebevoll dankte der Greis und führte den Jüngling in die dämmernde Hütte.
Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten. Der Greis und der Jüngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann holte der geschäftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln. »Iß!« sprach er. — Almansur aß wenig; bald sah er die niedren Wände der Hütte an, bald blickte er auf den lächelnden Alten. Nach der Mahlzeit setzten sich beide vor dem Eingang der Hütte.
Du bist recht glücklich! fing Almansur nach einer langen Stille an, wenn man je glücklich werden kann. — Ja, war die Antwort des Greises; ich stahl mich aus dem Getümmel der Welt hinweg, und niemand vermißte mich; ängstlich, mit Schweißtropfen auf der Stirn jagte ich dem Glücke nach — umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll schlich ich mich in diese Hütte, ich sah mich um, und es stand neben mir. — Ja! Dank dir großer Prophet! Ich bin hier recht glücklich! — O, wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener neigenden Spitze hängt, dann zollen dir meine Thränen heißen Dank, dann seh ich auf mein voriges Leben zurück, wie der müde Pilger am Grabe des Propheten auf die zurückgelegten Steppen; — dann schwebt vor mir die ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug um die glühenden Räder des Sonnenwagens. — Jeder meiner Blicke schaut dann voll Dank zum Himmel!
Almansur horchte vorwärts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises, er sah in seinen Augen eine Thräne glänzen, heiß rann eine Zähre über die Wangen Almansurs. — Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises; o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! — Versuch' es in todten Worten mir das Abendroth deines Glücks zu malen. —
O Jüngling, sprach der Greis, Glück läßt sich besser fühlen, als dies Gefühl sich in Worten zwängen läßt. — Leise schleicht sich durch das helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und flüstert mir: »Erwache!« zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen, und sehe wie die Sonne majestätisch hinab ins Thal schreitet, die Natur wacht auf und lächelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glüht der See, über mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt, der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blöken mir entgegen, die Lämmer hüpfen um mich her. — O ich lebe hier nicht ganz verlassen! Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frühlings erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein längst gewünschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste Sommerlüftchen, das meiner Wange vorüberbebt, ist mir, was dem Elenden ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jüngling davon geführt. Ach, dies einsame Thal möcht ich nur gegen Mahomets Paradies vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Königreichen, diese Bäume gelten mir mehr als Könige und Fürsten mit ihren Unterthanen. Ich besuche oft drüben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die ich selber pflanzte, und freue mich über ihren Wachsthum wie ein Vater über seine Kinder. Im kleinen Gärtchen hinter meiner Hütte scheint die Gluth der Rose auf die weiße Lilie, das Veilchen kniet zu den Füßen der stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bäume sind meine Freunde, von ihnen brüstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner höhnisch nach. Neid und Verläumdung dürfen nicht über diese Berge fliegen, des Glückes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glück und die Ruhe fliegen hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder Quelle flüstert Glück, in jedem Nachhall der Berge tönt ruhige Freude.
Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fällt, wenn der Herbst auf selbst gesponnenen Seidenfäden durch die Lüfte schwebt, sie um die Bäume wickelt, und das reife Obst mit den Blättern abschüttelt, dann seh' ich, wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glänzenden Schwanenbette schläft, um gestärkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saußt, wenn die Fichten knarren, der Wind Schneegestöber vor sich her wirbelt — dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem Frühlinge meines Lebens Lieder, und sehe lächelnd dem Untergang meiner Sonne entgegen. Dann dämmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit, dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dämmrung ferner Vorzeit, durch schweigende öde Nacht der Zukunft. — In diesem Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorüber, in dieser schönen, ununterbrochenen Einförmigkeit. — —
O Jüngling! Mit warmer Freundschaft drückst du meine Hand, eine Thräne zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, — sprich — führte dich Kummer zu meiner einsamen Hütte?
Almansur. Ja, Kummer führt mich zu dir, Greis! — Ach, laß mich mit Dir diese Hütte bewohnen, laß mich dein Sohn sein. Die Freude ist für mich gestorben. — Ich muß die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier laß unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon führen, laß am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. — Warum sollt' ich zu jenen Menschen zurückkehren, wo jeder dem fliehenden Glücke nachläuft, und keiner den Saum seines Kleides berührt, wo einer des andern lacht, und blind für eigne Fehler ist, wo Verläumdung und Neid hinter mir gehn, die sich täuschend in das Gewand der Freundschaft hüllen. — Nein, hier will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine Bitte nicht zurück, in keinem Winkel glimmt für mich ein Fünkchen Freude mehr als hier. Schon lange war es mir unerträglich, mich ohne Zweck und Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen, warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin mir selbst und andern verhaßt! zu welchem Endzweck schuf der Schöpfer die Menschheit? Einer den andern zu quälen? Ihm den Genuß des Lebens zu rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerfälligen Tanz um ihre Sonnen? Warum ließ der Schöpfer aus seiner Hand die Schöpfung hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir hier leben, ohne glücklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken; wozu dann dies quaalenvolle Leben? — Oder harrt schönerer Sonnenschein unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, über Felsen? — — O Greis! dies, dies hat mich schon längst unglücklich gemacht! —
Der Greis sah ihn an und schwieg. »Verweile!« sprach er dann. Ein frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines Buch; es ist nur ein Märchen, der Mond scheint hell; ich will es dir lesen. — —
Er ging fort. Almansur sah indeß starr vor sich hin ins Thal, sein Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer war zurückgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner Seele auf. Er preßte eine Thräne in sein Auge zurück; der Greis kam, setzte sich nieder und las: — —
Nadir. Ein Mährchen.
Der finstre Menschenhasser Nadir wandelte über eine von Arabiens Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre glühenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gesträuch, welches einen erquickenden Schatten darbot; Nadirs Auge suchte vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu löschen, er ging matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke herbeischweben wollte, ihm Regen und Kühlung zu schenken; so weit sein Auge reichte, glänzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne Strahlen wurden immer heißer und heißer, kein milder Wind wehte ihm Kühlung zu, Stille lag ausgestreckt über der Erde, die Vögel waren im Schatten des fernsten Waldes zurückgeflogen, und kein Dorf, kein Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah Nadir nur eine unermeßliche Wüste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.
Nadir verwünschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte folgen. Durch den blauen Himmel goß sich nach und nach ein sanfter Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog über die Ebne.
Dank sei dir großer Prophet! rief der schmachtende Nadir, indem er über sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, könnt' ich jetzt durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein kühlender Wind über die Haide, Nadir kam in einen Wald. Der Wind ward stärker, Wolken flohen durch den Himmel, und löschten mit ihren schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schüttelte den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen stürzte herab. Endlich sah Nadir durch den verschränkten Wald ein fernes, flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm entgegenblickte: er drängte sich durch den Wald, durch Gebüsche, die ihn oft mit ihren nassen Armen umfaßten: er kam durch die Waldung, und sah über eine Ebne das Licht vor sich glänzen.
Es war eine niedre Hütte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er schlug an die kleine Thür, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen, der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise öffnete sich die Thür des Hauses, eine alte Frau trat heraus. — Wollt ihr einem armen Wandrer erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte Nadir. Sehr gern war die Antwort. Sie führte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das Licht durch die Thüre flimmern siehst, dort geh' hinein; — sie verließ ihn. Nadir bewunderte den großen Gang in der kleinen Hütte, seine Schritte hallten von der Mauer zurück, als er durch die Stille ging. Er stand vor der Thür, aus der das Licht ihm entgegenglänzte, — er öffnete sie — und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er trat in einen großen unermeßlichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten; die Wände glänzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. — Wo bin ich? rief Nadir. — Ein prächtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie führte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; Nadir aß und wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken hatte, fühlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er sah um sich. Tausend Lichter glänzten auf Kronenleuchtern von Diamant. Saphir, Rubinen und Gold waren über die schönpolirten Wände hingestreut, unsichtbare Musik goß sich umher und gaukelte um Nadirs Ohr, sein Auge verlor sich ermüdet in die entferntesten Bogengänge, ohne ihr Ende erreicht zu haben; Nadirs Staunen ward immer größer.
»Komm!« rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und führte ihn durch die blendenden Säle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefüllt und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aßen einige, dort weinten andre, andre tanzten in fröhlichen Reihen. Dieser Pallast, begann Nadirs Führerin, ist ein Werk meines gestorbenen Gatten, er suchte das Glück lange vergebens und fand es endlich mit mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. — Er war ein mächtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Künsten; auf sein Gebot entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen. Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt ein König, seine Stirn schmückt das Diadem, seine Schultern umfließt der Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gütiger Regent, er macht andre glücklich, ist aber selbst unglücklich. Jener Volkslehrer lehrt Demuth und haßt den der neben ihm steht, weil er ihn mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Säulen gelehnt steht ein Haufe unglücklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch von Reichthümern blenden, ihre Wünsche scheinen so mäßig und sind doch so vielumfassend, werden fast nie erfüllt. — Dort stehen andre, für welche die Welt mit allen ihren Schönheiten gestorben ist, sie können keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Blätter zu zählen, keinen schönen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehöre; sie kennen jeden Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren Rang in der Schöpfung, sie sagen uns, daß jeder Sonnenstaub bewohnt sei. — Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemälden ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles ernsthaft, auf der andern dasselbe lächerlich dar. Sieh, hier trauert eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerührt, jener auf der andern Seite lacht. — Siehst du jene dort, die so bleich sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergoß das Elend Thränen über sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie können über ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fällt, sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glücklich, aber kein Anblick von Glück, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann sie vergnügt machen; sie lächeln, aber ihr Lächeln ist als wenn die Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglück wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thränen, ihre Wangen bleich, sie sind die ärmsten Geschöpfe. — Jener jauchzende Haufe verspottet sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen, die Welt nennt sie Thoren, sie sind glücklich, denn sie halten sich für weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und gab ihnen das Vermögen alles lächerlich zu finden. — Jene spielten mit ihrer Phantasie, der Verstand löste die Fesseln der gebundenen Einbildung, sie schoß wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der Verstand an seinen Krücken hinter sie her und kann sie nicht einholen, jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglückliche; aber sie sind wirklich glücklich. Jener hält die Kette, die ihn an die Mauer festhält, für ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen für den Purpurmantel des Königs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schätze Indiens zu besitzen und fühlt sich beseligt. — Jener ist taub für jeden Harfenton, blind für jede Schönheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch setzt, er hört nicht die himmlische Musik, die ihn umfließt, aber er lächelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine Seele. — Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn ließ? — O jener, rief Nadir, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist der glücklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glücklichste, er kann viermal täglich glücklich sein; wozu sind jene feinern Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergnügen hervor! — Sieh, jener Mann, fing die Führerin Nadirs an, der dort unbekannt herumgeht, ist ein verehrungswürdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner achtet auf ihn, aber er findet sein Glück im Glücke anderer; manche heiße Thräne fleht im Dunkeln Segen für ihn vom Himmel, manche Brust athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfüllt den Beruf des Menschen, er macht andre glücklich, und nur dazu schuf uns die Natur. — Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm und überzeuge dich, daß der Mensch da sei um in Gesellschaft glücklich zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen, warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genießen, was ihm die freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht über die Gränze hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch die hundert Bogengänge und Nadir bewunderte die Pracht des Pallastes; seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, daß es Frevel sei, sich von den Menschen zurückzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er durchdrang den Plan der höchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft der Menschen zurückzukehren.
Der Tag öffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog über die Ebne und schimmerte an den Fenstern; Nadirs Führerin verließ ihn, ein Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemälde und ihre Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von den Wänden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner und kleiner, immer düstrer und düstrer, und der helle Sonnenschein glänzte endlich an den Wänden einer niedern Hütte. Nadir öffnete vor Staunen stumm die niedre Thür, er suchte vergebens den langen Gang, die alte Frau öffnete die kleine Hausthür, er ging hinaus, die Thür ward hinter ihm verschlossen; dieselbe kleine Hütte, an deren Thür er gestern klopfte — der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das Morgenroth schwamm in den großen Tropfen. »Wacht' ich, oder träumt' ich?« rief Nadir aus; er sah über einen niedern Zaun in den Garten neben der Hütte, ein Knabe mit nackten Füßen pflückte sich Kirschen von einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurück nach der wundervollen Hütte, bis ein Wald den letzten weißen Schimmer von ihr ihm entzog. — —
Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten. Kehre zurück, Jüngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurück, wer weiß, wo dein Glück schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur Gesellschaft geboren, gehe hin und erfülle deine Bestimmung, genieße ohne zu grübeln und du wirst gewiß glücklich sein.
Almansur. Verzeihe, edler Greis, daß ich dich täuschte, dir meinen Gram nicht ganz enthüllte. Wenn du die Geschichte meines Unglücks hörst, und du räthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren, so will ich dein Verlangen erfüllen.
Ich heiße Almansur, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine Seele, sie vermählte sich vor wenig Tagen. — Roxane war schön, wie der werdende Tag, schöner wie eine der Houris, auf ihren Wangen floß Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die sich im Meere spiegelt, ihr Lächeln war der Sonnenschein des Frühlings, in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der Morgensonne um Felsen sich kräuselt; — sie kannte meine Liebe. — Ihr Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten, aber er mußte ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht nach ihren Zellen zurückzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. Roxane liebte ihren Vater, ich sah die Thränen in ihren Augen glänzen, ich schwang mich auf mein Roß, eilte hin, füllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich stürzte zurück, die Wälder sausten mir vorüber, eine Eiche raubte mir meinen Turban, mein Roß eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tönte laut, ich kam zurück; Roxanens Vater ward gerettet, ihr Lächeln dankte mir, und ich war vergnügt. Ich sank nieder von Schweiß und Staub bedeckt, mein gutes treues Roß starb noch an demselben Abend, Roxanens Lächeln dankte mir, und ich war vergnügt. O für sie hätte ich die heißen Ebnen Äthiopiens mit nackten Füßen durchmessen, für sie hätte ich unbedeckt den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich träumte eine so heitre goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir, aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich; vorgestern ward ihre Vermählung gefeiert, jeder Trompetenstoß, der aus der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner der Pauken, stieß einen glühenden Dolch durch meine Brust; in der Mitternacht verließ ich Bagdad kalt und stumm, verließ den Ort, wo jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele zurückriefen, die Sonne war für mich auf ewig untergegangen; ich ging fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glücklichen Einsamkeit. Edler Greis, o höre meine heiße Bitte, es ist der einzige Wunsch, der mir zurückblieb, laß mich an deiner Seite, im Schooße der Ruhe und der Einsamkeit, meine übrigen Tage verleben; ach, die Einsamkeit hat ja Trost für so manche Leiden, sie trocknet so manche Zähre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glücklichen Thale will ich den Traum meiner Jugend noch einmal träumen, hier will ich weinen, wenn ich erwache. Laß mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut, laß sie mich hier wiedersuchen; laß sie mich wiederfinden, Greis, denn beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glücklich sein. — Aber warum glänzen Thränen in deinen Augen und verlieren sich in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust erheben? Woher diese fliegende Röthe auf deinen Wangen?
Greis. Ach, Almansur! — deine Worte haben meinen entschlafenen Kummer erweckt, ich hielt ihn für todt, aber er schlief nur. — O Jüngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder vorübergeführt. — Ein ähnlich Schicksal führte mich hierher; ach, Fatime! diese Thränen fließen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glänzt im Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. — O Almansur, bewohne mit mir diese Hütte, trinke mit mir von meiner Milch, laß uns beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jüngling, du bist mir theuer geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des Tages, wie der Mond der Nacht, in schöner Gleichförmigkeit unser Leben verfließen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht, so leben, wie eine Welle beständig um ihr grünes Eiland murmelnd fließt; beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Gärtchen pflanzen, du begießest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den Zweigen und freust dich mit mir des Frühlings und Sommers: Jeden Wandrer, der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken, und ihn dann auf die rechte Straße führen; dem Trauernden wollen wir den Balsam des Trostes reichen, vor dem Fröhlichen unsern Kummer in unsrer Brust verschließen. Wir erzählen uns dann die Geschichte unsrer verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein, ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mächtig war, du beschreibst mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn, ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thränen vergoß, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die Sterne gebrochen flimmern; wir erzählen uns wunderbare Mährchen so vertraut als wären es die alltäglichsten Dinge; wir träumen uns unser Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlösser und reissen sie wieder ein; so leben wir, bis der Tod mir immer näher und näher schleicht und mich unvermerkt aus deinen Armen führt, dann häufest du mir einen Grabhügel unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine Hütte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen Abdallah, dann brichst du das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hülfe, dem verirrten Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Hütte und hörst den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem Lichtkranze entgegenfliege.
Das grüne Band.
Eine Erzählung.
1792.
Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der graue Nebel; über einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren zurück, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen Baches ward hörbarer: als über die Haide eine Schaar von Kriegern gegen die Veste Mannstein zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, durch die abendliche Stille tönte laut der Huftritt ihrer Rosse. — Da schmetterte von der Zinne der Burg eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen den Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ sich nieder, und Friedrich von Mannstein zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde sich um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß er aus der Fehde wohlbehalten zurück gekehrt sey.
Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. »Meine Emma!« rief Friedrich, »bist du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« — »Kommt Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem sie schüchtern um sich blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurück bog. — »Habt Ihr viele von euren Leuten verloren?« — »Ja,« antwortete Friedrich, »zwölf, und unter diesen einen meiner treusten Diener.« — »Doch nicht« — fiel Emma schnell ein, — der Name Adalbert zitterte auf ihren Lippen, sie ward bleich, — »doch nicht — Wilibald?« sagte sie, indem sie eine unwillkührliche Thräne in ihr Auge zurückzwängte.
Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker, — aber er fiel, — er hat sein Leben rühmlich beschlossen. Wohl jedem Kriegesmanne, der so wie er stirbt! — Ich werde seinen Verlust fühlen; ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. — Aber komm in die Burg, liebe Tochter, der Nebel hängt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bäume, dein Haar flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst bleich aus, — du bist doch wohl?
Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.
»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem Schloßhofe trat, »wollt Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder Konrad von Burgfels harrt Eurer drinnen.«
»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, und ging in den Schloßhof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm. — Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. — Wie viel sagten sie sich nicht in diesem Blick! — Die Freude sich wiederzusehn, Dank für die Rettung, zärtliche Besorgniß, — dieß und hundert Fragen und hundert Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. — Adalbert führte sein treues Roß in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und begab sich dann in ihr Gemach.
Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schloß ihn froh in seine Arme. — »Gottlob!« rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe! — Du kommst aus einer Fehde mit Manfred?«
Friedrich. Ja, Freund! und du?
Konrad. Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's schon lange keine Fehden mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. — Seit mein Karl nicht mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe ich auf dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so muß ich immer wider Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und muß dann jedesmal an den Tod denken. — Ach! es ist traurig, Freund, wenn man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, wir können nur noch wenig hoffen, — aber dieß wenige wünschen wir mit einer Sehnsucht, mit einer Wehmuth — So lange sich mein Sohn in Palästina unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich öfter auf deiner Burg heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig.
Sie waren indeß in den Saal getreten. — »Setz dich, Freund!« sprach Friedrich, »ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad saß lange nicht auf jenem Sessel.«
Konrad. Es soll von itzt an öfter geschehen. — Du hast ihn geschlagen?
Friedrich. Den räuberischen Manfred, — ja — Zwölf meiner besten Leute hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. — Mein Knappe Adalbert, du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne ihn stand es so so — wir waren schon einmal zurückgetrieben, — ich sage dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn. — Bringt Wein, Buben! —
Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.
Konrad. Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen.
Friedrich. Das wird er nicht. Welch ein glücklicher Vater bist du! Es war mein tägliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir einst die Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haußte, der — doch, wir wollen ja nicht traurig sein.
Konrad. Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhörte dein Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. — Du weißt nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich früh an Gram. — Bald siehst du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd zurück, und bei jedem Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der Nacht, — und wenn du ihn gar fern von dir weißt, im Gewühl der Schlachten, — erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. — Alle Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schöne Erinnerung, das Glück der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in einen freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jünglings, — ach! und wie viel tausend Schwerter können diesen Kranz zerreissen. Wir setzen unser ganzes Vermögen auf einen Wurf, und in jedem Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. — Es ist warlich besser der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein!
Friedrich. Du bist undankbar gegen das gütige Schicksal. — Den Knaben zum Jüngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden, — nenne mir eine Freude, die größer sei, als diese. — Und wenn er nun zurückkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann?
Konrad der sich die Augen trocknet. Dann? — Nun dann will ich dir Recht geben, aber eher nicht.
Friedrich. Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder, der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten muß. — Trink! stoß an! auf den Ruhm deines Sohnes!
Konrad. Und das Glück deiner Tochter!
Friedrich. Denkst du, daß ich für sie unbekümmert bin? — Wollen wir mit unsern Kindern tauschen, Konrad?
Konrad. Freund und Waffenbruder! — ein Gedanke kömmt mir wieder, den ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer schlaflos lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, — sei du der Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, daß keiner von uns das Recht auf sein Kind verliert.
Friedrich. Topp, alter Freund! — Da hast du die Hand eines Ritters, der noch nie sein Wort brach! — Bei Gott und Ritterehre! keiner als dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, — nur muß er mit Ehre zurückkehren.
Konrad. Das wird er, wenn er zurückkehrt, dafür laß dir den alten Konrad bürgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. —
Friedrich. Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. — Welch eine liebliche Zukunft seh' ich emporblühen! — Allenthalben winkt die schönste Blume des Lebens: Vaterfreude! — In diesem Garten wollen wir ruhen, bis wir in einen noch schönern hinüberschlummern.
Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine wehmüthige geworden; ein Paar große Thränen fielen schwer aus ihren Augen, die sie in einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden diese Träume in Erfüllung gehn?«
Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, und erzählten sich noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die Gesichter der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, daß sie Greise waren.
Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gespräche ab, jeder ging heiter in sein Schlafgemach.
Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte über Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tönte durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's längst den Wänden des großen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte, hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm itzt wie von ungefähr zu begegnen.
Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« rief Adalbert aus, und schloß das Mädchen rasch in seine Arme.
»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, — »O! wüßtest du, wie vielen Kummer du mir indeß gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, denn Berge und Wälder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. — Der Garten schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels hing düstrer als sonst über meinem Haupte — sage mir doch, — was hat itzt alles wieder so hell und frei gemacht?«
Adalbert. Die Sonne der Liebe, Emma!
Emma. Dein schönes Auge, Adalbert! — Ach! wie viel hab' ich um dich gelitten, itzt erst weiß ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir bist. Beständig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr zu dir, ihrer lieben Heimath, doch stets das nächste: der Gedanke, der der fernste schien, war doch unmittelbar eins mit der Liebe. — Bei Dingen, wobei ich bis itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und — dich! — Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja geschwätzig. —
Adalbert. Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz nicht gern?
Emma. Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorüber, — ich bin vor ihm hundertmal vorübergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl — ich dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grünte; ich war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frühlingsflur überschaute; — er blühte damals so schön, die Sonne glänzte so hell in seinen zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, — die ganze Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; — itzt stand er da, als wenn er mich traurig ansähe, als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht mehr fröhlich seyn könnte. — Wie ganz anders war itzt alles um mich her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern. — Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. —
Adalbert. Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich traurig gemacht.
Emma. Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die Zukunft ein Schatten. — Wie der Frühling entflieht dein Glück, sagte mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglücklich sein. —
Adalbert. Verjage diese schwarze Ahnungen, laß diese grausamen Spiele deiner Einbildung! — Emma kann, darf nicht unglücklich sein!
Emma. Daß sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner Abwesenheit. — Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, daß Unglück sehr wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen.
Adalbert. Du hast Recht. — Unglück ist ja der Preis, um den wir unser weniges Glück in diesem Leben erkaufen müssen. — Du seufzest, Emma? — Himmel! du weinst? — O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thränen. — Könnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige?
Emma. Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen einzutauschen? Laß sie ungewiß seyn, es sind doch immer Hoffnungen.
Adalbert. Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird diese schöne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? — Ach, Emma! — der Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schöner Traum gewesen. — Wie dann?
Emma. Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schönen Traums, wie Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten.
Adalbert. Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand beglücken? — Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer großer Schätze? Wird er das je?
Emma. Willst du denn, daß ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht. — Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? — Er hat dich erzogen, er liebt dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit — Adalbert! wir wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn über künftige Jahre hinwegschauen? — Trage von itzt an dieß grüne Band um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht unnöthig zu wagen.
Adalbert. Grün ist die Farbe der Hoffnung.
Emma. Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand meiner ewigen Liebe und Treue.
Adalbert. Auch wenn die Farbe verbleicht ist? —
Emma. Auch dann.
Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten heraus; ein stummer Händedruck, und Adalbert und Emma schieden. — —
Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, die Sonne war schon seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten Friedrich geführt.
Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, befahl ihm einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei?
»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter.
»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« sprach Friedrich — »Aber wer sendet Euch?«
Ritter. Der Ritter Manfred, der Euch wohl bekannt sein wird.
Friedrich. Was verlangt er?
Ritter. Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu schließen und Euer Freund zu werden.
Friedrich. Mein Freund? —
Ritter. Aber nur unter einer Bedingung —
Friedrich. Sie ist? —
Ritter. Eure schöne Tochter! —
Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit großen Schritten auf und ab. — Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen nur von einer unterdrückten Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und sagt dem schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern stürzen soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in seinen Armen wissen will. — Ein Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein, denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber zu vertilgen, und ein Räuber ist Manfred. — Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen, wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien widerrechtlich gepreßt werden; sagt ihm, daß mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern bereit sei, den Kampf zu erneuen. — Will er Euch nicht glauben, so mag er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.«
Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Roß, und jagte hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurückzuwerfen.
Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem freundschaftlichen Gespräche mit Konrad von Burgfels nach und nach verlor.
Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds vergessen. Der Wein machte, daß sie in der Zukunft, welche sie sich erträumten, allenthalben nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: daß jeder Augenblick ein Unglück erzeugen könne.
Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte in die schöne Gegend hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie träumte sich in die Zukunft hinüber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.
Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wälder rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurück. Um sich diesem Gefühle ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken auf ihre väterlichen Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung vorigen Glücks betrachtet.
Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen Hügel, nun sank er langsam, und ein blasser zitternder Glanz überflog noch einmal die Eichenwälder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten westlichen Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehüllt, finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglück ahndet.
»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. — »So stirbt die letzte Hoffnung auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blüthe vom verdorrenden Baum.«
Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge.
Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken hingen ernst unter dem Glanze der Sterne über fernen Wäldern, und schon begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle — da braust es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, — ein unwillkührlicher Schauer zitterte langsam über Emma's Körper hin. —
Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie ein Klang von Harnischen. — Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt eine düstre Schaar um die Mauer der Burg.
Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fühlte sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie drängte sich bebend in die Ecke des Altans.
Itzt schwebte es über den Wall herüber, — schon rauschte es durch den Graben der Burg — da schmetterte plötzlich laut und furchtbar von der Zinne der Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma schrak heftig zusammen.
Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte dröhnten laut durch alle Säle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, — ihr war, wie in einem Traume, große Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn, und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, daß sie mit einem schmerzhaften Vergnügen die Entwickelung dieses fürchterlichen Traums erwartete.
Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, Rüstungen erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wütheten wie zwei Gewitter gegeneinander. — Itzt hörte sie Adalberts Gang, er ging durch die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein Ton stand ihr zu Gebot.
Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« — Aber er konnte diesen Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig durch die Säle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; sie rannte durch eine verborgene Thür, eilte über die niedergelassene Zugbrücke nach dem offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem Haupte zu flimmern schienen.
Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, und sah nach der Burg zurück, die wie in Nebelwolken eingehüllt da lag. — Das Schmettern der Trompeten tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen Felsen die Töne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs versanken. —
Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten flohen hin und her, Nacht und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich das Gesicht mit den Händen verdeckte.
Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger flohen ihr dicht vorüber, andre sanken verfolgt zu Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und schauderte noch stärker.
Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie springt auf und stürzt athemlos in seine Arme! — Es war Adalbert. —
»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme und drückt sich fast ohne Bewußtsein an seine Brust, — »rette mich!«
»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein guter Engel ließ mich dich finden, meinen Muth zu stärken. — Zurück in den Kampf! — Ha! die Meutrer! — die Burg brennt!«
Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg.
Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer die schrecklichen Worte: die Burg brennt! — Endlich blickte sie matt und schüchtern auf, — welcher Anblick! — Kühn wälzte sich eine Flamme aus der Burg himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch hin und her, und übersah mit kühnem Blicke die ganze Gegend. — Der Burggraben glühte im Widerschein, alle Wälder und Berge wankten hin und her im zitternden Flammenglanze, große Funken flogen Sternen ähnlich durch die Nacht, und sanken neben Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! —
Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander wüthen, Arme gegen Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glänzten wie fernes Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie Donner. — Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet.
Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die Flamme war zurück gesunken, das Geräusch des Kampfes war verschwunden, die gräßlichste Stille lag schwer und drückend über der ganzen Natur. — Zweifel schüttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit trat an die Stelle des vorigen Entsetzens. — »Gott!« rief sie lautseufzend, und im Ton der Verzweiflung.
»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche mit dem ächzenden Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. — »Mein Vater!« rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der verwundet hieher geflohen und niedergesunken war. —
»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner Väter?« fragte er mit schwacher Stimme.
»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.«
»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und erhob sich.
Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte sie das Blut des Greises über ihre Hand fließen.
»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« — Schnell zerriß sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfältig, als es die Finsterniß der Nacht erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm an seine Brust. — »O, ich bin glücklich!« sprach er endlich, »da ich dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wüthen, wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, wenn ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. — Ich bin nicht unglücklich!« —
Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken säumten sich mit sanftem Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den östlichen Horizont.
Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte sich stärker, als er aus der Ferne über einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen sahe; Adalbert war an ihrer Spitze.
»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; »Sieg!« hallte das Thal mit seinen Felsen wieder; »Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne der Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne Röthe überflog ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah wieder so kühn umher, als er es sonst gewohnt war.
Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« sprach er, »nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.« Friedrich eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine Arme. »Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, »willkommen, mein geliebter Sohn!«
»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schüchtern auf Emma, die bei diesem Blicke erröthete.
»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach Friedrich, »verdank ich dir nicht alles? — Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.«
Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. — Sie schlug schüchtern die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts Lippen statt Emma — »das Ritterschwert.« —
Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.
Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur wenigen Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glück und Adalbert Dank sagen, daß er den verrätherischen Überfall nicht theurer hatte bezahlen müssen.
Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um die seinige zu besuchen, der nächtliche Überfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder einzukehren.
Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf und ab, denn sein Gedächtniß wiederholte ihm alle Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten Umständen. — »Adalbert!« rief er endlich aus, »was hast du gethan? —« Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens verscherzt, in welchem die Waage deines Glücks im Gleichgewichte stand; — kam es nicht bloß auf dich an, glücklich zu seyn? — Ein Wort aus meinem Munde, und sie war mein, ewig mein! — Dein? Ist das so gewiß? — Welcher Sterbliche wagt es, so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen Hauche anzuvertrauen? — Hätte mir nun das Nein wie meine Sterbeglocke fürchterlich aus seinem Munde getönt, Adalbert, wie dann? — Itzt bleibt dir doch noch die tröstende Hoffnung. — Aber hoffen, und ewig nur hoffen, indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glücks immer weiter aus meinen Augen gerückt wird. — Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und uns so in unser Grab lockt, — lieber Gewißheit des Unglücks als dieses peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich nicht doch irgend einmal mein ganzes Glück einer Frage anvertrauen? — Ja! es sei gewagt, noch heut muß sich mein Schicksal entscheiden, — und was wag' ich denn dabei?
»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, »die ganze Seligkeit dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tönt! — Aber sei's! der hat noch dem Glücke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm zu würfeln wagte, — mag das Spiel um Tod und Leben gehn! — was ist mir ein solches Leben? der Tod sei mir willkommen! —
»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht wieder anbieten, er nannte mich Sohn — Wird er mich je wieder so nennen? — Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze ist?
»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie er? — Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glückliche Nacht hat mich noch über ihn gestellt.
»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich? Wem dankst du dein Leben? — O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner Seele wird nie enden.«
So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab, bald stand er plötzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder auffuhr, und noch schneller auf- und niederging.
»Wir sind ja Beide Menschen!« sprach er endlich langsam und beruhigt, »es betrifft das Glück meines Lebens, und auch er soll dadurch glücklich werden; ich will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, sein pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine Emma so lieben, so glücklich machen würde, als ich, das fühl' ich, und ihr Glück, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.«
So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war schon untergegangen, und der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem Zimmer.
Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thür öffnete, die Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.
»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, »gut daß du kömmst, ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das letztemal sein, daß mir mit einander trinken?«
»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende Hitze überflog ihn; er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen.
Friedrich. Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein lassen, du hast gekämpft, dafür mußt du ruhen.
Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher voll, und Beide tranken. Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank, Friedrich desto fröhlicher.
Friedrich. Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie ein Mädchen. — Was ist dir?
Adalbert. Nichts. — Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen und Nichtwollen kämpfte. Itzt riß er sich gewaltsam aus seiner Träumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell und zerstreut hinzu: O ja!
Friedrich. Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein fröhlicher Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz.
Adalbert. Heut?
Friedrich. Am ersten Tage deines Lebens?
Adalbert. Ich bin unzufrieden, — eine peinigende Reue verscheucht allen Frohsinn.
Friedrich. Reue? worüber?
Adalbert. Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem heutigen Morgen.
Friedrich. Wie? — Wäre es nicht dein heißester Wunsch gewesen, in den Orden der Ritterschaft zu treten?
Adalbert. Nicht mein heißester, — meine Zunge sprach es wider meinen Willen, — ich hätte Euch — um Emma bitten sollen! —
Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fühlte er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach einem Becher greifen um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der Becher fiel aus seiner zitternden Hand.
Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen Athem wehen und zwängte ihn in seine Brust zurück, er wünschte sich itzt in das Geräusch einer Schlacht, mitten unter die Stürme einer Gewitternacht.
»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als hätte ihn der Blitz getroffen.
»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, — du bist mein Freund, bist du damit nicht zufrieden?
Adalbert. Nein, edler Ritter! ich will, ich muß Euer Sohn werden. —
Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zürnte nicht, er hatte ihn angeredet, wie ein gütiger Vater seinen Sohn anredet. So tief vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.
»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft genug, mir eine schwarze Mauer vor die schönste Aussicht hinzustellen? — Nein, Adalbert! — diese Bitte muß ich dir abschlagen.«
»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich fürchtete, dieß Wort noch einmal zu hören. — Aber die Bahn war gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte, daher behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?«
Friedrich. Meine schönsten Träume waren von jeher, daß meine Tochter einem Ritter vermählt würde von edler und berühmter Abkunft, — die fehlt dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, — sie erbt von mir Burgen und Schätze, diese muß mein Eidam auch besitzen, — du hast diese nicht. — Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn.
Adalbert. Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt! — Ruhm und Schätze verlangt Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den Armen der Liebe! — Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! — Können Euch Ruhm und Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen Eurer Tochter auf? — Ich muß verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft!
Friedrich. Adalbert!
Adalbert. Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name Adalbert einfallen? — O Friedrich! Friedrich!
Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters. — Friedrich beugte sich gerührt über ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!« sagte er, »Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.«
Adalbert. O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen —
»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, »Bösewicht! mein Ritterwort brechen! — Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, und den Namen Mannstein an eine Schandsäule schreiben! Geh Verworfner! — Geh! du entehrst das Schwert an deiner Seite.
Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens.
»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich jeder Schandthat fähig; du verlässest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube könnte Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.«
Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des Zimmers stand er still, seine Kniee wankten, seine Hände zitterten, so nahte er sich dem Ritter und sagte halblächelnd: »Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit einander getrunken.«
Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte »zum letztenmale« aus. Dann verließ er schnell und stumm das Gemach.
Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thräne Adalberts, die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre nicht in sein Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine Wange.
Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thräne Adalberts, um es zu vergessen, daß ein Mann hier geweint habe.
Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, — aber die Stunde war vorüber, die schrecklichen Worte waren gesprochen.
Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann mit schrecklicher Kälte hinzu, — wie konnte ich auch auf einen Gewinn rechnen? — Dann ging er lange heftig auf und ab, öffnete stumm das Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend.
Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen; die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des Mondes.
Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der Wehmuth auf. — Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. — Wie könnte Unglück diese schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde.
Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma, bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, — sie reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen, bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.
So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung, — als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das erste graue Licht des Tages zitterte.
Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in der Natur — und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist unglücklich!
Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, — dachte er jetzt, — ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! — jetzt wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen die dürre Hand entgegenstrecken. — Ach, Emma! wirst du mich vergessen? — O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer Treue zu erinnern. — Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig verschläft. — Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen?
Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte aufmerksam auf jeden Zug des Windes. — Schon hundertmal hatte er die Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es fiel ihm jedesmal ein, daß er auf ewig Abschied nehme, daß er, wenn er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, ohne sie wiederzusehen. — Eine Stunde nach der andern eilte hinweg, sie kam nicht, — da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken empor — wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging.
Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die Burg wie ein Träumender. Kurd, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse sind zu edel für den Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm anzunehmen.
Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als müßte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. — Halb wider seinen Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der Hund legte sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn empor. — Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief er aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du bist kein Mensch!
Etwas leichter ging er über die Zugbrücke durch das äußere Thor. Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der Burg zurück. Der Himmel hing düster und schwarz über der Gegend, ein kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens plätscherten schwermüthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tönte aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmüthigem Vergnügen suchte Adalbert die Plätze auf, wo er als Knabe mit dem alten Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwärmt war, — wie war das jetzt alles so verändert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, — und jetzt! — Er dachte an Emma's Ahnungen, schwermüthig sah er nach jenem verdorrten Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens.
Einige Landleute zogen am gegenüberliegenden Berge zu ihrer Arbeit hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drückenden Joch, und schleppten den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder Morgen röthet sich zur Arbeit; unglückliche Menschen! die bloß heute leben, um morgen eben so wie heut für einen andern Tag zu sorgen, die das unerbittliche Schicksal fest hält, dieses langweilige Spiel zu spielen.
Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke plötzlich still, denn er erinnerte sich, daß man von hier aus die Gegend der Burg zum letztenmale sähe. Er blickte noch einmal mit der wehmüthigsten Empfindung zurück, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bäume und Felsen standen wie Leichensteine auf ihren Gräbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen.
Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte sich Wege durch einsame Wälder und wildes Obst und Waldwurzeln mußten seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der Unglückliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehaßt, er findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen.
Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch das grüne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grünen Bande Emma's, das an seinem Arme flatterte. — Ha! du willst zu ihr zurück! rief er aus. — Nein, du mußt bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sproßt der Schierling der Verzweiflung. Du bist das letzte, das einzige, was mir von Emma übrig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich dann noch rechnen? — Die erste Thräne seit seiner Verbannung fiel auf das grüne Band. — Unglückliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreßter Stimme fort. — Nur auf Thränen soll ich rechnen? Thränen sollen meine ganze Erndte sein. — Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie hingefallen war. — Emma! rief er plötzlich aus, — die Farbe der Hoffnung schwindet! — Wenn du mich je vergessen könntest!
Er lehnte sich an eine Birke, die über ihm säuselte; die einförmige Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. — Das graue Licht des Abends flatterte ungewiß um die Wipfel der Bäume und furchtbar tönte das Waffengeräusch durch die Einsamkeit.
Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein kleiner Fußsteig führte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er drei Männer gegen einen Ritter kämpfen sah, der unerschrocken und kalt mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er stürzte hervor und schlug den nächsten Räuber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters, zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht des Waldes.
Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er Adalberts Hand herzlich schüttelte; seid mir willkommen! Euch verdank' ich mein Leben!
Dafür will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert bitterlächelnd.
Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? — fragte der Fremde, — daß das Leben seinen Werth bei dir verloren hat?
Adalbert. Verschont einen Unglücklichen; ihn um sein Unglück fragen, heißt ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben.
Der Fremde erhob das Visier des Räubers, den Adalbert erlegt hatte. — Ha! Manfred! rief er aus.
Manfred? schrie Adalbert. — Ja, bei Gott! Mußtest du mir hier deine Schuld bezahlen? — Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen wollen. —
Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner Burg, ich bin der Ritter von Löwenau, wenn euch mein Name nicht unbekannt sein sollte.
Sie gingen. — Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schändliche Manfred hatte während Eures Aufenthalts in Palästina eure Ländereien in Besitz genommen.
Ja, und als er vernahm, daß ich zurückgekehrt sei, legte er sich mit seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebüsches, weil er wußte, daß mich meine Straße hindurchführte. Wir sind meiner Veste nahe, ich schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort. Ich ward überfallen und wäre ohne Euren tapfern Beistand verloren gewesen.
Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Löwenau.
Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glücklichen sehe, antwortete Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stören?
Löwenau. Bist du ein Verbrecher? — Er ließ seine Hand fahren.
Adalbert. Nein, dem Himmel sei Dank!
Löwenau. Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich wie ein Vatermörder in Wälder und dunkle Hölen verkriechen? Willst den Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die Folter spannt? — Der Unglückliche darf kühn emporblicken, die Schläge des Verhängnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern. — Zögre nicht, wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten soll. —
Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für einen Frevler zu gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen.
In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Löwenau beobachtete seinen Gast genau.
Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft, meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner großen Schuld abtragen, kann ich dir helfen?
Adalbert. Du mir? — O Wilhelm, was kann menschliche Hülfe dem nützen, auf dem das Schicksal zürnt?
Löwenau. Das Schicksal? — Daß der Unglückliche doch so gern so stolz ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! — Sei aufrichtig gegen deinen Freund. — Vielen ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar über ihr Schicksal, da sie doch selbst die Zügel ihres Lebens in den Händen halten. Glaube meiner Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal, wir müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie voll Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. — Noch immer so stumm?
Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann, du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir vertrauen, ob ich gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst. — Er erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit diesen Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat für mich ihre Thür auf ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für mich todt und ich bin der Welt gestorben, sie ist mir ein öder Strand, an den mich ein unglücklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem Sturme übrig blieb, — ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem Unglücklichen gesichert.
Löwenau. Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so unumschränkt von der Liebe beherrschen lassen?
Adalbert. O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles, was nicht an mir verächtlich ist. — Nur sie rief mich zur Tapferkeit, zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefühle geläutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe. Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von dem Abendgewölk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heißt.
Löwenau. Ich will dir glauben, denn ich habe noch nie geliebt, seit meiner Kindheit leb' ich im Geräusch der Waffen; ein schönes Pferd war für mich das Meisterstück der Natur, und ich verstand die Schönheit nur an Harnischen zu bewundern, — und du glaubst gewiß, daß es für dich in dieser Welt kein andres Glück als die Liebe giebt. —
Adalbert. Keines! versagte mir die Liebe ihren Kranz, so sind für mich alle Blumen in der Natur gestorben.
Löwenau. Und Emma ist das einzige Mädchen, das du je lieben kannst?
Adalbert. Ich würde mir selbst verächtlich sein, wenn ich sie nicht mehr lieben könnte.
Löwenau. Sie muß sehr schön sein. — Adalbert, ich will dir einen Vorschlag thun, den du aber nicht zurückweisen mußt. Schon während deiner Erzählung faßte ich einen Gedanken, der gewiß, so sonderbar er ist, auszuführen wäre. — Doch noch vorher ein Wort. — Du nanntest mir in deiner Erzählung den Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse Nachricht geben, daß er in Palästina geblieben ist. Er fiel im Kampf an meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, da dieses Hinderniß aus dem Wege geräumt ist, zu Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um seine Tochter anhieltest?
Adalbert. Um von neuem schimpflich zurückgewiesen zu werden? — Mein Stolz verbietet es, Emma auf diesem Wege zu suchen. — Deinen andern Vorschlag, er mag so sonderbar sein, als er will. —
Löwenau. Nun so will ich dir meinen ganzen Entwurf mittheilen, aber du mußt mich nicht unterbrechen, ehe ich geendigt habe. — Du bleibst hier auf meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. — Ich will zu Friedrich von Mannstein reisen und um seine Tochter anhalten; er schlägt sie mir gewiß nicht ab, denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz unberühmt — Auf meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! ich reise dann mit ihr hieher, wie ich sie aus der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr dann diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis zum Tod ihres Vaters deine rechtmäßige Gemalin, nachher magst du sie auch öffentlich dafür erkennen. — Wende mir nichts ein, zu viel kann ich für dich nie thun. — Ich weiß, tausend Freunde an meiner Stelle würden nicht so handeln, und hundert Liebhaber würden sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben; aber wenn du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich wieder liebt, so müßt ihr beide meinem sonderbaren Entwurf keine Bedenklichkeiten in den Weg legen, Ängstlichkeit darf kein Menschenglück verhindern. —
Adalbert. O wie soll ich dir danken? — Er umarmte ihn rasch und drückte ihn heftig an seine klopfende Brust. — Bruder, du bezahlst, wie man einem Bettler eine Wohlthat vergilt. — Wie wenig ist ein Leben ohne Liebe gegen die Krönung der feurigsten Wünsche?
Löwenau. Du traust doch meiner Redlichkeit?
Adalbert. Verdiente ich sonst wohl den Namen deines Freundes?
Löwenau. Auch keiner meiner Blicke soll sich feurig zu deiner Emma verirren.
Beide waren so munter, daß sie sich nicht schlafen legen mochten; sie tranken die Nacht hindurch und überdachten noch mehr ihren Entwurf. Adalbert lächelte wieder und Löwenau versprach alles für seinen Freund zu unternehmen.
Als die Morgenröthe durch die Bogenfenster dämmerte, ließ sich Wilhelm ein Roß satteln, und sprengte davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis der Ritter mit seinem Knappen in einen Wald verschwand.
Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, und sich den Unglücklichsten aller Sterblichen nannte, eilte froh so in die Burg zurück, als wenn sein Glück schon entschieden wäre. Er sahe wieder die Möglichkeit, glücklich zu werden, und eine kühne Hoffnung riß ihn um so höher wieder empor, je tiefer ihn vorher das Unglück gestürzt hatte. Er athmete wieder frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag mit eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn denkt, der vom Spiele auszuruhen kömmt.
Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern bekannt zu machen, er dachte sich schon Emma in die Säle, setzte sich in einen Sessel, und träumte sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem Gemälde suchte er mühsam die Züge zusammen, die auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit dem Gesicht seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der Zweifel an die glückliche Ausführung des Entwurfs seines Freundes in seiner Seele auf; er schien so unbesorgt, als wenn er mit dem Schicksal einen Vertrag geschlossen hätte.
Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die Natur blühte für ihn von neuem, ein neuer Frühling sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung nieder, und goß um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend schöne Träume tanzten um ihn her und reichten ihm ihren Nektarbecher; alle seine Sinne waren dem Gefühl der Freude aufgeschlossen.
Wie ein Genesender die Rückkehr seiner Kräfte fühlt, wie ein sanfter Purpur wieder über die bleichen Wangen schleicht, in den erstorbenen Augen das erste Feuer zuckt, so fühlte sich Adalbert jetzt wieder mit der Welt, mit allen Menschen ausgesöhnt; er empfand, daß er itzt Niemand hasse, oder auch nur hassen könne; in jedem Wesen ahnete er den Geist der Liebe, er hätte die ganze Natur an sein Herz drücken mögen.
So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er verlebte an dem Busen der holden Betrügerin Stunden, die unendlich mehr Freuden gewähren, als die Stunden des Genusses. — Der Knabe steht vor einer grünen Anhöhe, die ein goldnes Morgenroth beglänzt, durch die grünen Büsche funkelt freundlich der Flammenschein; er ersteigt den Berg, in die bezaubernde Gegend zu kommen, — aber die Sonne ist indeß heraufgekommen, der lockende Schimmer verschwunden.
Adalbert wäre auch ohne Emma nie unglücklich gewesen, wenn er nur immer so hätte hoffen können.
Friedrich von Mannstein hatte indeß in einer traurigen Einsamkeit gelebt. An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verließ, war es sein erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wußte, welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untröstlich, als sie seine Abreise erfuhr.
Sie hatte sich so an Adalbert gewöhnt, daß sie sich ohne ihn ihr Dasein gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen, sie hatte nur immer für ihn gelebt; seit sie gewünscht hatte, war er das Ziel aller ihrer Wünsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie nie einen schönern Mann gesehen. — Sie dachte sich alles zurück, was sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so süß geträumt und unbarmherzig hatte sie das Unglück aus allen goldnen Phantasien gerissen, und vor ein wüstes Meer gestellt, in dem sich nichts als schwarze Wolkengebilde spiegelten. — Sie fiel nach und nach in eine Art von Betäubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur Versöhnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mädchen, deren jugendliche Phantasie vor dem Bilde des Todes zurückschauderte, war das letzte der Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kämpfen wollte; aber der Schmerz hatte sie ermüdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschöpft. Ihr Gram ward gemäßigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an, mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar flossen noch ihre Thränen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heißstürzenden Thränen, die die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglück sieht; es waren die Thränen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch fließen. Als sie zum erstenmal wieder lächelte, zürnte sie heftig auf sich selbst; das zweitemal zürnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu lächeln, und nachher glaubte sie, man könne doch trauern, ohne im Äußern die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die sie bewegte, ihn zu unterdrücken. Hätte er von Adalbert gesprochen, so hätte sie Muth gefaßt, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie hätte einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. — So verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die Leidenschaft vom höchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte nicht mehr über den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen eines abwesenden Freundes bekümmert.
Sie fühlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermißte er weit mehr, als er je vorher würde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn noch nicht wieder besucht.
So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der Mutter Emma's war diese Gegend nicht so öde und still gewesen. Dieser Einsamkeit überdrüssig, beschloß daher Friedrich ein kleines Fest anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines männlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft ein, ließ einen grünen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten, und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers, Emma sollte ihn überreichen.
Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste, aber stiller und verschlossener als je. — Was ist dir, Konrad? fragte Friedrich ihm entgegeneilend. — Bist du krank?
Wollte Gott, ich wär' es! antwortete Konrad.
Friedrich. Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglück begegnet. —
Konrad. Ach! Friedrich! — siehst du, ich hatte wohl Recht; falle nieder und danke, daß dir kein Sohn geboren ist, — ich hatte Recht.
Friedrich. Dein Sohn —
Konrad. Schläft in Palästina den eisernen Schlaf. — Friedrich, nun werden die Fahnen meiner Burg ewig »Karl« rufen, und trauriger als je, — mein Geschlecht ist ausgestorben. — Nun werde ich nicht mehr nach jenen Berg hinblicken, denn ihn werde ich nie heruntersprengen sehn mit einer erbeuteten Fahne; — mußte er gerade fallen? — Der einzige Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mußte ihn gerade der schadenfrohe Tod erwürgen? — Nun kann ich ihn nicht anders als in meinen Träumen sehn.
Friedrich. Tröste dich. Wer kann wider den murren, der das Leben giebt und nimmt? — Laß ihn, wer als Jüngling stirbt, der hat nur das Schöne dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorübergegangen. Wie viele Greise wünschen nicht, als Jünglinge gestorben zu sein. — Zu viele Klagen über seinen Tod ist Gotteslästerung. —
Konrad. Wie gut doch die Reichen immer über Ertragung der Armuth zu predigen wissen! — Du bist noch im Besitz deiner Schätze, du ersteigst einen Hügel, auf dem die Aussicht umher immer schöner und schöner wird, oben entschlummerst du vom Strahl eines schönen Abends beleuchtet in den Armen deiner Kinder und Enkel; — ich gehe den Berg hinab, einsam und ohne Gefährten, in das enge schwarze Thal des Todes.
Friedrich. Auch ich habe einen Sohn verloren.
Konrad. Du?
Friedrich. Adalbert. — Er erzählte ihm die Geschichte seiner Verbannung.
Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt hatte, — rufe ihn zurück, mache ihn durch Emma glücklich, mache dich selbst in der Freude deiner Kinder glücklich. Ich habe nie so lebhaft gefühlt, was das eigentliche Glück des Lebens sei, als itzt, da ich keine Rechnung mehr darauf machen darf. Ach! Freund, Ehre, Geburt, Schätze, — betrügerische Schatten die uns necken, indeß das wahre Glück mitleidig lächelnd hinter unsern Rücken entflieht. — Wie gern möcht' ich mir durch meine Burgen, meine Ahnen, meinen Ruhm einen Sohn erkaufen können! unberühmt, arm und ohne Ahnen würd' ich mich doch von der ganzen Welt beneidet glauben. — Friedrich, folge meinem Rathe.
Friedrich. Wenn er hier wäre! — Niemand weiß, wohin er sich gewandt hat. —
Indeß waren die geladenen Ritter angelangt und Emma trat in ihrem festlichen Schmucke zu ihnen. Sie schien sich selbst zu gefallen.
Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend versammelte sich. Emma saß auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und Friedrich, unwillig daß ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer geworden.
Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang, als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den Schranken näherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller Anwesenden auf sich — Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der weniger groß, nicht diesen majestätischen Anstand hatte. Sie gestand sich, der Fremde sei schöner als Adalbert und alle ihre Wünsche erflehten ihm den Sieg. — Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte.
Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche zeigte, daß ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schöner gedacht, ja eine vollkommene Schönheit erwartet; er fand sich sehr getäuscht; aber doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets wieder nach ihr zurück, er fing an zu glauben, daß eine vollkommene Schönheit für das Herz selten so gefährlich sei, als ein anziehender Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kämpfen scheinen. — Emma schlug einigemal die Augen nieder und erröthete. —
Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des Fräuleins. — Er öffnete sein Visir, es war Wilhelm von Löwenau.
Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und sanken in eben dem Augenblick beschämt auf ihr Busentuch; sie fühlte, daß in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den Anblick der vollkommnen männlichen Schönheit zu genießen. Löwenau kniete noch immer zu ihren Füßen und verschlang sie mit seinen Augen; das Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem süßen Rausch und er erhob sich.
Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die übrigen Ritter begrüßten ihn und man begab sich zur Tafel.
Wilhelm von Löwenau saß als Sieger obenan und ihm gegenüber die schüchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte. — Löwenau aß und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend. Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft lange auf ihr. — Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und man brachte den Rittern die Pokale. Löwenau stand auf und ging in den Burggarten.
Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. — Er stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmüthigen Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefähr an ihrem Fenster und ging wieder zurück, als sie den Ritter erblickte.
War das nicht Emma? rief er aus. — Warum klopft mein Herz ungestümer bei dem Gedanken? — Emma. — Wie gleichgültig tönte mir noch gestern dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt, daß heut mein Blut ihm schneller hüpft? Ist dieß Liebe, Wilhelm?
Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters. — Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher, wohlwollend gegen jedes Geschöpf, und ist mir doch, als ob ich den Namen Adalbert haßte seit ich den Namen Emma liebe! — Nein, es ist nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand macht. — Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht über mich gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr saß? Wie konnt' ich ihn beneiden, daß ihn der Saum ihres Kleides berühre? Warum haßte ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte mich glühend heiß, wenn ihr Auge auf mir verweilte? — Freundschaft ist dieß Gefühl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! — ist es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft besiegt.
Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wäre. — Als ob es schon ausgemacht wäre, daß ich sie liebte! — Es kann, es darf nicht sein. Ich will mich mit aller meiner Männlichkeit panzern; sie gehört Adalbert, er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, — ein Mann, ein Ritter muß auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darüber zu Grunde ginge.
Er eilte in die Burg zurück, und freute sich dieses Sieges.
Emma hatte sich indeß einigemal wieder dem Fenster genähert, ohne von Löwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schönen Mann nie ohne eine gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch über: wenn dieser dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen mit der Frage: Du liebst ihn also?
Sie erschrak nicht mehr über diese Frage, schon während der Mahlzeit hatte sie sich an diesen Gedanken gewöhnt. — Ganz leise fing ihr Herz an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe sie noch die Möglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser Liebe nur noch ihre Einwilligung. Dieß war der erste Augenblick, in welchem sie eine Art von Freude darüber empfand, daß Adalbert nicht in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls beim majestätischen Aufgang der Sonne. Sie fühlte, daß sie ihren Adalbert noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben könne, ja sie fing so gar an, sich ihre Gefühle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte, nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Löwenau's war überhaupt auf sein Bild jener Schatten der Gleichgültigkeit zurückgeworfen, aus dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht. Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie ungleich vollkommner an Löwenau wieder und jener behielt am Ende nichts als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzügen gerechnet hatte; und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so glaubte sie darin, daß er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen habe, einen Beweis zu finden, daß auch er sie nie geliebt habe. — In dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie endlich Überzeugung.
Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger; den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument in andern Tönen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte, schien ihr itzt wichtig; der geschmückte Löwenau gefiel ihr um ein großes Theil mehr als er ihr ohne Schmuck würde gefallen haben, sie gestand sich dieß Gefühl, und beschloß von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert darum etwas gleichgültiger an, weil er nur ihres Vaters Knappe gewesen war.
Löwenau wollte eben durch den großen Gang in die Versammlung der Ritter gehn, als Emma, vielleicht zufällig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie ihn hatte zurückkommen sehn, aus dem Gemache trat.
Ihr hier, Fräulein? rief Löwenau etwas hastig.
Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken, sie sei seinetwegen gekommen. — Um in den Garten zu gehn, antwortete sie, indem sie rasch vorbeihüpfen wollte. —
Ihr flieht mich? sprach der Ritter.
Euch fliehen? Dann müßtet Ihr nicht der Ritter Löwenau sein. —
Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends überflog mit freundlicher Röthe das Gesicht des Mädchens. —
Fräulein, — fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne nimmt durch einen holdseligen Kuß von Euch Abschied, um Euch morgen wieder mit einem Kusse zu wecken. — Um Euer Antlitz zittert ein blasser Flammenschein, man sollte Euch für eine Heilige halten.
Daß Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte Emma schalkhaft.
Löwenau. Und wenn ich nun in die Versuchung käme? — Würdet Ihr mein Gebet erhören, schöne Emma? —
Emma. Ich müßte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. — Sie sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie fürchtete und hoffte viel.
So bitt' ich Euch, sprach Löwenau, nicht so schnell von mir in den Garten zu eilen.
Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen über ihre getäuschte Erwartung. —
Löwenau. Wenn Ihr so gütig seid, mein Fräulein, so werdet Ihr mich leicht zu einem ungestümen Bitter machen.
Emma. Was könntet Ihr noch mehr wünschen? —
Löwenau. Euch sehen und nicht wünschen? —
Emma. Ihr sprecht in Räthseln.
Löwenau. Daß Euer Herz sie verstehen wollte!
Emma sahe starr vor sich hin. Löwenau's Augen wurzelten auf ihrem Antlitz, er zitterte, eine niegefühlte Empfindung bebte durch seinen Körper, wie mit Ketten riß es ihn zu Emma hin, er umarmte sie plötzlich und sprach mit leiser unterdrückter Stimme: Emma, ich liebe dich! —
Betäubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen Händen lag in der ihrigen, sie drückte sie schweigend.
Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. — Ein leises flüsterndes »Ja,« nur der Liebe hörbar, flog ihm entgegen.
Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drückte einen brennenden zitternden Kuß auf ihre Lippen, — kein Gedanke, kein Gefühl, keine Erinnerung trat vor seine Seele, als daß er sie in seinen Armen halte; selbst daß sie ihn liebe, hatte er vergessen. —
Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betäubung, noch einen Kuß drückte sie auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich athemlos auf einen Sessel niedersank, als würde sie von einem Ungeheuer verfolgt. Löwenau starrte ihr nach, bis der letzte weiße Schimmer ihres Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen Punkt geheftet, als wäre ihm ein Gespenst begegnet.
Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch fröhlich bei den Pokalen saßen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Söhne vergessen.
Löwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur unvollständig. — Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom Turnier ermüdet und ließ ihn durch einen Diener auf sein Zimmer führen. Auch die übrigen Ritter gingen aus einander. — Löwenau entschlief, als sich seine Phantasie müde geschwärmt, und seine Leidenschaften in Erschöpfung gekämpft hatten.
Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten angefangen habe. — Aber wie war es möglich rückwärts zu gehn? Er hatte ihr seine Liebe gestanden, und sie, daß sie ihn wieder liebe. Wenn dieß Geständniß nicht über seine Lippen geschlüpft wäre, so hätte er gegen seine Leidenschaft noch kämpfen können; jetzt aber würde er sich und Emma zugleich unglücklich gemacht haben. — Er überließ sich und sein Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles Nachsinnen, alle Entschlüsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem Vater um sie anhalten wollte. — Weiß ich doch noch nicht gewiß, ob sie mir der Vater nicht abschlägt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja auch dann noch immer für Adalbert handeln. — Mit diesen Täuschungen beruhigte er die Vorwürfe, die er in dem Innern seiner Seele fühlte.
Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du verdrängte bald die fremde steife Höflichkeit; denn Löwenau verachtete alle Zurückhaltung, alles Verschließen in sich selbst; er glaubte, es zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprüft zu mißtrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. — Emma, die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur mit Geschöpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besaß noch weniger Zurückhaltung; sie äußerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.
Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, daß sie ihn nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. — Löwenau fühlte sich durch diese Erklärung glücklich. — Beide waren sich bald unentbehrlich, und Löwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die übrigen Ritter die Burg verließen, sehr gern Gehör. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er sich selbst zur Last; jede Beschäftigung machte ihm Langeweile, und doch verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fühlte sich in der Täuschung etwas beruhigt, daß er noch immer nicht gegen Adalbert handle.
Emma war jetzt liebenswürdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine stille, leidende Schönheit, die sich um so reizender an den stärkern Mann anschließt und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Stürme des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick gegeben, in welchem ein schönes Feuer brannte. — Der heftige Löwenau liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. —
Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschloß noch heute mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel nachdenkend im Saale fand. — Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an.
Friedrich. Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden.
Löwenau. Aber könnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben?
Friedrich. In der Rückerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in der Zukunft zu Hause. — Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in jenem goldnen Lande Palläste aufzubauen, und ein Windstoß sie alle niederreißt: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? — Über dem Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der Entfernung etwas ein Schloß zu sein, und wenn wir näher kommen, ist es eine überhangende Klippe, die sich im nächsten Augenblick auf unser Haupt herabwirft. —
Löwenau. Ihr wollt also nicht hoffen?
Friedrich. O ja, aber die Hoffnung, jene Betrügerin, nicht zu meiner täglichen Gesellschaft machen. Das größte Glück erscheint klein, neben dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt.
Löwenau. Die Hoffnung trägt für Euch die Gestalt Emma's, und eine solche Tochter — —
Friedrich. Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu fürchten, und je mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wär' mit ihr dahin! Ich wünsche nichts, als sie glücklich zu sehn; dann werde ich es auch sein.
Löwenau. Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht?
Friedrich. Er schläft in Palästina, Konrad von Burgfels, ihr mußt ihn gekannt haben, — ein anderer, — o ich mag nicht gern daran denken! — ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wäre er jetzt hier, sie wäre sein. —
Löwenau schwieg, und sahe düster vor sich nieder. Ein gewisser — Wollt Ihr sie keinem Ritter von berühmtem Hause geben? fragte er endlich.
Friedrich. Wer weiß ob sie mit einem solchen glücklich wäre?
Löwenau. Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?
Friedrich. Dann würd' ich mich keinen Augenblick bedenken.
Löwenau kämpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine Liebe rangen hartnäckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an Emma. — Die Liebe blieb Siegerin. — Würdet Ihr mich als Eidam verschmähen, Ritter?
Friedrich. Euch? — Ist das Euer Ernst?
Löwenau. Könntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen?
Friedrich. Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.
Löwenau. Dafür kann ich Bürge sein. —
Friedrich. Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glücklicher Vater zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man muß sich gewöhnen, an allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glücke ähnlich sieht.
Löwenau. Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. —
Friedrich. Ich will es nicht länger bleiben, mein Eidam muß nicht glauben, daß er an mir einen mürrischen Vater erhält.
Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter, Löwenau ging endlich spät in sein Schlafgemach.
Sie ist mein! rief er aus. — Unwidersprechlich mein. — Itzt sei es fest beschlossen. — Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darüber mein Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen müssen. Die Freundschaft sterbe für die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wäre unglücklich, und — bei allen Heiligen! — sie verdient es nicht zu sein. Auch er wird sie vergessen, — oder mein Leben — ein nichtiges Geschenk ohne sie, zurückfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen, denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der große Vertrag mit seinem Gewissen war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er für die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glücklichen Träumen ein.
Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein! so rief Löwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte. — Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reißen.
Emma. Ich dein? du mein? —
Löwenau. Nur etwas mangelt unserm Glück und dieses Wort umfaßt noch mehr.
Emma. Was könnte dieses Etwas sein?
Löwenau. Daß Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange wir noch fürchten müssen, daß er zwischen unsre Umarmungen tritt, so lange sind wir nur halb glücklich. — Emma, ich weiß den Ort seines Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm sagen, daß du ihn nicht mehr liebst, daß er jeden Gedanken an dich vergessen solle, daß du mein seist. — Ich bitte dich darum, Emma. Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glück unsrer Liebe überlassen, dann soll keine ängstliche Furcht uns nahe treten, dann will ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzählige Jahre im Stande sei, meine Liebe zu schwächen.
Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Löwenau setzte sich und schrieb diesen Brief:
Adalbert!
Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht mit mir! Ich bin unschuldig. — Engel gaben der Versuchung nach und verspielten ihr ewiges Glück; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der Verlust Deiner Freundschaft meine Schwäche bestrafen. — Emma gehört Dir nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt. Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt. Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du Dich rächen mußt; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen. Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige werden. Ich bin der Hüter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, muß mich erst tödten.
Löwenau.
Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte sie in seinen Brief und siegelte ihn.
Ritter,
Vergeßt mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und darf mich daher nicht mehr nennen:
Eure Emma.
Löwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so früh als möglich auf der Burg Löwenau's anzukommen.
Friedrich und Löwenau dachten itzt nur an das Vermählungsfest, welches sie recht glänzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres Geliebten so glücklich, als man es auf dieser Welt sein kann.
Adalbert lebte während dieser Zeit noch immer unter seinen schönen Hoffnungen und erwartete täglich die Bothschaft seines Glücks. Sein vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrüßlich, denn dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glücklichen Fortgang des Unternehmens zu bestätigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die schönen Gegenden in der Nähe besucht und dachte jeden Abend bei der Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.
Er war von einem seiner Spaziergänge zurückgekommen und stand an eine Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse näherte. Er erkannte bald in ihm Franz, den Knappen Löwenau's. — Schnell eilte er mit der Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. — Franz antwortete mit Ja und überreichte ihm den Brief Löwenau's. —
Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift betrachtete, er zögerte ihn zu erbrechen. — Unaussprechliches Glück, oder Tod springt mir entgegen, — noch, noch darf ich hoffen, noch bin ich glücklich. — Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer, den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm feierlich, eine heilige Stille schwebte längst den Wänden des Gemachs, eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tönte über den Berg herüber. — Er lößte das Siegel.
Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und küßte das Pergament. — Er las — und ward bleich, — er las von neuem und schaute wild mit weit geöffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich, er wußte nur, daß er elend sei, kalt und fürchterlich faßte ihn diese Überzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.
Emma! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, indem seine Besinnung zurückkehrte. — Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den Brief Löwenau's. — Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu großen Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zähne zusammen und hing kalt und starr wie eine Leiche in dem Sessel. — Das hatte er nicht erwartet.
Er sprang nach einer Stille auf und brüllte wie ein Rasender: Fluch über alle, die in dieser Stunde glücklich sind! Fluch über alle Elende! — Ja, ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr — o ihr Verzweifelten! kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! Eure Emma? Eure Emma? — Du lügst Meineidige! so hast du dich nie genannt! —
Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglück, wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen jagt es mich in den Rachen des Todes. Meinetwegen wird ein zärtlicher Vater grausam, meinetwegen ein edler Freund ein Ungeheuer, — ich gebe die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefähr würfelt mit Glück und Unglück, — gut, so will ich denn auch handeln, so lange ich noch handeln kann, — ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren Umarmungen zurückstürzen, als hätten sie den Schuppenhals eines Drachen berührt. — Ich will nicht allein unglücklich sein, die Liebe haßt mich, der Haß soll mich itzt glücklich machen.
Eure Emma? — Konnte deine Hand diese Worte schreiben? Dieselbe Hand, die mir so oft den Schweiß des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe Hand, die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe versicherte — o Himmel! was für ein armseliges Ding ist die Tugend, wenn sich in wenigen Wochen der Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen Bösewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht ein Muster für seine Richter! — Tugend? — Für mich ist keine Tugend, kein Gott mehr, denn sie, das Unterpfand für beide, ist mir verloren.
Er drückte knirschend Löwenaus Brief zusammen, sein Athem drängte sich schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewälzt. — Sein Blick fiel auf Emma's grünes Band nieder, das er auf seiner Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er riß es wüthend herab.
Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! — — Sie will mich vergessen. — Ich kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? — wenn ich sie vergessen könnte, dann könnte ich einst wieder lächeln — aber das werd' ich nie wieder.
Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie eine Todtengruft.
Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe Einsamkeit nicht zu stören; ich werde bald sterben und habe umsonst gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur über Jammer kann ich Red' und Antwort geben, — Emma, ich weise den fürchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm!
Eure Emma! — Hättest du mir doch wenigstens das armselige »Du« übrig gelassen, — aber nichts sollte mir übrig bleiben. — Gut, setzte er mit schrecklicher Kälte hinzu, auch dies Band will ich dir zurückbringen.
Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund hätten nur auf eine grausame Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen; er dachte, er hätte in seiner Wuth einige Ausdrücke zu stark empfunden, er suchte dann nochmals in den Briefen nach und quälte sich den fürchterlichen Sinn zu mildern, — aber umsonst! der kalte, gefühllose Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.
Der Ritter durchlebte eine fürchterliche Nacht, er konnte nicht schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand vor dem fürchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten vorüberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten; in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur ein fürchterlicher Traum gewesen; er drückte sie an sein Herz, und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus seiner Trunkenheit. Bald kämpfte er mit Löwenau um Tod und Leben und sah ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine große wüste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben ausgestorbenen Wildniß, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure Reich der ewigen Öde.
Er fühlte, wie seine Kräfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich diese Nacht sterben müßte! ohne sie noch einmal zu sehn! — Mein Geist muß von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich muß, ich muß sie sehn.
Er wartete ängstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. — Endlich zitterte der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf, riß ein Roß aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn.
Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Roß unaufhörlich, denn die größte Eile war ihm zu langsam.
Eine drückende Hitze zog herauf und sein Roß war schon ermüdet, als er einen Ritter einholte, der auch diese Straße zog. — Wohin? fragte er diesen. — Nach Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des edeln Löwenau und der schönen Emma. — Adalbert lachte wild auf. — Worüber lacht Ihr? — Voll Freude, daß wir einen Weg haben. — In eben dem Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen und sprengte wie rasend hinweg. — Warum eilt Ihr so? rief ihm der Ritter nach. — Seht Ihr nicht, schrie Adalbert zurück, wie mir der bleiche Tod nachjagt? — Er war ihm bald aus den Augen.
Das grüne Band war um seinen Arm gebunden und flatterte ihm nach; Todtenblässe hatte sein Gesicht überzogen, sein Roß keuchte und sein treuer Hund lief ihm oft voraus, und sah ihn winselnd an, — aber ohne Bewußtsein jagte er immer wieder in neuer Wuth weiter. — Am Abend stürzte der Rappe todt nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm umsah. — Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; aber der treue Gefährte lag schon weit hinter ihm sterbend am Wege.
Adalbert reiste zu Fuß die ganze Nacht hindurch, seine Kräfte schienen übermenschlich, tausend Schrecken schienen ihn unermüdet vor sich hin zu jagen. — Am Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen versteckten Thale eine Schäferhütte, sein Gaumen war von der Hitze aufgeschwollen, er trat in die Hütte und begehrte von einem Greise, den er dort fand, eine Schale Wasser. — Ihr sollt kühle Milch bekommen, sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine Schale voll zu holen. — Das kleine Mädchen eilte willig hinweg und Adalbert stand düster an die Thür gelehnt. — Das Mädchen verweilte etwas lange. Wo bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, das Mädchen trat in eben dem Augenblick herein und bot ihm freundlich lächelnd die Schale. Statt sie an den Mund zu setzen, warf er sie wüthend auf den Boden, daß sie in tausend Scherben zersprang; dann eilte er wie ein Wahnsinniger weiter.
Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze des Horizonts einen Thurm erblickte, der ihm bekannt schien; — tausend Erinnerungen kamen in seine Seele zurück, — es war die Burg Mannstein.
Er stand still und sahe mit langem Blick nach der wohlbekannten väterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung mischten sich einige Tropfen der Wehmuth, sie so wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll da in einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig unter.
Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand hinter einen grünen Berg; der Mond brach hervor, und glänzte durch die zitternden Tannenzweige. Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg, schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewiß hin und wieder schwebten, schon hörte er immer näher und näher das Tönen der Trompeten und den Donner der Pauken, — tausend brennende Dolche fuhren durch seine Brust.
Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging durch das offne Thor, das frohe Getümmel der Gäste lärmte ihm entgegen, er hätte gern geweint, aber seine Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten und setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum bildete; bald sahe er still und mit anscheinender Ruhe durch die monderhellte Gegend, bald nach der geräuschvollen Burg. — Alle seine Empfindungen wurden nach und nach abgespannt; er war betäubt, als er zwei Gestalten auf sich zukommen sah, — es waren Löwenau und Emma. —
Löwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte sich für stärker gehalten, als er wirklich war, die Stimme seines Gewissens war nur unterdrückt gewesen, sie fing itzt um so lauter an zu sprechen. Er begann zu ahnen, daß er in Emma's Armen nie recht glücklich sein würde, aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor ihm. Er war am Abend still und nachdenkend gewesen, und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang durch den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen.
Emma war indeß immer froh und guter Laune gewesen; sie fühlte sich als Löwenaus Geliebte ganz glücklich — nur itzt, — so plötzlich aus dem Gewirre der Gäste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, mitten in die Einsamkeit eines schauerlichen Gartens gezogen, — itzt fühlte sie eine sonderbare Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing an dem Arme Löwenaus und schloß sich fester an ihn. Mein Wilhelm, sagte sie endlich, — warum so traurig? Ich habe dich noch nie so still und gedankenvoll gesehn. — Deine Hand ist heiß.
Löwenau. Und die deine kalt. Du zitterst Emma?
Emma. Nicht vor Frost, die Sommernacht ist warm; — aber Wilhelm, es ist hier im Garten so heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die Büsche rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; hast du nie einen Geist gesehn, Wilhelm?
Löwenau. Nie Geliebte; aber wie kömmst du zu der Frage?
Emma. Und wie kömmt dieser Gedanke zu mir? heut zu mir? — Mein Vater ist doch schon sehr alt, Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau angesehn, der Gedanke ängstigte mich drinnen über eine Stunde lang: wie er mir so gegen über saß, schien er mir schon todt. — Der Anblick eines todten Menschen muß schrecklich sein, — wie mag ich wohl als Leiche aussehn?
Löwenau. Du quälst mich, Emma.
Emma. Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn werde.
Löwenau. Wie der Frühling, der im Irrthum um einige Tage zu früh seine Blumen ausgestreut hat, und vom eisigen Winter wieder übereilt wird.
Emma. Wilhelm!
Löwenau. Was ist dir Emma? Warum fährst du zusammen?
Emma. Mir ist, als stünd' ich unter tausend Gespenstern! — sieh! jene Bäume dort sehn fürchterlich aus! —
Löwenau. Wir wollen in den Saal zurückgehn.
Emma. Wilhelm! — hörtest du kein Ächzen in der Nähe?
Löwenau. Nichts als den Wind, der durch die Laube rauscht.
Emma. Es war ein schweres Athmen — wie eines Sterbenden, — horch, wie die Blätter zusammenschlagen! — Gott im Himmel!
Sie sank ohnmächtig in seine Arme, denn Adalbert trat bleich und entstellt, mit verworrenen Haaren, dem Auge eines Wahnsinnigen, leise wie ein Gespenst aus der Laube; mit hohler gewürgter Stimme rief er: Emma!
Ihr Bewußtsein kam wieder, aber ihre Sinne blieben zurück, starr wie eine Leiche sahe sie in Adalberts Auge. — Emma! Emma! rief dieser wüthend, kennst du dies Band noch? — Er hielt es ihr mit zitternden Händen vor. — Geliebter! rief sie matt und wollte sich in die Arme Löwenaus werfen; Adalbert fing sie auf, zog einen Dolch und stieß ihn wüthend in ihre Brust. — Kaum war der Todesstreich geführt, so erwachte er wie aus einem tiefen Schlaf. — Emma! Emma! er hielt sie fest in seinen Armen; stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glücklich! vergieb mir und lebe! laß mich für dich sterben! du darfst, du sollst nicht sterben. — Er kniete nieder und hatte sie fest in seine Arme gepreßt, als wenn er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fühlte nicht, wie sein Blut aus zehn tödtlichen Wunden rieselte, die ihm indeß Löwenaus Dolch gestoßen hatte.
Endlich fühlte er seine Kraft ermatten, er ließ sie sanft auf den Rasen fallen. — Du stirbst, Emma? — Du stirbst? — Er sank neben ihr zur Erde.
Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch den Buchengang die junge Braut zu suchen. — Wo ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam.
Er wieß stumm mit dem blutigen Dolch auf sie hin.
Wo? fragte Friedrich.
Löwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf den Boden und Friedrich erkannte sie und Adalbert. Stumm schloß er Konrad in seine Arme und drückte ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts mehr zu hoffen!
Konrad. Das stille Grab, — und Jenseits!
Ein Minnesänger sang die traurige Geschichte und schloß mit diesen Versen:
| Jenseit des Grabes wurden sie gekrönt, |
| Dort wurden ihre Herzen ausgesöhnt. |
| Oft schweben sie in feierlichen Stunden |
| Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain, |
| Sie küssen wechselsweis im Mondenschein |
| Sich liebevoll die Todeswunden. |
| Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben, |
| Und fühlt ein leises schauerliches Beben: |
| O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein, |
| Durchfahren Geister itzt den Hain. — |
| Die Mutter spricht: sei ruhig Kind, |
| In Silberpappeln wühlt der Abendwind. |
Hinweise zum Text:Folgende Änderungen wurden vorgenommen und sind im Text grau unterstrichelt: | |
| Zweifel wälzen dich auf Zweifel | Zweifel wälzen sich auf Zweifel |
| Abdallah sah ihn traurig nach | Abdallah sah ihm traurig nach |
| der Frühling wird dich heitre machen | der Frühling wird dich heitrer machen |
| bis sich das wilfe Keuchen (…) sich etwas besänftigt hatte | bis sich das wilfe Keuchen (…) etwas besänftigt hatte |
| sobald dich meine Laute gerufen hast | sobald dich meine Laute gerufen hat |
| Oder sie ungegesehn in den Strom (…) versenke | Oder sie ungesehn in den Strom (…) versenke |
| fing nun an, die Macht (…) zu glauben | fing nun an, an die Macht (…) zu glauben |
| andre stürzten Tod nieder | andre stürzten todt nieder |
| an dem gräßlichem Thor | an dem gräßlichen Thor |
| ich erlasse sie ihn | ich erlasse sie ihm |
| der ihn am nächsten stand | der ihm am nächsten stand |
| wann und wie sie pflanzte | wann und wie ich sie pflanzte |
| rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu zu | rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu |
| die ihm bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten | die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten |
| sah ihm winselnd an | sah ihn winselnd an |