VIII.

Als die Harfe, die magischen Formeln beantwortend, erklang und ein undeutlicher Schatten auf dem Vorhang erschien, erkannte Pankratius Phyllis nicht; ihre Augen waren geschlossen, die Wangen blass, die Lippen zusammengepresst, die über der Brust gekreuzten mit Bändern umwundenen Arme steigerten die Ähnlichkeit mit einer Toten. Als sie die Augen aufschlagend, die lose zusammengebundenen Arme erhoben, stehenblieb, wandte sich Pankratius, nachdem er den Magier um Erlaubnis gefragt hatte, auf die Knie sinkend, mit folgenden Worten an sie:

„Bist du der Schatten der Phyllis?“

„Ich bin Phyllis selbst,“ war die Antwort.

„Vergibst du mir?“

„Wir werden alle vom Schicksal geleitet; du konntest nicht anders handeln, als du gehandelt hast.“

„Bist du gern auf die Erde zurückgekehrt?“

„Ich konnte nicht anders, als den Beschwörungen gehorchen.“

„Liebst du mich?“

„Ich liebte dich.“

„Du siehst jetzt meine Liebe, ich habe mich zu fürchterlicher, vielleicht verbrecherischer Tat entschlossen, als ich dich heraufbeschwor. Glaubst du mir, dass ich dich liebe?“

„Die Tote?“

„Ja. Kannst du dich mir nähern? Mir deine Hand reichen? Meine Küsse erwidern? Ich will dich erwärmen und dein Herz wieder schlagen machen!“

„Ich kann mich dir nähern, dir die Hand reichen, deine Küsse erwidern. Ich bin dazu zu dir gekommen.“

Sie trat ihm, der auf sie zugestürzt war, einen Schritt entgegen; er merkte nicht, dass ihre Hände wärmer waren, als seine eigenen, wie ihr Herz an seinem fast erstarrten Herzen schlug, wie ihre Augen glänzten, als sein trübe gewordener Blick sie traf. Phyllis wehrte ihm und sagte:

„Ich bin eifersüchtig.“

„Auf wen?“ flüsterte er, vergehend:

„Auf die lebende Phyllis. Sie liebtest, mich duldest du.“

„Ach, ich weiss nicht, frage nicht, nur du, du allein, dich liebe ich!“

Phyllis sagte nichts mehr, sie erwiderte seine Küsse nicht und zog sich zurück; schliesslich, als er in Verzweiflung sich zu Boden warf und wie ein Knabe weinend, rief: „Du liebst mich nicht!“ kam es langsam von ihren Lippen:

„Du weisst selbst noch nicht was ich getan habe,“ und an ihn herantretend, umarmte sie ihn fest und begann jetzt selbst leidenschaftlich und süss seine Lippen zu küssen. Pankratius war immer zärtlicher geworden und hatte nicht bemerkt, wie das Mädchen immer schwächer wurde, und plötzlich liess er sie mit dem Schreckensruf: „Phyllis, was ist dir?“ aus seinen Armen gleiten und lautlos sank sie ihm zu Füssen. Er staunte nicht, dass ihre Hände kalt waren, dass ihr Herz nicht schlug, aber das Schweigen, das plötzlich den Raum beherrschte, erfüllte ihn mit unerklärlichem Grauen. Er schrie auf, und die eintretenden Sklaven und der Magier erblickten beim Schein der Fackeln das Mädchen in den verwirrten Leichengewändern tot daliegen, die Bänder und der Totenkranz aus dünnen Goldblättchen lagen fortgeworfen auf dem Boden. Pankratius schrie noch einmal laut auf, als er die leblos vor sich sah, die eben noch seine Liebkosungen erwidert hatte, und zur Tür zurückweichend, flüsterte er entsetzt:

„Sehet: die Spuren von drei Wochen Verwesung in ihrem Antlitz! Oh! Oh!“

Der hinzugetretene Magier sagte:

„Die der Magie gewährte Frist ist verflossen und der Tod hat wieder von der zeitweilig dem Leben Zurückgegebenen Besitz ergriffen,“ und er gab den Sklaven das Zeichen den Leichnam der bleichen Phyllis, der Tochter des Palemon, hinauszutragen.

Tante Sonja’s Chaiselongue

Ich habe so lange im Ablegeraum unter altem Gerümpel gestanden, dass ich fast die Erinnerung an meine Jugend verloren habe, als der auf meine Rückenlehne gestickte Türke mit seiner Pfeife und der Hirtenknabe mit seinem Hunde, der mit erhobenem Hinterbeine sich flöht, — noch in grellem Gelb, Rosa und Himmelblau leuchteten und noch nicht verstaubt und verblichen waren; aber eben beschäftigen mich die Ereignisse mehr, deren Zeugin ich gewesen, bevor ich wieder dem jetzt wohl hoffnungslosen Vergessen anheimfalle. Man hat mich mit neuem hanffarbenem Seidenstoff bezogen und ins kleine Empfangszimmer gestellt und über meine Armlehne einen Schal mit grellen Rosen geworfen, als hätte ihn eine Schöne aus meiner Jugendzeit, plötzlich bei einem zärtlichen Stelldichein aufgeschreckt, liegen lassen. Übrigens änderte der Schal seine Lage niemals, denn wenn der General oder seine Schwester, Tante Paula, ihn zufällig verschoben, gab Kostja, der das kleine Gastzimmer nach seinem Geschmack eingerichtet hatte, diesem zarten bunten Gewebe wieder sein früheres, raffiniert nachlässiges, starres Aussehen. Tante Paula protestierte dagegen, dass ich aus der Rumpelkammer hervorgeholt wurde: auf mir sei die arme Sonja gestorben, ich sei die Ursache gewesen, dass eine Heirat nicht zustande gekommen, ich brächte der Familie Unglück sagte sie, aber für mich trat nicht nur Kostja, seine Kommilitonen und andere junge Leute ein, sondern auch der alte General selbst sagte:

„Das alles sind Vorurteile, Paula Petrowna! Wenn in diesem Ungetüm auch irgendein Zauber gesteckt hat, so hat er sich im Laufe der sechzig Jahre in der Rumpelkammer verflüchtigt; und dann steht es an einer Stelle, wo man immer vorbeigeht, so dass niemand es aufsuchen wird, um auf ihm zu sterben oder einen Antrag zu machen!“

Obgleich mir die Bezeichnung „Ungetüm“ nicht sonderlich schmeichelte und der General sich als kurzsichtig erwiesen hat, blieb ich im kleinen Empfangszimmer mit den grünlichen Tapeten. Ein Porzellanschränkchen stand mir gegenüber, über ihm hing ein alter runder Spiegel, der undeutlich meine seltenen Besucher zurückwarf. Bei General Gambakow lebte, ausser seiner Schwester Paula und seinem Sohne Kostja, noch seine Tochter Nastja, die ihre Schulbildung in einem Fräuleinstift erhielt.

*

Aus dem nach Westen gelegenen Nebenzimmer fielen die langen Strahlen der Abendsonne in meinen Salon und trafen gerade den Schal mit den Rosen, der noch prächtiger leuchtete und seine Farben spielen liess. Jetzt legten sich diese Strahlen auf das Gesicht und das Kleid von Nastja, die auf mir sass und so durchsichtig aussah, dass es sonderbar schien, die Strahlen nicht durch ihren Körper auf den Herrn, der vor ihr stand, fallen zu sehen, als genügte ihre Gestalt, das rötliche Licht aufzuhalten. Sie unterhielt sich mit ihrem Bruder über eine für die Weihnachtsfeiertage geplante Vorstellung, bei der ein Akt aus „Esther“ aufgeführt werden sollte, aber die Gedanken des jungen Mädchens schienen vom Gegenstande der Unterhaltung weit entfernt. Kostja bemerkte:

„Ich meine, Sergej könnte uns auch eine Rolle abnehmen: er deklamiert doch ganz gut.“

„Soll Sergej Pawlowitsch eine meiner Dienerinnen, eine junge Israelitin spielen?“

„Weshalb, ich kann das Travesti nicht ausstehen, obgleich ihn weibliche Gewänder kleiden würden.“

„Wen soll er denn sonst spielen?“

Ich verstand, dass von Sergej Pawlowitsch Pawilikin, dem Kommilitonen des jungen Gambakow, die Rede war. Ich hatte ihn immer für einen unbedeutenden, wenn auch sehr hübschen jungen Mann gehalten. Das kurzgeschorene dunkle Haar liess sein rundes blasses Gesicht voller scheinen; er hatte einen hübschen Mund und grosse hellgraue Augen. Der hohe Wuchs milderte seine Neigung zu Körperfülle, aber er war sehr schwer, rekelte sich immer auf mir herum und verstreute die Asche seiner Zigaretten mit den sehr langen Mundstücken, die er immerfort rauchte, auf mir, und seine Unterhaltung war leeres Geschwätz. Zur Unzufriedenheit von Tante Paula, die ihn nicht mochte, war er täglich bei uns zu Gaste.

Das Fräulein unterbrach etwas unsicher das Schweigen:

„Kennst du eigentlich Pawilikin gut, Kostja?“

„Auch eine Frage! Er ist doch mein bester Freund!“

„So . . .? Ist es denn schon so lange her, dass ihr Freunde seid?“

„Seit diesem Jahre, als ich die Universität bezog. Aber hat das denn etwas zu bedeuten?“

„Nein, ich fragte bloss so, ich wollte nur wissen . . . .“

„Weshalb interessiert dich denn unsere Freundschaft?“

„Ich mochte wissen ob man ihm vertrauen kann . . . ich möchte . . .“

Kostja unterbrach sie lachend:

„Das hängt davon ab! In Geldangelegenheiten würde ich nicht raten! Übrigens ist er ein guter Kamerad und nicht geizig, wenn er Geld in der Tasche hat, aber er ist arm . . .“

Nastja schwieg eine Weile und sagte dann:

„Nein, ich fragte nicht danach, sondern was Gefühle, Anhänglichkeit anbetrifft . . .“

„Was für ein Unsinn! Lernt ihr das in euren Stiften? Was weiss ich! . . . Hast du dich vielleicht in Sergej verliebt?“

Das Fräulein antwortete nicht und fuhr fort:

„Ich habe eine Bitte an dich, wirst du sie erfüllen?“

„Betrifft sie Sergej Pawlowitsch?“

„Vielleicht.“

„Gut, aber vergiss nicht, dass er nicht besonders liebt, sich mit euch Weibern abzugeben.“

„Nein, Kostja, versprich mir!“

„Na, schön, ich hab’s doch schon versprochen! Also!“

„Ich sage dir’s heute abend,“ erwiderte Nastja, ihrem Bruder in die unruhigen Augen blickend, die wie ihre eigenen, braun und gesprenkelt waren.

„Na, schön, also heute abend,“ meinte der Student sorglos, erhob sich und ordnete wieder den Schal, den das ebenfalls aufgestandene junge Mädchen freigelassen hatte.

Aber die Strahlen der Abendsonne trafen die zarten Rosen nicht mehr, denn Nastja, die ins Nebenzimmer gegangen war, trat ans Fenster und sah für das rötliche Licht undurchdringlich, wie vorher, auf die schneebedeckte Strasse hinaus, bis das elektrische Licht aufgedreht wurde.

*

Heute kann man den ganzen Tag keine Ruhe finden, so wird durch mein Zimmer hin- und hergelaufen! Und ich begreife nicht wozu man bloss solche Vorstellungen veranstaltet! Ein ganzer Schwarm von jungen Mädchen und Männern; das war eine Unruhe, ein Schreien, Laufen, man rief nach Arbeitern, die irgendetwas absägen sollten; Möbel, Kissen, Stoffe wurden herangetragen; es ist nur gut, dass sie aus meinem Zimmer nichts genommen und meinen Schal nicht fortgeschleppt haben! Endlich wurde alles still und in der Ferne begann man Klavier zu spielen. Der General und Paula Petrowna kamen leise herein und setzten sich nebeneinander auf mich; die alte Jungfer fuhr fort:

„Es würde ein Familienunglück sein, wenn sie ihn lieben sollte. Denk bloss: ein Knabe ist er noch, und was für einer ausserdem: ohne Namen, ohne Vermögen, ohne Talent . . .“

„Ich glaube, du übertreibst stark, ich habe nichts bemerkt . . .“

„Bemerken denn Männer solche Dinge? Ich aber werde jedenfalls immer dagegen sein!“

„Ich glaube, es wird auch gar nicht so weit kommen, dass man dafür oder dagegen zu sein brauchen wird.“

„Er ist ein ganz sittenloser Mensch: Du weisst was man von ihm spricht? Ich bin überzeugt, dass er es auch ist, der Kostja verdirbt. Nastja ist ein Kind, sie versteht noch nichts . . .“ regte sich die alte Dame auf.

„Nun, meine Beste, über wen wird nicht gesprochen? Höre doch bloss was über Kostja geklatscht wird! Und ich weiss nicht, vielleicht ist auch etwas wahr an diesen Geschichten. Das geht mich nichts an. Vor Klatsch bewahrt einen höchstens das Alter, wie deins und meins! . . .“

Paula Petrowna wurde dunkelrot im Gesicht und bemerkte kurz:

„Mach was du willst. Ich habe dich gewarnt und ich selbst werde schon aufpassen! Nastja ist auch mir keine Fremde!“

Da trat Nastja selbst ins Zimmer; sie war schon in ihrem himmelblauen, gelbgestreiften Kostüm und trug einen gelben Turban auf dem Kopfe.

„Papa,“ wandte sie sich hastig an den General, „warum sehet Ihr Euch nicht die Probe an?“ und fuhr, ohne die Antwort abzuwarten, fort: „Gib doch unserm König deinen Ring, er hat so einen riesigen Smaragd!“

„Diesen?“ fragte der General und wies auf einen alten Fingerring von selten schöner Arbeit und mit einem dunklen Smaragd, der die Grösse einer Stachelbeere hatte.

„Nun ja!“ antwortete sorglos das junge Mädchen.

„Nastja, du weisst nicht worum du bittest!“ mischte sich die Tante hinein, „den Familienring, von dem Maxim sich niemals trennt, für das Drunter und Drüber eurer Spielerei hergeben, damit ihr ihn im Handumdrehen verliert! Du weisst doch, dass dein Vater den Ring niemals vom Finger nimmt!“

„Für ein, zwei Mal; wie sollte er denn aus dem Zimmer verschwinden, selbst wenn er vom Finger fiele?“

„Nein, Maxim, ich erlaube dir auf keinen Fall den Ring vom Finger zu ziehen!“

„Du siehst, Tante Paula erlaubt mir’s nicht!“ sagte der General mit verlegenem Lachen.

Nastja ging unzufrieden ohne den Ring aus dem Zimmer und Paula Petrowna begann ihren Bruder zu trösten, dem seine betrübte Tochter leid tat.

Der Lärm und das Gelaufe gingen wieder an; man legte die Kostüme ab, dann begann das Abschiednehmen.

Herr Pawilikin blieb lange bei uns. Als er mit Kostja in mein Zimmer kam, war es schon gegen vier Uhr morgens. Sie blieben stehen und küssten sich zum Abschiede. Sergej Pawlowitsch sagte verlegen:

„Du kannst dir keine Vorstellung machen, Kostja, wie froh ich bin! Aber es ist mir so unangenehm, das es gerade heute dazu kam, nachdem du mir dieses Geld gegeben hast! Du kannst dir, weiss der Teufel, was für eine Gemeinheit denken . . .“

Der blasse und glückliche Kostja mit verwühltem Haar küsste ihn wieder und sagte:

„Nichts werde ich mir denken, sonderbarer Kauz! Das ist einfach ein Zusammentreffen, ein Zufall, der jedem zustossen kann.“

„Ja, aber es ist so peinlich, so peinlich . . .“

„Lass das, bitte, im Frühling gibst du mir’s wieder . . .“

„Ich brauchte diese sechshundert Rubel auf jeden Fall . . .“

Kostja schwieg, dann sagte er:

„Nun, auf Wiedersehen. Morgen treffen wir uns also zu ‚Manon‘?“

„Ja, ja . . .“

„Und nicht mit Petja Klimow?“

„Oh, tempi passati! Auf Wiedersehen.“

„Mache die Tür leise zu und lärm nicht, wenn du an Tante Paulas Schlafzimmer vorübergehst: sie hat dich nicht zurückkommen sehen und sie liebt dich nicht sonderlich. Auf Wiedersehen!“

Die jungen Leute nahmen noch einmal Abschied; es war, wie ich schon gesagt habe, gegen vier Uhr morgens.

*

Nastja kam von der Spazierfahrt, und ohne ihren Pelzhut mit der Rose vom Kopfe zu nehmen, setzte sie sich auf den Rand eines Stuhles, während ihr Begleiter mit von der Kälte geröteten Wangen fortfuhr im Zimmer auf und ab zu gehen. Das junge Mädchen sprach ungezwungen und heiter, aber hinter diesem Geplapper hörte man eine gewisse Unruhe hervor.

„Wir haben eine schöne Spazierfahrt gemacht! So angenehm: Frost und Sonne! Ich schwärme für den Palaiskai! . . .“

„Ja.“

„Ich liebe schrecklich zu fahren und besonders zu reiten; im Sommer verschwinde ich tagelang auf solchen Ausflügen. Sie sind noch nicht bei uns in ‚Swjataja Krutscha‘ gewesen?“

„Nein. Ich ziehe ein Automobil vor.“

„Sie haben einen schlechten Geschmack Sie wissen doch, ‚Swjataja Krutscha‘, und ‚Alexejewskoje‘, und ‚Ljgowka‘, das ist alles mein persönliches Eigentum; ich bin eine sehr reiche Braut. Dann macht noch Tantchen Paula mich zu ihrer Universalerbin. Sehen Sie — ich rate Ihnen, überlegen Sie sich’s.“

„Für uns Schuster heisst es: bleib bei deinem Leisten! . . .“

„Was für vulgäre Vergleiche Sie lieben!“

Sergej zuckte mit den Achseln und fuhr fort, ohne stehenzubleiben, auf und ab zu gehen. Das junge Mädchen machte noch ein paarmal den Versuch zu plaudern, aber immer kürzer wurden diese Versuche und schliesslich schwieg sie ganz, wie ein verdorbenes Spielzeug, und als ihre Stimme wieder erklang, war sie leise und traurig. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sie sich tiefer ins dunkel gewordene Zimmer hinein und sagte, als klage sie sich selbst ihr Leid:

„Wie lange ist es schon seit unserer Aufführung her! Entsinnen Sie sich? Ihr Auftreten . . . Wie vieles hat sich seither geändert! Sie sind nicht mehr derselbe, ich auch nicht, alle nicht . . . Ich kannte Sie damals noch so wenig. Sie können sich nicht vorstellen wie gut ich Sie verstehe, viel besser, als Kostja! Sie glauben nicht? Weshalb stellen Sie sich an, als merkten Sie nichts? Würde es Ihnen Vergnügen machen, wenn ich Ihnen das sagen würde, was zuerst zu sagen für eine Frau als erniedrigend gilt? Sie quälen mich, Sergej Pawlowitsch!“

„Sie übertreiben alles furchtbar, Nastasja Maximowna: mein Nicht-verstehen-wollen, wie meine Eigenliebe und vielleicht auch Ihre Gefühle für mich . . .“

Sie stand auf und sagte klanglos:

„So? Es kann sein . . .“

„Sie gehen?“ wurde er unruhig.

„Ja, ich muss mich zum Mittagessen umkleiden. Sie speisen nicht mit uns?“

„Ja, ich habe eine Einladung zu Bekannten.“

„Mit Kostja zusammen?“

„Nein. Weshalb?“

Sie ging nicht und blieb am Tisch mit den Zeitschriften stehen.

„Sie werden noch zu ihm auf sein Zimmer gehen?“

„Nein, ich fahre gleich.“

„So? Nun, auf Wiedersehen! Und ich liebe Sie — das ist’s!“ setzte sie plötzlich hinzu, und wandte sich ab. Als er in der Dunkelheit, in der man seine Züge nicht unterscheiden konnte, schwieg, sagte sie schnell, wie mit lachender Stimme: „Nun, sind Sie zufrieden?“

„Finden Sie, dass das der passende Ausdruck ist?“ sagte er und beugte sich über ihre Hand.

„Auf Wiedersehen . . . Gehen Sie jetzt,“ murmelte sie, das Zimmer verlassend.

Sergej machte Licht und ging, lustig etwas vor sich hinpfeifend, in Kostjas Zimmer.

*

Der General kam in grosser Aufregung herein, er hielt eine Zeitung in der Hand; Tante Paula folgte ihm auf dem Fusse, mit ihrem schwarzen Seidenkleide rauschend.

„Beruhige dich, Maxim, jetzt kommt das so häufig vor, man gewöhnt sich fast daran. Natürlich ist es fürchterlich, aber was ist dabei zu machen? Niemand vermag seinem Schicksal zu entrinnen.“

„Nein, Paula, ich kann mich nicht beruhigen: nur die Mütze ist übriggeblieben und ein blutiger Brei von Gehirn an der Mauer. Armer Lew Iwanowitsch!“

„Denk nicht daran, Bruder! Morgen lassen wir in der Kirche des Apanagendepartements eine Seelenmesse lesen. Denk nicht daran, schone dich: Du hast selbst einen Sohn und eine Tochter.“

Der General war ganz rot im Gesicht, er liess sich auf mir nieder. Die Zeitung entglitt seinen Händen, die alte Dame hob sie schnell auf, legte sie recht weit von ihrem Bruder fort, und begann hastig von etwas anderem zu sprechen:

„Nun, hast du den Ring gefunden?“

Der General wurde wieder unruhig:

„Nein, nein! Das beunruhigt mich auch noch fürchterlich.“

„Entsinnst du dich, wann du ihn zum letztenmal gesehen hast?“

„Ich zeigte ihn heute morgen, hier, auf dieser selben Chaiselongue, Sergej Pawlowitsch: er interessierte sich so für den Ring . . . Dann schlummerte ich ein; und ich erinnere mich, dass der Ring schon nicht mehr da war, als ich aufwachte . . .“

„Hast du ihn vom Finger gezogen?“

„Ja . . .“

„Das war nicht vernünftig von dir! Ausser seinem realen besitzt der Ring doch einen unschätzbaren Wert als Familienstück.“

„Das ist geradezu das Vorzeichen eines Unglückes.“

„Wollen wir hoffen, dass der Tod von Lew Iwanowitsch eine genügend unglückliche Botschaft ist, um das ganze Unheil zu erschöpfen.“

Der General begann wieder zu seufzen. Paula Petrowna konnte sich nicht enthalten zu sagen:

„Wenn dieser Pawilikin nur nicht den Ring mitgenommen hat? Er ist fähig so etwas zu tun!“

„Wozu? Um ihn sich anzusehen? Ja, aber er hat ihn auch so schon betrachtet und fragte mich wieviel die Antiquitätenhändler dafür geboten haben usw.“

„Er kann ihn ja auch einfach so genommen haben.“

„Das heisst, du meinst er hat ihn gestohlen?“

Paula Petrowna hatte keine Zeit zu antworten, da Nastja, die hastig und erregt ins Zimmer getreten war, ins Gespräch fiel.

„Papa!“ sagte sie laut: „Sergej Pawlowitsch hält um meine Hand an. Ich hoffe, du bist nicht dagegen?“

„Nicht jetzt, nicht jetzt!“ wehrte er ihr mit den Händen ab.

„Weshalb? Was sind das für Ausflüchte? Du kennst ihn gut genug,“ sagte Nastja und wurde rot.

Paula Petrowna warf, aufstehend, dazwischen:

„Ich habe auch eine Stimme und protestiere überhaupt gegen eine solche Verbindung, und fordere in jedem Falle, dass die Frage aufgeschoben wird bis sich Maxims Ring wiedergefunden hat.“

„Was für eine Beziehung hat Papas Ring zu meinem Bräutigam?“ fragte das junge Mädchen hochmütig.

„Wir glauben, dass Sergej Pawlowitsch den Ring hat.“

„Sie glauben, dass er einen Diebstahl verübt hat?“

„Ja, so etwas in der Art.“

Nastja wandte sich an den General, ohne der Tante zu antworten, und fragte:

„Du glaubst also auch an dieses Märchen?“

Der Vater schwieg. Sein Gesicht rötete sich noch mehr.

Das junge Mädchen wandte sich wieder an Paula:

„Weshalb treten Sie zwischen uns? Sie hassen Sergej . . . . Sergej Pawlowitsch und denken sich allerhand Unsinn aus! Sie säen Zwietracht zwischen Kostja und Papa. Was wollen Sie von uns?“

„Nastja, werde nicht frech, unterstehe dich nicht!“ rief der Vater, nach Luft ringend.

Nastja hörte nicht auf ihn.

„Weshalb regst du dich so auf? Weshalb kannst du dich nicht gedulden, bis diese Geschichte sich aufgeklärt hat? Es ist das ganz prinzipiell, begreifst du?“

„Ich begreife, dass mein Bräutigam einer ähnlichen Handlung überhaupt nicht verdächtigt werden darf!“ schrie Nastja, der General sass stumm da, die Röte in seinem Gesichte wurde immer tiefer.

„Du fürchtest dich vor der Wahrheit?“

„Es kann nur eine Wahrheit geben und ich kenne sie. Und ich rate Ihnen sich unserer Ehe nicht zu widersetzen: das wird für Sie selbst nur schlimmer sein!“

„Du meinst?“

„Ich weiss es!“

Paula sah sie durchdringend an.

„Ist denn Eile geboten?“

„Welch eine Gemeinheit! Kostja!“ stürzte das junge Mädchen zum eintretenden Studenten. „Lieber Kostja, sei du Richter! Sergej Pawlowitsch hält um meine Hand an, und Vater, der ganz unter dem Einflusse von Tante Paula steht, gibt nicht seine Einwilligung, bevor sich die Frage aufgeklärt hat, wo sein Ring hingekommen ist.“

„Zum Teufel auch! Ihr beschuldigt doch nicht gar Pawilikin des Diebstahls?“

„Ja,“ versetzte die alte Dame boshaft. „Du trittst natürlich für ihn ein, du wirst den Ring auslösen. Ich weiss auch einiges von dir! Ich kann in meinem Zimmer hören, wie die Tür knarrt, wenn du deinen Freund hinauslässt und was dabei gesprochen wird. Sei dankbar, dass ich schweige!“

In meinem ganzen Leben habe ich keinen solchen Skandal, keine solche Schimpferei gehört. Kostja schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte, Paula verlangte Achtung vor dem Alter; Nastja sprach hysterisch . . . Aber plötzlich verstummten alle, weil Stimmen, Schrei und Lärm von einem unartikulierten Laut übertönt wurden, welchen der General ausgestossen hatte, der, nachdem er die ganze Zeit geschwiegen, eben aufgestanden war. Dann sank er schwer zurück, wurde blaurot im Gesicht und begann zu röcheln. Paula stürzte zu ihm.

„Was ist mit dir, Maxim, Maxim?“

Der General röchelte nur, die weissen Augäpfel verdrehend, und war schon ganz blau.

„Wasser! Wasser! Er stirbt! Ein Schlag!“ flüsterte die Tante, aber Nastja schob sie beiseite und sagte:

„Lassen Sie, ich werde ihm selbst den Kragen aufknöpfen,“ und liess sich vor mir auf die Knie nieder.

*

Sogar in mein Zimmer drang der Geruch von Weihrauch und der Kirchengesang von der Seelenmesse des alten Generals herüber. Mitunter schien es mir, als werde mir selbst das Sterbelied gesungen. O wie nah war ich der Wahrheit!

Als die jungen Leute ins Zimmer traten, sagte Pawilikin, die unterbrochene Unterhaltung fortsetzend:

„Und heute, da erhalte ich von Paula Petrowna folgende Zuschrift,“ und er begann den aus der Tasche gezogenen Brief vorzulesen:

„Sehr geehrter Herr, Sergej Pawlowitsch! Aus Gründen, die — scheint mir — Ihnen zu erklären weiter nicht nötig ist, halte ich Ihre Besuche in diesen, für unsere Familie so schweren Tagen für unangebracht, und ich hoffe, Sie werden nicht verfehlen Ihre Führung mit unserem gemeinschaftlichen Wunsche in Einklang zubringen. Die Zukunft selbst wird zeigen, wie weit die früheren Beziehungen möglich sein werden, aber ich kann Sie versichern, dass meine Nichte, Anastasia Maximowna, im gegebenen Falle mit mir ganz solidarisch ist. Genehmigen Sie usw.“

Er sah Kostja fragend an und der bemerkte:

„Weisst du, von ihrem Standpunkte hat Tante recht, und ich weiss überhaupt nicht, wie meine Schwester dir antworten wird.“

„Aber du gibst doch zu, solche nichtige Gründe! . . .“

„Das heisst, der Tod meines Vaters?“

„Ja, aber ich trage doch keine Schuld daran!“

„Selbstredend . . . Ich las da neulich das Märchen aus ‚Tausendundeiner Nacht‘, wo ein Mensch mit Dattelkernen warf, — eine durchaus harmlose Beschäftigung — er traf aber den Sohn eines Geistes ins Auge und lud eine Reihe von Missgeschicken auf sich. Wer kann die Folgen von Kleinigkeiten vorausbestimmen?“

„Wir aber werden doch miteinander verkehren?“

„Oh, zweifelsohne! Ich werde jetzt nicht mehr mit meiner Familie zusammenleben und du wirst mir immer willkommen sein. Das ist dauerhafter, als die Verliebtheit eines Mädchens aus dem Fräuleinstift.“

„Und wird auch durch Dattelkerne nicht gefährdet?“

„Das ist’s.“

Sergej umarmte den jungen Gambakow und sie verliessen zusammen das Zimmer. Ich habe Pawilikin nicht wiedergesehen, wie ich überhaupt nur wenige Leute sah, die uns in meinen letzten Ehrentagen aufsuchten.

*

Frühmorgens kamen Männer in hohen Stiefeln und hoben mich auf, nachdem sie Paula Petrowna gefragt hatten: „Diese hier?“ Der Älteste von ihnen fragte immer wieder ob es nicht noch etwas zu verkaufen gäbe, als seine Frage verneint wurde, folgte er den anderen Männern.

Wie sie mich auf die Seite kehrten, um mich durch die Tür zu tragen, rollte etwas auf den Fussboden, von dem — der Sommer war schon nahe — die Teppiche bereits entfernt worden waren. Einer von den Männern, die mich trugen, hob den heruntergefallenen Gegenstand auf und reichte ihn der alten Dame mit den Worten:

„Ein Ringchen! Haben es mal aufs Couchettchen fallen lassen und da ist es denn hinter den Bezug geglitten.“

„Es ist gut. Danke!“ sagte Tante Paula, erbleichend, und ging aus dem Zimmer, nachdem sie hastig den Ring mit dem stachelbeergrossen Smaragd in ihr Ricule gesteckt hatte.

Flügel

Erster Teil

Im Waggon, der gegen Morgen etwas leerer geworden war, wurde es immer heller; durch die beschlagenen Fenster sah man auf Wiesen hinaus, deren Gras fast giftgrün war, trotzdem der August sich schon zu Ende neigte, aufgeweichte Wege schlängelten sich ins Land, Milchfrauen mit ihren Wagen warteten vor einem herabgelassenen Schlagbaum, Bahnwärterhäuschen und die bunten Sonnenschirme spazierengehender Sommerfrischlerinnen huschten vorüber. Auf den häufigen und einförmigen Haltestellen begannen neue Vorortspassagiere mit Ledermappen unter dem Arm den Wagen zu füllen, und man sah, dass der Waggon, die Fahrt, für sie keine Epoche, nicht einmal eine Episode des Lebens bedeuteten, sondern der gewohnte Teil eines täglichen Programmes waren, und die Bank, auf der Nikolai Iwanowitsch Smurow mit Wanja sass, schien die wichtigste und bedeutungsvollste des ganzen Wagens. Die festverschnürten Handkoffer, die Porteplaids mit den Kissen, der gegenübersitzende alte Herr mit dem langen Haar und der unmodernen Reisetasche über der Schulter, das alles sprach von einer weiteren Fahrt, von einer weniger gewöhnlichen, mehr epochemachenden Reise.

Wanja sah auf den rötlichen Sonnenstrahl, der sich unruhig durch die Rauchwolken der Lokomotive brach und hin und wieder über das dummerhaft scheinende Gesicht des schlafenden Nikolai Iwanowitsch glitt, ihm fiel dabei die knarrende Stimme dieses selben Vetters ein, der ihm dort, weit, „zu Hause“, gesagt hatte: „Geld hat Mama dir keins hinterlassen; du weisst, wir sind selbst nicht reich, aber, als dein Vetter bin ich bereit, dir zu helfen; du hast noch lange zu lernen, zu mir kann ich dich nicht nehmen, ich werde dich zu Alexej Wassiljewitsch in Pension geben und dich besuchen; dort geht es lustig her und man kann dort viele nützliche Leute treffen. Gib dir Mühe; wir wären mit Natascha gern bereit dich zu uns zu nehmen, aber es geht unmöglich; und du selbst wirst es bei Kasanskis heiterer haben: dort gibt es immer junges Volk. Ich werde für dich zahlen; wenn wir die Erbschaft teilen werden, ziehe ich meine Auslagen ab.“ Wanja sass im Vorzimmer auf dem Fensterbrett und hörte zu, dabei betrachtete er die Sonne, die eine Ecke des Koffers, die grau und lila gestreiften Hosen Nikolai Iwanowitschs und die gestrichene Diele beleuchtete. Er gab sich keine Mühe den Sinn der Worte zu verstehen und dachte wie seine Mutter gestorben war, wie plötzlich das ganze Haus sich mit Weibern gefüllt hatte, die früher ganz fremd gewesen und jetzt ungewöhnlich nahe zu stehen schienen, er erinnerte sich an alle die Besorgungen, die zu machen waren, die Seelenmessen, die Beerdigung, und ihm fiel ein, wie es plötzlich, nachdem alles vorüber gewesen, leer und öde geworden und ohne Nikolai Iwanowitsch anzusehen, wiederholte er nur mechanisch: „Ja, Onkel Kolja,“ obgleich Nikolai Iwanowitsch gar nicht sein Onkel, sondern nur ein Vetter von ihm war.

Und jetzt schien es ihm sonderbar mit diesem trotz alledem ganz fremden Menschen zusammen zu reisen, sich so lange in seiner Nähe aufzuhalten, sich mit ihm über seine Angelegenheiten zu unterhalten, Pläne zu machen. Und er war etwas enttäuscht, obgleich er es schon früher gewusst hatte, dass man bei der Ankunft in Petersburg nicht gleich ins Zentrum der Paläste und grossen Bauten, unter Volksandrang, bei Militärmusik, durch ein hohes Tor einzieht, sondern dass der Weg an langen durch graue Lattenzäune sichtbaren Gemüsegärten, an Kirchhöfen, die aus der Ferne wie romantische Haine aussahen, an sechsstöckigen unter verfallenen Holzhäuschen aufragenden muffeligen Arbeiterkasernen vorbeiführt, dass man durch Russ und Rauch hindurch muss. Also das ist Petersburg! dachte Wanja enttäuscht und interessiert, wie er in die unfreundlichen Gesichter der Gepäckträger blickte.

*

„Hast du sie durchgelesen, Kostja? Kann ich?“ fragte Anna Nikolajewna, vom Tische aufstehend und griff mit ihren langen schon um diese frühe Morgenstunde mit billigen Ringen bedeckten Fingern nach einem Stoss Zeitungen, in denen Konstantin Wassiljewitsch gelesen hatte.

„Ja, es steht nichts Interessantes drin.“

„Was kann es in unseren Zeitungen Interessantes geben? Ich begreife — im Auslande. Da kann man alles schreiben und verantwortet nötigenfalls, was man geschrieben hat, vor Gericht. Aber bei uns ist es abscheulich, man weiss nicht woran man glauben soll. Die Berichte und Mitteilungen der Regierung sind unrichtig oder belanglos, ein Leben im Innern gibt es bis auf Unterschlagungen und Gerüchte von Spezialkorrespondenten überhaupt nicht.“

„Aber im Auslande gibt es ja auch bloss sensationelle Gerüchte, wobei man für Verbreitung erlogener Nachrichten nicht zu gerichtlicher Verantwortung gezogen wird.“

Koka und Boba löffelten träge in ihren Teegläsern und assen Brot mit schlechter Butter.

„Wohin musst du heute, Nata? Hast du viel zu tun?“ fragte Anna Nikolajewna affektiert.

Nata, ein rothaariges Mädchen mit sommersprossenbesätem Gesicht und vulgär gedrungenem Munde, antwortete etwas, mit beiden Backen an einer Semmel kauend. Onkel Kostja, früher Kassierer eines dunklen Spielklubs, hatte lange Finger gemacht und lebte jetzt, nach verbüsster Haft, ohne Stellung und Beschäftigung, bei seinem Bruder. Eben entrüstete er sich über einen Unterschlagungsprozess.

„Jetzt, wo alles erwacht, erstehen neue Kräfte, alles wird lebendig,“ erhitzte sich Alexej Wassiljewitsch.

„Ich bindurchaus nicht für jedes Erwachen; Tante Sonin, z. B., ziehe ich vor, wenn sie schläft.“

Es kamen und gingen allerhand Studenten und einfache junge Leute in Jacketts, tauschten ihre aus den Zeitungen geschöpften Eindrücke über das gestrige Rennen aus; Onkel Kostja verlangte Schnaps; Anna Nikolajewna sprach, den Hut auf dem Kopfe, von einer Ausstellung und sah, sich die Handschuhe anziehend, unzufrieden zu Onkel Kostja hinüber, der mit etwas zittriger Hand die Gläser füllte. Mit seinen gutmütigen geröteten Augen umherblickend, sagte er: „Ein Ausstand, meine Freunde, wisst ihr, das, wisst ihr, ist . . .“

„Larion Dmitrijewitsch!“ meldete die Köchin, die in die Küche zurückeilte und unterwegs das Teebrett mit den Gläsern und das schmutzige, zusammengeballte Tischtuch mitnahm.

Wanja wandte sich vom Fenster ab, an dem er gestanden hatte, und erblickte im Türrahmen die wohlbekannte Gestalt Larion Dmitrijewitsch Stroops in seinem sackartig breiten Anzuge.

*

Wanja hatte angefangen sich sorgfältiger zu kämmen und schenkte auch seinem Anzug seit einiger Zeit mehr Aufmerksamkeit. Sein Ebenbild in einem kleinen Wandspiegel betrachtend, sah er gleichgültig ein etwas unbedeutendes rundes Gesicht mit roten Wangen, grossen grauen Augen, einem hübschen Mund mit kindlich dicken Lippen und blondem Haar vor sich, das nicht ganz kurz geschnitten, sich ein wenig lockte. Weder gefiel ihm, noch missfiel ihm dieser hohe und schlanke Knabe mit den feinen Augenbrauen, der in einer schwarzen Bluse vor dem Spiegel stand. Durch das Fenster sah man einen Hof mit nassen Fliesen, die Fenster des gegenüber liegenden Hausflügels, Streichholzhändler. Es war Feiertag und alle schliefen noch. Wanja war, wie gewöhnlich, früh aufgestanden, hatte sich ans Fenster gesetzt und wartete auf den Tee, während er dem Glockengeläut einer nahen Kirche und dem Geräusch zuhörte, das die im Nebenzimmer aufräumende Bedienung machte. Er erinnerte sich an die Feiertagsmorgen dort, „zu Hause“, in der alten Kreisstadt, an die sauberen Stuben mit den Tüllgardinen und Lämpchen vor den Heiligenbildern, an die Messe in der Kirche, die Piroggen zum Mittag, alles einfach, hell und lieb, und das Regenwetter draussen, die Drehorgeln auf dem Hofe, die Zeitungen beim Morgentee, das sinnlose und ungemütliche Leben, die dunkeln Zimmer, das alles wurde ihm langweilig.

Konstantin Wassiljewitsch, der Wanja mitunter aufsuchte, blickte zur Tür herein.

„Bist du allein, Wanja?“

„Ja, Onkel Kostja. Guten Tag! Was gibt’s?“

„Nichts. Wartest du auf den Tee?“

„Ja. Ist Tante noch nicht aufgestanden?“

„Auf ist sie schon, sie kommt bloss nicht heraus. Sie ärgert sich. Wahrscheinlich ist kein Geld da. Das ist das erste Anzeichen: wenn sie zwei Stunden im Schlafzimmer sitzt, so bedeutet das, dass kein Geld da ist. Und wozu nur? Sie wird doch sowieso herauskriechen müssen.“

„Wissen Sie nicht, verdient Onkel Alexej Wassiljewitsch viel?“

„Wie’s so kommt. Und was heisst viel? Für den Menschen gibt es niemals viel Geld.“

Konstantin Wassiljewitsch seufzte auf und schwieg. Wanja schwieg auch und sah zum Fenster hinaus.

„Was ich dich fragen wollte, lieber Wanja,“ begann Konstantin Wassiljewitsch wieder, „hast du nicht vielleicht bis Mittwoch etwas Geld überflüssig? Ich gebe es dir Mittwoch gleich wieder ab.“

„Woher sollte ich denn Geld haben? Natürlich habe ich keins.“

„Woher du Geld haben sollst? . . . Na, es kann dir doch jemand welches geben . . .“

„Was sagen Sie da, Onkel! Wer sollte mir denn Geld geben?“

„Also du hast keins?“

„Nein.“

„Das ist schlimm.“

„Wieviel möchten Sie denn haben?“

„So fünf Rubel, nicht viel, gar nicht viel.“ Und Konstantin Wassiljewitsch wurde wieder lebhaft. „Vielleicht hast du sie doch, wie? Nur bis Mittwoch?!“

„Ich habe keine fünf Rubel.“

Konstantin Wassiljewitsch sah Wanja enttäuscht und schlau an und schwieg. Wanja wurde es noch trübseliger zumute.

„Was soll man dann machen? Es regnet noch immer . . . . Weisst du was, lieber Wanja, bitte du Larion Dmitrijewitsch um Geld für mich.“

„Stroop?“

„Ja, bitte ihn, mein Lieber!“

„Weshalb bitten Sie ihn denn nicht selbst?“

„Mir wird er keins geben.“

„Weshalb wird er Ihnen keins geben und mir wohl?“

„Er wird schon geben, glaube mir; aber bitte, mein Lieber, sag ihm nur nicht, dass es für mich ist; als brauchtest du für dich selbst zwanzig Rubel.“

„Sie brauchten doch nur fünf?“

„Ist es nicht einerlei wieviel du bittest? Sei so gut, Wanja!“

„Nun schön. Aber wenn er fragt, wozu ich das Geld brauche?“

„Er wird nicht fragen — der ist nicht auf den Kopf gefallen.“

„Aber sehen Sie zu, dass Sie das Geld selbst abgeben.“

„Aber gewiss, gewiss.“

„Weshalb aber glauben Sie, Onkel, dass Stroop mir das Geld geben wird?“

„Na, ich denk’ mir halt so!“ Und lächelnd schlich sich Konstantin Wassiljewitsch, verlegen und zufrieden, auf den Fussspitzen aus dem Zimmer. Wanja stand lange am Fenster, ohne sich umzusehen und ohne den nassen Hof zu beachten. Als er zum Tee gerufen wurde, blickte er, bevor er ins Speisezimmer ging, noch einmal in den Spiegel auf sein rot gewordenes Gesicht mit den grauen Augen und den feinen Brauen.

*

In der griechischen Stunde störten Nikolajew und Spilewski auf der Vorderbank Wanja die ganze Zeit mit ihrer Balgerei und ihrem Kichern. Vor Beginn der Ferien wurde es mit dem Unterricht nicht so genau genommen, der kleine ältliche Lehrer erzählte, auf einem Beine sitzend, aus dem Leben der Griechen, ohne die Aufgaben abzufragen; die Fenster standen offen und man sah grünende Baumwipfel und ein grosses rotes Gebäude. Wanja zog es immer mehr fort aus Petersburg in die Luft, irgendwohin weit in die Ferne. Die blankgeputzten Griffe an Türen und Fenstern, die Speibecken, die Landkarten an den Wänden, die Schultafel, der gelbe Papierkasten, die geschorenen oder lockigen Köpfe der Kameraden schienen ihm unerträglich.

„Die Sykophanten — Denunzianten, Spione, wörtlich Feigenangeber; als der Export dieser Früchte aus Attika noch bei Strafe verboten war, zeigten diese Leute, oder wie wir sagen würden, diese Chantagisten, dem Verdächtigen unter ihrem Mantel eine Feige als Drohung, dass im Falle er sich von ihnen nicht loskaufen sollte . . .“ Und Daniil Iwanowitsch machte, ohne das Katheder zu verlassen, mit Gesten und Mimik die Angeber und Verleumdeten, den Mantel und die Feige nach; dann sprang er von seinem Platze auf und ging im Klassenzimmer hin und her, wobei er mit sorgenvollem Gesicht irgend etwas wiederholte, wie etwa: „Die Sykophanten, . . . . ja, die Sykophanten . . . . ja, meine Lieben, die Sykophanten,“ dabei gab er dem Worte verschiedene, aber in jedem Falle ganz unerwartete Nuancen.

„Heute werde ich versuchen, Stroop um Geld zu fragen,“ dachte Wanja, durchs Fenster blickend.

Spilewski erhob sich, jetzt schon ganz rot geworden, von der Bank.

„Was will dieser Nikolajew eigentlich von mir haben? Er gibt mir keine Ruh mit seinen Zudringlichkeiten.“

„Nikolajew, weshalb werden Sie gegen Spilewski zudringlich?“

„Ich werd’ gar nicht zudringlich.“

„Was machen Sie ihm denn?“

„Ich kitzle ihn.“

„Setzen Sie sich. Ihnen aber, Spilewski empfehle ich grössere Genauigkeit beim Gebrauche eines Ausdruckes. Im Hinblick darauf, dass Sie kein Frauenzimmer sind, kann Nikolajew, ein ziemlich bejahrter Jüngling, und dazu noch einer mit recht beschränkten Begriffen, Ihnen gegenüber nicht zudringlich werden.“

*

„Ich stelle die Frage so: willst du arbeiten — so arbeite, willst du nicht arbeiten, so arbeite nicht!“ sagte Anna Nikolajewna mit einer Miene, als sei das Interesse der ganzen Welt darauf gerichtet, wie sie die Frage stelle. Im Gastzimmer, das ganz mit stilvollen Möbeln in Gestalt von Sitzbädern, Badestühlen und Papierkästen vollgestellt war, lärmten die Stimmen von Anna Nikolajewna, Nata und den beiden Schwestern, den Künstlerinnen Speier.

„Diesen Schrank liebe ich sehr, aber die Bank reizt mich nicht. Ich würde einen Schrank immer vorziehen.“

„Auch dann, wenn Sie ein Sitzmöbel brauchen würden?“

„Die Dienstboten klagen über Arbeitsüberlastung: sie gehen mehr aus, als wir! Ich komme mitunter tagelang nicht aus dem Hause und unsere Annuschka hat täglich so oft Gelegenheit in die Bude zu laufen, bald hat sie Brot zu besorgen, ein anderes Mal Stiefel zu holen. Und dabei hat sie soviel Möglichkeiten mit Menschen zusammenzukommen. Ich finde die Klagen aller dieser Unzufriedenen stark übertrieben.“

„Können Sie sich vorstellen, er posiert mit einer solchen Stimmung, dass die Malschülerinnen sich fürchten, in seiner Nähe zu sitzen. Dabei ist er eine äusserst interessante Persönlichkeit: ein russischer Zigeuner aus München; er hat ein Gymnasium besucht, war im Corps de ballet, ist Modell gewesen; von Stuck erzählt er riesig interessante Einzelheiten.“

„Auf rosa Foulard wird es zu grell sein, ich würde blassgrünen vorziehen.“

„Danach muss man Stroop fragen.“

„Aber er ist ja eben erst verreist, der Stroop, ihr Unglücklichen!“ rief die ältere Speier.

„Wie, Stroop ist fort? Wohin? Wozu?“

„Ja, das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Wie immer ein Geheimnis.“

„Von wem haben Sie es gehört?“

„Von ihm selbst hab’ ich’s gehört: er meinte so auf drei Wochen.“

„Nun, das ist nicht so schlimm!“

„Und Wanja Smurow fragte erst heute, wann Stroop bei uns sein werde.“

„Wozu braucht er ihn?“

„Ich weiss nicht. Er hat irgend etwas mit ihm zu tun . . .“

„Wanja mit Stroop? Das ist aber originell!“

„Nun, Nata, wir müssen gehen,“ zwitscherte Anna Nikolajewna und beide Damen verliessen, mit den Röcken rauschend, das Zimmer, überzeugt, dass sie den Mondainen aus den Romanen von Prevost und Ohnet, die sie in Übersetzungen lasen, sehr ähnlich sähen.

*

Im April wurde die Frage von der Sommerfrische angeschnitten. Alexej Wassiljewitsch musste häufig, fast jeden Tag, in der Stadt sein; Koka und Boba auch, so dass der von Anna Nikolajewna und Nata geplante Aufenthalt an der Wolga wenig Aussicht auf Verwirklichung hatte. Man schwankte zwischen den Bädern Terijoki und Sestrorezk in der Nähe von Petersburg, aber unabhängig von der Frage der Sommerfrische dachten alle an Sommertoiletten. Durch die offenen Fenster drangen Staubwolken, der Wagenlärm und das Geklingel der Trams.

Wenn Wanja lesen oder seine Aufgaben machen wollte, ging er hin und wieder in den Sommergarten. Er sass im Gang vor dem Marsfelde, ein Teubnerbändchen lag, mit dem gelbrosa Umschlage nach oben, neben ihm, seither war er noch ein wenig gewachsen; von der Frühlingssonne eingebrannt, schien er bleicher; er sah sich die Spaziergänger im Garten und jenseits des Lebjashi-Kanals an. Vom Krylow-Platz klang das Lachen spielender Kinder herüber, und Wanja hörte nicht, wie der Sand unter Stroops Füssen knirschte, als dieser auf ihn zutrat.

„Sie arbeiten?“ fragte Stroop, sich neben Wanja setzend, der sich auf einen Gruss hatte beschränken wollen.

„Ich arbeite; aber wenn Sie wüssten, wie langweilig mir das alles geworden ist! . . .“

„Was haben Sie da? Homer?“

„Ja, Homer. Besonders dies Griechisch.“

„Sie lieben nicht Griechisch?“

„Wer liebt es denn?“ lächelte Wanja.

„Das ist sehr schade!“

„Was ist schade?“

„Dass Sie nicht Sprachen lieben.“

„Die neuen gehen ja an, ich liebe sie, man kann später ’mal etwas lesen, aber Griechisch, wer wird Griechisch lesen, so einen alten Kram.“

„Was für ein Kind Sie sind, Wanja. Eine ganze Welt, ganze Welten sind Ihnen verschlossen; und das — Welten der Schönheit, die nicht nur zu kennen, sondern zu lieben die Grundlage jeder Bildung ist.“

„Man kann Übersetzungen lesen; und wieviel Zeit verliert man mit der Grammatik?!“

Stroop blickte mit unendlichem Bedauern auf Wanja.

„Statt eines Menschen aus Fleisch und Blut, der lacht und traurig ist, den man lieben, küssen, hassen kann, an dem man sieht, wie das Blut durch die Adern fliesst, dessen natürliche Grazie des nackten Körpers uns bezaubert, eine seelenlose Puppe besitzen, die dazu noch häufig aus der Werkstatt eines Handwerkers hervorgegangen ist, das heisst Übersetzungen lesen. Und für die grammatikalischen Vorbereitungsarbeiten braucht man so wenig Zeit. Man muss nur lesen, lesen und lesen. Lesen und jedes Wort im Wörterbuch nachschlagen, wie durch ein Dickicht im Walde sich Weg bahnen, oh, Sie würden einen ungeahnten Genuss kennen lernen. Und mir scheint, Wanja, dass Sie Anlagen haben, ein wahrer neuer Mensch zu werden.“

Wanja schwieg unzufrieden.

„Sie haben eine schlechte Umgebung, aber das kann zu Ihrem Besten dienen, indem es Sie vor Vorurteilen bewahrt, die jedem traditionellen Leben anhaften. Und Sie könnten, wenn Sie wollten, ein durchaus moderner Mensch werden,“ fügte Stroop nach einigem Schweigen hinzu.

„Ich weiss nicht, ich möchte irgendwohin fortfahren, fort von allem: vom Gymnasium, vom Homer, von Anna Nikolajewna, — das ist es.“

„In die Natur?“

„Ja, in die Natur.“

„Aber, mein lieber Freund, wenn in der Natur leben, mehr essen, Milch trinken, sich baden und nichts tun heisst, ja, dann freilich ist es sehr einfach, aber die Natur geniessen ist vielleicht schwerer als die griechische Grammatik und ermüdet, wie jeder Genuss. Und ich glaube auch einem Menschen nicht, der in der Stadt gleichgültig den besten Teil der Natur — Himmel und Wasser — sieht, und die Natur auf den Montblanc suchen geht, ich glaube einem solchen Menschen nicht, dass er die Natur liebt.“

*

Onkel Kostja machte Wanja den Vorschlag, ihn in seiner Droschke bis zum Gymnasium mitzunehmen.

Der heisse Morgen liess schon die Nähe des Sommers spüren, und ganze Seiten des Fahrdammes wurden umgepflastert und waren gesperrt. Onkel Kostja, der dreiviertel der Droschke einnahm, hatte sich bequem mit ausgespreizten Beinen zurechtgesetzt.

„Onkel Kostja, warten Sie ein wenig, ich frage nur, ob der Priester gekommen ist, und wenn er fehlt, fahre ich lieber mit Ihnen mit und komme zu Fuss zurück, als im Gymnasium zu hocken. Einverstanden?“

„Weshalb sollte der Priester nicht zur Stunde gekommen sein?“

„Er ist schon die ganze Woche krank.“

„Einverstanden. Frage nur.“

Einen Augenblick später kam Wanja wieder heraus, ging um die Droschke herum und stieg von der anderen Seite neben Konstantin Wassiljewitsch ein.

„Und Larion Dmitrijewitsch, mein Lieber, ist, als hätte er geahnt, was wir gegen ihn im Schilde führen, auf und davon und kommt nicht mehr zurück.“

„Vielleicht ist er schon zurück.“

„Dann wäre er bei Anna Nikolajewna gewesen.“

„Was ist er eigentlich, Onkel Kostja?“

„Wer? Nach wem fragst du?“

„Nach Larion Dmitrijewitsch.“

„Stroop — nichts weiter. Ein halber Engländer und reicher Mann, ist nirgendwo angestellt, lebt gut, ja, sogar vorzüglich, ist in höchstem Grade gebildet und belesen, so dass ich gar nicht begreife, weshalb er mit Kasanskis verkehrt.“

„Er ist doch nicht verheiratet, Onkel?“

„Ja, sogar ganz im Gegenteil, und wenn Nata glaubt, dass sie es ihm angetan habe, so täuscht sie sich grausam; überhaupt, ich begreife absolut nicht, was er bei Kasanskis zu suchen hat. Gestern, einfach zum Totlachen, lieferte Anna Nikolajewna Alexej eine Generalschlacht.“

Sie fuhren über die Fontankabrücke. Fischhändler von den schwimmenden Fischhandlungen zogen Fische aus den Bassins, kleine Dampfer schossen rauchend vorbei, an der steinernen Balustrade lehnte eine müssige Menge. Ein Eishändler schob seinen rasselnden blauen Wagen über das Pflaster.

„Du hast vielleicht von jemand gehört, dass Stroop zurückgekommen ist oder hast ihn selbst gesehen?“ fragte Onkel Kostja beim Abschied.

„Nein, wo sollte ich wohl, wenn er, wie Sie sagen, nicht zurück ist,“ meinte Wanja errötend.

„Siehst du, du sagst, es sei nicht heiss und schau nur mal, wie rot du geworden bist,“ und die untersetzte Gestalt Konstantin Wassiljewitschs verschwand in der Haustür.

„Weshalb habe ich meine Begegnung mit Stroop verheimlicht?“ dachte Wanja und freute sich, dass er ein Geheimnis habe.

*

Im Lehrerzimmer war es vollgeraucht und die Gläser mit dem schwachen Tee schimmerten im Halbdunkel des Erdgeschosses bernsteingelb. Die Eintretenden bekamen den Eindruck, als bewegten sich die Gestalten in einem Aquarium. Dieser Eindruck wurde noch durch den Regen erhöht, der hinter den Milchglasscheiben herabfloss. Das Gewirr der Stimmen, das Klappern der Teelöffel mischte sich mit dem dumpfen Lärm der grossen Zwischenstunde, der aus der Aula und bisweilen ganz nahe aus den Korridoren herüberdrang.

„Die Sekundaner machen Orlow schon wieder die Hölle heiss; er versteht sich aber auch wirklich keine Stellung zu schaffen.“

„Nun gut, nehmen wir an, Sie stellen ihm eine ungenügende Jahresnote, er bleibt sitzen, — glauben Sie denn, ihn dadurch zu bessern?“

„Ich verfolge keineswegs korrektionelle Zwecke, ich bemühe mich bloss den Stand der Kenntnisse gerecht abzuschätzen.“

„Unsere Gymnasiasten würden sich entsetzen, wenn sie die Programme der französischen Collèges zu sehen bekämen, von den Seminaren schon gar nicht zu reden.“

„Iwan Petrowitsch dürfte damit kaum zufrieden sein.“

„Unvergleichlich, sage ich Ihnen, unvergleichlich, gestern war er, wie selten, bei Stimme.“

„Sie sind auch gelungen, sagen ein kleines Spiel an und haben den König, den Buben und zwei Trümpfe in der Hand.“

„Spilewski ist ein liederlicher Bengel, und ich begreife nicht, weshalb Sie sich für ihn so ins Zeug legen.“

Alle Stimmen wurden vom scharfen Tenor des Inspektors, eines Tschechen, mit grauem Knebelbart und Kneifer, übertönt:

„Dann möchte ich Sie bitten, meine Herren, auf die Fenster zu achten: niemals über 14 Grad, Zug und Ventilation.“

Allmählich ging man auseinander und im leergewordenen Konferenzzimmer war nur der leise Bass des russischen Lehrers zu hören, der sich mit dem Griechen unterhielt.

„Sonderbare Typen findet man dort mitunter. Für den Sommer hatten sie Klassiker zu lesen aufbekommen, ziemlich viel, und da referiert einer zum Beispiel über den Lermontowschen ‚Dämon‘ ex abrupto: ‚Der Teufel flog über der Erde und erblickte ein Mädchen.‘ — Wie hiess denn dieses Mädchen? — ‚Lisa.‘ — Na, es hiess zwar Tamara. — ‚Zu Befehl, Tamara.‘ Nun, und weiter? — ‚Er wollte das Mädchen heiraten, aber der Bräutigam kam dazwischen; dann schlugen die Tataren den Bräutigam tot.‘ — Nun, heiratete der Dämon darauf Tamara? — ‚Nein, gar nicht; der Engel kam dazwischen und vertrat ihm den Weg: so blieb der Dämon denn ein Junggeselle und begann alles zu hassen‘.“

„Ich finde das grossartig . . .“

„Oder eine Kritik über Turgenjews Rudin: ‚Er war ein schlechter Mensch, er sprach immerfort und tat nichts; später geriet er in Gesellschaft von leeren Menschen, und da wurde er auch getötet.‘ — Weshalb, frage ich, halten Sie Arbeiter und überhaupt alle Teilnehmer einer Volksbewegung, in der Rudin ums Leben kam, für leere Leute? — ‚Zu Befehl, er ist für die gute Sache gefallen‘.“

„Es war ganz unnütz, dass Sie die persönliche Meinung dieses jungen Mannes über seine Lektüre zu erfahren suchten. Das macht ja den Militärdienst, wie das Kloster, wie fast jede ausgearbeitete Glaubenslehre, so anziehend, dass sie ein fertiges und bestimmtes Verhältnis zu allen möglichen Erscheinungen und Begriffen geben. Für schwache Naturen ist das eine feste Stütze und das Leben wird unglaublich leicht, wenn die Notwendigkeit, ethisch schaffen zu müssen, in Fortfall kommt.“

Im Korridor wartete Wanja auf Daniil Iwanowitsch.

„Was wünschen Sie, Smurow?“

„Ich möchte mit Ihnen privatim sprechen, Daniil Iwanowitsch.“

„Worüber?“

„Über das Griechische.“

„Hapert’s denn bei Ihnen?“

„Ich habe eine genügende Note.“

„Was brauchen Sie also?“

„Nein, ich möchte mit Ihnen überhaupt über Griechenland sprechen, bitte, Daniil Iwanowitsch, erlauben Sie mir zu Ihnen zu kommen.“

„Ja, bitte, bitte. Meine Adresse kennen Sie? Obgleich das mehr als sonderbar ist: ein Mensch, der eine genügende Note hat und mich privatim über Griechenland zu sprechen wünscht. Ich bitte, kommen Sie. Ich wohne allein, von sieben bis elf Uhr stehe ich zu Ihrer Verfügung.“

Daniil Iwanowitsch war schon im Begriff, die mit einem Läufer belegte Treppe hinaufzusteigen, blieb aber stehen und rief Wanja zu:

„Sie, Smurow, denken Sie sich nur nicht irgend etwas: nach elf bin ich auch zu Hause, aber ich gehe schlafen und bin dann höchstens der allerprivatesten Erklärungen fähig, deren Sie wahrscheinlich nicht benötigen.“

*

Wanja hatte mehr als einmal Stroop im Sommergarten getroffen. Und ohne es selbst zu merken, erwartete er ihn, setzte sich immer in dieselbe Allee, und wenn er fortging ohne Stroops leichten, wenn auch absichtlich zögernden Gang gehört zu haben, so betrachtete er aufmerksam alle männlichen Gestalten, die an Stroop erinnerten. Einmal, als er ohne Stroop erwartet zu haben, durch einen Teil des Gartens schlenderte, den er sonst nicht aufzusuchen pflegte, traf er Koka, der mit aufgeknöpftem Mantel daherkam.

„Hier trifft man dich also, Iwan! Was, gehst du spazieren?“

„Ja, ich bin ziemlich häufig hier, aber worum handelt es sich?“

„Weshalb sehe ich dich denn nie? Sitzest du vielleicht auf der anderen Seite?“

„Wie sich’s macht.“

„Stroop, den treffe ich täglich hier und habe sogar den Verdacht, dass wir beide zu gleichem Zwecke her kommen.“

„Ist denn Stroop wieder zurück?“

„Schon seit einiger Zeit. Nata und alle wissen es, und was für eine Gans Nata auch sein möge, es bleibt dennoch eine Schweinerei, dass er nicht zu uns kommt, als seien wir eine Saubande.“

„Was hat Nata damit zu schaffen?“

„Sie versucht Stroop einzufangen und das ganz vergeblich: er wird überhaupt nicht heiraten, und gar noch Nata; ich glaube, dass er auch mit dieser Ida Holberg bloss ästhetische Gespräche führt und ich rege mich ganz unnütz auf.“

„Regst du dich denn auf?“

„Selbstverständlich, wenn ich nun schon ’nmal in sie verliebt bin!“ und vergessend, dass er mit Wanja sprach, der von seinen Angelegenheiten keine Ahnung hatte, wurde Koka lebhaft: „Ein wunderbares Mädchen, gebildet, musikalisch, eine Schönheit und reich . . . reich! Sie hinkt nur. Und ich komme jeden Tag hierher, um sie zu sehen. Sie geht hier zwischen drei und vier spazieren und ich fürchte, Stroop kommt aus demselben Grunde hierher, wie ich.“

„Ist denn Stroop auch in sie verliebt?“

„Stroop! Nu nee, mein Lieber, der ist nicht von dieser Sorte. Er hält bloss Vorträge und sie betet ihn förmlich an. Die Verliebtheit Stroops das ist ein anderes, ganz anderes Gebiet.“

„Du bist bloss geärgert, Koka!“ . . .

„Unsinn!“

Sie waren gerade an einem Beete mit roten Geranien vorbeigegangen, als Koka ausrief: „Da sind sie ja!“ Wanja sah ein hochgewachsenes Mädchen mit blassem rundlichem Gesicht, ganz hellem Haar, aphrodisischem Schnitt der grauen Augen, die jetzt in der Erregung blau geworden waren und einem Munde, wie auf Botticellis Bildern. Sie trug ein dunkles Kleid und ging hinkend, auf den Arm einer ältlichen Dame gestützt, während Stroop an ihrer anderen Seite sagte:

„. . . und die Menschen sahen, dass jede Schönheit, jede Liebe von den Göttern kommt, und wurden frei und kühn, und ihnen wuchsen Flügel.“

*

Schliesslich hatten Koka und Boba eine Loge zu „Samson und Dalila“ aufgetrieben. Aber die erste Aufführung wurde durch „Carmen“ ersetzt und Nata, auf deren Betreiben dieser ganze Theaterbesuch veranstaltet worden war, weil sie hoffte, Stroop auf neutralem Boden zu treffen, wurde fuchsteufelswild, wusste sie doch, dass Stroop diese allgemein bekannte Oper nicht ohne besondere Veranlassung besuchen werde. Sie trat ihren Platz in der Loge Wanja ab, jedoch nur unter der Bedingung, dass er nach Hause fahren sollte, wenn sie während der Vorstellung doch noch ins Theater käme. Anna Nikolajewna mit den Schwestern Speier und Alexej Wassiljewitsch fuhren in Droschken in die Oper, die jungen Leute hatten sich schon vorher zu Fuss dahin aufgemacht.

Carmen tanzte schon mit ihren Freundinnen bei Lilas Pastja, als Nata, gleichsam als habe sie die Eingebung gehabt, dass Stroop im Theater sei, in der Loge erschien. Sie war ganz in helles Blau gekleidet, gepudert und erregt.

„Nun, Iwan, du wirst dich drücken müssen.“

„Ich bleibe nur bis Aktschluss.“

„Ist Stroop hier?“ fragte Nata flüsternd Anna Nikolajewna, neben der sie Platz genommen hatte. Diese wies schweigend mit den Augen auf eine Loge, in der Ida Holberg, eine ältliche Dame, ein blutjunger Offizier und Stroop sassen.

„Das ist geradezu eine Vorahnung, geradezu eine Vorahnung!“ sagte Nata, ihren Fächer auf- und zuklappend.

„Armes Kind!“ seufzte Anna Nikolajewna.

In der Pause, als Wanja sich anschickte fortzugehen, forderte Nata ihn auf sie ins Foyer zu begleiten.

„Nata, Nata,“ kam Anna Nikolajewnas Stimme aus der Tiefe der Loge, „schickt sich das auch?“

Nata eilte stürmisch, Wanja mit sich ziehend, nach unten. Vor einem Spiegel blieb sie stehen, um ihr Haar zu ordnen und betrat dann langsam den Saal, der sich noch nicht mit Publikum gefüllt hatte. Sie trafen Stroop, er ging in ein Gespräch mit dem blutjungen Offizier vertieft, der in der Loge gesessen hatte und sah weder Smurow, noch Nata an und trat sogar gleich in eins der nächsten Durchgangszimmer hinaus, wo sich vor einem Tisch mit Photographien eine aufgedonnerte Verkäuferin langweilte.

„Gehen wir, es ist furchtbar heiss!“ sagte Nata, Wanja in der Richtung mit sich ziehend, die Stroop genommen hatte.

„Durch jenen Ausgang haben wir es näher zu unseren Plätzen.“

„Als ob es nicht einerlei wäre!“ fuhr ihn das Mädchen an, das in seiner Eile das Publikum fast gewaltsam auseinanderstiess.

Stroop bemerkte jetzt die beiden und beugte sich über die Photographien. Als sie neben ihm standen, sprach Wanja ihn laut an:

„Larion Dmitrijewitsch!“

„Ah, Wanja,“ machte der, sich umkehrend: „Natalja Alexejewna, pardon, ich habe Sie nicht gleich bemerkt.“

„Ich hätte nicht erwartet, Sie hier zu treffen,“ begann Nata.

„Weshalb? Ich liebe ‚Carmen‘ sehr und werde ihrer niemals überdrüssig, in ihr steckt ein tiefer und echter Pulsschlag des Lebens und über alles ist Sonne ausgegossen; ich verstehe, dass Nietzsche sich für diese Musik begeistern konnte.“

Nata hörte schweigend zu und sah schadenfroh mit ihren geröteten Augen zum Sprecher hinüber, dann sagte sie:

„Ich wundere mich nicht darüber, dass ich Sie zur ‚Carmen‘ treffe, sondern, dass ich Sie in Petersburg und nicht bei uns sehe.“

„Ja, ich bin vor zwei Wochen zurückgekommen.“

„Allerliebst!“

Sie begannen im leeren Korridor, an den schlummernden Lakaien vorüber, auf und ab zu gehen und Wanja betrachtete, an der Treppe stehenbleibend, interessiert das sich immer mehr mit roten Flecken bedeckende Gesicht Natas und das ihres geärgerten Begleiters. Die Pause war zu Ende, und Wanja stieg langsam die Treppe zum Balkon hinauf, um sich anzukleiden und nach Hause zu gehen, da holte Nata, das Taschentuch vor dem Munde, ihn fast laufend ein.

„Es ist schändlich, hörst du, Wanja, schändlich, wie dieser Mensch mit mir spricht,“ flüsterte sie Wanja zu und lief nach oben. Wanja wollte sich von Stroop verabschieden und stieg nach einigem Zaudern wieder die Treppe zum unteren Korridor hinunter; dort stand Stroop und der Offizier am Eingang zur Loge.

„Adieu, Larion Dmitrijewitsch,“ sagte Wanja, der tat, als gehe er in seine Loge nach oben.

„Gehen Sie denn schon?“

„Ich war ja nicht auf meinem Platze: Nata kam und ich wurde überflüssig.“

„Was für ein Unsinn, kommen Sie zu uns in die Loge, wir haben freie Plätze. Der letzte Akt ist einer der besten.“

„Macht das nichts, dass ich in die Loge komme: ich bin doch nicht bekannt?“

„Natürlich macht es nichts: Holbergs lieben keine Umstände, und Sie sind ja noch ein Knabe, Wanja.“

Als sie in die Loge traten, beugte sich Stroop zu Wanja, der ihm zuhörte, ohne den Kopf zu wenden:

„Und dann, Wanja, werde ich vielleicht bei Kasanskis nicht mehr vorkehren; wenn es Ihnen recht ist, werde ich immer froh sein, Sie bei mir zu sehen. Sie können sagen, dass Sie mit mir Englisch treiben; aber es wird Sie ja niemand fragen, wohin und wonach Sie gehen. Bitte, Wanja, kommen Sie.“

„Schön. Aber haben Sie sich denn mit Nata verzankt? Sie werden sie nicht heiraten?“ fragte Wanja, ohne den Kopf zu wenden.

„Nein,“ sagte Stroop ernst.

„Wissen Sie, es ist sehr gut, dass Sie sie nicht heiraten, denn sie ist schrecklich widerlich, der reine Frosch!“ lachte Wanja plötzlich auf, Stroop sein Gesicht ganz zukehrend, und fasste, ohne zu wissen warum, dessen Hand.

*

„Es ist interessant, wie gut wir das sehen, was wir zu sehen wünschen und das verstehen, was wir suchen. So fanden die Römer und romanischen Völker des XVII. Jahrhunderts bei den griechischen Tragikern nichts, als die drei Einheiten, das XVIII. Jahrhundert rollende Tiraden und Befreiungsideen, die Romantiker die Heldentaten eines hohen Heroismus und unsere Zeit die scharfe Nuance des Primitiven und das Klingersche Leuchten der Fernen . . .“

Wanja hörte zu und betrachtete das noch in Abendsonne getauchte Zimmer: an den Wänden bis zur Decke reichende Bücherbretter voll ungebundener Bücher, Bücher auf Tischen und Stühlen, ein Käfig mit einer Drossel, ein gelähmter junger Kater auf dem Lederdiwan und einsam in einer Ecke ein kleiner Antinouskopf, gleichsam der Hausgott dieser Wohnung. Daniil Iwanowitsch, in Filzpantoffeln, sorgte für den Tee, zog aus dem eisernen Ofen Käse und Butter in Papierhüllen hervor und der Kater folgte, ohne den Kopf zu wenden, mit seinen grünen Augen den Bewegungen seines Herrn. „Und weshalb haben wir uns bloss eingebildet, dass er alt sei, wo er doch noch ganz jung ist,“ dachte Wanja, der erstaunt den kahlen Kopf des kleinen Griechen betrachtete.

„Im XV. Jahrhundert hatte sich bei den Italienern bereits die Anschauung gefestigt, dass die Freundschaft des Achilleus und Patroklos, wie die des Orest und Pylades sodomitische Verhältnisse waren, während sich bei Homer keine direkten Hinweise hierauf finden.“

„Haben die Italiener sich denn das selbst ausgedacht?“

„Nein, sie hatten recht, aber es handelt sich darum, dass allein das zynische Verhalten zu jeder Art der Liebe sie zu einem Laster macht. Handle ich sittlich oder unsittlich, wenn ich niese, den Staub vom Tische wische, den Kater streichle? Allein diese selben Handlungen können dennoch verbrecherisch sein, wenn ich, sagen wir zum Beispiel, mit meinem Niesen einem Mörder die zum Morde günstige Zeit angebe usw. Jemand, der kaltblütig, ohne Wut einen Mord begeht, beraubt diese Handlung jeglicher ethischer Färbung, es bleibt nur noch die zwischen Mörder und Opfer, zwischen Liebenden, zwischen Mutter und Kind bestehende mystische Gemeinschaft.“

Es war ganz dunkel geworden und man konnte durch das Fenster die Dächer der Häuser und in der Ferne die Isaakskathedrale auf dem schmutzig-rosa Himmel, der ganz in Rauch gehüllt war, kaum noch unterscheiden.

Wanja schickte sich an, nach Hause zu gehen; der Kater humpelte, von Wanjas Mütze, wo er gelegen hatte, vertrieben, auf seinen verkrüppelten Vorderpfoten weiter.

„Sie sind gewiss ein guter Mensch, Daniil Iwanowitsch, allerhand Krüppel lesen Sie auf.“

„Der Kater gefällt mir und es ist mir angenehm, ihn bei mir zu haben. Wenn das tun, was einem Vergnügen macht, gut sein heisst, dann bin ich gut.“

„Sagen Sie bitte, Smurow,“ sagte Daniil Iwanowitsch, Wanja zum Abschied die Hand drückend, „sind Sie selbst darauf verfallen mit griechischen Unterhaltungen zu mir zu kommen?“

„Ja, das heisst, diesen Gedanken hat mir vielleicht jemand anderes eingegeben.“

„Wer denn, wenn es kein Geheimnis ist?“

„Nein, weshalb wohl? Aber Sie kennen ihn nicht.“

„Vielleicht doch?“

„Ein gewisser Stroop.“

„Larion Dmitrijewitsch?“

„Kennen Sie ihn denn?“

„Sogar sehr nahe,“ antwortete der Grieche, Wanja mit der Lampe die Treppe hinunterleuchtend.

*

Die geschlossene Kajüte des kleinen finnischen Newadampfers war ganz leer, aber Nata, die sich vor Zugwind und Zahngeschwüren fürchtete, führte die ganze Gesellschaft gerade hierher.

„Es gibt ganz und gar keine Landhäuser mehr!“ sagte Anna Nikolajewna, die müde geworden war. „Alle gleich schlecht, mit Ritzen und Zugwind!“

„In einem Sommerhause zieht es immer — was haben Sie denn erwartet? Leben Sie vielleicht das erstemal in der Sommerfrische?“

„Willst du?“ bot Koka sein geöffnetes Zigarettenetui, mit einer nackten Dame auf dem Deckel, Boba an.

„Nicht deshalb ist es in der Sommerfrische so urscheusslich, weil es dort scheusslich ist, sondern weil man sich wie auf Biwak, bloss zu vorübergehendem Aufenthalte dorthin gekommen, fühlt. Und das Leben dort ist auch nicht in feste Rahmen eingeteilt, in der Stadt dagegen weiss man immer, was man zu jeder Zeit des Tages zu tun hat.“

„Wenn du nun aber immer, Sommer und Winter, in einem Villenort leben müsstest?“

„Dann wäre es auch nicht so schlimm: ich würde mir ein Programm machen.“

„Das ist richtig,“ fiel Anna Nikolajewna ein, „für kurze Zeit hat man keine Lust sich einzurichten. Im vorvorigen Sommer zum Beispiel hatten wir frisch tapezieren lassen und mussten die reinen Tapeten dem Hauswirt schenken; man konnte sie doch nicht herunterreissen.“

„Bedauerst du vielleicht, dass wir sie nicht beschmutzt haben!“

Nata blickte mit einer Grimasse zum Ufer hinüber, wo die Fenster der Paläste im Schein der untergehenden Sonne flammten, während die rosig-goldenen Wellen der Newa hinter dem Dampfer breit und glatt auseinanderrauschten.

„Und dann diese Menge Menschen, jeder weiss alles vom anderen, was gekocht wird, wieviel die Dienstboten Lohn bekommen.“

„Überhaupt ein Ekel!“

„Weshalb ziehst du denn hinaus?“

„Was heisst weshalb? Wo soll man denn bleiben? Etwa in der Stadt?“

„Nun, was wäre denn dabei? Man kann wenigstens bei Sonnenglut auf der Schattenseite gehen.“

„Onkel Kostja denkt sich doch immer etwas aus!“

„Mama,“ wandte sich Nata plötzlich um, „reisen wir an die Wolga, Liebe: es gibt dort kleine Städte, Pless, Wassilsursk, wo man sich ganz billig einrichten kann. Warwara Nikolajewna Speier erzählte . . . . Sie lebten in Pless mit einer ganzen Gesellschaft, wisst ihr, dort lebte noch der berühmte Landschaftsmaler Levithan; in Uglitsch haben sie auch gelebt.“

„Nun, in Uglitsch hat man sie, glaub’ ich, herausgeschmissen,“ warf Koka dazwischen.

„Nun, und hat sie herausgeschmissen, und was ist denn dabei? Uns wird man eben nicht herausschmeissen! Die Wirtsleute sagten ihnen: Sie sind da eine ganze Gesellschaft von Damen und Herren, unsere Stadt ist still, niemand reist hierher, nun so haben wir halt Angst: entschuldigen Sie schon, aber räumen Sie die Wohnung.“

Der Dampfer legte beim Alexandergarten an, im unteren Stockwerke der schwimmenden Anlegebrücke sah man die hellerleuchtete Restaurationsküche, einen Küchenjungen, der Fische abschuppte, und im Hintergrunde den glühenden Herd.

„Tante, ich gehe von hier zu Larion Dmitrijewitsch,“ sagte Wanja.

„Nun, meinetwegen geh; hast dir da auch einen Kameraden gefunden!“ knurrte Anna Nikolajewna.

„Ist er denn ein schlechter Mensch?“

„Ich sage nicht, dass er ein schlechter Mensch, sondern dass er kein Kamerad für dich ist.“

„Ich treibe mit ihm Englisch.“

„Alles unnützes Zeug, du solltest lieber deine Aufgaben machen . . .“

„Nein, Tante, wissen Sie, ich gehe doch.“

„So geh doch, wer hält dich denn?“

„Küsse dich nur mit deinem Stroop,“ setzte Nata hinzu.

„Nun, ich werd’ auch, und werd’ auch, und niemand hat sich darum zu kümmern!“

„Nun, es käme darauf an,“ wollte Boba anfangen, aber Wanja unterbrach ihn, über Nata herfallend.

„Du selbst würdest dich mit ihm küssen, aber er will nicht, weil du . . . ein rothaariger Frosch bist, weil du eine Gans bist! Ja!“

„Iwan, hör auf!“ ertönte die Stimme Alexej Wassiljewitschs.

„Was wollen diese Weiber bloss von mir haben? Weshalb lassen sie mich nicht gehen? Bin ich vielleicht ein kleines Kind? Morgen schreibe ich an Onkel Kolja . . .“

„Iwan, hör auf!“ rief Alexej Wassiljewitsch, seine Stimme erhebend.

„So ein Bengel, so ein Ferkel, und hat die Frechheit, sich so zu betragen!“ regte Anna Nikolajewna sich auf.

„Und Stroop wird dich niemals heiraten, wird dich nicht heiraten, wird dich nicht heiraten! . . .“ stiess Wanja, ausser sich, hervor.

Nata wurde sofort still und sagte, fast beruhigt, leise:

„Und Ida Holberg wird er heiraten?“

„Ich weiss nicht,“ antwortete Wanja ebenso leise und einfach, „ich glaube kaum,“ fügte er dann fast freundlich hinzu.

„Was sind das für Gespräche!“ berief sie Anna Nikolajewna. „Du glaubst doch nicht am Ende diesem Bengel?“

„Vielleicht, glaube ich ihm,“ brummte Nata und wandte sich zum Fenster.

„Glaube nur nicht, Iwan, dass sie so naiv sind, wie sie scheinen möchten,“ beruhigte Boba Wanja, „sie sind überglücklich, dass sie durch dich noch zu Stroop in Beziehung stehen und Nachrichten über Ida Holberg erhalten können; aber wenn du wirklich mit Larion Dmitrijewitsch sympathisierst, sei vorsichtig, verrat dich nicht.“

„Womit verrat ich mich denn?“ wunderte sich Wanja.

„Hat mein Rat so bald gefruchtet?“ lachte Boba und trat auf den Anlegeplatz hinaus.

*

Als Wanja die Stroopsche Wohnung betrat, hörte er Gesang mit Klavierbegleitung. Er ging leise in das Arbeitszimmer, links von der Entree, ohne das Empfangszimmer zu betreten, und begann zu lauschen. Eine ihm unbekannte Männerstimme sang:

Am lauen Meer der verdämmernde Abend,

Leuchtturmfeuer am dunkelnden Himmel,

Verbenenduft beim Ausklang des Festes,

Morgenfrische nach schlaflosen Nächten,

Ein Gang durch Alleen des Frühlingsgartens,

Schreie und Lachen badender Weiber,

Am Tempel der Juno die heiligen Pfauen,

Händler mit Veilchen, Granaten, Limonen,

Tauben girren, es leuchtet die Sonne, —

Wann, Heimatstadt, seh’ ich dich wieder!

Und das Klavier hüllte mit tiefen Akkorden die sehnsüchtigen Worte der singenden Stimme in dichte Nebel. Es begann ein Kreuzfeuer von Männerstimmen und Wanja betrat den Saal. Wie liebte er dieses grünliche geräumige Zimmer, in dem die Töne Rameaus und Debussys erklangen, wie liebte er Stroops Freunde, welche den Leuten so unähnlich waren, die er bei Kasanskis traf; diese Diskussionen; diese späten Abendessen der Männer bei Wein und leichtem Geplauder; dieses Arbeitszimmer bis zur Decke voll Bücher, wo Marlowe und Swinburne gelesen wurden, dieses Schlafzimmer mit dem grellgrünen, von einer dunkelroten Girlande tanzender Faune umrandeten Waschbestecke dieses ganz in rotem Kupfer gehaltene Speisezimmer; diese Erzählungen von Italien, Ägypten, Indien; dieses Entzücken, das jede wahre Schönheit aller Länder, aller Zeiten erregte; diese Spaziergänge durch die Parks auf den Newainseln; diese beunruhigenden und doch lockenden Erörterungen; dieses Lächeln im hässlichen Gesichte; dieser moderatmende Duft von Peau d’Espagne; diese mageren, starken, ringgeschmückten Finger, die Schuhe mit den ungewöhnlich dicken Sohlen, — wie er das alles liebte, ohne zu begreifen, aber schon in einem dunkeln Bann befangen.

*

„Wir sind Hellenen: uns ist der unduldsame Monotheismus der Juden fremd, die sich von den darstellenden Künsten abwenden und doch am Fleische, an der Nachkommenschaft, am Samen hängen. In der ganzen Bibel findet sich nicht ein Hinweis auf den Glauben an eine Seligkeit nach dein Tode, und der einzige Lohn, dessen die Gebote Erwähnung tun (nämlich für die Achtung der Erzeuger), ist, ‚auf dass du lange lebest auf Erden‘. Eine fruchtlose Ehe ist ein Schandfleck und ein Fluch, der sogar des Rechtes am Gottesdienste teilzunehmen verlustig macht, als hätte man vergessen, dass nach derselben jüdischen Legende Gebären und Arbeiten eine Strafe für den Sündenfall und nicht der Zweck des Lebens sei. Und je weiter die Menschen sich von der Sünde entfernen werden, um so weiter werden sie auch von Zeugung und körperlicher Arbeit stehen. Die Christen haben das dunkel verstanden, wenn das Weib nach der Geburt und nicht nachdem es die Ehe geschlossen hat, sich durch das Gebet reinigen muss, während vom Manne nichts Ähnliches verlangt wird. Die Liebe hat ausser sich selbst keinen anderen Zweck; ebenso fehlt in der Natur jegliche Idee der Finalität. Die Gesetze der Natur gehören einer ganz anderen Ordnung an, als die sogenannten göttlichen Gesetze und die menschlichen. Das Gesetz der Natur ist nicht das, dass der Baum seine Frucht tragen soll, sondern dass er unter gewissen Bedingungen Frucht tragen, und unter anderen keine Frucht tragen, ja, sogar zugrunde gehen wird, und das ebenso gerecht und einfach, wie er seine Frucht getragen hätte. Dass das Herz aufhören kann zu schlagen, wenn es von einem Messer durchbohrt wird, darin liegt keine Finalität, das ist weder gut noch böse. Und das Gesetz der Natur verletzen kann nur der, der seine Augen küssen kann, ohne sie aus den Höhlen gerissen zu haben, und der ohne Spiegel seinen eigenen Nacken zu sehen vermag. Und wenn man euch sagen wird: ‚naturwidrig‘, so schaut auf den redenden Blinden herab und gehet vorüber an ihm, machet euch nicht den Sperlingen gleich, die vor einer Vogelscheuche auseinanderflattern. Die Menschen gehen, wie Blinde, wie Tote einher, wo sie sich ein flammendes Leben schaffen könnten, in welchem jeder Genuss so verfeinert sein würde, als wäret ihr eben geboren und müsstet gleich wieder sterben. Mit solch einem Heisshunger muss man alles in sich aufnehmen. Wunder gibt es rings um uns auf Schritt und Tritt: es gibt Muskeln und Sehnen am menschlichen Körper, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann. Und nur gemeine Lüsternheit lässt den Mann den Begriff von Schönheit mit der Schönheit des Weibes verbinden, und das liegt so weit, so weit von der wahren Idee der Schönheit. Wir sind Hellenen, Liebhaber der Schönheit, Bacchanten des nahenden Lebens. Wie die Visionen Tannhäusers in Frau Venus’ Hörselberg, wie Klingers und Thomas’ Blick in weite, helle Fernen gibt es ein Stammland voll Sonne und Freiheit, mit schönen und kühnen Menschen, und dahin, über Meere, durch Nebel und Finsternis führt uns, Argonauten, der Weg! Und in der unerhörtesten Neuerung erkennen wir urälteste Wurzeln, und in niemals geschautem Leuchten spüren wir unsre Heimat!“

*

„Wanja, sehen Sie bitte im Speisezimmer nach, wieviel Uhr es ist,“ sagte Ida Holberg und liess eine farbige Stickerei auf den Schoss fallen.

Das grosse Zimmer im neuerbauten Hause, das einer hellen Schiffskajüte ähnelte, war dürftig mit einfachen Möbeln ausgestattet; ein gelber Vorhang, der die ganze Wand bedeckte, schloss gleichzeitig alle drei Fenster, und auf die ledernen grossen Koffer, die noch nicht gepackten, mit Messingnägeln beschlagenen Handkoffer, den Kasten mit verspäteten Hyazinthen, legte sich gelbes unruhiges Licht. Wanja klappte den Dante zu, aus dem er vorgelesen hatte, und ging ins Nebenzimmer.

„Halb sechs,“ sagte er, als er zurückkam. „Larion Dmitrijewitsch lässt lange auf sich warten,“ murmelte er dann vor sich hin, als beantworte er die Gedanken des jungen Mädchens. „Werden wir nicht weiter lesen?“

„Es lohnt sich nicht einen neuen Gesang anzufangen, Wanja. Also:

„e vidi che con riso

Udito havevan l’ultimo construtto;

Poi a la bella donna tornai il viso“

und er sah, dass sie mit einem Lächeln die letzte Meinung gehört hatten, dann wandte er sich der schönen Dame zu.“

„Die schöne Dame, das ist die Betrachtung des aktiven Lebens?“

„Man kann den Kommentatoren nicht unbedingt Glauben schenken, Wanja, wenn es sich nicht bloss um historische Auskünfte handelt; verstehen Sie ihn einfach und schön, — das ist die Hauptsache, sonst kommt wahrhaftig statt des Dante so was wie Mathematik heraus.“

Sie hatte ihre Arbeit endgültig zusammengelegt und sass, mit dem Papiermesser auf die helle Stuhllehne klopfend, wie in Erwartung da.

„Larion Dmitrijewitsch wird wohl bald kommen,“ meinte Wanja, wieder die Gedanken des Mädchens erratend, fast mit dem Ton des Beschützers.

„Haben Sie ihn gestern gesehen?“

„Weder gestern, noch vorgestern. Gestern fuhr er am Tage nach Zarskoje Selo, am Abend war er im Klub und vorgestern fuhr er auf die Wiborger Seite, ich weiss nicht wozu,“ berichtete Wanja ehrerbietig und stolz.

„Zu wem er wohl gefahren sein mag?“

„Ich weiss nicht, in Geschäften.“

„Sie wissen nicht?“

„Nein.“

„Hören Sie Wanja,“ begann das Mädchen, das Papiermesser betrachtend. „Ich bitte Sie, — nicht meinethalben allein, auch Ihretwegen, Larion Dmitrijewitschs wegen, im Interesse von uns allen drei, erfahren Sie, was dies für eine Adresse ist. Es ist sehr wichtig, sehr wichtig für alle drei,“ und sie reichte Wanja einen Zettel, auf den Stroop mit seiner grosszügigen weiten Handschrift geschrieben hatte: ‚Wiborger Seite. Simbirskaja Str. Nr. 36, Wohnung 103. Fjodor Wassiljewitsch Solowjew.‘

*

Niemand war sonderlich erstaunt darüber, dass Stroop unter anderen Interessen sich mit dem russischen Altertum zu beschäftigen begann, und dass sich bei ihm teils redselige europäisch gekleidete, teils alte ‚gottesfürchtige‘ in langen russischen Röcken steckende, aber ebenso gaunerische Händler mit Manuskripten, Heiligenbildern, alten Stoffen, imitierten Bronzen einzufinden begannen: dass er sich für alten Kirchengesang zu interessieren anfing, die Smolenski, Rasumowski und Metallow las, auf die Nikolajewskaja Strasse ging, um Kirchengesang zu hören und schliesslich unter Anleitung eines pockennarbigen Kirchenchorsängers begann altrussische Noten zu studieren. „Mir war diese Sackgasse des Weltgeistes ganz unbekannt,“ wiederholte Stroop, bemüht Wanja für seine neue Liebhaberei zu interessieren, der sich jedoch, zu seiner Verwunderung, gerade in dieser Richtung nicht so leicht begeistern liess.

Eines Tags erklärte Stroop beim Tee:

„Das müssen Sie aber unbedingt sehen, Wanja, ein authentischer Raskolnik alter Richtung. Stellen Sie sich vor: er ist 18 Jahre alt, trägt die Podjowka, trinkt keinen Tee; seine Schwestern leben in einem altgläubigen Kloster; er hat ein Haus an der Wolga mit hohem Palisadenzaun und Kettenhunden, wo man sich um neun Uhr abends schlafen legt, so etwas wie Petscherski es beschreibt, nur weniger süsslich. Das müssen Sie unbedingt sehen. Gehen wir morgen zu Sassadin, er besitzt eine interessante ‚Himmelfahrt‘; dorthin kommt auch unser Typ, und ich mache Sie mit ihm bekannt. Notieren Sie sich auf alle Fälle die Adresse; ich fahre vielleicht direkt von der Ausstellung hin und Sie werden ihn selbst aufsuchen müssen.“ Und Stroop diktierte, wie etwas Wohlbekanntes, ohne in sein Notizbuch zu blicken: „Simbirskaja Strasse Nr. 36, Wohnung 103, Möblierte Zimmer. — Sie werden sich dort schon zurechtfragen.“

*

Hinter der Wand hörte man das dumpfe Gespräch zweier Stimmen; die Uhr mit den Gewichten tickte leise; auf Stühlen und Fensterbrettern waren verräucherte Heiligenbilder und in lederbezogene Bretter gebundene Bücher aufgestapelt; es war staubig und roch muffelig und aus dem Korridor drang durch das Fenster über der Tür der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe. Sassadin, der vor Wanja stehend, sich seinen russischen langen Rock anzog, sagte:

„Larion Dmitrijewitsch wird erst nach vierzig Minuten, vielleicht sogar nach einer Stunde kommen; ich muss hier in der Nähe ein Heiligenbild holen gehen und weiss nun nicht, wie wir das jetzt machen. Warten Sie vielleicht hier oder gehen Sie unterdessen irgendwohin?“

„Ich bleibe hier.“

„Nun gut, und ich komme gleich wieder. Sehen Sie sich nicht, bis ich komme, die Bücher an?“ und Sassadin, der Wanja ein verstaubtes Exemplar des Limonarj hingelegt hatte, verschwand eilig durch die Tür, durch die jetzt stärker der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe hereindrang. Wanja trat ans Fenster und schlug die Legende auf, die berichtet, wie ein frommer Greis nach dem zufälligen Besuche eines Weibes, das einsam, in derselben Wüste wie er, lebte, immer wieder mit sündigen Gedanken zu jenem Weibe zurückkehrte und es schliesslich nicht mehr ertragen konnte, in sengender Glut seinen Stab ergriff und, wie ein Blinder vor sündiger Begier taumelnd, sich zu der Stelle aufmachte, wo er das Weib zu finden hoffte; und in der Verzückung sah er die Erde sich auftun und in ihr lagen drei Leichen: ein Weib, ein Mann und ein Kind. Und er hörte eine Stimme: ‚Das ist ein Weib, das ist ein Mann und das ist ein Kind, wer vermag sie jetzt zu unterscheiden? Gehe hin und stille deine Begierde.‘ Alle sind gleich, alle sind gleich vor dem Tode, vor der Liebe und vor der Schönheit, alle schönen Leiber sind gleich, und nur die sündige Begier lässt den Mann dem Weibe nachstellen und das Weib dürsten nach dem Manne.

Hinter der Wand fuhr die junge, etwas heisere Stimme fort:

„Na, Onkel Jermolai, wenn du immer schimpfst, geh’ ich fort.“

„Ja, wie soll man dich faulen Schlingel nicht schelten? Hat der Kerl angefangen Dummheiten zu treiben!“

„Wassjka hat dir wohl alles vorgelogen; was hörst du auf ihn?“

„Was hat Wassjka für einen Grund zu lügen? Nu, sag doch selbst, leugne es doch ab, dass du Dummheiten treibst?“

„Nun, und was ist dabei? Nu ja, ich tu’s! Und Wassjka, macht er’s vielleicht nicht? Bei uns tun’s alle, vielleicht ist nur Dmitri Pawlowitsch eine Ausnahme, der . . . .“ und man hörte den Sprecher auflachen. Nach einigem Schweigen begann er wieder intim und halblaut: „Wassjka hat mir’s angezeigt; kam da ’nmal ’n junger Herr und sagt zu Dmitri Pawlowitsch: ‚Ich will, dass mich der wäscht, der mir die Tür geöffnet hat,‘ die Tür nun hatte ich ihm aufgemacht und früher hatte ihn Wassjka immer gebadet, der sagte ihm denn auch: ‚Das geht nicht an, Euer Gnaden, dass der allein geht, er ist nicht an der Reihe und versteht nichts von so was.‘ — ‚Na, hol’ euch der Teufel, so kommt alle beide!‘ Als Wassjka in die Badekabine trat, sagt’ er: ‚Was werden Sie uns denn geben?‘ — ‚Bier und zehn Rubel.‘ Bei uns aber ist’s ausgemacht, wenn jemand den Vorhang am Türfenster herunterlässt, so heisst das, dass man Dummheiten treiben wird, und dann darf man dem Oberbader nicht weniger als fünf Rubel abgeben. So sagt ihm Wassjka denn auch: ‚Nein, Hochgeboren, dafür können wir’s nicht machen.‘ Er versprach noch fünf Rubel. Wassjka ging das Wasser im Baderaum vorzubereiten und ich fing an mich auszukleiden, da sagt der Herr: ‚Was hast du da auf deiner Wange, Fjodor? Ist das ein Muttermal oder Schmutz?‘ und lacht dabei und streckt seine Hand nach mir aus. Und ich steh’ da, wie ein Narr, und weiss selbst nicht, hab’ ich ein Muttermal auf der Wange oder nicht. Aber da kam Wassjka wütend zurück und sagte zu dem Herrn: ‚Bitte, das Bad ist fertig,“ so gingen wir denn alle zusammen.‘

„Ist Matwej noch bei euch?“

„Nein, er hat eine Dienerstelle angenommen.“

„Bei wem denn? Beim Oberst?“

„Ja, bei ihm. Dreissig Rubel gibt er ihm und alles frei.“

„Hat Matwej nicht geheiratet?“

„Ja, und der Oberst hat ihm das Geld zur Hochzeit gegeben und ihm einen Paletot für achtzig Rubel machen lassen. Na, und seine Frau, die lebt eben im Dorf. Auf so einer Stelle erlaubt man doch natürlich nicht mit einem Weibe zu leben. Ich will auch eine Stelle annehmen,“ setzte der Erzähler nach einer Pause hinzu.

„Wie Matwej?“

„Ja. Es ist ein guter Herr, er lebt allein. Dreissig Rubel, wie Matwej.“

„Du verkommst, Fedja, sieh zu!“

„Vielleicht verkomm’ ich auch nicht.“

„Was ist denn das für ein Herr, ein Bekannter von dir?“

„Auf der Furstadtskaja Strasse wohnt er, wo Dmitri früher als Laufbursche diente, im zweiten Stock. Er kommt auch hierher, zu Stepan Stepanowitsch.“

„Doch nicht ein Altgläubiger?“

„I wo denn! Er ist gar kein Busse, ein Engländer, glaub’ ich.“

„Lobt man ihn?“

„Ja, man sagt ein guter, lieber Herr.“

„Na, mit Gott!“

„Adieu, Onkel Jermolai, dank’ auch für die Bewirtung.“

„Na, komm doch wieder mal ran, Fedja.“

„Ich komm schon,“ und leichten Schrittes ging Fjodor, mit den Stiefelabsätzen klopfend, durch den Korridor und warf die Tür hinter sich zu. Wanja trat schnell hinaus, ohne sich ganz bewusst zu werden, weshalb er das tat. Er erblickte einen Burschen in einer Jacke über dem russischen Hemde, dessen Gürtelschnüre heraushingen. Er trug niedrige Lackstiefel und hatte sich die Mütze aufs Ohr gestülpt. Wanja rief ihm nach:

„Hören Sie, wissen Sie nicht, wird Stepan Stepanowitsch Sassadin bald zurück sein?“

Der Bursche kehrte sich um und im Lichte, das durch die offene Zimmertür drang, sah Wanja in ein Paar unstete, diebische graue Augen und ein bleiches Gesicht, wie Leute es haben, die immer im Zimmer oder in ewigem Dampfe leben. Das Haar war nach russischer Volkssitte in der Mitte gescheitelt und rundherum glatt beschoren. Sein Mund war schön geschnitten. Ungeachtet einer gewissen Grobheit der Züge, lag in diesem Gesichte etwas Verweichlichtes, und obgleich Wanja voller Vorurteil in diese diebischen freundlichen Augen blickte und das freche Lächeln des Mundes sah, fand er doch in diesem Gesicht und in der ganzen hohen Gestalt, deren Ebenmass selbst unter dem Anzug in die Augen fiel, etwas Bestrickendes, Beunruhigendes.

„Belieben Sie ihn zu erwarten?“

„Ja, es ist schon bald sieben Uhr.“

„Halb sieben,“ verbesserte Fjodor, der seine Uhr herausgezogen hatte, „und wir glaubten, dass niemand bei Stepan Stepanowitsch im Zimmer sei. Er wird gewiss bald zurück sein,“ fügte er hinzu, um etwas zu sagen.

„Ja. Danke Ihnen, pardon, dass ich Sie aufgehalten habe,“ sagte Wanja, ohne sich von der Stelle zu rühren.

„Aber, bitte,“ sagte jener mit einer verbindlichen Geste.

Es wurde laut geklingelt, und Stroop, Sassadin und ein junger hochgewachsener Mann traten ein. Stroop warf einen schnellen Blick auf Fjodor und Wanja, die noch immer einander gegenüberstanden.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen,“ wandte er sich an Wanja, während Fjodor auf ihn zustürzte, um ihm den Mantel abzunehmen.

Wanja sah dies alles wie im Traume und er fühlte, dass er in einen Abgrund hinuntersinke, dass alles sich in Nebel hülle.

*

Als Wanja das Speisezimmer betrat, schloss Anna Nikolajewna gerade ihren Satz: „und es tut einem leid, dass ein solcher Mensch sich so kompromittiert.“ Konstantin Wassiljewitsch wies stumm mit den Augen auf Wanja, der ein Buch genommen und sich ans Fenster gesetzt hatte und meinte dann:

„So sagt man da ‚gekünstelt, unnatürlich, überflüssig‘, aber wenn man bei dem Gebrauche unseres Körpers bleiben sollte, der als natürlich gilt, so müsste man mit den Händen rohes Fleisch zerreissen, um es zu verschlingen und Feinde bekämpfen; mit den Beinen Hasen verfolgen oder vor Wölfen flüchten usw. Das erinnert an ein Märchen aus ‚Tausendundeiner Nacht‘, wo ein von der Finalität gequältes Mädchen immerfort fragt, wozu dieses und wozu jenes geschaffen sei. Und als das Mädchen nach einem bekannten Körperteile fragt, da verabfolgt die Mutter ihm eine Tracht Prügel und wiederholt dabei: ‚Jetzt siehst du, wozu dies geschaffen ist.‘ Diese Mama hat zwar die Richtigkeit ihrer Behauptung anschaulich bewiesen, aber damit dürfte die Handlungsfähigkeit besagter Körperstelle schwerlich erschöpft sein. Und sämtliche moralische Erklärungen der Natürlichkeit von Handlungen bestehen darin, dass die Nase geschaffen ist, um grün angestrichen zu werden. Der Mensch muss alle Fähigkeiten des Geistes und Körpers bis zur letzten Möglichkeit entwickeln und nach Verwendung dieser seiner Möglichkeiten forschen, wenn er nicht Caliban bleiben will.“

„Nun, die Gymnastiker können ja schon auf den Köpfen gehen …“

„Das bedeutet in jedem Falle ein Plus und vielleicht ist das sehr angenehm, würde Larion Dmitrijewitsch sagen,“ und Onkel Kostja blickte herausfordernd zu Wanja hinüber, der fortfuhr zu lesen.

„Was hat Larion Dmitrijewitsch damit zu tun?“ bemerkte sogar Anna Nikolajewna.

„Du denkst doch wohl nicht, dass ich meine eigenen Anschauungen entwickele?“

„Ich gehe zu Nata,“ erklärte Anna Nikolajewna und erhob sich.

„Sie ist doch gesund? Ich sehe sie gar nicht mehr,“ erinnerte sich Wanja.

„Das ist ganz natürlich. Du verschwindest ja tagelang.“

„Wohin verschwinde ich denn?“

„Das muss man schon dich fragen,“ sagte die Tante, das Zimmer verlassend.

Onkel Kostja trank seinen kalten Kaffee aus, und im Zimmer roch es stark nach Naphthalin.

„Sprachen Sie über Stroop, Onkel Kostja, als ich kam?“ entschloss sich Wanja zu fragen.

„Über Stroop? Wirklich, ich entsinne mich nicht. Annette erzählte mir etwas.“

„Ich dachte, es sei von ihm die Rede gewesen.“

„Nein, was sollte ich mit ihr über Stroop zu reden haben?“

„Glauben Sie wirklich, dass Stroop die Überzeugung hat, die Sie eben aussprachen?“

„So spricht er jedenfalls; seine Handlungen kenne ich nicht und die Überzeugungen mancher Menschen sind ein dunkles und heikles Gebiet.“

„Glauben Sie denn, dass seine Handlungen sich nicht mit seinen Worten decken?“

„Ich weiss nicht; ich kenne seine Handlungen nicht, und dann kann man nicht immer seinen Wünschen entsprechend handeln. Wir wollten zum Beispiel schon längst aufs Land ziehen und doch . . .“

„Wissen Sie, Onkel, dieser Altgläubige, Sorokin, ladet mich zu sich an die Wolga ein: ‚Kommen Sie,‘ sagt er, ‚Väterchen wird nichts dagegen haben; sehen Sie sich einmal an, wie man bei uns zu Lande lebt, wenn Sie das interessiert.‘ Er hat plötzlich Zuneigung zu mir gefasst, ich weiss gar nicht warum.“

„Nun was, reise doch.“

„Tante wird kein Geld geben und überhaupt lohnt es sich nicht.“

„Weshalb lohnt es sich nicht?“

„Ach es ist alles ekelhaft, so ekelhaft!“

„Weshalb ist denn alles plötzlich so ekelhaft geworden?“

„Ich weiss wirklich nicht“, sagte Wanja und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Konstantin Wassiljewitsch blickte auf Wanjas herabgesunkenen Kopf und ging leise aus dem Zimmer.

*

Der Portier war nicht auf seinem Platze, die Treppentür stand offen und hinter der Tür zum Arbeitszimmer konnte man eine zornige Stimme hören. Wenn sie schwieg kam eine andere leise, eine weibliche Stimme, wie es schien, in die Entree herüber. Wanja blieb im Vorzimmer stehen, ohne Mantel und Mütze abzunehmen; der Griff der Tür des Arbeitszimmers wurde hinuntergedrückt und im Türspalt erschien eine Hand, die den Türgriff gefasst hielt und der zu ihr gehörende, im roten Ärmel eines russischen Hemdes steckende Arm. Man vernahm deutlich Stroops Worte: „Ich erlaube nicht, dass jemand sich dahineinmischt! Am allerwenigsten eine Frau. Ich verbiete Ihnen, hören Sie? ich verbiete Ihnen darüber zu sprechen!“ Die Tür wurde wieder geschlossen und die Stimme wieder undeutlicher. Wanja sah sich traurig im so gut bekannten Vorzimmer um; die elektrischen Lampen vor dem Spiegel und über dem Tische, die Kleider an den Ständern; auf dem Tische lagen zwei Damenhandschuhe, aber es war kein Hut und kein Mantel zu sehen. Die Tür wurde wieder krachend geöffnet und Stroop ging mit wütendem, erblasstem Gesicht, ohne Wanja zu bemerken, in den Korridor; einen Augenblick später folgte ihm, fast laufend, Fjodor in einem roten Seidenhemde ohne Gürtel, eine Karaffe in der Hand. „Was wünschen Sie?“ wandte er sich an Wanja, augenscheinlich ohne ihn zu erkennen. Fjodors Gesicht war erregt und gerötet, als hätte er getrunken oder sich geschminkt, das Hemd war nicht gegürtet, die sorgfältig auseinandergekämmten Haare schienen etwas gekräuselt zu sein, er roch stark nach Stroops Parfüm.

„Was wünschen Sie?“ wiederholte er Wanja, der ihn anstarrte.

„Larion Dmitrijewitsch.“

„Ist nicht zu Hause.“

„Wieso? ich habe ihn doch eben gesehen.“

„Entschuldigen Sie, aber er ist sehr beschäftigt, er kann Sie unmöglich empfangen.“

„Gehen Sie nur und melden Sie mich.“

„Nein wirklich, kommen Sie schon lieber ein anderes Mal: eben kann er Sie unmöglich empfangen. Er ist nicht allein,“ fügte Fjodor, seine Stimme dämpfend, hinzu.

„Fjodor!“ rief Stroop aus dem Hintergrunde des Korridors, und Fjodor stürzte geräuschlos fort.

Wanja wartete ein paar Minuten und ging dann auf die Treppe hinaus, die Tür zuziehend, hinter der wieder gedämpfte, aber laute und zornige Stimmen hörbar wurden. Unten, im Vestibül stand eine kleine Dame in graugrünem Kleide und schwarzer Jacke vor dem Spiegel und nestelte an ihrem Schleier. Hinter ihrem Rücken vorbeigehend, erkannte Wanja sie, ohne dass sie ihn bemerkte, es war Nata. Nachdem sie ihren Schleier in Ordnung gebracht hatte, stieg sie langsam die Treppe hinauf und drückte den Knopf der Klingel an Stroops Wohnung, während der zurückgekommene Portier Wanja auf die Strasse hinausliess.

*

„Was ist das?“ unterbrach sich Alexej Wassiljewitsch bei der Lektüre des Morgenblattes: „Rätselhafter Selbstmord. Gestern, den 21. Mai, machte auf der Furstadtskaja Strasse in der Wohnung des englischen Untertans L. D. Stroop, das junge, hoffnungsvolle Fräulein Ida Holberg die Abrechnung mit dem Leben. Die jugendliche Selbstmörderin bittet in einem hinterlassenen Schreiben, ihren Tod niemand zur Last zu legen, allein die Umgebung, in der der traurige Vorfall sich abgespielt hat, ruft die Annahme hervor, dass er einen romantischen Hintergrund habe. Nach Angaben des Wohnungsinhabers, hat die Verschiedene, während einer heftigen Auseinandersetzung, nachdem sie etwas auf ein Stück Papier geschrieben, plötzlich seinen, Stroops, für eine Reise vorbereiteten Revolver ergriffen und, bevor die Anwesenden noch etwas zu tun vermochten, sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen. Die Lösung des Rätsels wird dadurch erschwert, dass der Diener des Herrn Stroop, Fjodor Wassiljew Solowjew, Bauer aus dem Gouvernement Orel, am selben Tage spurlos verschwunden ist, und dass die Personalien der Dame, die eine halbe Stunde vor dem fatalen Ereignis die Stroopsche Wohnung betreten hat, wie der Grad ihres Einflusses auf die tragische Lösung bisher nicht festgestellt werden konnten. Die Untersuchung ist eingeleitet.“

Am Frühstückstische schwiegen alle und im Zimmer, das von Naphthalingeruch erfüllt war, hörte man nur das Ticken der Uhr.

„Nata, was war denn da? Nata? Du weisst es doch?!“ schrie Wanja ausser sich, aber Nata fuhr fort mit der Gabel auf dem leeren Teller zu zeichnen und sagte kein Wort.

Zweiter Teil

„Denk nur, Wanja, wie sonderbar das ist: ein fremder Mensch, ein ganz fremder Mensch, andere Beine hat er und andere Haut und andere Augen, und doch ist er ganz dein Eigen, ganz, ganz. Überall kannst du ihn betrachten, küssen, berühren; und jedes Fleckchen auf seinem Körper, wo es auch sein möge, und die goldenen Härchen, die auf den Armen wachsen, und jede Furche, jede Vertiefung der Haut, die über alles Mass geliebt hat, es ist alles dein. Und du kennst alles: wie er geht, wie er isst, wie er schläft, wie sich die Fältchen in seinem Gesicht verziehen, wenn er lächelt, wie er denkt, weisst du und wie sein Körper riecht. Und dann kommt es über dich, dass du glaubst, du bist nicht mehr du selbst, sondern es ist, als wärest du und er ein und dasselbe: mit deinem Fleische, mit deiner Haut pressest du dich an ihn, und wenn dann die Liebe in dir ist, Wanja, dann gibt es kein grösseres Glück auf Erden; aber ohne Liebe ist es unerträglich, unerträglich. Und ich sage dir, Wanja, es ist leichter, liebend nicht zu besitzen, als besitzen ohne Liebe! Die Ehe, die Ehe: nicht das ist ein Sakrament, was der Priester einsegnet, und wenn dann Kinder kommen: die Katze da, die wirft viermal im Jahre; aber wenn die Seele in Verlangen entbrennt sich einem andern hinzugeben und ihn ganz zu nehmen, und sei es nur für eine Woche, nur für einen Tag, und wenn bei beiden die Seele in Flammen loht, dann ist’s ein Zeichen, dass Gott sie vereint hat. Sünde ist es mit kaltem Herzen oder aus Berechnung nehmen oder sich hingeben, wen aber der feurige Finger berührt hat, der bleibt rein vor dem Herrn, was er auch tun möge. Was er auch getan haben möge, wen der Geist feuriger Liebe berührt hat, alles wird ihm vergeben werden, denn er ist dann schon nicht mehr Herr seiner selbst, der Geist erfüllt ihn, er handelt in Verzückung . . .“

Und Marja Dmitrijewna war erregt aufgestanden, ging bis zum nächsten Apfelbaum, und kam zurück und liess sich wieder auf der Bank neben Wanja nieder, von wo aus man einen Teil der Wolga, unendliche Wälder auf dem anderen Ufer und weit nach rechts eine weisse Dorfkirche jenseits des Flusses sehen konnte.

„Es ist schrecklich, Wanja, wenn die Liebe uns berührt; freudig und doch schrecklich; als flöge man, ist es, und fiele immer tiefer, oder als stürbe man, wie man das zu träumen pflegt; und dann sieht man immer nur eins, das, was im Gesicht des Geliebten uns traf: ob’s nun die Augen sind oder die Haare oder sein Gang. Und es ist doch sonderbar: man sieht das Gesicht — was ist denn Besonderes darin? Eine Nase in der Mitte, ein Mund, zwei Augen. Was erregt uns denn so, was fesselt uns in diesem Gesicht? Und man sieht doch viele Gesichter, und hübsche darunter, man hat seine Freude daran, wie an einer Blume oder an einem Stück Brokatstoff, und ein anderes Gesicht ist gar nicht hübsch und doch dreht’s uns die Seele im Leibe um, und nicht allen, nein, nur dir allein und nur dieses Gesicht: woher kommt das? Und noch eins,“ setzte die Sprecherin zögernd hinzu, „Männer lieben Weiber und Weiber lieben Männer, man sagt es kommt vor, dass auch Weiber Weiber lieben und Männer Männer, man sagt es soll vorkommen, ich habe selbst in den Legenden der Heiligen davon gelesen: von der heiligen Jewgenia, von den heiligen Nifont, Pawnutj Borowski; dann auch vom Zaren Iwan Wassiljewitsch, dem Grausen. Ja, und es ist auch nicht schwer daran zu glauben, kann denn nicht Gott auch diesen Stachel in das Menschenherz drücken? Und es ist schwer, Wanja, gegen das zu kämpfen, was in uns gelegt ist, und es ist vielleicht auch Sünde.“

Die Sonne war fast schon hinter dem fernen zackigen Forst verschwunden und der an drei Windungen sichtbare Spiegel der Wolga leuchtete in Gelb und rosigem Golde auf. Marja Dmitrijewna blickte stumm zu den dunklen Wäldern am anderen Ufer und zum verblassenden Abendrot am Himmel hinüber; auch Wanja schwieg, den Mund halb geschlossen, als fahre er fort, Marja Dmitrijewna mit seinem ganzen Wesen zu lauschen, dann sagte er plötzlich halb traurig und halb verurteilend:

„Aber es kommt doch vor, dass die Menschen auch so sündigen: aus Neugier oder aus Stolz, aus Eigennutz.“

„Ja, es kommt vor, was kommt nicht alles vor! Das ist dann ihre Sünde,“ gestand Marja Dmitrijewna gedrückt, ohne ihre Stellung zu ändern, und ohne sich Wanja zuzuwenden, „aber die, denen es eingegeben ist, die haben es schwer, ach Wanja, so schwer! Ich murre nicht; anderen mag ja das Leben leichter werden, aber es ist ohne Zweck, wie Suppe ohne Salz: sättigend, aber nicht schmackhaft.“

*

Nachdem man zuerst in den Wohnzimmern, auf der Veranda, im Flur, auf dem Hofe unter den Apfelbäumen das Mittagessen hatte decken lassen, setzte man sich jetzt im Keller zu Tische. Im Keller war es dunkel, es roch nach Malz, Kohl und ein wenig auch nach Mäusen, aber es hiess, dass es hier nicht so heiss sei, und dass es keine Fliegen gäbe; der Tisch wurde gerade vor die Tür gestellt, um mehr Licht zu haben, und wenn Malanja, die fast im Laufschritt mit den Speisen über den Hof daherkam, vor der Kellertür stehenblieb, um im Dunkeln die Stufen hinunterzusteigen, wurde es noch finsterer und die Köchin unterliess es niemals zu knurren: „Das ist aber eine Finsternis, Gott verzeih’s! Sag nun ein Mensch, was sie sich ausdenken, wohin sie sich verkrochen haben!“ Mitunter, wenn es zu lange dauerte, lief der kraushaarige Sergej, der Gehilfe aus dem Laden, welcher zusammen mit Iwan Ossipowitsch zu Hause ass, das Essen holen; und wenn er dann die Speisen über den Hof trug und die Schüssel mit beiden Händen hoch emporhob, trottete auch die Köchin, einen Löffel oder eine Gabel in der Hand, hinter ihm her und schrie: „Ja, was soll denn das, als ob ich das Essen nicht selbst bringen könnte?! Wozu war es nötig, Sergej zu jagen? Ich hätte es ja bald gebracht . . .“

„Sie hätten es bald gebracht und ich bringe es gleich,“ parierte Sergej, der selbstzufrieden mit dem Geschirr klappernd, die Schüssel vor Arina Dmitrijewna hinstellte und sich auf seinen Platz zwischen Iwan Ossipowitsch und Sascha setzte.

„Und wozu hat nur Gott eine solche Hitze erdacht?“ forschte Sergej. „Niemand braucht sie: das Wasser trocknet aus, die Bäume verdorren, — alle haben es schwer . . .“

„Die Felder brauchen die Hitze.“

„Und auch den Feldern bringt Hitze zu unrechter Zeit und ohne Mass keinen rechten Nutzen. Aber ob nun zu rechter Zeit oder nicht, alles ist von Gott gesandt.“

„Wenn’s nicht zur rechten Zeit ist, dann ist es eben eine Prüfung für Sünden.“

„Da aber wurde bei uns“, mischte sich Iwan Ossipowitsch in die Unterhaltung, „ein Greis vom Hitzschlage getroffen, der niemand gekränkt hatte und gerade auf der Pilgerfahrt war, und doch hat ihn der Hitzschlag getötet. Wie soll man denn das deuten?“

Sergej triumphierte schweigend.

„So hat er eben für andre, nicht für seine eigenen Sünden gebüsst,“ entschied Prochor Nikititsch mit nicht ganz überzeugtem Ton.

„Wie ist denn das? Andre werden saufen und sich herumtreiben und der Herr wird, statt ihrer, schuldlose Greise totschlagen?“

„Oder — entschuldigen Sie den Vergleich — Sie zahlten Ihre Schulden nicht und mich würde man ins Loch stecken an Ihrer Statt; wäre das denn gut?“ bemerkte Sergej.

„Iss lieber deine Suppe, statt dummes Zeug zu schwatzen, warum und wozu! Selbst lebst du wozu? Du denkst von der Hitze, dass sie zu nichts da sei, und sie denkt vielleicht von dir, dass du, Sergej, zu nichts da bist.“

Nachdem man sich gesättigt hatte, trank man lange und schwerfällig Tee mit Äpfeln oder Eingemachtem. Sergej fing wieder an zu räsonieren.

„Oft ist es sehr beschwerlich, zu begreifen, wie was verstanden werden muss; nehmen wir ein Beispiel: ein Soldat tötet einen Menschen und ich töte einen Menschen; er bekommt das Georgskreuz dafür und mich schickt man nach Sibirien, — weshalb ist das so?“

„Wo sollst du das verstehen? Ich frage aber: es lebt ein Mann mit seiner Frau und ein Junggeselle hat ein Verhältnis mit einem Weibsbilde; mancher wird sagen, das ist ganz dasselbe, und ist doch ein grosser Unterschied. Worin besteht aber dieser Unterschied?“

„Das weiss ich nicht,“ meinte Sergej aufhorchend.

„Stellen wir uns vor: der erste Fall,“ sagte Prochor Nikititsch, als suche er nicht nur nach Worten, sondern auch nach Gedanken, „— der erste Fall: der Verheiratete hat nur mit seinem Weibe zu schaffen, das ist eins; das andere ist, dass sie still, friedlich miteinander leben, sich aneinander gewöhnt haben, und der Mann liebt seine Frau genau so, wie er seine Grütze isst und seine Leute schilt, jene aber haben nur Dummheiten im Kopfe, nur hi-hi und ha-ha, weder Beständigkeit noch Anstand; deshalb ist das eine Gesetz und das andere Sünde. Nicht in der Handlung liegt die Sünde, sondern in der Anwendung, das heisst, welche Verwendung eine Handlung findet.“

„Erlauben Sie, aber es kommt doch vor, dass auch ein Ehemann seine Gattin mit Beben des Herzens anbetet, und ein anderer hat sich an seine Geliebte so gewöhnt, dass es ihm einerlei ist, ob er sie küsst oder eine Mücke zerdrückt: wo soll man denn da unterscheiden, was Gesetz ist und was Sünde?“

„So etwas ohne Liebe zu tun ist nichts anderes, als unrein,“ warf Marja Dmitrijewna plötzlich dazwischen.

„Du sagst da ‚unrein‘, aber es genügt nicht, ein Wort zu wissen, man muss auch seine Kraft kennen. Es steht geschrieben: ‚unrein‘ ist ein Götzenopfer; Hasen essen zum Beispiel ist ‚unrein‘; jenes aber ist Sünde!“

„Nun hört ihr bald auf mit euren Gesprächen! Das gehört nicht vor Knabenohren,“ rief Arina Dmitrijewna.

„Nun, was ist denn dabei, sie können das schon selbst verstehen. Nicht wahr, Iwan Petrowitsch?“ wandte sich der alte Sorokin an Wanja.

„Was das?“ fuhr der auf.

„Wie denken Sie über das alles?“

„Wissen Sie, es ist sehr schwer, über fremde Angelegenheiten zu urteilen.“

„Da haben Sie die Wahrheit gesagt, lieber Wanja,“ freute sich Arina Dmitrijewna, „und urteilen Sie auch niemals darüber: es steht auch geschrieben: ‚Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet‘.“

„Nun, es gibt Leute, die richten nicht und werden doch gerichtet,“ warf Sorokin hin und erhob sich vom Tische.

*

Auf der Anlegestelle und auf dem Dampferstege waren nur die Hökerinnen zurückgeblieben, die Semmeln, Fische, Himbeeren und saure Gurken feil hatten; die Lastträger in bunten Hemden standen ans Geländer gelehnt und spien ins Wasser, und Arina Dmitrijewna, die den alten Sorokin auf den Dampfer begleitet hatte, setzte sich neben Marja Dmitrijewna in der breiten Jagddroschke zurecht.

„Wie haben wir nur die Kuchen vergessen können, Marja? Prochor Nikititsch liebt sie so zum Tee.“

„Ich habe sie ja an die sichtbarste Stelle gelegt und hernach ist’s doch zu nichts nütze gewesen.“

„Du hättest doch daran erinnern können, Parfjon!“

„Wie sollte ich denn? Wenn Sie sie irgendwo draussen vergessen hätten, würde ich schon gerufen haben, aber in die Zimmer bin ich doch nicht hineingegangen,“ rechtfertigte sich der alte Arbeiter.

„Iwan Petrowitsch, Sascha! Wohin geht ihr denn?“ rief Arina Dmitrijewna den jungen Leuten zu, die schon die Höhe hinaufzusteigen begannen.

„Wir gehen zu Fuss, Mamachen, auf dem Fusswege kommen wir noch früher an als ihr.“

„Nun, geht, geht, habt ja junge Füsse. Aber fahren Sie nicht lieber, Iwan Petrowitsch?“ wollte sie Wanja überreden.

„Nein, es macht nichts, wir gehen zu Fuss, danke schön,“ rief der von oben herüber.

„Da ist der Ljubimowsche Dampfer angekommen,“ bemerkte Sascha, seine Mütze abnehmend, und wandte sein etwas beschwitztes, gerötetes Gesicht dem Winde zu.

„Ist Prochor Nikititsch für lange fortgefahren?“

„Nein, er bleibt nicht länger, als bis zum Peterstage an der Unsha, da gibt’s nicht viel zu tun, man muss bloss nach dem Stande der Arbeit sehen.“

„Fahren Sie denn niemals mit Ihrem Vater mit, Sascha?“

„Ich fahre fast jedesmal mit ihm, nur weil Sie bei uns zu Gaste sind, bin ich dieses Mal nicht mitgefahren.“

„Weshalb sind Sie denn nicht gefahren? Weshalb lassen Sie sich durch mich stören?“

Sascha stülpte wieder die Mütze auf sein nach allen Seiten auseinandergewehtes, schwarzes Haar und meinte lächelnd:

„Das ist ja gar keine Störung, lieber Wanja, ich bin sehr froh, mit Ihnen sein zu können. Natürlich, wenn ich nur mit Mama und Tante allein zu Hause geblieben wäre, würde ich mich gelangweilt haben, so aber bin ich sehr froh“; nach einigem Schweigen fuhr er, wie im Nachdenken fort: „ich bin doch häufig an der Unsha, Wetluga, Moskwa und seh’ doch nichts, ausser meinem Geschäft, wie ein Blinder! Überall nur Wald, und von Holz und über Holz: wieviel es kostet und was die Abfuhr zu stehen kommen wird, und wieviel Bretter sich herausschneiden lassen und wieviel Balken — das ist alles! Papachen ist nun einmal schon so veranlagt und erzieht mich ebenso. Und wohin wir auch kommen, gleich geht’s zu den Waldhändlern, in die Teehäuser und überall ein und dasselbe Gespräch. Das ist langweilig, wissen Sie! In der Art, wie zum Beispiel ein Baumeister, der immerfort nur Kirchen baute, und nicht einmal ganze Kirchen, sondern nur die Gesimse an den Kirchen; und er würde die ganze Welt durchwandern und sähe nur Kirchengesimse, ohne die verschiedenartigen Menschen zu bemerken, ohne die Bäume und die Blumen dieser Gegenden zu gewahren — nichts würde er gesehen haben, nur seine Gesimse. Der Mensch muss wie ein Fluss sein, oder wie ein Spiegel — was sich in ihm spiegelt, das muss er auch aufnehmen; dann werden in ihm auch, wie in der Wolga, Sonne und Wolken sein, Wälder und hohe Berge, und Städte mit Kirchen, — für alles muss man das gleiche Interesse haben, dann vereinigt man auch alles in sich. Wenn aber den Menschen nur eins erfasst, den verschlingt es auch, am meisten der Eigennutz oder auch noch das Göttliche.“

„Das heisst, was meinen Sie mit dem Göttlichen?“

„Nun, sagen wir, die kirchlichen Fragen. Wer immer nur an sie denkt und über sie liest, der kann kaum etwas anderes verstehen.“

„Wieso denn? Es gibt doch sogar Bischöfe, die Weltliches nicht scheuen, selbst unter Ihren Glaubensgenossen, zum Beispiel Erzbischof Inokentij.“

„Natürlich gibt es solche, und wissen Sie, meiner Meinung nach, tun sie nicht recht daran: man kann nicht guter Offizier und Kaufmann sein, nicht alles gleich gut verstehen. Deshalb beneide ich Sie auch von ganzer Seele, Wanja, weil niemand aus Ihnen nur eins machen will, sondern, dass Sie alles wissen und alles verstehen, nicht, wie zum Beispiel ich, und doch sind Sie nicht älter, als ich.“

„Nun, wo weiss ich denn alles, im Gymnasium lernen wir ja nichts!“

„Immerhin ist es besser, nichts zu wissen, als nur das eine zu wissen, dass man alles begreifen kann.“

Unten wurde das dumpfe Rollen von Wagenrädern vernehmlich und weit in der Ferne hörte man über dem Wasser laut schimpfen und das Plätschern von Rudern.

„Die Unsrigen kommen lange nicht.“

„Sie sind wohl zu Loginow angefahren,“ bemerkte Sascha und setzte sich neben Smurow ins Gras.

„Sind wir denn im gleichen Alter?“ fragte der, zur Wolga hinüberblickend, wo Wolkenschatten über die Wiesen glitten.

„Gewiss, wir sind fast im selben Monat geboren, ich habe Larion Dmitrijewitsch gefragt.“

„Kennen Sie eigentlich Larion Dmitrijewitsch gut, Sascha?“

„Nicht allzu gut; wir haben uns ja erst vor kurzer Zeit kennen gelernt; und er ist auch nicht ein Mensch, den man auf den ersten Blick kennen lernt.“

„Haben Sie gehört, was für eine Geschichte ihm passiert ist.“

„Ich habe davon gehört, ich war damals noch in Petersburg; aber ich glaube nur, dass das alles nicht wahr ist.“

„Was ist nicht wahr?“

„Dass dieses Fräulein sich nicht selbst das Leben genommen hat. Ich habe das Fräulein einmal gesehen. Larion Dmitrijewitsch zeigte sie mir einmal im Garten: so eine Sonderbare. Ich sagte Larion Dmitrijewitsch schon damals: ‚denken Sie an mein Wort, dieses Fräulein nimmt kein gutes Ende.‘ Sie war, als sei sie nicht von dieser Welt.“

„Larion Dmitrijewitsch braucht sie ja gar nicht erschossen zu haben, kann aber doch der Urheber ihres Selbstmordes sein.“

„Nein, lieber Wanja, wenn sich jemand um etwas kränkt, was ihn nicht angeht und er legt Hand an sich, daran trägt niemand die Schuld daran.“

„Aber legen Sie Stroop das zur Last, weswegen sich Ida Holberg erschossen hat?“

„Weswegen hat sie sich denn erschossen?“

„Ich glaube, Sie wissen das selbst?“

„Wegen Fjodor?“

„Mir scheint es so,“ antwortete Wanja verlegen.

Sorokin schwieg lange, und als Wanja die Augen aufschlug, sah er, dass jener ganz gleichgültig, ja, ärgerlich auf die Strasse hinunterblickte, wo jetzt der Wagen mit Parfjon sichtbar wurde.

„Weshalb antworten Sie nicht, Sascha?“

Der warf einen flüchtigen Blick auf Wanja und sagte geärgert und einfach:

„Fjodor ist ein simpler Bursche, ein Bauernjunge, hat es einen Sinn, sich seinetwegen zu erschiessen? In solchem Falle dürfte Larion Dmitrijewitsch weder einen Kutscher für seine Pferde, noch einen Portier für seine Tür halten und nicht zum Arzte gehen, wenn er Zahnschmerzen hat. Damit es keinen Fjodor gäbe, müsste . . . . .“

„Wartet ihr uns schon?“ rief Arina Dmitrijewna, aus der Droschke steigend, während Parfjon und Marja Dmitrijewna die Säcke und Beutel aus dem Wagen herausholten und der schwarze Hofhund sie bellend umsprang.

*

Am Peterstage wollte man in ein altgläubiges Kloster fahren, das etwa vierzig Werst jenseits der Wolga lag, um an einem so hohen Feiertage den Gottesdienst mit einem Priester zu hören und Anna Nikanorowna, eine entfernte Verwandte von Sorokins, besuchen, die in der Klosterzeidlerei lebte; nach Tscheremschany zu fahren, wo die Töchter Prochor Nikititschs lebten, verschob man auf den Eliastag, um dort bis zum Schlusse der Messe in Nishni zu bleiben, die auch Wanja besuchen wollte. Im September sollten die Frauen aus Tscheremschany, die Männer aus Nishni zurückkehren, und Wanja sollte schon Ende August geraden Wegs, ohne hierher zurückzukommen, nach Petersburg reisen. Ein paar Tage vor dem Aufbruch, als alles schon gepackt war, und alle beim Abendtee sassen und sich zum zehntenmal darüber unterhielten, wohin und für wie lange jeder fahren werde, bekam Wanja, der seit seiner Ankunft noch keinen erhalten hatte, mit der Abendpost gleich zwei Briefe. Einer kam von Anna Nikolajewna, sie bat ihn, sich in Wassilsursk nach einem kleinen Landhause, nicht teurer als sechzig Rubel, umzusehen, weil Nata schliesslich so nervös geworden, dass sie unmöglich in der Nähe von Petersburg auf dem Lande leben könne; Koka sei, um seinen Kummer zu zerstreuen, nach Nodendal bei Hangö gereist, und Alexej Wassiljewitsch, Onkel Kostja und Boba würden ganz einfach in der Stadt bleiben. Der zweite Brief war von Koka, wo er unter Phrasen seines Schmerzes über ‚den Tod dieses idealen Mädchens, das dieser Taugenichts ins Verderben gestürzt‘, berichtete, dass das Kurhaus sich in nächster Nähe befinde und es eine Menge Damen gäbe, dass er den ganzen Tag Veloziped fahre usw. usw.

„Weshalb schreibt er mir das alles?“ dachte Wanja, nachdem er den Brief durchgelesen hatte; „hat er niemand ausser mir, mit dem er davon sprechen kann?“

„Meine Tante und Cousine bitten mich, ein Landhaus für sie zu suchen, sie wollen hierher kommen.“

„Das trifft sich gut, die Hermannsche hat, glaub’ ich, gerade eins leer stehen, es wollten Leute aus Astrachanj kommen, aber bis jetzt sind sie noch nicht da; da hätten auch Sie es nicht weit.“

„Fragen Sie sie doch, Arina Dmitrijewna, ob sie es nicht für sechzig Rubel abgeben will und überhaupt, wie es damit bestellt ist.“

„Sie gibt es auch für fünfzig, seien Sie nur ruhig, ich besorge schon alles.“

Wanja war in sein Zimmer gegangen und sass noch lange, ohne Licht zu machen, am Fenster und dachte an Petersburg, die Kasanskis, Stroop und seine Wohnung, und ohne zu wissen weshalb, besonders an Fjodor, wie er ihn zum letzten Male gesehen hatte, im rotseidenen Hemde ohne Gürtel, mit dem Lächeln im geröteten, aber der Röte ungewohnten Gesicht, in der Hand die Karaffe; er zündete ein Licht an, holte den Band Shakespeare mit ‚Romeo und Julia‘ hervor und versuchte zu lesen; er hatte kein Wörterbuch und verstand ohne Stroop nur den geringsten Teil, aber ein Strom von Schönheit und Leben ergriff ihn, wie nie vorher, als wäre etwas Verwandtes, schon längst nicht Gesehenes, Halbvergessenes wieder lebendig geworden und hielte ihn mit heissen Armen umfasst. Es klopfte leise an die Tür.

„Wer ist da?“

„Ich, kann ich hineinkommen?“

„Bitte.“

„Entschuldigen Sie, ich habe Sie gestört,“ sagte Marja Dmitrijewna eintretend, „ich habe Ihnen einen ledernen Rosenkranz gebracht, wie wir Altgläubigen sie gebrauchen, packen Sie ihn in Ihren Koffer.“

„Ah, schön.“

„Was lasen Sie da?“ fragte Marja Dmitrijewna, die zögerte, hinauszugehen. „Ich dachte mir, ob es nicht das Andachtsbuch ist, aus dem Sie lesen.“

„Nein, es ist ein Stück, ein englisches Stück.“

„So? und ich dachte es sei das Andachtsbuch. Die Worte konnte man nicht verstehen, aber man hörte, dass Sie etwas mit Ausdruck lasen.“

„Habe ich denn laut gelesen?“ wunderte sich Wanja.

„Wie denn sonst? . . . Ich lege den Rosenkranz auf das Regal . . . Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Und Marja Dmitrijewna entfernte sich lautlos, nachdem sie die Lämpchen vor den Heiligenbildern in Ordnung gebracht hatte, und schloss leise, aber fest, die Tür hinter sich. Wanja sah erstaunt, als sei er eben erwacht, auf den Schrank mit den Heiligenbildern, auf das Lämpchen davor, die mit Eisen beschlagene Truhe in der Ecke, das aufgemachte Bett, den festen Tisch am Fenster mit den weissen Gardinen, hinter denen man den Garten und den gestirnten Himmel sehen konnte. Dann klappte er das Buch zu und verlöschte das Licht.

*

„Was für eine Menge Vergissmeinnicht auf dem Sumpfe blühen!“ rief Marja Dmitrijewna ein Mal über das andere, als sie die sumpfige Wiese entlang fuhren, die ganz mit hohem Sumpfgrase und den blauen Blumen bedeckt war, auf denen mit den glänzenden Flügeln und grünlichen Körpern leise zitternde Libellen sassen. Sie war mit Wanja hinter dem ersten Wagen zurückgeblieben, in dem Arina Dmitrijewna mit Sascha fuhr. Bald stieg Marja Dmitrijewna aus dem Wagen und ging den Fussweg dem Sumpf und Wald entlang, bald stieg sie wieder ein, dann wieder ordnete sie die gepflückten Blumen, sang etwas vor sich hin, und unterhielt sich die ganze Zeit mit Wanja, als spräche sie mit sich selbst; sie schien trunken von der Sonne, dem blauen Himmel und den blauen Blumen. Und Wanja blickte mit fast herablassender Teilnahme in das strahlende und wie das eines Backfisches jung gewordene Gesicht dieser dreissigjährigen Frau.

„In Moskau hatten wir einen wunderschönen Garten, wir wohnten in der Samoskworetschje: Apfelbäume, Flieder blühten, in einer Ecke war ein Quell und ein Strauch schwarzer Johannisbeeren; im Sommer fuhren wir nirgendwohin, so sass ich denn den ganzen Tag im Garten; dort kochte ich auch den Beerensaft für den Winter ein . . . . Ich liebe so barfuss über die heisse Erde zu gehen, Wanja, oder im Flusse zu baden, man sieht durch das Wasser seinen Körper, sieht wie die vom Wasser zurückgeworfenen Sonnenflecken über ihn hingleiten und wenn man untertaucht und die Augen öffnet, dann ist alles so grün, und man kann die Fischchen vorbeihuschen sehen, und hernach legt man sich in den heissen Sand zum Trocknen, ein Windhauch weht vorüber. Wunderbar! Und am besten ist es, wenn man allein liegt, keine Freundin dabei ist. Und es ist nicht wahr, was die alten Weiber sagen, dass der Körper Sünde ist, die Blumen, die Schönheit — Sünde, sich baden — Sünde. Hat nicht Gott dies alles geschaffen: das Wasser und die Bäume und den Körper? Sünde ist es, sich dem Willen des Herrn zu widersetzen: wenn jemand für etwas eine Bestimmung hat, zum Beispiel, wenn er nach etwas strebt, ihm dieses verbieten, das ist Sünde! Und wie muss man sich beeilen, Wanja, es lässt sich gar nicht sagen wie! Wie eine gute Hausfrau sich rechtzeitig mit Kohl und Gurken versorgt, weil sie weiss, dass sie später sie nicht bekommen wird, so müssen auch wir uns zu rechter Zeit sattsehen und sattlieben und sattatmen, Wanja! Wie lange währt unser Leben? Und die Jugendzeit ist noch kürzer, und der Augenblick, der vorübergeht, kehrt nie mehr wieder; und daran müsste man sich immer erinnern, dann wäre alles doppelt so süss, wie einem neugebornen Kinde, das eben erst die Augen aufgetan, oder wie einem Sterbenden.“

In der Ferne hörte man die Stimmen Arina Dmitrijewnas und Saschas; hinten holperte Parfjons Wagen über den Faschinenweg, die Fliegen summten, es roch nach Gras, Sumpf und Blumen; es war heiss und Marja Dmitrijewna sass in schwarzem Kleide, das weisse Kopftuch aufgeknüpft, von Müdigkeit und Hitze blass geworden, mit strahlenden dunklen Augen, etwas gebeugt neben Wanja im Wagen und ordnete die gepflückten Blumen.

„Es ist mir ganz dasselbe, ob ich für mich denke oder mit Ihnen denke, lieber Wanja, oder mit Ihnen spreche, weil Sie eine kindliche Seele haben.“

Bei einer Wendung des Weges öffnete sich ein Blick auf eine grosse Lichtung und auf ihr stand ein Haufen Häuser mit den Türen nach innen; viele dieser Häuser hatten überhaupt keine Fenster oder bloss Fenster im oberen Geschoss, das machte sie Scheunen ähnlich, sie standen, von der Zeit grau geworden, in einen Haufen zusammengedrängt da, ohne dass man eine Strasse gewahrte oder Leute sah, nur das Hundegebell im Kloster begrüsste den bestaubten Wagen, in dem Arina Dmitrijewna und Sascha sassen.

*

Nach der Messe machten sich Sorokins und Wanja zum Einsiedler Leontij auf, der eine halbe Werst vom Kloster in der Zeidlerei lebte. Als sie durch den schattigen Waldstreifen auf die Lichtung hinaustraten, wo man unter dem hohen Grase und den Blumen einen unsichtbaren Bach in seiner Holzrinne rauschen hören konnte, berichtete Arina Dmitrijewna Wanja über den Einsiedler Leontij:

„Aus der grossrussischen Kirche ist er zur wahren Kirche übergetreten, schon lange, es ist an die dreissig Jahre her und schon damals war er nicht mehr jung. Ein starker Greis, ein Eiferer ist er, vier Jahre stand er vor Gericht, zwei Jahre hat er in Susdalj verbüsst; er ist gross im Fasten und betet mit einem Eifer, wie ein aufgezogenes Uhrwerk! Und alles sieht er voraus . . . Wanja, sagen Sie ihm lieber nicht, dass Sie zur griechisch-orthodoxen Konfession gehören, vielleicht nimmt er Anstoss daran.“

„Aber vielleicht unterweist er mich dann noch besser?“

„Nein, sagen Sie es ihm schon lieber nicht.“

„Gut, gut,“ sagte Wanja zerstreut und blickte interessiert zur niederen Hütte hinüber, die von rosenroten Malven umgeben war, und vor der ein grauhaariger Greis mit langem schmalem Barte und lebhaften, fröhlich dreinblickenden Augen sass, der ein weisses Gewand trug und ein Käppchen auf dem Kopfe hatte.

„Wie also der Pope zu mir nach oben kommt, geht er gleich an den Tisch und fängt an, im Evangelium herumzublättern: ‚Dein Glück, dass es eine erlaubte Ausgabe ist, sonst würde ich sie konfisziert haben, deine Porträts aber und die Handschriften, die nehme ich dir unbedingt weg.‘ Bei mir hingen nämlich die Bildnisse Semjon Denissows, Peter Filippows und noch einiger anderer an der Wand. Ich war noch nicht alt und stark und sagte: ‚Das sollte mir grad noch fehlen, dass ich dir erlaubte, die Bilder anzurühren.‘ Der Diakon war ganz betrunken und meinte bloss stöhnend: ‚Vater, haltet ein!‘ Da warf der Pope mich aufs Bett und wollte mich aus einer Unterschale mit Tee begiessen, das sollte dann meine Taufe sein; aber ich wehrte mich und er musste mich loslassen. ‚Auf Wiedersehen,‘ sagte er, ‚wir sprechen uns noch.‘ Und wie ich hinausging, Sie zu begleiten, da packte er mich am Arm und stiess mich den Abhang hinunter.“

Und der Alte fuhr fort, als sage er eine Lektion auf, zu erzählen, wie er bei den Nekrassowzy in der Türkei gewesen, wie man ihn hatte ermorden wollen, wie über ihn gerichtet wurde, wie er im Klostergefängnis in Susdalj eingesperrt gewesen und wie ihn überall das Kreuz mit den Reliquien gerettet hatte, und er brachte tief gebeugt ein hohles Kreuz aus der Hütte heraus, auf dessen kupferner Fassung eingegraben stand: „Reliquien des heiligen Wundertäters Peter, des Metropoliten von Moskau, der heiligen rechtgläubigen Fürstin Fewronija von Murom, des heiligen Propheten Jonas, des heiligen rechtgläubigen Zarewitsch Dmitrij, unserer heiligen Mutter Maria von Ägypten.“

In der Hütte sah man Heiligenbilder auf den Wandbrettern stehen, das Licht der Lämpchen und der Kerzen schimmerte rötlich, auf dem Fensterbrett und auf dem Tische lagen Bücher, an einer Wand stand eine kahle Holzbank mit einem Scheit am Kopfende. Und der Einsiedler Leontij sprach mit singender Stimme und sah dabei Wanja mit lustigen Augen an, die nicht mit seinen Worten im Einklang standen:

„Sei standhaft im rechten Glauben, mein Sohn, denn was steht höher, denn der rechte Glaube? Er sühnt alle Sünden und führet in die Hallen des ewigen Lichtes. Das ewige Licht aber unseres Herrn Jesus Christus müssen wir lieben über alles in der Welt. Was ist ewig, was ist unvergänglich, wenn es nicht das lichte Paradies, der Seelen Rettung, ist? Lockt dich ein Blümlein — morgen wird es welken, liebst du einen Menschen — morgen wird er sterben: die hellen Äuglein verlöschen und fallen ein, die roten Wangen werden gelb, Haare und Zähne wirst du verlieren und du bist ganz der Würmer Beute. Wandelnde Leichen, das sind wir Menschen in dieser Welt.“

„Jetzt wird es ja leichter werden, man wird erlauben, altgläubige Kirchen zu bauen, öffentlichen Gottesdienst zu halten,“ versuchte Wanja den Alten abzulenken.

„Jage nicht dem nach, was leicht ist, sondern strebe nach dem, was schwer ist! An dem, was leicht ist, an Freiheit und Reichtum, gehen die Völker zugrunde, aber in schweren Leiden bewahren sie ihren Glauben. Hinterlistig ist des Menschen Feind, geheim sind seine Ränke, und jede Gnade muss man darauf prüfen, woher sie kommen möge.“

„Woher rührt seine Verbitterung?“ fragte Wanja, als sie die Zeidlerei verliessen.

„Und sind denn die Menschen schuld daran, dass sie sterben müssen?“ stimmte Marja Dmitrijewna ihm bei. „Ich würde das nur noch mehr lieben, was bestimmt wäre, morgen unterzugehen.“

„Lieben kann man alles, man muss nur nicht sein Herz an eins allein hängen, damit es uns nicht verschlinge,“ bemerkte Sascha, der die ganze Zeit geschwiegen hatte.

„So ein Philosoph hat uns gerade noch gefehlt,“ sagte geringschätzend die Tante.

„Hab ich vielleicht keinen Kopf?“

„Und wie er bloss nicht erkannt hat, dass Sie nicht rechtgläubig sind? Aber vielleicht hat er vorausgesehen, dass Sie noch zum rechten Glauben kommen werden!“ sagte Arina Dmitrijewna, Wanja zärtlich ansehend.

Im Zimmer, das nur von einem Lämpchen vor dem Heiligenbilde beleuchtet wurde, war es fast ganz dunkel geworden; durchs Fenster konnte man den sattroten, nach oben zu gelblich abgetönten Abendhimmel sehen, von dem sich der schwarze Forst hinter der Lichtung abhob, und Sascha Sorokin, dessen schwarze Silhouette sich vom Fenster abzeichnete, das im Abendrot leuchtete, fuhr fort:

„Das ist schwer zu vereinigen! Wie einer von den Unsrigen einmal sagte: ‚Wie soll man nach dem Theater zu Jesus beten? Es ist leichter, jemand totzuschlagen.‘ Und tatsächlich, morden, stehlen, ehebrechen, das kann man unabhängig vom Glauben, den man hat, aber den ‚Faust‘ verstehen und dann mit Überzeugung den Rosenkranz herunterbeten, das ist undenkbar, das hiesse wahrhaftig den Teufel herausfordern. Und wenn der Mensch nicht sündigt und die Gebote hält, aber von ihrer Notwendigkeit und Heilsamkeit nicht überzeugt ist, so ist das schlimmer, als wenn er sie nicht hielte, aber glaubte. Und wie soll man glauben, wenn man keinen Glauben hat? Wie soll man nicht wissen, was man weiss, vergessen, woran man sich erinnert? Und da darf man nicht urteilen: dies ist weise und ich werde es erfüllen, und jenes sind Nichtigkeiten: wer heisst uns so zu urteilen? Solange die Kirche sie nicht aufgehoben hat, müssen wir alle ihre Vorschriften befolgen, und müssen die weltlichen Künste meiden, dürfen uns nicht von Ärzten behandeln lassen, die einen anderen Glauben haben, müssen alle Fasten halten. Den alten orthodoxen Glauben können nur die Einsiedler im Walde halten; weshalb aber soll ich mich als das bezeichnen, was ich nicht bin, und was zu sein ich nicht für nötig halte? Und wie kann ich glauben, dass nur unser Häuflein gerettet werden wird, und dass die ganze Welt in Sünden versunken ist? Und wenn ich das nicht glaube, wie kann man mich dann einen Altgläubigen nennen? So ist es auch hart, einen Glauben, eine Lebensauffassung, die keine anderen dulden, anzunehmen, und wenn man sie alle zugleich begreift, kann man in keinem rechtgläubig sein.“

Saschas Stimme verstummte, wurde aber wieder laut, als Wanja, der auf dem Bette lag, aus der Dunkelheit keine Antwort gab.

„Ihnen, dem Abseitsstehenden, wird unser Leben, unser Glaube, unser Ritus verständlicher, deutlicher sichtbar sein, als uns selbst, und auch unsere Leute werden Sie verstehen können, aber Sie werden von ihnen nicht verstanden werden, oder Papa und unsere Ältesten werden bloss einen Teil und zwar nicht den wichtigsten begreifen und Sie würden ihnen immer ein Fremder, ein Aussenstehender bleiben. Dabei lässt sich nichts machen! Wie ich selbst Sie auch lieben und achten möge, lieber Wanja, ich fühle dennoch, dass etwas in Ihnen ist, was mich bedrückt, mich befangen macht. Und unsere Väter haben, wie unsere Grossväter auch, ein anderes Leben geführt, anders gedacht und anderes gewusst, und wir selbst können noch nicht einmal ihnen gleich werden, — in irgendeinem Punkte macht sich doch schliesslich der Unterschied bemerkbar, und der Wunsch allein ändert nichts an der Sache.“

Saschas Stimme war wieder verstummt und lange Zeit hörte man nur den Gesang, der weit, weit her durch die offenstehenden Türen des Bethauses herüberdrang.

„Wie macht es denn Marja Dmitrijewna?“

„Wieso Marja Dmitrijewna?

„Wie denkt denn sie darüber, wie wird sie damit fertig?“

„Wer weiss, wie sie’s macht; sie betet viel und grämt sich um ihren Mann.“

„Ist ihr Mann schon lange tot?“

„Schon lange, an die acht Jahre, ich war noch ein ganz kleiner Junge.“

„Sie ist eine prächtige Frau.“

„Na ja, aber allzu viel begreift auch sie nicht,“ meinte Sascha, das Fenster schliessend.

*

Vor der Pforte machte noch ein Wagen mit Gästen halt; Arina Dmitrijewna, die sich fast gar nicht an den Tisch gesetzt hatte, lief hinaus, sie zu empfangen und man hörte im Stiegenhause Rufe und das Geräusch von Küssen. Im Saal, in dem zehn Männer beim Mittag sassen, war es heiss und geräuschvoll; die barfüssige Frosja, die Malanja zur Aushilfe genommen war, lief immer wieder mit einem grossen Glaskrug in den Keller und brachte ihn mit schäumendem Kwass gefüllt zurück. Im Zimmer, wo die Frauen Mittag assen, sass Marja Dmitrijewna auf dem Platze der Hausfrau, die von Tische zu Tische ging, um die Gäste zum Essen zu nötigen, in die Küche lief und die immer wieder vorfahrenden Gäste empfing, neben ihr sassen Anna Nikolajewna und Nata, weiter die fünf anderen Frauen, die sich mit bereits feuchten Taschentüchern den Schweiss vom Gesichte wischten, während immer noch eine Schüssel nach der anderen aufgetragen wurde, man trank Madeira und Naliwka, den zu Hause bereiteten Beerenlikör. Die Fliegen krochen in die geleerten Gläser, sassen in ganzen Haufen an den weissgetünchten Wänden und auf dem mit Brotkrumen besäten Tischtuche. Die Männer hatten die Röcke ausgezogen und sassen stumpf und laut lachend, plaudernd und rülpsend mit unter der Weste hervorgezogenen bunten Hemden um den Tisch.

Die brennenden Lämpchen vor den Heiligenbildern glänzten in der Sonne, die zur offenen Tür durch den gläsernen Prunkschrank in den Saal hineinschien und auch die gestrichenen Käfige im Nebenzimmer beleuchtete, in denen die Kanarienvögel, durch den allgemeinen Lärm erregt, schmetternd sangen. Immerfort mussten die Hunde hinausgetrieben werden, die sich vom Hofe hereinstahlen und die von Frosjas nacktem Fuss für einen Augenblick aufgesperrte, mit Gegengewichten versehene Tür schlug kreischend zu; es roch nach Himbeeren, Pirogen, Wein und Schweiss.

„Nun, sagen Sie selbst, ich schreibe ihm vor, mir telegraphisch nach Samara zu antworten und er lässt keine Silbe von sich hören.“

„Zuerst muss man es mit Spiritus übergossen in den Keller stellen, dann am folgenden Tage mit Eichenrinde abkochen — es ist dann äusserst schmackhaft.“

„Am Himmelfahrtstage hielt der Priester Wassilij in Gromowo eine famose Predigt: ‚Selig sind die Friedfertigen, deshalb lasst euch das Armenhaus in Tschubykino gefallen, erlasst dem Kurator seine Schulden und verlangt keinen Rechenschaftsbericht!‘ einfach zum Lachen . . .!“

„Ich sage 35 Rubel und er bietet mir 15 . . .“

„Himmelblau, ganz himmelblau und rosa gemustert,“ klang es aus dem Zimmer, wo die Frauen sassen, herüber.

„Auf Ihr Wohl! Arina Dmitrijewna, auf Ihr Wohl!“ riefen die Männer der Hausfrau zu, die in die Küche eilte.

Mit einemmal wurden die Stühle gerückt und alle begannen sich schweigend in der Richtung des Heiligenbildes zu bekreuzigen, das in einer Ecke des Zimmers hing; Frosja schleppte schon den Samowar heran, und Arina Dmitrijewna schärfte den Gästen ein, vor dem Tee nicht zu weit in den Garten hinauszugehen.

„Gefällt dir denn dieses Leben wirklich?“ fragte Nata Wanja, der gekommen war, sie über den Hof zu begleiten, wo die Sorokinschen Kettenhunde frei umherliefen.

„Nein, aber es könnte noch schlimmer sein.“

„Selten,“ bemerkte Anna Nikolajewna, die das Gartenpförtchen wieder öffnete, um den eingeklemmten Saum ihres grauseidenen Kleides freizumachen.

*

„Setzen wir uns hierher, Nata, ich möchte mit dir sprechen.“

„Setzen wir uns. Wovon willst du denn sprechen?“ sagte das Mädchen und liess sich neben Wanja auf die Bank im Schatten der hohen Birke nieder. Die etwas abseits stehende Kirche wurde renoviert und durch die offenen Türen schallte der Kirchengesang der Maler herüber, denen der Priester bei der Arbeit im Innern der Kirche verboten hatte weltliche Lieder zu singen. Man konnte die Kirchenpforte hinter den Spiräagebüschen nicht sehen, hörte aber in der Abendluft deutlich jedes Wort: in weiter Ferne brüllte eine Herde auf dem Heimwege.

„Worüber wolltest du denn mit mir sprechen?“

„Ich weiss nicht; vielleicht wird es dir schwer fallen oder unangenehm sein, dich daran zu erinnern.“

„Du willst wohl von dieser unglücklichen Geschichte sprechen?“ fragte Nata nach einer Pause.

„Ja, wenn du sie mir auch nur ein wenig erklären kannst, dann tu es bitte.“

„Du täuschest dich, wenn du glaubst, dass ich mehr weiss, als alle anderen; ich weiss nur, dass Ida Holberg sich selbst erschossen hat, aber nicht einmal die Beweggründe zu ihrer Tat sind mir bekannt.“

„Du warst doch zu jener Zeit dort?“

„Ich war dort, obgleich es nicht eine halbe Stunde vorher war, sondern vielleicht zehn Minuten, von denen ich sieben im leeren Vorzimmer wartete.“

„Hat sie sich in deiner Gegenwart erschossen?“

„Nein, der Schuss war es ja gerade, der mich veranlasste das Arbeitszimmer zu betreten . . .“

„Und sie war schon tot?“

Nata nickte stumm mit dem Kopfe die Bestätigung.

Die Maler in der Kirche stimmten den Gesang: ‚Herr Gott, erhör mein Rufen‘ an.

„Lass mich los, Teufel! Was machst du? Lass mich!“

„Ah!“ schrie eine Entrüstung heuchelnde Weiberstimme in der Kirchenvorhalle, während ihr unsichtbarer Partner es vorzog sein Werk schweigend fortzusetzen.

„Ah!“ kreischte die Stimme noch lauter, wie die eines Ertrinkenden und die Spiräagebüsche begannen an einer Stelle heftig zu schwanken, obgleich es windstill war.

„. . . das Abendopfer!“ schlossen versöhnlich die Sänger in der Kirche.

„Auf dem Tische stand eine Karaffe oder ein Siphon, etwas aus Glas, eine Flasche Kognak, ein Mensch in rotem Hemde sass auf dem Lederdiwan und machte sich am selben Tisch zu schaffen, Stroop selbst stand rechts, Ida sass am Schreibtische, den Kopf auf die Stuhllehne zurückgeworfen . . .“

„Sie lebte schon nicht mehr?“

„Ja, ich glaube, sie war tot. Als ich eintrat, sagte Stroop zu mir: ‚Weshalb sind Sie hier? Um Ihres Glückes, um Ihrer Ruhe willen, gehen Sie fort! Gehen Sie, bitte, augenblicklich fort!‘ Der Mensch auf dem Diwan erhob sich und ich sah, dass er ohne Gürtel und sehr hübsch war; sein Gesicht war rot und glühte und das Haar kräuselte sich; er schien mir betrunken zu sein. Und Stroop sagte zu ihm: ‚Fjodor, lassen Sie die Dame hinaus‘.“

„Dein Wille geschehe,“ sangen die Maler in der Kirche; die Stimmen im Spiräagebüsch klangen, jetzt schon versöhnt, leise murmelnd herüber; die Frau schien zu weinen.

„Dennoch ist es schrecklich!“ sagte Wanja.

„Schrecklich!“ wiederholte Nata, wie ein Echo: „Und für mich um so mehr: ich habe diesen Menschen so geliebt!“ und sie brach in Tränen aus.

Wanja blickte feindselig auf dieses plötzlich gealterte, aufgedunsene Mädchen mit dem gedrungenen Munde, den Sommersprossen, die sich jetzt zu grossen braunen Flecken verschmolzen hatten, und mit den zerzausten roten Haaren, und sagte:

„Hast du denn Larion Dmitrijewitsch geliebt?“

Sie nickte stumm mit dem Kopfe und begann nach einigem Schweigen ungewöhnlich freundlich:

„Du korrespondierst jetzt nicht mit ihm, Wanja?“

„Nein, ich kenne nicht einmal seine Adresse, er hat doch seine Petersburger Wohnung aufgegeben.“

„Seine Adresse kann man doch finden.“

„Und was wäre, wenn ich mit ihm korrespondierte?“

„Nein, nichts, ich fragte nur so.“

Aus den Gebüschen kam ein junger Mann in einer Jacke, die Mütze auf dem Kopfe, hervor, und als er, an Wanja vorübergehend, diesen grüsste, erkannte er, dass es Sergej war.

„Wer ist das?“ fragte Nata.

„Der Kommis von Sorokins.“

„Das ist wohl der Held des Romans, der sich eben abspielte,“ setzte Nata mit frechem Lächeln hinzu.

„Welches Romans?“

„Vor der Kirche, hast du denn nichts gehört?“

„Ich habe Weiber kreischen gehört, aber was geht das mich an?“

*

Wanja wäre fast auf einen Menschen draufgerannt, der am schattigen Flussufer mit den Armen unter dem Kopfe schlafend lag. Er trug einen weissen Anzug und die Sommeruniformsmütze, die er sich aufs Gesicht gelegt hatte, war heruntergerutscht. Wanja war nicht wenig erstaunt, an der Glatze, der aufgestülpten Nase, dem schütteren roten Bärtchen und der ganz kleinen Gestalt seinen griechischen Lehrer zu erkennen.

„Sind Sie denn hier, Daniil Iwanowitsch?“ fragte Wanja, der vor Staunen vergass, ihn zu begrüssen.

„Wie Sie sehen! Aber was wundert Sie denn dabei so, wo Sie doch selbst aus Petersburg hierher gekommen sind?“

„Wie bin ich Ihnen denn nicht früher begegnet?“

„Das ist ganz erklärlich, wo ich doch erst gestern angekommen bin. Leben Sie mit Ihrer Familie hier?“ fragte der Grieche, der sich endgültig aufgerichtet hatte und seine Glatze mit einem rotgeränderten Taschentuche abtrocknete: „Setzen Sie sich her, es ist hier schattig und der Wind weht kühl.“

„Ja, meine Tante und meine Cousine sind auch hier, aber ich lebe nicht bei ihnen, sondern bei Sorokins, Sie haben vielleicht von ihnen gehört?“

„Ich habe einstweilen noch nicht das Glück gehabt. Aber hier ist es nicht übel, durchaus nicht übel: die Wolga, die Gärten und alles Weitere.“

„Und wo ist denn Ihr Katerchen und die Drossel, haben Sie die auch mitgenommen?“

„Nein, ich werde eine weitere Reise machen.“

Und er begann mit Begeisterung zu erzählen, wie er ganz unerwartet eine kleine Erbschaft gemacht und Urlaub genommen habe, um seinen langgehegten Traum zu verwirklichen: nach Athen, Alexandria, Rom zu reisen. In Erwartung des Herbstes, wenn es weniger heiss für eine Reise im Süden sein werde, sei er mit einem kleinen Handkoffer und drei, vier Lieblingsbüchern an die Wolga gegangen, um haltzumachen, wo es ihm gerade gefalle.

„Jetzt werden in Rom, Pompeji, in Asien interessante Ausgrabungen gemacht und man hat dort neue literarische Erzeugnisse der Alten gefunden.“ Und der Grieche sprach lange mit glänzenden Augen, die Mütze wieder ins Gras werfend, von seinen Träumen, Plänen, Genüssen, und Wanja blickte traurig in das strahlende lebenbewegte hässliche Gesicht des kleinen kahlköpfigen Lehrers.

„Ja, das alles ist interessant, sehr interessant,“ murmelte er träumerisch vor sich hin, als jener seinen Bericht schloss und eine Zigarette anrauchte.

„Sie bleiben bis zum Herbste hier?“ fragte plötzlich Daniil Iwanowitsch.

„Wahrscheinlich. Ich will nach Nishni zur Messe,“ gestand Wanja, als schäme er sich der Nichtigkeit seiner Pläne.

„Sind Sie zufrieden? Sind diese Sorokins interessante Leute?“

„Sie sind ganz einfache, aber gute und treuherzige Menschen,“ antwortete Wanja und dachte mit Feindseligkeit an sie, die ihm plötzlich so fremd geworden waren. „Ich habe es langweilig, sehr langweilig! Wissen Sie, es gibt niemand, der einen mit seiner Begeisterung anstecken könnte, oder auch nur fähig wäre einen bloss zu verstehen, die geringste Bewegung der Seele zu teilen,“ entrang es sich plötzlich Wanja, „hier nicht und vielleicht auch in Petersburg nicht.“

Der Grieche schaute ihn scharf an.

„Smurow,“ begann er etwas feierlich. „Sie haben einen Freund, der befähigt ist die höchsten Wallungen des Geistes zu schätzen, und bei dem Sie immer Sympathie und Liebe finden können.“

„Ich danke Ihnen, Daniil Iwanowitsch,“ sagte Wanja, dem Griechen die Hand hinstreckend.

„Keine Ursache,“ antwortete der, „um so weniger als ich eigentlich nicht von mir sprach.“

„Von wem sprachen Sie denn?“

„Von Larion Dmitrijewitsch.“

„Von Stroop?“

„Ja, . . . warten Sie, unterbrechen Sie mich nicht. Ich kenne Larion Dmitrijewitsch ausgezeichnet, ich habe ihn nach jenem unglücklichen Vorfall gesehen und ich bezeuge Ihnen, dass er daran ebensoviel Schuld trägt, wie etwa Sie, wenn ich mich zum Beispiel in den Fluss stürzen wollte, weil Sie blondes Haar haben. Natürlich ist es Larion Dmitrijewitsch höchst gleichgültig, was man über ihn spricht, aber er drückte mir sein Bedauern darüber aus, dass einige ihm teure Menschen ihre Meinung über ihn ändern könnten und unter anderen nannte er auch Sie. Behalten Sie das im Auge, sowie auch, dass er eben in München im Hotel ‚Zu den vier Jahreszeiten‘ lebt.“

„Ich verurteile Stroop nicht, aber seine Adresse brauche ich auch nicht, und wenn Sie hierher gekommen sind, um mir dies mitzuteilen, so haben Sie sich umsonst bemüht.“

„Mein Freund, hüten Sie sich vor Eigendünkel! Es sollte mir, dem alten Manne, einfallen, auf dem Wege von Petersburg nach Rom nach Wassilsursk zu kommen, um Wanja Smurow Stroops Adresse mitzuteilen?! Ich wusste überhaupt nicht, dass Sie hier seien. Sie sind erregt, Wanja, Sie sind krank, und ich zeige Ihnen als guter Arzt und Lehrer, dass Ihnen jenes Leben fehlt, welches sich für Sie in Stroop verkörpert, und nichts weiter.“

*

„Wie Sie schön gewachsen sind, lieber Wanja,“ sagte Sascha beim Auskleiden, die nackte Gestalt Wanjas betrachtend, der auf dem trockenen Sande stand und sich zum Flusse neigte, um Wasser zu schöpfen und sich den Kopf und die Achselhöhlen zu benetzen, bevor er ins Wasser ging. Wanja blickte auf das durch die auseinandergleitenden Kreise im Wasser bewegte Ebenbild seines hohen, geschmeidigen, von Bädern und Sonne gebräunten Körpers mit den schmalen Hüften und schlanken langen Beinen, die langgewordenen Locken über dem dünnen Halse, den grossen Augen im abgemagerten Gesicht und stieg mit stummem Lächeln ins kalte Wasser. Der trotz seines hohen Wuchses kurzbeinige, weisse und volle Sascha liess sich an einer tieferen Stelle ins Wasser fallen, dass es nach allen Seiten aufspritzte.

Dem ganzen Ufer entlang bis zur weidenden Herde badeten Kinder, die kreischend durch das Wasser oder am Ufer hinliefen, hie und da lagen Haufen von roten Hemden und Wäsche, und in der Ferne, höher den Fluss aufwärts, unter den Weiden auf dem saftig grünen gemähten Grase huschten zart rosa Körper von Kindern und Halbwüchslingen vorüber, an ein Bild des Paradieses in der Art Thomas erinnernd. Wanja fühlte mit fast leidenschaftlicher Freude, wie sein Körper das kalte tiefe Wasser zerteilte und in schnellen Wendungen, wie ein Fisch, die wärmere Oberfläche aufschäumen machte. Er war müde geworden und schwamm auf dem Rücken, ohne die Arme zu bewegen, und sah nur den in der Sonne leuchtenden Himmel, ohne zu wissen, wohin er getragen wurde. Er kam wieder zu sich, als die Rufe am Ufer lauter wurden, die sich immer weiter in der Richtung entfernt hatten, wo die Herde weidete und die Baggermaschine arbeitete.

Die Kinder eilten, im Laufen ihre Hemden anziehend, am Ufer entlang, und ihnen schollen Rufe entgegen: „Sie haben ihn, sie haben ihn, man hat ihn aus dem Wasser gezogen.“

„Wen das?

„Den Ertrunkenen, der schon im Frühling ins Wasser ging; erst jetzt hat man ihn gefunden, er hat sich an einem Balken verhakt und konnte nicht zur Oberfläche aufsteigen,“ erzählten die laufenden und einander überholenden Kinder.

Vom Berge her kam, laut weinend, eine Frau in rotem Kleide und weissem Kopftuche gelaufen; als sie an die Stelle kam, wo auf einer Bastmatte die Leiche lag, warf sie sich mit dem Gesicht in den Sand und schluchzte, noch lauter wehklagend.

„Arina, die Mutter! . . .“ flüsterte es ringsum.

„Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen seine Lebensgeschichte erzählt,“ wiederholte Sergej, der von irgendwoher aufgetaucht war, Wanja, der mit Entsetzen auf die aufgedunsene schleimige Leiche mit dem bereits formlosen Gesicht starrte, die nackt, bloss mit den Stiefeln an den Füssen im grellen Sonnenschein ekelhaft und fürchterlich inmitten der lärmenden neugierigen Kinder mit ihren zart rosa Körpern, die unter den offenen Hemden sichtbar waren, dalag. — „Es war der einzige Sohn seiner Mutter, wollte immer Mönch werden, dreimal ist er von Hause fortgelaufen, aber sie haben ihn immer wieder zurückgebracht: geprügelt haben sie ihn sogar, aber es half nichts; andere Kinder kaufen sich Pfefferkuchen, er gab alles für Kirchenkerzen fort; lief da so ein Weibsbild, so’n Ekel, ihm über den Weg, er verstand nichts, als ihm aber die Augen aufgingen, da ging er mit den Kindern baden und ertrank; er war nur sechzehn Jahre alt . . .“ klang Sergejs Erzählung, als spräche er unter dem Wasser.

„Wanja! Wanja!“ schrie durchdringend die Frau, die sich bald erhob, bald wieder sich in den Sand fallen liess, beim Anblick der aufgedunsenen schleimigen Leiche.

Wanja stürzte entsetzt den Berg hinan, er stolperte, zerkratzte sich an den Büschen und Nesseln, sah sich aber nicht um, als jage man hinter ihm her, und machte erst im Sorokinschen Garten halt. Hier war es still, die Äpfel schimmerten aus dem Grün der weit auseinander gepflanzten Bäume hervor, hinter der stillen Wolga dehnten sich die dunklen Wälder, im Grase zirpten Grillen, es duftete nach Honig und Frauenminze.

*

„Es gibt am menschlichen Körper Muskeln und Sehnen, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann,“ fielen Wanja Stroops Worte ein, als er entsetzt beim Schein einer Kerze sein feines, jetzt schrecklich bleiches Gesicht mit den feinen Brauen und den grauen Augen, dem purpurroten Munde und dem lockigen Haar über dem dünnen Halse im Spiegel betrachtete. Er wunderte sich nicht einmal, dass plötzlich Marja Dmitrijewna zu einer so späten Stunde geräuschlos in sein Zimmer trat und leise, aber fest, die Tür hinter sich schloss.

„Was wird denn daraus werden? Was wird daraus werden?“ fragte er sie erregt. „Die Wangen werden einfallen und erblassen, der Körper wird aufdunsen und schwammig werden, die Würmer werden die Augen ausfressen, alle Gelenke des lieben Körpers werden auseinanderfallen! Und es gibt Muskeln, Sehnen am menschlichen Körper, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann! Alles wird vergehen, verderben! Und ich weiss nichts, ich habe nichts gesehen, und ich will, ich will . . . Ich bin doch nicht gefühllos, bin kein Stein; und ich kenne jetzt meine Schönheit! Es ist schrecklich, schrecklich! Wer wird mich retten?“

Marja Dmitrijewna blickte, ohne zu staunen, freudig auf Wanja.

„Wanja, Teurer, Sie tun mir leid! Ich habe mich vor diesem Augenblick gefürchtet, aber die Stunde ist wohl gekommen, wo der Wille des Herrn geschehe,“ und langsam die Kerze verlöschend, umarmte sie Wanja und bedeckte seinen Mund, seine Augen und Wangen mit Küssen und drückte ihn immer fester an ihre Brust. Wanja war sofort ernüchtert, ihm wurde heiss, schwül und peinlich, und sich aus der Umarmung befreiend, sagte er mit einer Stimme, die schon ganz anders klang: „Marja Dmitrijewna! Marja Dmitrijewna! Was haben Sie? Lassen Sie mich! Nicht doch!“ Aber jene drückte ihn nur um so fester an ihre Brust, küsste ihn schnell und lautlos auf Wangen, Mund und Augen und flüsterte: „Wanja, mein Lieb, du meine Freude!“

„So lass mich doch, widerliches Weib!“ schrie Wanja schliesslich, stiess Marja Dmitrijewna zur Seite und lief hinaus, die Tür hinter sich zuschlagend.

*

„Was soll ich denn jetzt tun?“ fragte Wanja Daniil Iwanowitsch, zu dem er geraden Wegs aus dem Hause durch die Nacht gelaufen war.

„Meiner Ansicht nach,“ sagte der Grieche, im Schlafrock über der Unterwäsche und mit Morgenschuhen an den Füssen, „meiner Ansicht nach, müssen Sie fortfahren.“

„Wohin soll ich denn fahren? Bleibt mir wirklich nichts anderes übrig, als Petersburg? Und man wird mich fragen, weshalb ich zurückgekommen bin und langweilig ist es da auch noch.“

„Ja, das ist unangenehm, aber hier bleiben ist auch unmöglich, Sie sind — ganz krank.“

„Was soll ich denn tun?“ wiederholte Wanja, hilflos auf die Hand des Griechen herabblickend, die auf der Tischplatte trommelte.

„Ich kenne ja Ihre Umstände und Vermögensverhältnisse nicht und weiss nicht, wie weit Sie reisen können; und allein können Sie auch gar nicht reisen.“

„Was soll ich denn tun?“

„Wenn Sie meiner Zuneigung zu Ihnen glauben und nicht weiss Gott was für Geschichten machen wollten, würde ich Ihnen vorschlagen mit mir zu reisen.“

„Wohin?“

„Ins Ausland.“

„Ich habe kein Geld.“

„Es würde für uns beide reichen; später, mit der Zeit, würden wir uns verrechnen; wir würden zusammen nach Rom gehen und da würde man dann eben sehen, mit wem Sie zurückreisen und wohin ich weiterreisen werde. Das wäre das allerbeste.“

„Sprechen Sie wirklich im Ernst, Daniil Iwanowitsch?“

„Man kann nicht ernster.“

„Ist denn das möglich: ich — in Rom?“

„Und sogar sehr!“ lächelte der Grieche.

„Ich kann es nicht glauben!“ . . . rief Wanja erregt aus.

Der Grieche rauchte schweigend seine Zigarette und blickte lächelnd auf Wanja.

„Was für ein Prachtmensch, wie gut Sie sind!“ strömte der über.

„Es ist mir sehr angenehm, nicht allein zu reisen; wir werden natürlich unterwegs ökonomisch sein, nicht in allzu feinen Hotels, sondern in einheimischen Gasthäusern absteigen.“

„Oh, das wird nur noch lustiger sein!“ freute sich Wanja.

Und bis zum frühen Morgen sprachen sie von der Reise, bestimmten, wo sie Station machen wollten, die Städte, Orte, entwarfen Pläne für Ausflüge — und als Wanja im hellen Sonnenschein auf die grasbewachsene Strasse hinaustrat, wunderte er sich, dass er noch in Wassil sei und noch die Wolga und die dunklen Wälder vor sich sähe.

Dritter Teil

Sie sassen nach dem ‚Tannhäuser‘ zu dreien im Café auf dem Corso und inmitten des geräuschvollen unverständlichen italienischen Stimmengewirrs, beim Klappern der Teller und Gläser mit Gefrorenem, unter den fernen Klängen des Streichorchesters, die durch den Tabaksqualm herüberdrangen, fühlten sie sich vor der bald bevorstehenden Trennung fast intim, besonders freundschaftlich gestimmt. Der Offizier mit einem ganzen Hahnenflügel auf dem Hute und die beiden Damen, die schwarz, aber auffallend gekleidet, am Nebentische sassen, schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit und durch die Tüllgardinen des offen stehenden Fensters konnte man die Strassenlaternen, die vorüberfahrenden Equipagen, und die über Trottoir und Fahrdamm vorbeigehenden Fussgänger sehen und man hörte das Rauschen des Springbrunnens auf dem nahen Platze.

Wanja hatte seine Gymnasiastenuniform gegen Zivilkleider vertauscht, die ihm, trotzdem sie ganz gewöhnlich waren, eine gewisse Eleganz verliehen, ohne das Knabenhafte seines Äusseren zu beeinträchtigen. Er sah blass, hoch und schlank aus. Daniil Iwanowitsch, der ‚in der Eigenschaft des Mentors eines reisenden Prinzen‘, wie er scherzend zu sagen pflegte, seinen jungen Freund überallhin begleitete, plauderte jetzt wohlwollend und gönnerhaft mit ihm und Ugo Orsini.

„Immer, wenn ich diese erste Szene in der zweiten, der Fassung jenes Wagner höre, der schon den Tristan geschaffen, fühle ich ein wundersames Entzücken, einen prophetischen Schauer, wie bei den Bildern Klingers und der Poesie d’Annunzios. Diese Tänze der Faune und Nymphen, diese leuchtenden, strahlenden, niedagewesenen, aber bis zum Schmerze tief vertrauten antiken Landschaften, die sich plötzlich auftun, die Erscheinungen der Leda und Europa, diese Amouretten, die wie auf Botticellis ‚Primavera‘, auf die Bäume und die tanzenden und unter ihren Pfeilen in schmachtenden Stellungen ersterbenden Faune schiessen — und das alles vor Venus, die mit überirdischer Liebe und Zärtlichkeit Tannhäusers Schlaf hütet, das ist alles, wie der Hauch eines neuen Frühlings, einer neuen, heiss aus dunklen Tiefen aufsteigenden Leidenschaft für das Leben und die Sonne!“ Und Orsini wischte sich das blasse, glattrasierte, bereits voll werdende Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und dem fein gewundenen Munde.

„Es ist dies das einzige Mal, dass Wagner die Antike berührt,“ bemerkte Daniil Iwanowitsch, „ich habe mehr als einmal diese Szene mit Venus, jedoch vor der Bearbeitung, gesehen und mir gedacht, dass sie dem Gedanken nach mit ‚Parsifal‘ verwandt ist und mit diesem die grösste der Wagnerschen Konzeptionen darstellt; aber ich begreife ihren Schluss nicht und mag ihn auch nicht gelten lassen: wozu diese Entsagung? Wozu dieser Asketismus? Weder der Charakter von Wagners Genius, noch sonst etwas lockte zu solchen Ausklängen!“

„Musikalisch harmoniert diese Szene nicht sonderlich mit dem früher Geschriebenen, und Venus ist ein wenig Nachahmung von Isolde.“

„Sie, als Musiker, müssen das besser wissen, aber der Gedanke, die Idee, das ist schon des Dichters, des Philosophen Gebiet.“

„Der Asketismus ist eigentlich die naturwidrigste aller Erscheinungen, und die Keuschheit gewisser Tiere ist nichts anderes als Fabel.“

Ihnen wurde hartes Gefrorenes und Wasser in grossen Gläsern auf hohen Füssen serviert. Das Cafe begann schon leer zu werden und die Musikanten wiederholten bereits ihre Stücke.

„Reisen Sie schon morgen?“ fragte Ugo, an der roten Nelke in seinem Knopfloch nestelnd.

„Nein, ich möchte noch von Rom Abschied nehmen und etwas länger mit Daniil Iwanowitsch zusammenbleiben,“ sagte Wanja.

„Sie gehen nach Neapel und Sizilien? Und Sie?“

„Ich gehe mit dem Kanonikus nach Florenz.“

„Mit Mori?“

„Ja, mit ihm.“

„Woher kennen Sie ihn?“

„Wir haben uns bei Bossi Gaëtano kennen gelernt, Sie wissen, der Archäolog?“

„Der in der Via Nazionale lebt?“

„Ja; er ist doch sehr lieb, der Kanonikus.“

„Ja, ich kann jetzt mit Recht sagen: heute lässest du deinen Diener in Frieden fahren, ich übergebe Sie Monsignore zu eigenen Händen.“

Wanja lächelte freundlich.

„Bin ich Ihnen denn wirklich so langweilig geworden?“

„Furchtbar!“ scherzte Daniil Iwanowitsch.

„In Florenz werden wir uns wohl noch treffen; ich gehe in acht Tagen dahin: man spielt dort mein Quartett.“

„Ich werde mich freuen. Sie wissen, Monsignore finden Sie immer in der Kathedrale, und er wird meine Adresse kennen.“

„Ich steige bei der Marchesa Moratti ab, Borgo Santi Apostoli. Bitte, kommen Sie ohne Umstände, die Marchesa lebt allein und wird sich freuen. Sie ist meine Tante und ich bin ihr Erbe.“

Orsini lächelte süsslich mit den dünnen Lippen im weissen, voll werdenden Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und die Ringe an seinen Fingern mit den kurzgeschnittenen Nägeln und der entwickelten Muskulatur des Pianisten funkelten im elektrischen Lichte.

„Dieser Ugo sieht aus, wie ein Giftmischer, finden Sie nicht?“ fragte Wanja seinen Begleiter, als sie den Corso hinauf nach Hause gingen.

„Welch ein Einfall! Er ist ein lieber Mensch, nichts weiter.“

*

Trotzdem ein feiner Regen herabsickerte, der in Bächlein neben dem Fusssteige den Berg hinunterfloss, war die Kühle des Museums erwünscht und angenehm. Nachdem sie im Kolosseum, auf dem Forum und dem Palatin gewesen waren, standen sie, ganz zum Schluss, kurz vor der Abreise, fast allein im kleinen Saale vor dem „Laufenden Jüngling“.

„Nur der Torso des sogenannten ‚Ilioneus‘ kann sich an Schönheit und Leben mit diesem Jünglingskörper messen, an dem man unter der weissen Haut das rote Blut sehen kann, an dem alle Muskeln berauschend schön und bestrickend sind. Das Fehlen der Arme und des Kopfes stört uns heute nicht weiter. Der Körper selbst, die Materie wird untergehen, angenommen sogar, dass die Werke der Kunst, Phidias, Mozart, Shakespeare, zugrunde gehen werden, aber die Idee, der Schönheitstypus, die in ihnen leben, können nicht untergehen, und das ist vielleicht das einzig Wertvolle in der wechselnden und vergänglichen Buntheit des Lebens. Und wie grob auch die Verwirklichung dieser Ideen sein möge, sie sind göttlich und rein; wurden nicht in den religiösen Praktiken die höchsten Ideen des Asketismus in einen wilden, fanatischen, aber vom Symbol, das er in sich trug, erleuchteten Kultus eingekleidet, und blieben sie nicht göttlich?“

Bei den letzten Ermahnungen vor dem Abschiede sagte Daniil Iwanowitsch:

„Folgen Sie mir, Smurow; wenn Sie geistlichen Zuspruch brauchen, wenn Sie sich billig einrichten wollen, dann wenden Sie sich an Monsignore, aber wenn Ihnen Ihr Geld ganz ausgehen sollte, oder wenn Sie einen klugen und vortrefflichen Rat brauchen — wenden Sie sich an Larion Dmitrijewitsch. Ich werde Ihnen seine Adresse geben. Einverstanden? Versprechen Sie mir das?“

„Kann ich mich denn wirklich an niemand anders wenden? Ich täte es so ungern.“

„Ich habe niemand, der zuverlässiger wäre; suchen Sie dann schon selbst.“

„Und Ugo? Wird er mir nicht helfen?“

„Kaum, er sitzt selbst immer ohne Geld. Ich begreife wirklich nicht, was Sie gegen Larion Dmitrijewitsch haben, dass Sie sich nicht einmal brieflich an ihn wenden können! Was ist geschehen, das diese Veränderung triftig erklären könnte?“

Wanja sah lange die Büste des jugendlichen Marc Aurel an, ohne zu antworten, dann begann er schliesslich monoton und langsam:

„Ich lege ihm keine Schuld zur Last, ich habe nicht die Spur von Recht, mich über ihn zu ärgern, aber es tut mir unsäglich leid, dass ich, seitdem mir gewisse Dinge bekannt geworden sind, mich, unabhängig von meinem Willen, zu Stroop nicht mehr stellen kann, wie früher; das hindert mich, in ihm den erwünschten Führer und Freund zu erblicken.“

„Welch eine Romantik, wenn es bloss nicht auswendig gelernt klingen würde! Sie sind wie die ‚ätherischen‘ Fräuleins seligen Angedenkens, die sich einbildeten, ihre Verehrer müssten glauben, dass Jungfrauen weder essen, noch trinken, noch schlafen, noch schnarchen, noch sich die Näschen putzen. Jeder Mensch hat seine natürlichen Verrichtungen, die ihn keineswegs erniedrigen, wie unangenehm sie einem anderen auch sein mögen. Auf Fjodor eifersüchtig sein, heisst sich selbst mit ihm auf eine Stufe stellen, als hätte man dieselbe Bestimmung, denselben Zweck, wie er. Wie wenig geistreich das auch sein möge, es ist immerhin noch besser als romantische Prüderie.“

„Lassen wir das alles; wenn es anders nicht möglich sein wird, werde ich an Stroop schreiben.“

„Und werden gut daran tun, mein kleiner Kato.“

„Sie selbst haben mich ja Kato verachten gelehrt.“

„Augenscheinlich ohne sonderlichen Erfolg.“

*

Sie gingen über den geraden Gartenweg, über einen Rasenplatz und an Beeten mit in der Dämmerung verschwimmenden Blumen vorbei zur Terrasse; der weissliche Nebel zog sich hin, als liefe er ihnen nach, um sie einzuholen: irgendwo schrien junge Eulen; im Osten leuchtete flimmernd ein strahlender Stern durch den sich rosa färbenden Nebel, und die erleuchteten Fenster des alten Hauses vor ihnen flammten ungewöhnlich und sonderbar, bereits den Widerschein des Morgenhimmels in ihren Scheiben spiegelnd. Ugo hatte aufgehört, sein Quartett vor sich hinzupfeifen und rauchte schweigend eine Zigarette. Als sie an der Terrasse vorübergingen, hörte Wanja deutlich Russisch sprechen und blieb stehen.

„Sie werden also noch lange in Italien bleiben?“

„Ich weiss nicht, Sie sehen ja, wie schwach Mama ist; aus Neapel werden wir nach Lugano gehen, aber wie lange wir dort bleiben werden, weiss ich nicht.“

„So lange werde ich Sie nicht sehen, Ihre Stimme nicht hören dürfen . . .“ begann eine männliche Stimme. — „Vielleicht vier Monate,“ unterbrach sie hastig eine weibliche. — „Vier Monate!“ wiederholte, wie ein Echo, die erste. — „Ich glaube nicht, dass Sie sich langweilen werden . . .“

Sie schwiegen als sie die Schritte von Wanja und Orsini sich nähern hörten, und in der Morgendämmerung konnte man nur undeutlich die Gestalt einer sitzenden Frau und die eines neben ihr stehenden, nicht sehr hohen Mannes unterscheiden.

Als sie den Saal betraten, aus dem ihnen die etwas drückende Wärme des mit Menschen gefüllten Raumes entgegenschlug, fragte Wanja Ugo:

„Wer waren diese Russen?“

„Anna Blonskaja und einer von euren Künstlern, ich komme eben nicht auf seinen Namen.“

„Er scheint in sie verliebt zu sein?“

„Oh, das wissen alle, ebenso, wie man sein zügelloses Leben kennt.“

„Ist sie schön?“ fragte Wanja noch etwas naiv.

„Sehen Sie sie an, da kommt sie.“

Wanja kehrte sich um und sah ein schlankes, bleiches Mädchen mit glatt über die Ohren gekämmtem Haar, feinen Gesichtszügen, einem etwas grossen Munde und blauen Augen. Ihr folgte nach einigen Minuten vornübergebeugt ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mann mit blondem Spitzbärtchen und sich kräuselndem Haar, stark hervortretenden hellen Augen unter dichten, wie altes Gold gefärbten Brauen und spitzen Faunsohren.

„Er liebt sie und führt ein ausschweifendes Leben, und das eine ist, wie das andere, allgemein bekannt?“ fragte Wanja.

„Ja, er liebt sie zu sehr, um in ihr das Weib zu erblicken. Russische Phantasien!“ fügte der Italiener hinzu.

Man begann aufzubrechen und ein dicker Geistlicher wiederholte, die Augen verdrehend:

„Seine Heiligkeit ermüdet so sehr, ermüdet so sehr . . .“

Ein heller Sonnenstrahl blitzte in die Fenster, und man hörte das dumpfe Geräusch der vorfahrenden Wagen.

„Also auf Wiedersehen in Florenz,“ sagte Orsini, Wanja die Hand drückend.

„Ja, morgen reise ich.“

*

Sie lagen alle auf den bunten gesteppten Polstern, mit denen die Fensterbretter belegt waren: Signora Poldina und Filumena in einem, Scholastica mit der Köchin Santina im anderen Fenster, als Monsignore mit Wanja durch die schmale, dunkle und kühle Gasse vor dem alten Hause mit dem eisernen Klopfring statt einer Klingel, vorfuhr. Als die erste Woge des Lärmes, der Freudenrufe und Schreie bei der Begrüssung verebbt war, liess Signora Poldina allein den Strom ihrer Beredsamkeit sich ergiessen.

„Ullyss sagt, ‚ich bringe einen russischen Signor mit, er wird bei uns leben‘. Ullyss, du scherzest, niemals hat jemand bei uns gelebt; er ist ein Prinz, ein russischer Edelmann, wie werden wir ihn verpflegen? — Ja, was dem Bruder einfällt, das macht er auch. Wir dachten, dass der russische Signor gross und dick sein werde, wie Herr Buturlin, den wir hier gesehen haben, und jetzt kommt dieser Knabe an, so ein schlanker, so ein Täubchen, so ein Cherubino,“ und die greisenhafte Stimme Signora Poldinas klang in süssen Kadenzen aus.

Monsignore führte Wanja in die Bibliothek, um ihm seine Bücher zu zeigen und die Schwestern entfernten sich in die Küche und in ihr Zimmer. Monsignore stieg, die Soutane hochgerafft, auf der Leiter empor, so dass man seine dicken mit zu Hause gestrickten schwarzen Strümpfen bespannten Waden und die übermässig derben Schuhe sehen konnte; er las laut mit der Intonation des Geistlichen die Titel der Bücher, die seiner Meinung nach Wanja interessieren konnten und überging die übrigen schweigend. Er war trotz seiner fünfundsechzig Jahre stämmig und rotbäckig, eigensinnig, beschränkt und lehrhaft. Auf den Bücherbrettern standen und lagen italienische, lateinische, französische, spanische, englische und griechische Bücher. Thomas von Aquino neben Don Quixote, Shakespeare mit Heiligenlegenden, Seneka mit Anakreon zusammen.

„Ein konfisziertes Buch,“ erklärte der Kanonikus, der den erstaunten Blick Wanjas aufgefangen hatte und einen kleinen illustrierten Band Anakreon beiseite schob: „Hier gibt es viele, bei meinen Beichtkindern konfiszierte Bücher. Mir können sie keinen Schaden antun.“

„Das ist Ihr Zimmer!“ sagte Mori, Wanja in einen grossen quadratischen Raum führend, der mit bläulichen Tapeten ausgeklebt war. Vor den Fenstern hingen weisse Vorhänge, in der Mitte des Zimmers stand ein Himmelbett; den Schmuck der ziemlich kahlen Wände bildeten ein paar Stiche von Heiligen und der Madonna ‚vom guten Rat‘, ein einfacher Tisch, das Bücherbrett mit Erbauungsschriften, die bemalte Wachsfigur des heiligen Luigi Gonzaga, in ein aus Stoff genähtes Kleid enfant de choeur gehüllt, unter dem Glassturz auf der Kommode, das Weihwasserbecken an der Tür vervollständigten die Einrichtung des Zimmers und gaben ihm das Aussehen einer Klosterzelle, das nur durch das Pianino an der Balkontür und den Toilettentisch am Fenster beeinträchtigt wurde.

„Die Katze, ach, die Katze, wirst du wohl gehen!“ und Poldina stürzte sich auf den fetten weissen Kater, der zur Vervollständigung der Feier im Saal erschienen war.

„Weshalb verjagen Sie ihn denn? Ich liebe Katzen sehr,“ bemerkte Wanja.

„Der Signor liebt Katzen! Ach, mein Söhnchen! Ach, mein Täubchen! Filumena, bring einmal Miscina mit den Jungen her, ich will sie dem Signor zeigen . . . Ach, mein Täubchen!“

Sie durchstreiften vom Morgen an Florenz und Monsignore erzählte mit singender lauter Stimme Ereignisse, Anekdoten und Tatsachen des XIV., wie des XX. Jahrhunderts, gab mit gleicher Begeisterung die Skandalchronik der Gegenwart, wie die Histörchen aus Vasari wieder; inmitten belebter Quergassen blieb er stehen, um seine schönrednerischen, meist anklagenden Perioden zu entwickeln, sprach Vorübergehende an, unterhielt sich mit Pferden und Hunden, lachte laut, sang vor sich hin, und die ganze Atmosphäre um ihn mit seiner etwas plebejischen Höflichkeit, seiner ein wenig groben Delikatesse, in seiner Belehrung ebensowenig spitzfindig, wie in seiner Heiterkeit, erinnerte an die Atmosphäre Sacchettischer Novellen. Mitunter, wenn der Vorrat an Geschichten seinem Bedürfnis, in Bildern, mit Intonation und Gesten zu reden, aus der Unterhaltung ein primitives Kunstwerk zu machen, nicht mehr entsprach, kehrte er zu den allerältesten Novellisten zurück und gab sie mit naiver Rhetorik und Überzeugung zum besten. Er kannte alle und alles und jede Ecke, jeder Stein seines Toskana und geliebten Florenz hatte seine Legenden, seine historischen Anekdoten. Er führte, den Umstand, dass Wanja sich auf der Durchreise befand, ausnutzend, seinen Schützling überall umher. Da gab es vor dem Bankrott stehende Marchesen, und Grafen, die in vernachlässigten Palästen wohnten, Karten spielten und sich mit ihren Lakaien um das Spiel zankten; da gab es Ingenieure und Ärzte, Kaufleute, die einfach, nach alter Art: haushälterisch und zurückgezogen lebten; anfangende Musiker, die nach Puccinis Ruhm strebten und ihn mit bartlosen, dicken Gesichtern und Krawatten zu kopieren versuchten; ferner war da ein feister, wichtiger und wohlwollender persischer Konsul, der mit sechs Nichten unterhalb von San Miniato lebte; Apotheker; Jünglinge, die als Laufburschen fungierten; zum Katholizismus bekehrte Engländerinnen und schliesslich auch noch M-me Monier, eine Ästhetin und Künstlerin, die mit einer ganzen Gesellschaft von Gästen in Fiesole eine mit zarten Frühlingsallegorien ausgemalte Villa bewohnte, von der man einen Ausblick auf Florenz und das Arnotal genoss. M-me Monier war immer heiter, klein von Wuchs, schwatzhaft, rothaarig und schrecklich hässlich.

Sie waren am Tisch auf der Terrasse sitzengeblieben. Die Teller auf dem rosa Tischtuche sahen in der sich bereits herabsenkenden Dämmerung wie schwarzrote Blutlachen aus, und der Duft von Zigarren, Erdbeeren und dem Wein in den nicht geleerten Gläsern mischte sich mit dem Blumenduft im Garten. Man hörte eine Frauenstimme im Hause alte Lieder singen, hin und wieder wurde sie durch ein kurzes Schweigen oder eine längere Unterhaltung und Lachen unterbrochen; als drinnen Licht gemacht wurde, sah die jetzt schon halbdunkle Terrasse wie eine Dekoration zu Maeterlincks ‚L’Intérieur‘ aus. Und der blasse und bartlose Ugo Orsini mit der roten Nelke im Knopfloch erzählte weiter:

„Sie können sich keine Vorstellung machen, an was für ein Frauenzimmer er sich fortwirft! Wenn der Mensch nicht Asket ist, so gibt es kein grösseres Verbrechen, als keusche Liebe. Er liebt die Blonskaja und sehen Sie bloss, mit wem er sich abgibt: gut an der Cybò sind nur die lasterhaften Nixenaugen in ihrem bleichen Gesicht. Ihr Mund, ach, ihr Mund! — hören Sie nur, wie sie spricht; es gibt keine Gemeinheit, die sie nicht wiederholte, und jedes ihrer Worte ist vulgär! Wie bei jenem Mädchen im Märchen springt mit jedem Wort, das sie sagt, eine Kröte oder eine Maus aus ihrem Munde. Tatsächlich! . . . Und sie wird ihn nicht loslassen: er wird die Blonskaja und sein Talent und alles auf der Welt für dieses Weib vergessen. Der Mensch in ihm geht zugrunde und vor allem der Künstler.

„Und Sie glauben, wenn die Blonskaja . . . wenn er die anders lieben würde, dass er dann mit der Cybò brechen könnte?“

„Ich glaube, ja.“

Nach einigem Schweigen begann Wanja wieder schüchtern:

„Und ihn selbst halten Sie wirklich einer keuschen Liebe nicht für fähig?“

„Sie sehen, was dabei herauskommt! Man braucht ihn nur anzuschauen, um das zu verstehen. Ich behaupte nichts, weil man für nichts einstehen kann, aber ich sehe, dass er zugrunde geht, und sehe auch woran, und das macht mich wütend, weil ich ihn sehr liebhabe und ihn schätze, und deshalb hasse ich gleichermassen die Cybò, wie die Blonskaja.“

Orsini rauchte seine Zigarette zu Ende und ging ins Haus, und Wanja, der allein zurückblieb, dachte an den jungen Künstler mit der gebeugten Haltung, mit den blonden Locken und dem Spitzbärtchen und den hellen, grauen, stark vortretenden Augen unter den wie altes Gold gefärbten Brauen, Augen, die gleichzeitig spöttisch und traurig blickten. Und ihm fiel, er wusste selbst nicht weshalb, Stroop ein.

Aus dem Saal schallte M-me Moniers affektierte Vogelstimme herüber:

„Erinnern Sie sich an Segantinis Genius mit den mächtigen Flügeln über dem Liebespaar, beim Quell auf den Höhen? Die Verliebten selbst müssten Flügel haben, wie alle, die kühn, frei sind, wie alle, die lieben.“

„Ein Brief von Iwan Strannik; welche liebe Frau! Sie sendet uns Grüsse und den Segen Anatol Frances. Ich küsse deinen Namen, grosser Meister.“

„Ihre eigene Komposition? Zu d’Annunzios Worten? Natürlich, selbstverständlich, warum singen Sie denn nicht?“

Und man hörte das Geräusch zurückgeschobener Stühle, den Klang des Klaviers, auf dem laute und stolze Akkorde angeschlagen wurden, und die Stimme Orsinis, der mit etwas grober Leidenschaft eine breite, ein wenig banale Melodie einsetzte.

„Ob, wie mich das freut! Onkel, sagen Sie? grossartig! . . .“ zwitscherte M-me Monier, ganz in Rosa, rothaarig, hässlich und kokett, auf die Terrasse hinaustretend.

„Sie sind hier?“ rief sie, Wanja erblickend. „Eine Neuigkeit! Ein Landsmann von Ihnen ist angekommen. Aber er ist kein Russe, obgleich er in Petersburg lebt. Ein guter Freund von mir; er ist Engländer. Wie? Was?“ warf sie hin und lief, ohne die Antwort abzuwarten den Ankommenden auf der Fahrstrasse zum Garten entgegen, der jetzt schon im Mondschein dalag.

„Um Gottes willen, gehen wir, ich fürchte mich, ich will das nicht, gehen wir, ohne uns zu verabschieden, gleich, augenblicklich!“ drängte Wanja den Kanonikus, der vor seinem Gefrorenen sass und ihn erstaunt ansah.

„Nun ja doch, mein Kind! Aber ich begreife nicht, weshalb Sie sich aufregen; gehen wir, ich suche bloss noch meinen Hut.“

„Schneller, schneller, cher père!“ verging Wanja vor grundloser Angst. „Hierher, hierher, dort kommen sie!“ zog er den Kanonikus von der Strasse, auf der Pferdegetrappel und Wagenrollen hörbar wurden, in einen Seitengang, und an der nächsten Wendung stieg, ganz nahe bei ihnen, um das Haus auf einem Fusspfade zu erreichen, M-me Monier mit einigen ihrer Gäste aus dem Wagen, und ohne dass ein Versehen möglich war, erkannte Wanja im hellen Mondschein Stroop.

„Bleiben wir,“ flüsterte Wanja, den Arm des Kanonikus drückend, der deutlich sah, wie das lächelnde, erregte Gesicht seines Schützlings sich mit tiefem, sogar im Mondlicht bemerkbarem Rot überzog.

*

Sie fuhren in zweirädrigen mit Eseln bespannten Wagen durch die Pforte des Hauses, das schon im XIII. Jahrhundert erbaut war und einen Brunnen im Speisesaal des zweiten Stockes für den Belagerungsfall besass, einen Kamin hatte, in dem sich bequem eine Hütte hätte unterbringen lassen, und eine Bibliothek, Porträts und eine Kapelle beherbergte. Für den Fall, dass es beim Aufstieg kalt sein sollte, brachten Diener Mäntel und Plaids an die Wagen, andere Diener waren mit Mundvorräten vorausgeschickt worden. Aus Florenz waren sie mit der Bahn bis Borgo San Lorenzo und dann mit Pferden an Scarperia mit dem Schlosse und den Stahlwarenfabriken und an Santa Agatha vorbei weitergefahren, und eilten das Frühstück zu beenden, um noch vor Anbruch der Dunkelheit von den Bergen zurückzukehren. Man unterhielt sich nicht, nur das Klappern von Gabeln und Messern und gleichzeitig auch schon das der Kaffeelöffel war zu hören. Sie fuhren durch Weingärten, an Molkereien unter Kastanien vorbei, immer höher und höher auf dem sich schlängelnden Wege empor, es kam dabei vor, dass der erste Wagen sich gerade oberhalb des letzten befand, die südliche Vegetation wurde von Birken, Fichten, Moosen und Veilchen abgelöst und man sah die Wolken schon unter sich. Noch bevor sie den Gipfel des Giuogo erreicht hatten, von wo man, wie es hiess, das Adriatische und das Mittelmeer sehen könne, erblickten sie plötzlich an einer Biegung Fierenzuola unter sich, das wie ein Haufen rotgrauer Steine aussah, und die sich Faënza zu windende Heerstrasse, über die eine altmodische Diligence hinkroch. Der Omnibus machte halt, um eine Frau aussteigen zu lassen und der Kutscher auf dem hohen Bocke rauchte friedlich in Erwartung des Zeichens zum Weiterfahren.

„Wie das an Goldoni, seligen Angedenkens, erinnert! Welch eine bezaubernde Schlichtheit!“ geriet M-me Monier in Entzücken, und liess ihre Peitsche mit dem roten Griffe knallen. Man setzte ihnen in der verräucherten Taverne, die wie eine Räuberhöhle aussah, Rührei, Käse, Chianti und Salami vor, und die Wirtin, ein einäugiges, sonnverbranntes Weib, hörte, die Wange auf die Lehne eines hölzernen Stuhles gedrückt, zu, wie ein Mann mit schwarzen Brauen und grossen Augen, in Hemdsärmeln, einen grün gewordenen Filzhut auf dem Kopfe, den Herrschaften ihre Geschichte erzählte:

„Es war schon längst bekannt, dass Beppo nachts hierher komme . . . Die Carabinieri sagten zu ihr: ‚Tante Pasqua, verschmähe unser Geld nicht, Beppo muss ja doch in unsere Hände fallen.‘ Sie überlegte sich’s und konnte sich lange nicht entschliessen . . . sie ist eine ehrliche Frau, sehen Sie sie nur an . . . Aber Schicksal ist Schicksal; einmal kam er von der Hochzeit eines Landsmannes betrunken zurück und legte sich schlafen . . . Pasqua hatte die Carabinieri früher verständigt und pfiff, das Gewehr und die Messer hatte sie Beppo schon vorher abgenommen. Was konnte er machen? Er war ein Mensch, Signori.“

„Wie er fluchte! Als er schon gefesselt war, schleuderte er diese Bank hier mit den Füssen ins Zimmer, warf sich auf die Erde und fing an sich herumzuwälzen!“ sagte Pasqua mit heiserer Stimme und ihre Zähne und das einzige Auge, das sie besass, blitzten dabei, während ihre Lippen lächelten, als erzähle sie die angenehmsten Geschichten.

„Ja, ja, sie ist ein ganzer Kerl, die Pasqua, wenn sie auch nur ein Auge hat! Noch ein Gläschen?“ forderte der bärtige Mann auf und klopfte der Wirtin auf die Schulter.

„Smurow, Orsini! Gehen Sie bitte rasch nach oben zurück, ich habe meinen Sonnenschirm vergessen. Ihr seid die Letzten, wir warten auf euch! Wie? Was? Den Sonnenschirm, den Sonnenschirm,“ rief M-me Monier aus dem ersten Wagen, ihr lächelndes hässliches rosa Gesicht zurückwendend und hielt ihr Eselgespann auf.

Die Taverne war leer, der noch nicht abgeräumte Tisch, die verschobenen Bänke und Stühle erinnerten an die Gäste, die eben hier gewesen waren, und hinter dem Vorhang, wo das Bett stand, hörte man Seufzen und leises Geflüster.

„Ist niemand da“ rief Orsini auf der Schwelle. „Eine Signora hat ihren Schirm hier stehen lassen, habt ihr ihn nicht gesehen?“

Hinter dem Vorhang wurde wieder geflüstert; dann kam Pasqua mit verwühltem Haar, ohne Tuch und Mieder heraus, im Gehen ihren schmutzigen Rock zurechtrückend, hager und ungeachtet ihrer Jugend, so schrecklich alt, und zeigte schweigend auf den weissen, spitzenbesetzten Sonnenschirm mit einem unbestimmten gelblichen Muster und einem weissen Griff. Hinter dem Vorhang rief eine Männerstimme: „Pasqua, hörst du, Pasqua? Wird’s bald? Sind sie schon fort?“

„Gleich,“ antwortete das Weib mit heiserer Stimme und steckte sich, vor die Spiegelscherbe an der Wand tretend, die rote Nelke, die Orsini vergessen hatte, ins verwühlte Haar.

*

Sie waren fast die einzigen im Theater, die mit ganzer Aufmerksamkeit Isoldens Ergüssen vor Brangäne folgten und fast nicht bemerkten, wie der König mit beiden Königinnen die Loge der Szene gegenüber betrat und sich, nachdem er dem Publikum, das ihn mit Rufen begrüsste, eine ungeschickte Verbeugung gemacht hatte, auf einen Stuhl an der Balustrade niederliess. Das sentimentale und harte Gesicht des kleinen Mannes mit dem grossen Kopfe und dem Schnurrbart hatte den gelangweilten Ausdruck eines von Geschäften in Anspruch genommenen Menschen. Obgleich es keine Pause war, war der Saal voll erleuchtet: die Damen in den Logen, in Décolleté und Halsschmuck, sassen fast mit dem Rücken zur Bühne und plauderten lächelnd; die Herren mit Blumen im Knopfloch, gelangweilt und korrekt, machten von Loge zu Loge Besuche. Es wurde Gefrorenes herumgereicht, und die älteren Herren sassen im Hintergrunde der Logen, in vor sich ausgebreitete Zeitungen vertieft.

Wanja, der zwischen Stroop und Orsini sass, hörte nicht das Flüstern und Geräusch ringsumher und war ganz vom Gedanken an Isolde in Anspruch genommen, der aus dem Rauschen der Blätter Hifthörner zu erklingen schienen.

„Das ist die Apotheose der Liebe! Ohne Nacht und Tod wäre es das höchste Lied der Leidenschaft und die Konturen der Melodie und der Szene selbst, wie rituell sind sie, wie ähneln sie ergreifenden Hymnen!“ sagte Orsini zu Wanja, der bleich geworden war.

Stroop sah, ohne sich umzukehren, durch das Opernglas zur gegenüberliegenden Loge hinüber, wo nahe nebeneinander der blonde Künstler und eine kleine Frau sassen. Sie hatte rabenschwarzes gewelltes Haar. Ein Paar riesige farblose Augen starrten aus ihrem ungeschminkten Gesicht mit dem grossen tiefroten Munde und dem vulgären Kinn, das von grenzenloser Entschlossenheit sprach. Sie trug ein grellgelbes goldbesticktes Kleid und war prätentiös auffallend. Und Wanja hörte mechanisch den Berichten von den Abenteuern dieser Veronica Cybò zu, in denen viele Namen von Männern und Weibern genannt wurden, die sie alle zugrunde gerichtet hatte.

„Eine Nichtswürdige ist sie, diese Canaille,“ hörte er Ugos Stimme, „ein Typus aus dem XVI. Jahrhundert.“

„Bah, das ist viel zu vornehm für sie! Einfach eine schmutzige Dirne,“ und aus dem Munde der korrekten Herren, die gierig zum gelben Kleide und den lasterhaften Nixenaugen hinüberäugten, kamen die gröbsten Bezeichnungen.

Wenn Wanja sich, selbst mit einer ganz harmlosen Frage, an Stroop wandte, wurde er rot und lächelte und es machte den Eindruck, als spräche er mit einem Freunde nach einem stürmischen Zwist oder mit einem Rekonvaleszenten, der eine schwere Krankheit überstanden.

„Ich denke immer an Tristan und Isolde,“ sagte Wanja zu Orsini, im Korridor auf und ab gehend. „Es ist eine ideale Darstellung der Liebe, eine Apotheose der Leidenschaft, aber wenn man die äussere Seite und das Ende der Geschichte in Betracht zieht, ist es dann eigentlich nicht ganz dasselbe, was wir in der Taverne auf dem Giuogo gesehen haben?“

„Ich verstehe nicht ganz, was Sie sagen wollen. Beunruhigt Sie das Vorhandensein der fleischlichen Vereinigung?“

„Nein, aber jede reale Handlung hat etwas Komisches und Beschämendes: Isolde und Tristan mussten doch ihre Kleider aufknöpfen und ausziehen, Mäntel und Beinkleider waren auch damals schon ebensowenig poetisch, wie unsere Röcke.“

„Welche Gedanken! Das ist komisch!“ lachte Orsini auf, und sah Wanja verwundert an. „Das ist doch immer so; ich verstehe nicht was Sie eigentlich wollen.“

„Wenn die nackte Tatsache ein und dieselbe ist, ist es da nicht gleichgültig, wie man zu ihr gelangt, ob nun in weltenerfüllender Liebe oder in tierischer Brunst?“

„Was haben Sie? Ich erkenne den Freund des Kanonikus Mori nicht wieder! Es ist selbstverständlich, dass die nackte Tatsache nicht wichtig ist, sondern, dass es auf die Stellungnahme zu ihr ankommt, und die empörendste Tatsache, die unglaublichste Situation kann durch die Stellungnahme zu ihr gerechtfertigt und geläutert werden,“ sagte Orsini ernst und fast lehrhaft.

„Vielleicht ist das auch, trotz seiner Erbaulichkeit, wahr,“ bemerkte Wanja lächelnd und setzte sich neben Stroop, den er aufmerksam betrachtete.

*

Sie kamen etwas zu früh auf den Bahnhof, um M-me Monier zu begleiten, die vor der Saison in Paris zwei Wochen in der Bretagne zubringen wollte. Auf dem blassgelben Himmel leuchteten die Kugeln der elektrischen Lampen, man hörte rufen: „Pronti, partenza“, die Reisenden eilten zu den früher abgehenden Zügen, und aus dem Büfett klangen ununterbrochen Bestellungen und das Klappern der Löffel herüber. In Erwartung des Zuges tranken sie Kaffee; auf einem ausgebreiteten „Figaro“ lag ein Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen neben den Handschuhen von M-me Monier, die in einem maisfarbenen Kleide mit blassgelben Bändern abseits sass, die Herren witzelten über die eben gelesenen politischen Tagesneuigkeiten, da erschien am nächststehenden Tische Veronica Cybò im Reisekleide mit heruntergezogenem grünem Schleier, der Künstler folgte ihr mit einem Porteplaid und dem Träger mit dem Gepäck.

„Sehen Sie doch, sie reisen fort! Er geht endgültig zugrunde!“ sagte Ugo, der sich mit dem Künstler begrüsst hatte, als er zu seiner Gesellschaft zurückkehrte.

„Wohin reisen sie denn? Sieht er denn gar nichts? Ah, diese Canaille, diese Canaille!“

Die Cybò hob den Schleier, sie sah blass und herausfordernd aus, und wies stumm dem Träger den Platz, wohin er die Sachen stellen sollte, dann legte sie ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters, als ergriffe sie Besitz von ihm.

„Sehen Sie da — die Blonskaja! Wie sie es bloss erfahren hat. Ich beneide weder sie noch die Cybò,“ flüsterte M-me Monier, während die andere Frau, die ganz in Grau gekleidet war, schnell auf den Künstler und seine Begleiterin zuging. Der Künstler sass mit dem Rücken zu ihr und konnte sie nicht sehen, die Cybò starrte bewegungslos mit ihrem Nixenblick vor sich hin. Als die Blonskaja dicht vor beiden stand, sagte sie leise auf russisch:

„Sergej, wohin und weshalb reisen Sie? Und weshalb ist das ein Geheimnis für mich, für uns alle? Sind Sie denn nicht unser aller Freund? Es ist einerlei, ich weiss . . . ich weiss, dass das Ihr Untergang ist! Vielleicht trage ich selbst Schuld daran und kann etwas wieder gutmachen?“

Die Cybò starrte die Blonskaja bewegungslos an, als sei sie blind und sähe sie nicht.

„Vielleicht hält es Sie zurück, wenn ich Sie heirate? Dass ich Sie liebe, wissen Sie.“

„Nein, nein, ich will nicht!“ stiess er grob hervor, als befürchte er nachgeben zu können.

„Kann denn hier wirklich nichts helfen? Ist das denn wirklich unabwendbar?“

„Vielleicht. Vieles geschieht zu spät.“

„Sergej, kommen Sie zu sich! Kehren Sie zurück, es wird ja nicht nur der Künstler in Ihnen zugrunde gehen, sondern Sie selbst richten sich zugrunde.“

„Was soll das Gerede? Es ist zu spät gut zu machen, und dann will ich es auch so!“ Die Cybò heftete jetzt ihre Augen auf ihn.

„Nein, Sie wollen es nicht so,“ sagte die Blonskaja.

„Weiss ich am Ende selbst nicht, was ich will?“

„Sie wissen es nicht. Und welch ein Knabe Sie sind, Sergej.“

Die Cybò hatte sich erhoben, um dem Träger, der den Handkoffer voraustrug, zu folgen und wandte sich geräuschlos ihrem Begleiter zu; dieser erhob sich, seinen Mantel anziehend, ohne der Blonskaja zu antworten.

„Sergej, Sie reisen also doch, Sergej?“

M-me Monier verabschiedete sich, laut zwitschernd, von ihren Freunden und nickte schon hinter dem Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen hervor aus dem Waggon die letzten Grüsse. Als sie zurückgingen, sahen sie die Blonskaja, die ganz in Grau, auf ihren Sonnenschirm gestützt, zu Fuss ging.

„Es ist, als wären wir auf einem Begräbnis gewesen,“ bemerkte Wanja.

„Es gibt Leute, die jeden Augenblick auf ihrem eigenen Begräbnis zu sein scheinen,“ meinte Stroop, ohne Wanja anzusehen.

„Wenn ein Künstler zugrunde geht, so ist das sehr schwer.“

„Es gibt Menschen, die Künstler des Lebens sind; ihr Untergang ist nicht weniger schwer zu ertragen.“

„Und es gibt Dinge,“ fügte Wanja hinzu, „die zu tun es mitunter zu spät ist.“

„Ja, es gibt Dinge, die zu tun es mitunter zu spät ist,“ wiederholte Stroop.

*

Sie traten in eine niedrige Kammer, die nur durch die offenstehende Tür erleuchtet wurde, und in der ein alter Schuster mit einer runden Brille, wie auf einem Bilde von Dou, über einen Stiefel gebückt sass. Nach der Sonne auf der Strasse war es kühl. Es roch nach Leder und Jasmin, von dem einige Blüten in einer Flasche ganz oben unter der Oberlage auf dem letzten Brett eines Regals mit Stiefeln standen; der Geselle betrachtete den Kanonikus, der mit gespreizten Beinen, sich das Gesicht mit einem roten Seidentuche wischend, dasass. Und der alte Giuseppe sagte mit singendem gutmütigem Ton:

„Was bin ich? Ich bin bloss ein armer Handwerker, aber es gibt Künstler, Künstler! Oh, das ist nicht so einfach, einen Stiefel nach den Regeln der Kunst zu nähen; man muss den Fuss studieren, muss ihn kennen, für den man einen Stiefel nähen soll, man muss wissen, wo der Knochen breiter, wo er schmäler ist, wo ein Hühnerauge sitzt, wo das Blatt höher ist, als es sollte. Kein Mensch hat einen Fuss, wie der andere, und man muss ein Pfuscher sein, um zu glauben, dass jeder Stiefel auf jeden Fuss passt. Und ach, was für Füsse gibt es, Signori! Und alle müssen gehen. Gott der Herr hat den Fuss mit fünf Zehen und einer Ferse ausgestattet, und doch hat alles andere, verstehen Sie, ebenso seine Berechtigung. Und wenn einer sechs oder vier Zehen hat, so hat doch auch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben und er muss gehen, wie andere Leute, das muss der Schuhmachermeister dann wissen und es möglich machen.“

Der Kanonikus trank, laut schluckend, Chianti aus einem grossen Glase und fächelte mit seinem breitrandigen Hut die Fliegen weg, die sich ihm auf die mit Schweisstropfen bedeckte Stirn setzten; der Geselle fuhr fort, ihn zu betrachten und Giuseppes Rede klang monoton, singend und einschläfernd.

Als sie über den Platz vor der Kathedrale ins Restaurant Giotto gingen, wo die Geistlichkeit zu verkehren pflegte, begegneten sie dem alten Grafen Ghidetti, der geschminkt, eine Perücke auf dem Kopfe, daherkam und sich fast auf die beiden blutjungen Mädchen stützte, die bescheiden und ehrbar ihm zur Seite gingen. Wanja fielen die Geschichten ein, die über den entnervten Greis, über seine sogenannten ‚Nichten‘, über die Erregungen erzählt wurden, die die abgestumpften Sinne des alten Wüstlings mit dem leichenhaften, geschminkten Gesicht und den von Geist und Witz sprühenden, lebhaften Augen, erheischten; ihm fielen seine Gespräche ein, bei denen aus dem stammelnden Munde Paradoxa, Witze und Geschichten hervorsprudelten, wie sie in unserer Zeit immer seltener werden, und er hörte Giuseppes Stimme sagen: „Wenn einer auch sechs oder nur vier Zehen hat, so hat doch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben, und er muss gehen, wie andere Leute.“

„Die Steine, die Mauern wurden rot, als der Prozess des Grafen verhandelt wurde,“ sagte Mori, in das Zimmer links tretend, das von schwarzen Gestalten Geistlicher und einiger weniger weltlicher Personen gefüllt war, die am Freitage Fastenspeisen zu essen wünschten. Eine ältliche Engländerin unterhielt sich mit einem glattrasierten Jüngling in stark gebrochenem Französisch.

„Wir Konvertiten lieben den Katholizismus um so mehr, sind uns tiefer der ganzen Schönheit und Anmut seines Ritus, seiner Dogmen und Disziplin bewusst.“

„Arme Frau,“ erläuterte der Kanonikus, seinen Hut neben sich auf die Holzbank legend, „sie stammt aus einer reichen, guten Familie, und jetzt läuft sie umher und gibt Stunden, leidet Not, denn sie ist des wahren Glaubens teilhaftig geworden und alle haben sich von ihr losgesagt.“

„Risotto! Dreimal.“

„Wir waren unser dreihundert, als wir aus Pontasieve aufbrachen, Pilger zur Annunziata gibt es immer genug. Der heilige Georg, der Erzengel Michael, die heilige Jungfrau, mit solchen Beschützern braucht man sich im Leben vor nichts zu fürchten!“ verschwamm die Stimme der Engländerin im allgemeinen Lärm.

*

„Er war aus Bithynien gebürtig; Bithynien ist mit seinen grünenden Bergen, Wildbächen, Triften die Schweiz Kleinasiens, und er selbst war Hirt, bevor Hadrian ihn zu sich nahm; er begleitete seinen Imperator auf dessen Reisen, und auf einer solchen hat er auch in Ägypten den Tod gefunden. Es waren damals dunkle Gerüchte im Umlauf, dass er sich selbst den Göttern für das Leben seines Beschützers zum Opfer gebracht und den Tod im Nil gesucht habe, andre behaupteten, er sei ertrunken, wie er beim Baden Hadrian retten wollte. In seiner Todesstunde entdeckten die Astronomen einen neuen Stern am Himmel; sein vom Nimbus des Geheimnisvollen umgebener Tod belebte die Kunst, die bereits zu stagnieren begann, seine ungewöhnliche Schönheit wirkte nicht nur auf die Kreise des Hofes, und der untröstliche Imperator, der seinen Liebling ehren wollte, verleibte ihn der Zahl der Götter ein, stiftete ihm zu Ehren Spiele, gründete Palästren, baute Tempel, rief Orakel ins Leben, in denen er zu Anfang selbst in altem Versmass die Antworten schrieb. Aber es wäre ein Irrtum, anzunehmen, dass der neue Kultus nur mit Gewalt im Kreise der Höflinge verbreitet worden, offiziell gewesen und mit seinem Begründer gefallen sei. Wir finden noch mehrere Jahrhunderte später Vereine zu Ehren der Diana und des Antinous, deren Zweck Beerdigung ihrer Mitglieder auf Vereinskosten, Veranstaltung gemeinsamer Mahlzeiten und schlichter Gottesdienste war. Die Mitglieder dieser Vereine — Prototypen der ersten Christenvereinigungen — waren Leute der ärmsten Volksschichten, und auf uns ist ein ganzes Statut einer ähnlichen Einrichtung gekommen. So gewinnt im Laufe der Zeit die Göttlichkeit des Kaiserlieblings den Charakter einer nächtlichen, dem Leben nach dem Tode angehörigen Gottheit, die bei den Alten sehr populär war, freilich nicht die Verbreitung des Mithrakultus erreichte, aber doch eine der stärksten Strömungen der Vergöttlichung des Menschen darstellte.“

Der Kanonikus klappte das Heft zu, sah Wanja über die Brillengläser an und bemerkte:

„Wir haben mit der Sittlichkeit der heidnischen Imperatoren nichts zu schaffen, mein Kind, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass das Verhältnis Hadrians zu Antinous selbstredend keineswegs das väterlicher Liebe war.“

„Wie sind Sie darauf verfallen über Antinous zu schreiben?“ fragte Wanja gleichgültig, mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, und ohne den Kanonikus anzusehen.

„Ich habe Ihnen vorgelesen, was ich heute morgen geschrieben habe, aber ich schreibe überhaupt über die römischen Cäsaren.“

Wanja kam es komisch vor, dass der Kanonikus über das Leben des Tiberius auf Capri schreibe, und er konnte die Frage nicht unterdrücken:

„Haben Sie auch über Tiberius geschrieben, cher père?“

„Gewiss.“

„Auch über sein Leben auf Capri, erinnern Sie sich, wie es bei Sueton beschrieben wird?“

Mori fühlte sich getroffen und meinte hitzig:

„Sie haben recht, mein Freund! Es ist fürchterlich! Und von diesem Fall, aus dieser Kloake konnte nur das Christentum, die heilige Lehre, das Menschengeschlecht erretten.“

„Gegen Kaiser Hadrian sind Sie nachsichtiger?“

„Das ist ein grosser Unterschied, mein Freund, hier handelt es sich um etwas Höheres, obgleich es natürlich eine schreckliche Gefühlsverirrung bleibt; aber selbst durch die Taufe geläuterte Männer haben nicht immer erfolgreich gegen diese anzukämpfen vermocht.“

„Ist es aber, im Grunde genommen, in jedem einzelnen Falle nicht ganz dasselbe?“

„Sie befinden sich in einem schrecklichen Irrtum, mein Sohn. Bei jeder Handlung ist das Verhältnis zu ihr wichtig, ihr Zweck, wie die Ursachen, die sie veranlasst haben; die Handlungen selbst sind mechanische Bewegungen unseres Körpers, unfähig irgend jemand zu kränken, am allerwenigsten Gott, den Herrn.“ Und er schlug das Heft wieder an der Stelle auf, wo er seinen dicken Daumen hineingeschoben hatte.

*

Sie gingen den äussersten rechten Weg der Cascinen entlang, wo zwischen Bäumen, Wiesen und Molkereien und weiter hinter diesen niedrige Berge sichtbar waren; nachdem sie das Restaurant hinter sich gelassen hatten, das um diese Tageszeit leer war, nahm die Gegend immer mehr ländliches Aussehen an. Wächter mit blanken Knöpfen sassen hin und wieder auf den Bänken und in der Ferne tummelten sich Knaben in Soutanen unter Aufsicht eines dicken Abbate.

„Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie einwilligten, hierher zu kommen,“ sagte Stroop und liess sich auf eine Bank nieder.

„Wenn wir sprechen wollen, so lassen Sie uns das lieber im Gehen tun, ich begreife dann leichter,“ bemerkte Wanja.

„Ausgezeichnet.“

Und sie begannen zu gehen, machten ab und zu halt und setzten dann ihre Wanderung unter den Bäumen wieder fort.

„Aus welchem Grunde haben Sie mir Ihre Freundschaft, Ihre Zuneigung entzogen? Haben Sie den Verdacht gehabt, dass ich an Ida Holbergs Tode Schuld trage?“

„Nein.“

„Weswegen dann? Antworten Sie aufrichtig.“

„Ich werde aufrichtig antworten: wegen Ihrer Geschichte mit Fjodor.“

„Glauben Sie?“

„Ich weiss das, was ist, und Sie werden doch nicht leugnen wollen?“

„Natürlich nicht.“

„Jetzt würde ich mich vielleicht ganz anders dazu verhalten, aber damals wusste ich noch vieles nicht und hatte über nichts nachgedacht, und ich hatte es sehr schwer, denn es schien mir, ich gestehe das ein, dass ich Sie unwiederbringlich verliere und mit Ihnen auch jeden Weg zur Schönheit des Lebens.“

Sie waren um eine Wiese herumgegangen und setzten jetzt ihre Wanderung wieder auf demselben Wege fort. In der Ferne spielten Kinder Ball und ihr lautes Lachen kam, durch die Entfernung gedämpft, zu ihnen herüber.

„In diesem Falle muss ich morgen nach Bari fahren, aber ich kann auch bleiben; das hängt jetzt von Ihnen ab; wenn es ‚nein‘ sein wird, schreiben Sie mir — ‚fahren‘, wenn es ‚ja‘ sein wird, schreiben Sie — ‚bleiben‘.“

„Welch ein ‚Nein‘ und welch ein ‚Ja‘?“ fragte Wanja.

„Sie wünschen, dass ich es Ihnen mit Worten sage?“

„Nein, nein, es ist nicht nötig, ich verstehe: doch was soll das?“

„Jetzt muss es so sein. Ich werde bis 1 Uhr warten.“

„Ich werde in jedem Falle antworten.“

„Noch eine Anstrengung und Ihnen wachsen Flügel, ich sehe sie schon.“

„Vielleicht, es ist nur sehr schwer, wenn sie wachsen,“ sagte Wanja lächelnd.

*

Sie waren lange auf dem Balkon sitzengeblieben und Wanja bemerkte erstaunt, dass er Ugo aufmerksam und sorglos zuhöre, als brauche er morgen Stroop keine Antwort zu geben. Es lag etwas Angenehmes in der Unentschiedenheit der Situation, der Gefühle und Verhältnisse, eine gewisse Leichtigkeit und Hoffnungslosigkeit. Ugo fuhr hingerissen fort:

„Sie hat noch keinen Namen. Das erste Bild: graues Meer, Felsen, in die Ferne lockender goldiger Himmel, die Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, alles in seiner Neuheit und Unerhörtheit schreckhaft und man erkennt plötzlich darin die urälteste Liebe und Heimat. Dann: Prometheus gefesselt und bestraft: ‚Niemand kann ungestraft das Geheimnis der Natur ergründen, ohne ihre Gesetze zu verletzen, und nur der Vatermörder und Blutschänder wird das Rätsel der Sphinx lösen.‘ Pasiphaë erscheint, blind aus Liebe zum Stiere, schrecklich und von prophetischem Geiste besessen: ‚Ich sehe weder des unharmonischen Lebens Buntheit, noch die Harmonie der prophetischen Träume.‘ Alle sind entsetzt. Jetzt das dritte Bild: Auf seligen Gefilden Szenen aus den Metamorphosen, in denen die Götter um der Liebe willen allerlei Gestalten annahmen; Ikarus stürzt, es stürzt Phaëton, Ganymed spricht: ‚Arme Brüder, ich allein von allen, die zum Himmel aufgestiegen sind, bin dageblieben, weil euch Stolz und Kinderspielzeug zur Sonne lockte, mich aber hatte die rauschende, Sterblichen unfassbare Liebe ergriffen.‘ Es erblühen prophetisch gewaltige, feurige Blumen: Vögel und Tiere gehen zu Paaren einher und in rosa flimmerndem Nebel erblickt man die achtundvierzig Beispiele der menschlichen Vereinigung aus den indischen Lehrbüchern der Liebe. Und alles beginnt sich in doppeltem Kreislauf zu drehen, jedes in seiner Sphäre und in immer weiterem Kreise, immer schneller und schneller, bis alle Umrisse miteinander verschmelzen und die ganze sich bewegende Masse Form annimmt und über dem leuchtenden Meere und den waldlosen, gelben Felsen unter der unerträglichen Sonne zur gigantischen Gestalt des Zeus-Dionysos-Helios erstarrt.“

*

Wanja erhob sich nach einer schlaflosen Nacht matt von Seelenqualen und mit schmerzendem Kopfe, und nachdem er sich absichtlich langsam gewaschen und angekleidet hatte, schrieb er, ohne die Jalousien zu öffnen, beim Tische, wo ein Glas mit Blumen stand, langsam hin: „Fahren,“ und nachdem er ein wenig nachgedacht hatte, schrieb er, ohne sein nicht ganz ausgeschlafenes Gesicht zu verändern, dazu: „Ich fahre mit Ihnen,“ und öffnete das Fenster zur Strasse, die in grelles Sonnenlicht getaucht vor ihm lag.

Gedruckt für Georg Müller Verlag in München durch die Druckerei Mänicke & Jahn in Rudolstadt. Die Vignetten zeichnete Konstantin Somoff. 25 Exemplare wurden auf Bütten gedruckt, vom Autor signiert und in Ganzleder gebunden.

Anmerkungen zur Transkription

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